Simone Hess (Hrsg.): Grundwissen Zusammenarbeit mit Eltern in Kindertageseinrichtungen und Familienzentren
Rezensiert von Prof. Dr. Eva-Mia Coenen, 05.07.2013
Simone Hess (Hrsg.): Grundwissen Zusammenarbeit mit Eltern in Kindertageseinrichtungen und Familienzentren.
Cornelsen Verlag GmbH
(Berlin) 2012.
176 Seiten.
ISBN 978-3-589-24745-5.
D: 21,50 EUR,
A: 22,10 EUR,
CH: 34,30 sFr.
Reihe: Frühe Kindheit - Ausbildung & Studium.
Herausgeberin
Dr. Simone Hess ist Erziehungswissenschaftlerin (M.A.) und lehrte an Universität Gießen im Fachbereich Pädagogik sowie bis Ende 2012 an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg in Sonderpädagogik.
Inhaltliche Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Elternzusammenarbeit, sozio-emotionale Entwicklung von Kindern, Professionalisierung von Erzieherinnen, Leitungsmanagement in Kitas, Hochschuldidaktik und Theorie-Praxis-Verzahnung.
Autorinnen und Autoren
- Angelika Baumann -Klett: Heilpädagogin am heilpädagogischen Fachdienst der Stadt Reutlingen
- Dagmar Hansen: Geschäftsführerin der Xenia – interkulturelle Projekte gGmbH- KinderElternZentrum Bergwiesenviertel in Wiesbaden
- Lilith König: Dr. phil., Diplompsychologin, Professorin an der Fakultät für Sonderpädagogik der PH Ludwigsburg
- Daniela Kobelt Neuhaus: Heilpädagogin und Psychologin im Vorstand der Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie
- Sabine Lingenauber: Dr. phil., Hochschullehrerin an der Hochschule Fulda
- Claudia Maier-Höfer: Dr. phil., Professorin an der Evangelischen Hochschule Darmstadt
- Thilo Maria Naumann: Professor für Pädagogik an der Hochschule Darmstadt
- Norbert Neuß: Dr. phil. habil., Hochschullehrer für Pädagogik an der Justus-von Liebig -Universität Gießen
- Janina L. von Niebelschütz: Dipl. Sozialpädagogin, M.A. Soziale Arbeit an der Hochschule Fulda
- Jutta Schäfer: Dr. phil., Professorin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg
- Harald Seehausen: Dr., Sozialforscher an der Frankfurter Agentur für Innovation und Forschung
- Hans Weiß: Dr. phil., Professor an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg Bereich Sonderpädagogik
Thema und Zielgruppen
Die Autoren verfolgen das Ziel „… zukünftigen Fachkräften wissenschaftlich gesichertes Wissen zu liefern und sich eigenes Orientierungswissen zu erarbeiten für einen angemessenen Dialog mit Müttern und Vätern.“ (S.8) Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass für das Ausschöpfen der Entwicklungspotenziale ihrer Kinder die Eltern vertrauensvoll einbezogen sein sollten, weil diese genuine Bindungsbeziehung dazu beiträgt, die kindliche Persönlichkeit zu stabilisieren und die Kinder zu motivieren. Dafür brauchen aber die Pädagogen neben kindbezogenen auch elternbezogene Kompetenzen. Diese Kompetenzen sollten in einer engen Verzahnung zwischen Theorie und Praxis bei der Hochschul- wie auch der Fachschulausbildung in einem "Wechselspiel von Wissensaneignung, Sich-Einlassen und von professioneller Distanz durch Reflexion“ (S.9) dazu beitragen, dass Erzieherinnen (und Pädagogen, Anmerkung der Verfasserin) eine forschende Haltung ausbilden.
Dieses Buch richtet sich an Studierende, Auszubildende und Fachkräfte der Elementar-, Heil –, Sonder- und Sozialpädagogik, die in Kindertageseinrichtungen und Familienzentren tätig sind.
Es werden in diesem Buch Richtungen, Zusammenhänge und Entwicklungsstränge verdeutlicht, die einen fundierten und differenzierten Überblick ermöglichen, um die Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenarbeit mit Eltern im pädagogischen Kontext auszuloten.
Aufbau und Inhalt
Das als Handbuch konzipierte Werk ist in 12 Kapitel untergliedert und beginnt mit einer Einleitung der Herausgeberin.
