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Christoph Ratz (Hrsg.): Verhaltensstörung und geistige Behinderung

Cover Christoph Ratz (Hrsg.): Verhaltensstörung und geistige Behinderung. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2012. 348 Seiten. ISBN 978-3-89896-444-9. D: 29,50 EUR, A: 30,40 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: Lehren und Lernen mit behinderten Menschen - Band 24.
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Thema

Verhaltensstörung oder geistige Behinderung?! Die Trennung der beiden sonderpädagogischen Fachrichtungen, die sich mit diesen Phänomenen beschäftigen, kann zu der Annahme führen, dass diese Förderschwerpunkte meist separat betrachtet werden. Aufgrund dieses Problems kommt es vermehrt dazu, dass viele Konzepte und Handlungsalternativen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung und zusätzlichen Verhaltensstörungen nicht die gewünschten Erfolge erzielen. Das Buch greift die Tatsache dieser Doppelsymptomatik auf, bietet einen Überblick bezüglich des aktuellen Forschungsstands, diskutiert verschiedene Handlungskonzepte und berichtet über Erfahrungen aus der Praxis.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeberschaft von Christoph Ratz stellt eine Sammlung unterschiedlicher Beiträge zu verschiedenen Schwerpunkten der Thematik ‚Verhaltensstörungen und geistige Behinderung‘ dar. Es werden neben grundsätzlichen Fragestellungen und Begriffsklärungen, größtenteils erstveröffentlichten Beiträgen aus der Forschung und zu diskutierenden Konzeptvorschlägen für Schulen und andere Einrichtungen, Erfahrungsberichte aus dem Praxisbereich thematisiert. Dementsprechend ist die inhaltliche Gliederung:

Das Kapitel A: Begriffe und Grundlagen umfasst vier Beiträge.

  1. Im ersten Beitrag geht Roland Stein auf die Rolle der Entwicklung emotionaler und sozialer Kompetenzen ein und hebt hierbei besonders Zusammenhänge von Verhaltensauffälligkeiten und Möglichkeiten der Förderung der sozial-emotionalen Entwicklung hervor. Um eine gezielte Beurteilung und Diagnostik zu ermöglichen, differenziert Stein diese unterschiedlichen Aspekte und stellt sie zusammenfassend dar.
  2. Anschließend setzt sich Gerhard Schad mit der Problematik evidenzbasierter Erziehung auseinander. Es wird unter anderem die Notwendigkeit empirisch und wissenschaftlich fundierter Forschungen in der Erziehungswissenschaft verdeutlicht und auf die Gefahr einer einseitigen Kausalitätsausrichtung am Konzept ‚Wirksamkeit‘ eingegangen.
  3. Der dritte Beitrag von Klaus Sarimski greift die Thematik psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen mit sog. geistiger Behinderung auf. Besonders aufmerksam macht er auf begrenzte Differenzierungsmöglichkeiten im Kontext einer so genannten geistigen Behinderung und der dadurch notwendigen Erweiterung der diagnostischen Kriterien. Sarimski bezieht sich auf unterschiedliche Studien welche beispielsweise einen Zusammenhang zwischen der Qualität der Familienbeziehungen und des Auftretens von Verhaltensauffälligkeiten aufzeigen. Desweiteren wird auf diagnostische Verfahren und das Konzept der Positiven Verhaltensunterstützung eingegangen.
  4. Abschließend beleuchtet Michael Wagner den Personenkreis Menschen mit sog. schwerer Behinderung und akzentuiert hier auf der Basis von Selbst- und Synreferenzialität die Notwendigkeit des „Bauens von Sinnbrücken“ und der Entwicklung interindividueller sozialer Konstruktionen, um ein neues Verständnis von Verhaltenssauffälligkeiten zu entwickeln, andere Verhaltenserwartungen zu etablieren und letztlich den Abbau des auffälligen Charakters von Verhalten zu erwirken.

