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Ulrich Preuß, Nicole Bach (Hrsg.): Störungen des Sozialverhaltens und Dissozialität

Cover Ulrich Preuß, Nicole Bach (Hrsg.): Störungen des Sozialverhaltens und Dissozialität. Entwicklungspsychologie, pädagogische Konzepte, Delinquenz, Begutachtung. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2014. 64 Seiten. ISBN 978-3-941468-55-9. D: 29,95 EUR, A: 41,15 EUR, CH: 69,50 sFr.

Berner Schriftenreihe zur Kinder- und Jugendpsychiatrie - 7.
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Thema

Als eine der Patientengruppen, die als am schwierigsten psychotherapeutisch zu behandeln ist, gelten Patienten mit Störungen des Sozialverhaltens und der Impulskontrolle. Die mangelnde Impulskontrolle ist häufig angeboren oder auf Schädigungen des Fötus bereits im Mutterleib zurückzuführen. In der Folge werden derartige Kinder bereits häufig früh psychiatrisch vorstellig. Hier arbeitet dann in der Regel ein multiprofessionelles Helfernetzwerk aus Kinder- und Jugendpsychiatrie, Jugendhilfe, Schule und anderen Professionen gemeinsam oder nebeneinander her.

Herausgeber

Dr. med. Dr. rer. nat. Ulrich Preuß, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychologe, Psychotherapeut, Master of Medical Education (MME) ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Asklepios Fachklinikum Brandenburg.

Regina Freisberg, Diplom-Sozialpädagogin, ist Direktorin des Jugendhilfezentrums Bernardshof in Mayen.

Entstehungshintergrund

Da es viele Erklärungs- und Behandlungsansätze gibt, welche es zu kennen gilt, wenn man es mit derartigen Klienten zu tun hat, werden diese in diesem Sammelband knapp vorgestellt. Die Berner Schriftenreihe zur Kinder und Jugendpsychiatrie ist laut Beschreibung des Verlags „ein Multi- und interdisziplinäres Fortbildungs- und Informationsmedium. Jeder Einzelband widmet sich einem Schwerpunktthema, das in didaktisch aufbereiteten Original- und Übersichtsarbeiten praxisgerecht abgehandelt wird.“ Sie richte sich „an Kinder- und Jugendpsychiater und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, je nach Schwerpunktthema auch an Psychiater, Psychologen, Kinder- und Jugendärzte sowie an die in der Sozialarbeit, Kinder- und Jugendhilfe und in der Justiz Tätigen (Sozialarbeiter, Pädagogen, Sozialpädagogen, Erzieher, Richter, Anwälte)“ (S. II). Im vorliegenden Band „werden die Beiträge einer Tagung veröffentlicht, die unter dem Titel „von der Supernanny bis zum Knast“ provokativ die äußere und innere Wahrnehmung dieser Thematik mit ihrem guten und schlechten Aspekten widerspiegelte“ (S VI). Besagte Tagung habe in 2008 im Jugendhilfezentrum Bernardshof in Mayen stattgefunden.

Aufbau und Inhalt

1. Erfolg und Misserfolg in der Heimerziehung. In diesem Kapitel stellt Prof. Dr. Michael Macsanaere in einem Überblick über 15 Wirkungsstudien, in denen ca. 30.000 Hilfen im Sinne der Arbeit von Spezialeinrichtungen in der Heimerziehung in Bezug auf Effektivität, Effizienz, sowie den Wirkfaktoren evaluiert worden, vor. So betrage die Erfolgsquote von Heimerziehung zwischen 60 und 75 %. Als wirksam hätten sich ein geringes Alter der Adressaten, „eine kaum ausgeprägte Symptomatik und möglichst geringe Jugendhilfe-Vorerfahrungen“ herausgestellt (S. 1). Strukturell habe sich „eine ‚klinische Orientierung‘, also das Vorhalten von erweiterten therapeutischen und heilpädagogischen Angeboten, als sinnvoll erwiesen“ (S. 4).

2. Der sozialpädagogische Blick: Kinder brauchen Ressourcen, um Probleme zu bewältigen. Prof. Dr. Klaus Wolf geht hier explizit auf moderne sozialpädagogische Interventionen ein. Er stellt dar was diese nicht sind, um anschließend zu bestimmen, wie sie konzipiert sein können. Hierbei grenzt er sie vom psychotherapeutischen oder psychiatrischen Vorgehen ab, um ergänzend deutlich zu machen, dass sich beide Interventionsformen optimaler Weise ergänzen müssen.

3. Möglichkeiten der kinder- du jugendpsychiatrischen Differenzialdiagnose und klinischen Versorgung von Sozialverhaltensstörungen und Delinquenz bei Kindern und Jugendlichen. Dr. Michael Löchel stellt dann die diagnostische und therapeutische Arbeit aus Sicht einer Kinder- und jugendpsychiatrischen Institutsambulanz dar. Unterschiedliche Diagnosen nach ICD-10 und darüber hinaus, sowie pädagogische und therapeutische Konsequenzen bilden den Schwerpunkt dieses Kapitels.

4. Zum Verhältnis von Devianz, Suchtmittelkonsum und Abhängigkeit. Abhängigkeit und Suchtmittelmissbrauch ist eins der häufigsten Probleme bei dissozialen Kindern und Jugendlichen. Kurt Thünemann berichtet über diese aus Sicht eines Sozialpädagogen und Erziehungswissenschaftlers mit über 10 Jahren Erfahrung in diesem Metier und stellt Formen des Antigewalt- und Krisenkompetenztrainings vor.

