Britta Gebhard (Hrsg.): Interdisziplinäre Frühförderung
Rezensiert von Christina Koch, 08.11.2013
Britta Gebhard (Hrsg.): Interdisziplinäre Frühförderung. Exklusiv - kooperativ - Inklusiv.
Kohlhammer Verlag
(Stuttgart) 2012.
406 Seiten.
ISBN 978-3-17-021976-2.
32,00 EUR.
Reihe: Heil- und Sonderpädagogik.
Thema
Das vorliegende Werk stellt aktuelle Themen der Interdisziplinären Frühförderung in den Vordergrund, welche unterschiedlichen Bedingungen und Erwartungen unterworfen sind und sich daher in einem Spannungsfeld befinden. Zum einen gilt es bewährte, exklusive Angebote und Aufgaben für Kinder mit einer Behinderung und Entwicklungsgefährdungen weiterzuführen. Zum anderen ist es ein umfassender Auftrag – im Sinn der UN-Konventionen über die Rechte von Menschen mit Behinderung – die gesellschaftliche Inklusion und Partizipation zu unterstützen und vorwärts zu treiben. Beide Pole beanspruchen gleichermassen den kooperativen Aspekt für sich.
Inwiefern dies Veränderungen von Rahmenbedingungen und Kooperationen voraussetzt, mit sich zieht oder zeigt, was bereits verwirklicht werden konnte, wird hier in verschiedensten Beiträgen kritisch hinterfragt und diskutiert.
Herausgeberinnen und Herausgeber
Herausgegeben wurde das 2012 veröffentlichte Buch von Herrn Christoph Leyendecker, Frau Britta Gebhard und Frau Birgit Hennig.
Christoph Leyendecker ist Psychologe und Sonderpädagoge, emeritierter Professor der Technischen Universität Dortmund im Bereich Rehabilitationspädagogik, Gründer und erster Vorsitzender der Landesvereinigung Nordrhein Westfalen "Frühförderung Interdisziplinär e.V." und Autor zahlreicher Veröffentlichungen im Bereich der Körperbehindertenpädagogik und der Frühförderung und weit über die Grenzen hinaus geschätzt und bekannt.
Britta Gebhard ist Juniorprofessorin an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und sowohl Herausgeberin als auch Autorin eines Beitrages, Birgit Hennig ist Diplom-Pädagogin, ebenso von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.
Entstehungshintergrund
Die Publikation entstand nach der Durchführung des XVI. Symposions Frühförderung 2011 in Berlin, welcher durch die Vereinigung für Interdisziplinäre Frühförderung (VIFF) und dem Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin organisiert und realisiert wurde. Der Titel des Symposions „exklusiv – kooperativ – inklusiv“ wurde im Untertitel des vorliegenden Werkes übernommen. Aus der Bandbreite von 34 Vorträgen und 48 Workshops wurden 45 Beiträge ausgewählt, welche in einem gut 400-seitigen Werk gebündelt wurden.
Aufbau
Der vorliegende Band wird in vier Bereiche gegliedert.
Inhalt
Im ersten Teil Grundlagen: Frühförderung im Spannungsfeld von exklusiver Praxis und inklusiver Orientierung findet eine Verortung der Autoren zu heutigen Aufgaben der Frühförderung bezüglich der Erfüllung der Grundrechte von Kindern mit einer Behinderung auf Inklusion, Würde, Achtung, Bildung und Partizipation statt. In allen vier Artikeln (Speck, Dederich, Kühl, Weiss) finden sich Verweise auf die 2009 in Deutschland ratifizierte Behindertenrechtskonvention. Als zentral werden Schwierigkeiten hervorgehoben, Kooperationen einzugehen, welche durch unterschiedliche Leistungsträger der Philosophie der Inklusion Widerstand leisten. Statt fachlicher Vernetzung im Dienste von Kind und Umfeld entstehen inhaltliche und organisatorische Abgrenzungen.
Der grundlegende Gedanke der Inklusion ist unbestritten. Die separate Förderung sollte dabei nicht ausgeschlossen, sondern möglicher Bestandteil von Selbstbestimmung sein. Weiss stellt dies als Doppeldeutigkeit von Exklusion und Inklusion dar: „Jemand ist oder wird in Kontexte eingegliedert, obwohl er dies gar nicht anstrebt. Sie bleiben ihm unter Umständen innerlich fremd. Er ist also nur scheinbar ‚mittendrin’“(Weiss, S.40). Die Möglichkeiten von Inklusion müssen hingegen geschaffen werden, was nicht dadurch geschieht, indem der Begriff ‚Integration’ durch ‚Inklusion’ gleichgesetzt wird, wie dies in der offiziellen Übersetzung der UN-Konvention ins Deutsche geschehen ist (Vgl. Kühl, S.31).
Die vier fundierten, hochqualitativen Unterkapitel von renommierten Autoren bieten Überblick und Einblick in die heutige Zerreissprobe zwischen fachlichem Angebot und rechtlich, wie auch finanzieller Sicherung, der sich die interdisziplinäre Frühförderung stellen muss.