Kapitel B: Beiträge aus der Forschung beleuchtet die Thematik aus Sicht unterschiedlicher Forschungsstudien in sechs Beiträgen.

  1. Der erste Beitrag ist eine von zwei Prävalenzstudien zur Bestimmung der Anzahl von Schülerinnen und Schülern mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, die gleichzeitig Verhaltensstörungen zeigen. Wolfgang Dworschak, Sybille Kannewischer, Christoph Ratz und Michael Wagner ermöglichen mit ihrer repräsentativen Studie „Schülerschaft im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung“ (SFGE) für den Raum Bayern erste empirisch belegbare Aussagen über Art und Umfang von Verhaltensstörungen. Durch einen neu konstruierten Fragebogen, welcher auf dem Lehrerfragebogen der VFE basiert, sollen soziobiografische Aspekte und die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler erhoben und beschrieben werden. Dabei wurden ebenfalls die ‚Rolle des Geschlechts‘ und die ‚Rolle des Schweregrades der geistigen Behinderung‘ sowie die Schulart berücksichtigt.
  2. Im zweiten Beitrag von Konrad Bundschuh, Hannelore Gunnesch und Isabella Ottenlocher wird ein Trainingsprogramm zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenz in integrativen Kindertageseinrichtungen vorgestellt. Das Forschungsprojekt „SEKT – Sozial-emotionales Kompetenztraining“ wurde an der LMU München entwickelt und evaluiert. Die ersten Ergebnisse zeigen, dass mit dem Trainingsprogramm SEKT positive Erfolge erzielt werden können.
  3. Im nächsten Beitrag wird von Klaus Sarimski das Verhalten von jungen Kindern (8-99 Monate) mit unterschiedlichen genetischen Syndromen in allgemeinen, integrativen oder sonderpädagogischen Kindertageseinrichtungen untersucht. Diese Analyse stützt sich auf Elternangaben, welche für einen standardisierten Fragebogen zur Beurteilung des Entwicklungsstandes der Kinder und für die Verwendung des „Temperament and Atypical Behavior Scale“ (TABS) zusammengetragen und analysiert wurden. Abschließend werden Implikationen für die pädagogische Prävention diskutiert.
  4. Markus Gebhardt, Julia Gererstorfer und Barbara Gasteiger-Klicpera thematisieren einen Präventionsansatz bei aggressivem Verhalten von Schülerinnen und Schülern mit sog. geistiger Behinderung durch das Friedensstiftertraining. Ziel dieses Trainings ist es, die Entstehung aggressiven Verhaltens zu reduzieren und soziale und emotionale Kompetenzen zu fördern. Als Grundlage dient unter anderem das Konzept der Peermediation, welches den Schülerinnen und Schülern kognitive, soziale und emotionale Kompetenzen vermitteln und zu konstruktiven Konfliktlösungen führen soll. Besonders für die soziale Partizipation von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf und eine Verbesserung des sozialen Klassenklimas in Integrationsklassen könnte das Friedensstiftertraining eine Chance sein.
  5. Im nächsten Beitrag präsentieren Wolfram Kulig und Georg Theunissen als zweite Prävalenzstudie ihre Forschungsergebnisse zu Verhaltensauffälligkeiten bei Schülerinnen und Schülern mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung aus drei verschiedenen Bundesländern. Zusätzlich werden Hinweise zu Handlungsmöglichkeiten in der Praxis gegeben.
  6. Der letzte Beitrag des forschungsbasierten Kapitels stammt von Barbara Meyer, Tobias Tretter und Ewald Kiel und ist eine qualitative Analyse kritischer Situationen im Umgang mit Verhaltensstörungen während des Praktikums von Studierenden der Sonderpädagogik. Dadurch soll die Notwendigkeit einer qualitativen Verbesserung der Praktikumsbedingungen verdeutlicht werden.