Den 12 Kapiteln schließen sich ein Autorenverzeichnis sowie eine ausführliche Literaturliste an, die übersichtlich den entsprechenden Kapiteln zuzuordnen sind. Im Folgenden wird ein Überblick über die Inhalte der einzelnen Kapitel vorgenommen.
1 Zusammenarbeit mit Eltern als Basis für die kindliche Entwicklung und Bildung. Simone Hess erläutert einführend grundlegende Ergebnisse gegenwärtiger Forschung über die Wichtigkeit einer Zusammenarbeit zwischen Pädagogen und den Eltern, der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen, was im Sinne einer Erziehungspartnerschaft näher beleuchtet wird. Dabei wird nicht nur auf Erkenntnisse der Frühpädagogik rekurriert, sondern auch Befunde der Heil- und Sonderpädagogik einbezogen. Für Studierende in Hoch- und Fachschulen stellt die Autorin exemplarisch vor, wie ein Interviewgespräch mit Eltern praktisch vorbereitet, durchgeführt sowie evaluiert werden kann und leistet damit einen Beitrag der Verknüpfung von Theorie und Praxis.
2 Bindung und Interaktion. Lilith König betont in ihrem Beitrag, welche grundlegende Bedeutung die Erkenntnisse der Bindungstheorie (wie bspw. die elterliche Feinfühligkeit, Sichere Basis, Risiko- bzw. Schutzfunktion der Bindung) auch für das pädagogische Setting in der außerfamiliären Kinderbetreuung hat. Dabei betont sie den Zusammenhang zwischen Qualität der Bindung und dem Explorationsverhalten der Kinder, wodurch die Qualität der Lernprozesse der Kinder stark beeinflusst wird. Die Kenntnis dieses Zusammenhangs ermöglicht eine kindgerechte Integration in eine Kindertageseinrichtung sowie die Gestaltung der Bildungsprozesse. Pädagogisches Handeln und Elternkooperation erleichtert den Kindern, den Eltern und dem pädagogischen Personal sozial angemessen zu agieren, was eine günstige Entwicklung der Kinder beeinflusst.
3 Gemeinsam spielen – Beziehung von Kindern und Eltern unterstützen. Jutta Schäfer thematisiert in ihren Artikel die Bedeutung des Spiels für die kindliche Entwicklung sowie den damit einhergehenden Spielformen und erläutert, welche Rolle die Eltern bei der Entwicklung der kindlichen Spielfähigkeit einnehmen und wie Pädagogen diesen Prozess auch in der Familie unterstützend begleiten können. Deutlich zeigt die Autorin auch, dass sozial benachteiligte Kinder gegenüber nichtbenachteiligten Kindern eine unterschiedliche Entwicklung in ihrem Spielverhaltens durchlaufen, was sich im sozialen, emotionalen, kognitiven und sensomotorischen Bereich zeigt und ihre Bildungsprozesse behindert. (vgl. S.59)
4
Zusammenarbeit mit Eltern in schwierigen sozialen Lagen. Hans
Weiß zeigt in seinen
Ausführungen auf der Basis nationaler und internationaler Studien,
dass schwierige Umweltbedingungen, vor allem Armut und soziale
Benachteiligung, „einen deutlich hemmenden Einfluss auf die
kognitive und emotionale Entwicklung davon betroffener Kinder haben.“
Die Auftretenswahrscheinlichkeit von prä- ,peri- und postnatalen
biologischen Risiken tritt bei Kindern mit einem niedrigen
Sozialstatus häufiger auf, wobei Einschulungsuntersuchungen aus
Brandenburg belegen, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien
wesentlich höhere frühförderrelevante Befunde aufweisen als Kinder
aus nicht benachteiligtem Milieu. (vgl. S. 63)
Weiterhin
thematisiert der Autor Spannungspotenziale und Differenzen in der
Zusammenarbeit mit jenen Eltern aus benachteiligten Familien und
zeigt Grundzüge der Zusammenarbeit auf, wie z.B. die Achtung der
Eltern und ihrer Lebensform, die verständigungsorientierte und
lebensweltorientierte Kommunikation und die daraus sich entwickelnde
Kooperation. Ein kurzer Überblick über die Formen der
Zusammenarbeit schließt den Artikel ab.
5
Eltern mit Migrationshintergrund. Dagmar
Hansen und
Simone Hess zeigen auf, dass
Pädagoginnen und Pädagogen in der gegenwärtigen Zeit häufiger
mit Eltern aus fremden Kulturkreisen und damit anderen Riten und
Werten konfrontiert werden.