Die Vielfalt der praktischen Angebote wird im zweiten Teil Frühförderung exklusiv: Besondere Kinder mit besonderem Förderbedarf eindrücklich aufgezeigt. Die Unterkapitel können im Sinn von informativen Kurz-Weiterbildungen gezielt zu unterschiedlichsten Themen gesammelt oder herausgepickt werden. Die Arbeit mit Kindern mit spezifischen Syndromen (ADHS, Trisomie 21, Fragiles X-Syndrom), mit allgemeinen Entwicklungsauffälligkeiten, mit einer schweren Mehrfachbehinderung und die Arbeit mit Eltern nach der Frühgeburt ihres Kindes finden hier Platz, ebenso wie spezielle Ansätze und Methoden der Intervention (Gebärden-unterstützte Kommunikation, therapeutisches Spielen, Ressourcenorientierung). Hier treffen langjährige Erfahrungen (z.B. Wilken) auf neue Forschungsergebnisse (vgl. Sarimski). Übersichten und Empfehlungen für die Praxis sind gleichermassen enthalten. Nicht immer wird dabei der Zusammenhang mit dem Titel der Veranstaltung explizit sichtbar.
Die Umsetzung der Komplexleistung wird im dritten Teil Frühförderung kooperativ: Förderung in Zusammenarbeit dokumentiert. Kooperation als notwendiger Inhalt der Frühförderung wird thematisiert nach übergeordneten Prinzipien (ICF-CY), nach reglementarisch-organisatorischen Ausführungen (Komplexleistung) und durch konkrete oder wünschenswerte Vernetzung der Frühförderung mit der Kita, der Kinder- und Jugendhilfe, wie auch der Schule.
15 Kapitel aus unterschiedlichen Bundesländern und Praxen berichten über die Umsetzung der Komplexleistung (Eingangsdiagnostik, Förderung und Therapie, Austritt) und über spezielle Therapieangebote (z.B. Triple P für Eltern behinderter Kinder oder Körperpsychotherapeutische Krisenbegleitung bei frühkindlichen Regulationsstörungen).
Der erhöhte interdisziplinäre Fachaustausch wird einstimmig begrüsst. Gleichzeitig wird der Sonderstatus hervorgehoben, welche die Komplexleistung mit sich bringt und dadurch die Niedrigschwelligkeit, die Erreichbarkeit für Familien und Kinder in Frage stellt.
Inwiefern die oft im Mittelpunkt stehenden vorgeschriebenes Qualitätsmanagement (SGB IX §20), professionalisierten Abläufe und Vereinbarungen Mitarbeitern und Klienten nutzen oder eine aufwändige Scheinorganisation für die Finanzgeber sind, wird sich zeigen.
In diesem Kapitel werden organisatorische und inhaltlich fachliche Tendenzen und Inhalte gemischt, wodurch ein erster Eindruck einer willkürlichen Sammlung entsteht. Manche Kapitel könnten mehreren Teilen zugeordnet werden. So ist im Beitrag von Gewehn & Goosmann, die Kooperation zwar eine notwendige Schlussfolgerung, im Zentrum stehen jedoch informativ die aussergewöhnliche Prävalenzen von frühgeborenen Kindern und ihren Eltern, welche durchaus in den zweiten Teil passen würden.
Im vierten Teil wird mit Frühförderung inklusiv: Förderung mittendrin die Ratifizierung der UN Behindertenkonventionen als Verpflichtung zur Realisierung der Chancengleichheit und somit als neue Aufgabe der Frühförderung betrachtet, welche über eine „reine Ankündigungspolitik“ hinaus gehen müsse (vgl. Wacker, S.300). Inklusion als Leitgedanke wird als unumstritten dargestellt, nicht jedoch deren Umsetzung: „Inklusion ist ein machtfreier – ko-konstruktiver – Prozess vieler Verschiedener. Damit wird er wohl noch eine Weile Utopie bleiben.“ (Kobelt Neuhaus, S. 312.)
Neben diesen übergeordneten Fragen, wird das Thema Inklusion in Kitas in mehreren Beiträgen schwerpunktmässig diskutiert. Best Practice Beispiele werden genannt.
Die beiden letzten Beiträge zum Spiel als Entwicklungsmotor und zur Förderung kindlicher Kreativität in Guatemala sind in sich schlüssig, wirken jedoch im Vergleich zu den anderen Unterkapiteln dieses vierten Teils mit Verlaub etwas ausserhalb des Rahmens.
Fazit
Ein umfassendes und interessantes Werk ist entstanden, das von der Vielfalt und Anpassungsfähigkeit der Interdisziplinären Frühförderung an sich ständig wandelnde Bedingungen zeugt. Das Prinzip der Familienorientierung und jenes der interdisziplinären Kooperation werden immer wieder hervorgehoben. Die Beiträge sind von hoher Qualität und lassen sich einzeln wie auch im Zusammenhang lesen. Ein empfehlenswertes Buch, welches in der Ausbildung und der persönlichen Weiterbildung von Fachpersonen der Frühförderung mit seinen theoretischen und praktischen Bezügen seinen festen Platz finden wird.
Rezension von
Christina Koch
Leitung Vertiefungsrichtung Heilpädagogische Früherziehung
Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich
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