Im anschließenden Kapitel C: Konzepte zur Diskussion werden sechs Konzepte von unterschiedlichen Autoren vorgestellt.

  1. Sybille Kannewischer und Michael Wagner erläutern eine Fördermöglichkeit der emotional-sozialen Kompetenz durch FESK (Förderung Emotional-Sozialer Kompetenz), bei der verschiedenste pädagogische Impulse u.a. aus den Bereichen Erlebnispädagogik, Kunsttherapie, Theaterpädagogik und Rhythmik gegeben werden. Hierbei handelt es sich um unterschiedliche Spiele und Übungen für die 3.- 6. Klassenstufe.
  2. Einen weiteren Schwerpunkt legen Sebastian Reiter und Christian Winkler mit ihrem Konzept des persönlichkeitsorientierten Lehrer(-innen)trainings für die Förderschwerpunkte geistige sowie emotionale und soziale Entwicklung, welches den Umgang mit sog. Unterrichtsstörungen erleichtern soll, indem eigene Handlungsweisen und Emotionen in herausfordernden Konfliktsituationen hinterfragt und überdacht werden.
  3. Daran anschließend stellen Heide Froschauer, Frank Gaschler und Barbara Welz einen „Notfall-Empathie-Koffer“ für Lehrerinnen und Lehrer vor, welcher auf dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation basiert. Ziel ist es, in einer „gesunden“ Form miteinander kommunizieren zu können, um die Empathiefähigkeit des Gegenübers zu sensibilisieren.
  4. Der potenzialorientierte Ansatz von Christoph Ratz widmet sich dem Thema der Ermutigungspädagogik für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, welche alternative Handlungsstrategien im Umgang mit Schülerinnen und Schülern mit Verhaltensstörungen aufzeigt. Im Beitrag werden die wichtigsten Grundbegriffe der Individualpsychologie nach Alfred Adler – auf welche sich die Ermutigungspädagogik stützt – geklärt und Techniken sowie Beispiele der Ermutigung vermittelt.
  5. Wolfgang Dworschak und Stefan Baier diskutieren in ihrem Beitrag drei Konzepte im Umgang mit Schülerinnen und Schülern mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, welche sog. „schwer(wiegend)e“ Verhaltensprobleme aufweisen. Hierbei handelt es sich um ein Trainingsraum-Programm (TRP), ein Konzept der Schul- oder auch Individualbegleitung und ein intensivpädagogisches Konzept. Ein wichtiger Aspekt ist die Frage nach den Implikationen dieser Konzepte bezüglich der pädagogischen Verantwortung der Lehrkraft und der Gestaltung der Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden.
  6. Im letzten Beitrag befasst sich Karolina Veil mit der Förderung der emotionalen Intelligenz von Schülerinnen und Schülern des Förderschwerpunkts geistige Entwicklung und den dadurch angebahnten positiven Auswirkungen auf Verhaltensstörungen im Sinne einer Resilienzförderung. Veil hat dazu eine Sammlung von Spielen und Arbeitsmaterialien erstellt, welche die emotionale Kompetenz der Schülerinnen und Schüler fördern soll, um neue Handlungs- und Verhaltensstrategien eröffnen zu können.

Im finalen Kapitel D: Erfahrungen aus der Praxis sind insgesamt fünf Beitrage zusammengetragen.