Wie
die einschlägigen Statistiken besagen, gibt es einen steigenden
Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in den
Kindertageseinrichtungen. Während die deutsche Elternschaft aus der
Mittelschicht sich deutlich in Erziehungsfragen ihrer Kinder
artikuliert, treten Migranteneltern den Pädagogen gegenüber oft
distanziert und zurückhaltend auf. Um diese Eltern entsprechend
einzubinden, bedarf es spezieller professionelle Kompetenzen – also
einer entsprechenden Interkulturellen Kompetenz, wie bspw. eine
positive Haltung und Einstellung gegenüber anderen Kulturen,
kulturelles Wissen, spezielle Kommunikationsfähigkeiten und die
Möglichkeit des Perspektivenwechsel. Ansatzpunkte für eine
interkulturelle Elternarbeit sehen die Autorinnen in der Einstellung
von Pädagogen, Vielfalt als Ressource zu erkennen und
interkulturelle Elternangebote niedrigschwellig anzubieten. In der
Einrichtung sollte sukzessive begonnen werden, ein multikulturelles
Team durch geeignete Personalauswahl, Teamentwicklungsprozesse und
Netzwerkarbeit zu entwickeln.
6
Erziehungspartnerschaft mit Eltern mit Behinderung. Daniela
Kobelt Neuhaus thematisiert in
dem vorliegenden Artikel, dass die Beeinträchtigung des Kindes die
Intensität und die Qualität des partnerschaftlichen Dialogs
zwischen Eltern und Fachkräften in hohem Maße beeinflusst.
Aufgrund der spezifischen Bedürfnisse behinderter Kinder und
ihrer Eltern sind die Pädagogen in ihrer Professionalität besonders
gefordert, denn Kinder mit Behinderung stürzen ihre Eltern in eine
Krise. Das Modell von Schuchardt
der Krisenverarbeitung als Lernprozess in acht Spiralphasen dient in
diesem Artikel dazu, den erzieherischen Dialog als
Kompetenzpartnerschaft zu begreifen und den Pädagogen die
differenzierten und auf der individuellen Ebene angesiedelten
Problemlagen zu reflektieren und damit Eltern als fachkundiger
Partner zu begegnen und über den positiven Beziehungsaufbau mit den
Eltern das Kind in seiner Entwicklung zu fördern.
7 „Erzählen“ als rekonstruktives Element der Elternarbeit. Claudia Maier-Höfer beleuchtet in ihrem Aufsatz die besondere Bedeutung des Austausches zwischen Eltern und Fachkräften für eine harmonische kindliche Entwicklung. Es ist wichtig dabei, dass die kindlichen Lebenswelten von den Erwachsenen anerkannt und ernst genommen werden. Diese Lebenswelten erschließen sich aus dem „Erzählen“ der Kinder. (vgl. S.97) Die dabei identifizierten Wünsche der Kinder werden zwischen den Erwachsenen kommuniziert und bestimmen das Miteinander generations- und auch kulturübergreifend.
8
Lebenswelt von Familien erkunden und elterliche Bedarfe umsetzten.
Harald Seehausen erläutert,
dass die Kinder erleben, dass die klassische Herkunftsfamilie von
einer Familienvielfalt abgelöst wird; man spricht von einer
Pluralität unterschiedlicher Veränderungsprozesse. Diese Prozesse
sind einerseits durch eine Vergrößerung der Gruppe von Familien
gekennzeichnet, die in Armut und mit Arbeitslosigkeit leben und
andererseits durch die Gruppe berufstätiger Eltern, die den
erheblichen Veränderungen in der Arbeitswelt ausgesetzt sind.
Es sind dabei Kinder- und Familienzentren zu unterscheiden, die
mit Eltern aus gut situierten Sozialräumen arbeiten und welchen die
in gemischten Sozialräumen tätig sind. Die Elterngruppe in
gemischtem Sozialraum stellt einen hohen Anspruch an das pädagogische
Konzept, während von den Eltern in gut situiertem Sozialraum
flexible Lösungen zur Anpassung an den Berufsalltag wie bspw. bei
den Öffnungszeiten erwartet werden. Deswegen ist es für jede
Einrichtung nötig, die speziellen Bedarfe zu ermitteln und auch die
speziellen Probleme alleinerziehender Elternteile zu erfassen und zu
berücksichtigen.