5. Die Kunst der sozialpädagogischen Entwicklungshilfe

Prof. Dr. Elisabeth Jünemann beschreibt die sozialpädagogische Entwicklungshilfe, indem sie diese begrifflich zunächst von der „Sozialen Arbeit“ abgrenzt. Insgesamt ginge es darum, „die ganze Bandbreite gesellschaftlicher Einflüsse auf das Leben und die Entwicklung der jungen Person im Blick zu haben“ (S. 41). Daher seien der Sozialpädagoge oder die Sozialarbeiterin auf „das individuelle Wohl des Kindes, ganzheitlich (…) hoch spezialisiert“ (ebd.).

6. Aggressivität und Impulsivität aus Entwicklungspsychiatrischer Sicht. Hier wird ein kurzer Abriss über die Entwicklung von Sozialverhaltensstörungen über die Altersspannen (Geburt bis Adoleszenz) dargestellt. Dr. Oliver Bilke macht deutlich, dass „die meisten Jugendlichen (…) Aggressionen und Impulsivität als ein vorübergehendes Phänomen ihres Lebens und teilweise intensive Übergangsphase erleben“ während es „eine Untergruppe von Aggressionen und Impulsivität kaum steuernden jungen Menschen (gäbe), Dieter sowohl mit der Justiz als auch ggf. mit Entwicklungspsychiatrie, vor allem aber mit klarer pädagogischer und elterlicher Konsequenz zu tun haben werden“ (S. 54).

7. Behandlung der hyperkinetischen Störungen. Diese wird von PD Dr. Alexander Marcus dargestellt. Hyperkinetische Störungen seien trotz der kontroversen Diskussion bereits im Jahre 400 v. Chr. durch Hippokrates beschrieben worden. Der Autor stellt hier ein multimodales Vorgehen anhand der geltenden Leitlinien vor. Häufig angebotene, jedoch nicht auf Wirksamkeit überprüfte Methoden (Osteopathie, Bachblütentherapie, Homöopathie und Autogenes Training) werden ebenfalls kritisch gewürdigt.

8. „Wilde Kinder – coole Eltern“ – ein Beispiel aus der Praxis. Abschließend stellen Nicole Bach und Hans Marx eine intensivpädagogische Gruppe „Die Marienburg“ des Jugendhilfezentrums Bernardshof in Mayen dar. In dieser werde mit einem multimodalen, integrativen Behandlungskonzept die beschriebene Zielgruppe betreut.

Diskussion

Veröffentlichungen der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft (MWV) sind stets Publikationen von Fachleuten für Fachleute. Die Bücher sind in der Regel knapp gehalten (hier 74 Seiten), auf Grafiken oder Bildmaterial wird verzichtet. Inhaltlich wird die Reihe, wie auch hier, häufig zur Veröffentlichung von Tagungs- oder Kongressmaterialien genutzt. Insofern werden viele der Veröffentlichungen sicher eher eine geringe Leserzahl erreichen.

Im vorliegenden Band wird ein wichtiges Thema, die Störungen des Sozialverhaltens im Kindes- und Jugendalter interdisziplinär und über die Altersgruppen Kleinkind bis hin zur Adoleszenz hinweg gewürdigt. Hierzu bleibt kritisch anzumerken, dass die zunehmend relevantere Entwicklungsphase der Transition, also der Übergang vom Adoleszenten- zum Erwachsenenalter, hier noch keinerlei Erwähnung findet. Zudem wäre es spannend gewesen, mehr über pränatale Risikofaktoren und Präventionsansätze zu erfahren. Die Quellenangaben sind für eine Publikation aus dem Jahre 2014 veraltet, dies gilt auch unter der Berücksichtigung der Tatsache, dass die hier vorgestellte Tagung bereits in 2008 stattfand. Andere Quellen werden unsauber zitiert, so wird auf Seite 37 beispielsweise ein längerer Textauszug aus einer Veröffentlichung der Gesellschaft für soziale Arbeit zitiert, welcher dann im Literaturverzeichnis nicht erneut auftaucht.

Im Kapitel zum Thema Suchtmittelkonsum wird aus dem Bericht des REITOX Knotenpunkts an die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (2005) der Schluss gezogen, dass sich „mit Sicherheit ableiten (lässt), dass 25-30% der jungen Menschen als suchtgefährdet eingeschätzt werden müssen“ (S. 30). Dies mag auf den ersten Blick plausibel erscheinen, schaut man sich die genannten Zahlen jedoch genauer an, so bleibt festzuhalten, dass eine Lebenszeitprävalenz des Konsums illegaler Drogen von 33% mit Schwerpunkt auf Cannabis wohl kaum eine derartig dramatische Schlussfolgerung zulässt.

Fazit

Trotz aller Kritik im Detail bleibt insgesamt festzuhalten, dass das Buch Berufseinsteigern einen guten Überblick den aktuellen Wissensstand hinsichtlich der wichtigen Thematik (Störungen des Sozialverhaltens und Dissozialität) bietet. Erfahrenen Fachleuten bietet sich hier nicht viel Neues, für Laien ist das Buch zu unattraktiv.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 12.02.2015 zu: Ulrich Preuß, Nicole Bach (Hrsg.): Störungen des Sozialverhaltens und Dissozialität. Entwicklungspsychologie, pädagogische Konzepte, Delinquenz, Begutachtung. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2014. ISBN 978-3-941468-55-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14366.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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