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Bettina Jahnke: Vom Ich-Wissen zum Wir-Wissen

Cover Bettina Jahnke: Vom Ich-Wissen zum Wir-Wissen. Mit EX-IN zum Genesungsbegleiter. Paranus Verlag (Neumünster) 2012. 200 Seiten. ISBN 978-3-940636-22-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich auch in Deutschland zunehmend Menschen mit psychischen Störungen selbst organisiert und artikuliert. Die Beteiligung Psychiatrie-Erfahrener an Ausbildung, Weiterentwicklung psychiatrischer Dienste und Forschung erfordert aber, diesen auch einen anerkannten Status – mit entsprechender Vergütung – zu verschaffen. Außerdem sind Wege zu entwickeln, wie das jeweils individuelle Erfahrungswissen strukturiert als Expertenwissen genutzt werden kann. Damit ist der Titel der vorliegenden Publikation „vom Ich-Wissen zum Wir-Wissen“ umrissen. Ex-In (Abkürzung für experienced Involvement) ist ein Leonardo da Vinci-Projekt der EU, in dem unter Beteiligung von niederländischen, schwedischen, norwegischen, englischen und deutschen Partnern eine modularisiert aufgebaute Qualifikation für Genesungsbegleitung durch Psychiatrie-Erfahrene entwickelt und erprobt wurde. Der EX-IN Kurs besteht aus fünf Basismodulen, nämlich Gesundheit und Wohlbefinden, Empowerment, Erfahrung und Teilhabe, Recovery und Trialog. Der Aufbaukurs umfasst die Module Selbsterforschung, Fürsprache, Assessment, Beraten und Begleiten, Krisenintervention, Lehren und Lernen sowie das Abschlussmodul. Die Autorin stellt die daraus resultierenden Erfahrungen in Interviews mit TeilnehmerInnen dar.

Autorin

Bettina Jahnke ist Dipl.-Journalistin, EX-IN-Absolventin und anschließend selber als Genesungsbegleiterin tätig.

Aufbau

Ausgehend vom der Darstellung des EX-IN Projekts werden die Erarbeitung des Ich-Wissens durch die systematische Betrachtung, Sammlung und Strukturierung der TeilnehmerInnen dargestellt, um dann in einem weiteren Schritt einen gemeinsamen Erfahrungshorizont zu erschließen. Hierbei wird neben den unterschiedlichen Persönlichkeiten auch die Tatsache fruchtbar gemacht, dass die TeilnehmerInnen unterschiedliche psychische Störungen durchlebt haben. In 14 ausführlichen Interviews kommen diese, jeweils fokussiert auf einzelne der og. Modulthemen, zu Wort. Dabei wird im Dialog mit der Interviewerin noch einmal methodisch und inhaltlich der Weg vom Ich- zum Wir-Wissen entfaltet. Den letzten Abschnitt bilden die Schlussbetrachtungen der Autorin aus ihrer eigenen Perspektive. Der Anhang mit Informationen und Adressen um das EX-IN Projekt sowie Danksagungen runden das Buch ab.

Inhalt

Die Interviews im Rahmen einer Rezension zu skizzieren, ist nicht ohne erhebliche Verluste möglich. Exemplarisch wird die multiperspektivische Vorgehensweise hier an Hand der Interviews dargestellt, die explizit Empowerment und Recovery zum Thema haben.

Empowerment wird im Einleitungskapitel definiert als „ein innerer Emanzipationsprozess, durch den sich Menschen aus der Hilflosigkeit in die Eigenverantwortung bewegen. Dabei müssen sie sich typischerweise von stigmatisierenden Denkmustern lösen und sich über innere und äußere Widerstände hinwegsetzen. Die Impulse für das eigene Empowerment gehen häufig von einschneidenden Wendepunkten in der Lebensgeschichte aus.“ (S. 16).

Recovery steht „in engem Kontext mit einer Biografiearbeit, bei der psychisch erschütterte Menschen Wendepunkte ihres Lebens (konstruktiv) in Beziehung zueinander setzen, um wieder zum >>Protagonisten ihrer eigenen Geschichte<< zu werden.“(S. 17)