9 Eltern-Kind-Gruppe als niedrigschwelliges Angebot. Angebote die sich nur an Familien in sozial schwierigen Lebensverhältnissen wenden, sind zum einen natürlich auf die Bedürfnisse der Klientel zugeschnitten, aber die Fokussierung auf soziale Benachteiligung birgt das Risiko der Stigmatisierung dieser Gruppe mit all seinen negativen Folgen. Deswegen präferieren die Autorinnen Simone Hess und Angelika Baumann-Klett eine Eltern-Kind -Gruppe, die herkunftsbezogen gemischt ist.
Ziel ist es, dass die Menschen solche Lebenskompetenzen (weiter-) entwickeln, die ihre Partizipation und soziale Teilhabe erhöhen. „Übertragen auf die Eltern-Kind- Gruppe bedeutet das: die elterlichen Kompetenzen sollen gestärkt und ausgebaut werden und die Bedürfnisse der Kinder in ihrer jeweiligen Entwicklungsstufe sind wegweisend.“ (S.122)
10 Eltern als Gestalter des Übergangs Kindertageseinrichtung – Grundschule. Sabine Lingenauber und Janina L. Niebelschütz beleuchten in ihrem Artikel den Stand der Forschung des Transitionsprozesses zwischen Kita und Grundschule und stellen u.a. fest, dass nur wenige Untersuchungen die individuellen Perspektiven von Eltern in diesem Übergangsprozess berücksichtigen. Im vorliegenden Abschnitt werden die Strategien zur Partizipation im Übergangsprozess thematisiert und an einem Umsetzungsbeispiel dokumentiert.
11 Die Arbeit mit der Elterngruppe. Thilo Maria Naumann erläutert im vorliegenden Artikel, wie auf der Basis eines gruppendynamischen Konzeptes die Arbeit von Pädagogen mit einer Elterngruppe durchgeführt werden kann, indem schon bei der Auswahl der psychosozialen Themen wichtige Akzente für eine gelingende Partnerschaft gelegt werden können. Weiterhin werden die Grundlagen gruppenanalytisch orientierter Pädagogik erläutert und auch typische Herausforderungen der Gruppenleiter herausgearbeitet.
12 Thematische Elternabende. Norbert Neuss referiert im vorliegenden Beitrag ein bisher unterschätztes Angebot und verdeutlicht, dass die thematischen Elternabende eine an Bedeutung gewinnende Möglichkeit der Elternbildung darstellen. (vgl. S.11) Durch das Aufgreifen gemeinsamer Erziehungsthemen, die altersspezifisch zugeschnitten sein sollten, kann es gelingen, Eltern nicht nur am entsprechenden Thema zu interessieren, sondern auch die Bereitschaft der Eltern für eine Erziehungspartnerschaft zu wecken. Am Beispiel der Medienerziehung stellt der Autor eine mögliche methodische Umsetzung vor und kommt zu dem Schluss, dass Lernmöglichkeiten geschaffen werden sollten, ohne Rezepte zu verteilen.
Fazit
Dieses Buch liefert in komprimierter Form für pädagogische Fachkräfte wissenschaftlich gesichertes Wissen und praktische Umsetzungsmöglichkeiten über die Thematik der Zusammenarbeit mit den Eltern ihnen anvertrauter Kinder. Außerdem regt das Buch an, sich eigenständig Orientierungswissen anzueignen, um einen angemessenen Dialog mit den Müttern und Vätern zu gestalten. Die einzelnen Beiträge zeigen auf, dass die Erkenntnisse der neuesten Bindungsforschung im Rahmen der Entwicklungspsychologie der frühen Kindheit, der Bedeutung des Spiels für die Kinder, aber auch der spezielle Umgang mit heterogenen Elterngruppen eine immer größere Bedeutung einnimmt.
Von besonderem Gewinn für den Leser sind die Einblicke in Positionen der psychoanalytischen Pädagogik in Form eines gruppenanalytischen Konzeptes. Ein insgesamt sehr lesenswertes Buch und als Standardliteratur für die Elternarbeit in Kindertagesstätten zu empfehlen.
Rezension von
Prof. Dr. Eva-Mia Coenen
Studienrichtungsleiterin Hilfen für Erziehung an der Staatlichen Studienakademie Breitenbrunn
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