  1. Hier berichten Daniela Jendryka, Elisabeth Siegel und Christoph Winkler von Erfahrungen mit dem Programm „Wir für uns“, welches zur Förderung des Klassenklimas in Schulen zur Förderung der emotional-sozialen und geistigen Entwicklung eingesetzt wurde. Des Weiteren werden theoretische Grundlagen geklärt und das Programm ausführlich vorgestellt.
  2. Anton Lamprecht gibt einen Einblick in Möglichkeiten die Sportart Klettern als aktives Tätigkeitsfeld im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung zu etablieren und beschreibt seine Beobachtungen dazu.
  3. Maike Harnack stellt gemeinsam mit dem Arbeitskreis „Hardcoreschülerinnen und -schüler in der Kuschelschule“ eine Sammlung geeigneter Maßnahmen und Konzepte für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung vor, welche im Umgang mit herausforderndem Verhalten als hilfreich erachtet werden und größtenteils in der Praxis erprobt wurden.
  4. Das Präventionsprogramm „Locker Bleiben“, welches von Dorothea Bräutigam und Herbert Schatz vorgestellt wird, ist ein Sozialtraining für Schülerinnen und Schüler des Förderschwerpunkts geistige Entwicklung. Durch einen langfristig angelegten und geschützten Bewegungs- und Sozialerfahrungsraum wird den Schülerinnen und Schülern die Entwicklung bisher unzureichend ausgebildeter Kompetenzen ermöglicht.
  5. Holger Viehmann thematisiert körperliche und sexuelle Gewalt als mögliche Ursache für Verhaltensauffälligkeiten und berichtet von praktischen Erfahrungen zur Prävention und Intervention, welche er in der Tagesstätte des Heilpädagogischen Centrum Augustinum (HPCA) in München sammelte.

Diskussion

Das Buch stellt eine große inhaltliche Bereicherung für ein Themenfeld dar, in welchem noch zu wenig dokumentierter Erfahrungsaustausch und publizierte „Gelingensbeispiele“ existieren. Es vereint Theorien zum „Phänomen Verhaltensstörungen“ und Forschungsansprüche sowie Handlungsansätze und praktische Beispiele. Damit bietet sich dem Leser ein äußerst breiter und erkenntnisreicher Fundus rum um das Thema „Geistige Behinderung & Verhaltensstörungen“.

Die Publikation lebt im Positiven von der Unterschiedlichkeit der Beiträge und genau dieser Anspruch macht auch den Abwechslungsreichtum der Lektüre aus. Man muss sich als Leser bei dieser Herausgeberschaft jedoch darauf einstellen, dass es im Hinblick auf die Betrachtung des Buches als Gesamtwerk zu einem uneinheitlichen Verständnis von Verhaltensstörungen kommt und die verwendeten Fachtermini sowie der wissenschaftliche Bezugsrahmen, die Perspektiven der Betrachtung und Darstellung von Handlungskonzepten etc. durch die verschiedenen Autorinnen und Autoren differieren.

Bereichernd präsentiert sich der Anspruch, neben Theoriegrundlagen und Praxisexkursen auch den expliziten Blick auf die Forschung zu richten. Durch die dargestellten Forschungsstudienberichte erhält man einen aktuellen Kenntnisstand im Hinblick auf die Prävalenz von Schülerinnen und Schülern mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung und Verhaltensstörungen und kann sich ein Bild über gegenwärtig erprobte Konzepte der pädagogischen Arbeit zu diesem Themenschwerpunkt machen.

Fazit

Es liegt hier eine sehr empfehlenswerte Publikation zu einem noch nicht hinreichend berücksichtigten Themenfeld vor, die für Studierende, pädagogische Fachkräfte und Wissenschaftler gleichermaßen bereichernd sein kann, da sehr differente Perspektiven auf das „Konstrukt Geistige Behinderung und Verhaltensstörungen“ einfließen und jeder Leser mit individuellem Fokus spannende neue Erkenntnisse erhalten wird.


Rezension von
Prof. Dr. Saskia Schuppener
Universität Leipzig, Institut für Förderpädagogik, Professur Kompetenzbereich "Geistige Entwicklung"
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Zitiervorschlag
Saskia Schuppener. Rezension vom 09.10.2013 zu: Christoph Ratz (Hrsg.): Verhaltensstörung und geistige Behinderung. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2012. ISBN 978-3-89896-444-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14355.php, Datum des Zugriffs 28.01.2022.


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