Im ersten Interview mit Dr. Angelika Filius unter der Überschrift „Ich sehe uns alle als >>Spiegel<<, die wir brauchen, um uns selbst zu verstehen“ wird der Blick zunächst zurückgewendet auf den Entwicklungsprozess im Rahmen der EX-IN Ausbildung. Von daher definiert sie Empowerment als „einen echten Erkenntnisgewinn und die Erfahrung und Gewissheit, dass ich danach eigenmächtiger, unabhängiger und mutiger bin als davor.“(S. 24) Zugleich arbeitet sie heraus, dass Empowerment immer mit einer Veränderung in den Beziehungen zu anderen Menschen einhergehe. Empowerment ist immer ein Gemeinschaftsprozess (S.27). Der zweite Interviewpartner Arend Harms spricht eine etwas andere Facette an: „Im Grunde habe ich mich mit und nach jedem Krankheitsschub empowert. Ich bin nie in die Isolation gegangen, sondern habe mir immer wieder ein Ziel gesucht, auf das ich hinarbeiten konnte.“ (S. 40) In den Interviews wird weder verschwiegen, dass der Weg von Recovery und Empowerment durch Krisen führen kann, dass „auf diesem Weg viele gefährliche Stolpersteine liegen. Es gibt jede Menge Situationen, in denen ich immer wieder falle.“ wie es Silke Oberhäuser formuliert (S. 137) Warum dann diesen Weg gehen? Ex-In habe ihr Interesse an ihr selber geweckt. Für sie ist Recovery nicht Heilung, aber die Hoffnung auf Stabilisierung. Arno Neuhaus konkretisiert Recovery so: „Recovery bedeutet, sich zu schützen, aber zugleich die Ursache dafür zu suchen, warum man anders ist als die anderen. Ich …gehe zurück zu den Ursprungsorten meines seelischen Leidens. Von dort aus erkunde ich dann neue Richtungen für den Weg, der vor mir liegt. Ich erkenne plötzlich Auswege.“ (S. 131) Dieses Verständnis von Recovery überschneidet sich mit der Definition von Dr. Karl Steinhäuser von Empowerment: „In einer als ausweglos empfundenen Situation entsteht Schritt für Schritt das Gefühl, doch zu einer Handlungsfähigkeit zurückfinden zu können. Diese Selbstwahrnehmung als selbstbestimmt handelnder Mensch macht Mut, den Weg weiterzugehen. Schließlich kann man sogar einen Sinn in der Krise erkennen.“ (S.167).

Die Metapher des Spiegels taucht an verschiedenen Stellen auf, in der og. Überschrift eines Interviews, in der Beschreibung des Recovery-Prozesses als Zusammensetzen des eigenen Spiegels aus all den Splittern, in die er zerborsten ist und schließlich im Titel der Schlussbetrachtungen der Autorin „Ein Rund- und Rückblick mit meinem Spiegel“ . In diesen Schlussbetrachtungen bündelt Jahnke noch einmal Aspekte der Kämpfe und Hoffnung, der Sinnsuche und der gespiegelten Erfahrungsschätze, der Stolpersteine und des Berufsethos als GenesungsbegleiterIn.

Diskussion

Das Konzept von EX-IN greift die Erfahrung auf, dass Mit-PatientInnen in der Psychiatrie häufig wichtige Begleiter, HelferInnen oder BeunruhigerInnen sind. Ihre Erfahrungen wertschätzend in die Begleitung von Menschen mit psychischen Störungen einzubeziehen scheint mir ein wichtiger Aspekt zu sein. Wenn dies qualifiziert und nicht ausschließlich aus der subjektiven Perspektive des oder der Einzelnen erfolgen soll, ist eine Art von systematisierter Auseinandersetzung erforderlich. Die Modulthemen greifen genau diese Ansätze auf, die auch im Rahmen der Gesundheitsförderung und einer entsprechend orientierten Sozialen Arbeit besondere Bedeutung haben. Die Interviews veranschaulichen, wie diese Ansätze im Rahmen der EX-IN Ausbildung umgesetzt werden und welche Erfahrungen die TeilnehmerInnen damit machen.

EX-IN hat zu Diskussionen darüber geführt, ob die „Professionalisierung“ von „Betroffenen“ ein sinnvoller Weg in der psychiatrischen Versorgung ist. Dass Professionelle in der psychiatrischen Versorgung ohnehin eine gewisse Dünnhäutigkeit mitbringen sollten, um verständnisvoll mit den „Betroffenen“ umgehen zu können, damit aber selber ein erhöhtes Risiko haben, „betroffen“ zu sein, gehört zu den Tabus im Arbeitsfeld, was auch auf diesem Weg in Frage zu stellen ist. Gemeinsam ist aber der Punkt, das damit jeweils die Rolle geklärt werden muss: handele ich als Mitmensch, als Professionelle oder als selber Betroffene und welche institutionellen Aufträge sind mit der jeweiligen Rolle verbunden. Die Bezeichnung als Genesungsbegleitung und die verschiedenen Formen, in denen die Interviewten diese praktizieren, weisen auf eine entsprechende Sensibilisierung hin.

Fazit

Die vorgestellte Publikation ist eindrucksvoll sowohl wegen der Vielzahl persönlicher, bewegender Lebensgeschichten, die in den Interviews durchscheinen, die Aufrichtigkeit in der Auseinandersetzung mit den genannten Themen und dem EX-IN Projekt als auch wegen der feinfühligen Interviewführung durch die Autorin. Das Einführungskapitel, in dem ein Überblick über das Anliegen und die Themen von EX-IN gegeben wird, und die Schlussbetrachtungen, die eine Zusammenfassung aus Sicht der Interviewerin darstellen, halten diesen Strauß zusammen. Die Lektüre sei sowohl denen empfohlen, die Mut-Mach-Geschichten suchen als auch denen, die sich über EX-IN etwas genauer und aus der Perspektive von TeilnehmerInnen informieren wollen.


Rezension von
Prof.em Dr. Alexa Köhler-Offierski
Seniorprofessorin Evangelische Hochschule Darmstadt
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Zitiervorschlag
Alexa Köhler-Offierski. Rezension vom 22.01.2013 zu: Bettina Jahnke: Vom Ich-Wissen zum Wir-Wissen. Mit EX-IN zum Genesungsbegleiter. Paranus Verlag (Neumünster) 2012. ISBN 978-3-940636-22-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14368.php, Datum des Zugriffs 15.08.2020.


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