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Antje Flade: Der rastlose Mensch

Rezensiert von Prof. Dr. Ralf Risser, 11.04.2013

Cover Antje Flade: Der rastlose Mensch ISBN 978-3-531-18503-3

Antje Flade: Der rastlose Mensch. Konzepte und Erkenntnisse der Mobilitätspsychologie. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-531-18503-3.
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Thema

Das Thema ist von großem und aktuellem Interesse. Unsere Mobilität erzeugt bzgl. des Klimas Probleme. Interessant ist so eine Betrachtung des Klimaaspektes im Zusammenhang mit der Nach­haltigkeitsdiskussion. Neben dem Bereich Ökologie sind die anderen beiden Großbereiche die zur Bestimmung der Nachhaltigkeit beitragen die Ökonomie und die sozialen Aspekte. Im Zusammen­hang mit dem ökonomische Bereich werden im Buch von Flade vor allem die sozialen und psycholo­gischen Kosten der Mobilität diskutiert, im Zusammenhang mit den sozialen Aspekten unter anderem der Gesichtspunkt, dass soziale Motive bei unserer Verkehrsmittelwahl eine große Rolle spielen. Insofern leistet dieses Buch einen Beitrag zu einem besseren Verständnis dafür, wie eine nachhaltige Entwicklung im Verkehrsbereich zustande kommen könnte; das menschliche Verhalten steht bei dieser Fragestellung im Zentrum, wir verlassen den Bereich der technischen Betrachtungen des Verkehrs und fangen an darüber nachzudenken, was wohl die Voraussetzungen dafür sein könnten, dass wir uns entschließen, mit unserem Verhalten im Mobilitätsbereich zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen.

Autorin

Antje Flade ist unter Fachleuten im Bereich Wohnen, Mobilität und Verkehr bekannt. Sie hat schon mehrere Bücher und Artikel im Bereich Umwelt und Verkehr publiziert. Sie ist eine der wenigen AutorInnen, die wie selbstverständlich Verkehr und Mobilität als das behandelt was sie sind: Resul­tate menschlichen Verhaltens. Im Gegensatz zu den vielen Publikationen, die wohl betonen, dass natürlich der Mensch das wichtigste Element im System sei, um dann isolierte technische oder experimentalpsychologische Themen zu behandeln, ohne zu einem ganzheitlichen Erkenntnisgewinn von gesellschaftlichem Wert beizutragen, stellen Flades Publikationen immer einen Versuch dar, das Gesamtsystem zu betrachten und zu verstehen, um daraus, wenn nötig, Schlussfolgerungen zu ziehen, die gesellschaftliche Vorteile mit sich bringen, ohne dass in einem unbeachteten anderen Bereich negative Effekte die Folge sind.

In diesem Buch arbeitet Flade mit anderen bekannten Fachleuten im Bereich Verkehr und Mobilität zusammen, denen eines gemeinsam ist: Sie halten das Banner der Human- und Sozialwissenschaften in diesem Bereich hoch – so wie es sein soll.

Entstehungshintergrund

Der Entstehungshintergrund kann sehr kurz zusammengefasst werden: Dieses Buch ist eine logische Weiterentwicklung und Zusammenfassung der Forschungsergebnisse, Überlegungen und Publikati­onen der Autorin, die eigentlich schon überfällig war.

Aufbau

Nach der Einleitung (Kapitel 1) und einer kurzen Diskussion der Grundbegriffe – Mobilität, Verkehr und die (mögliche) Rolle der Psychologie bei ihrer Betrachtung – in Kapitel 2, werden die Themen Wahrnehmung und Bewegung diskutiert (Kapitel 3), als Einleitung zu einer kurzen Beschreibung der Rolle unterschiedlicher Fortbewegungsarten in der Praxis (Kapitel 4).

Danach werden in Kapitel 5 ausführlich unterschiedliche Mobilitätsmotive besprochen, vom Wunsch von A nach B zu kommen bis hin zu gesundheitlichen Zielen. Die Einflussfaktoren für unser Verhalten liegen aber nicht nur in uns selbst sondern auch in der Umwelt und in demographischen Faktoren (Kapitel 6 und 7).

Danach befasst sich das Buch ausführlich mit den negativen Folgen des Verkehrs (Kapitel 8), um im nächsten Kapitel (9) dann Lösungsansätze für die diskutierten Probleme vorzuschlagen. Das Buch endet in Kapitel 10 mit einem Ausblick, der auf möglicherweise bereits beginnende Veränderungen hinweist.

Inhalt

Die Darstellung der Grundbegriffe "Mobilität" und "Verkehr" sowie der Themen Wahrnehmung und Bewegung und wie die beiden zusammenhängen in den Kapiteln 1 bis 3 ist solide und stellt Grundla­genwissen dar, das für alle Studierenden in Bereichen der Verkehrswissenschaften und der Mobili­tätsforschung von Interesse ist.

Wo das Werk aber "abhebt" sind ab Kapitel 4 die Motive und die Einflussfaktoren für unsere Verkehrsmittelwahl. Für einige Insider sind diese Inhalte bekannt, aber für die meisten Leser ist der Zugang in diesem Bereich doch sicher überraschend und eröffnet neue Per­spektiven: Es ist eine Betrachtung der Fakten, die manche bisherigen Entscheidungen, nicht nur der BürgerInnen, sondern auch der PraktikerInnen und EntscheidungsträgerInnen in Frage stellt und, evidenzbasiert, Möglichkeiten nahelegt, in Zukunft anders zu entscheiden. Ein Beispiel dafür ist die überzeugende Diskussion (p172ff), dass das Kfz eine Einschränkung unseres Lebensraumes mit sich gebracht hat und nicht, wie wohl sehr viele dafürhalten, das Gegenteil.

Ein anderes wunderbares Beispiel ist die Argumentation, wie man Orte im öffentlichen Raum, wo eingekauft wird, wo soziale Kontakte abseits der Arbeit und dem eigenen Heim möglich sind, etc. ("third places") zu attraktiven solchen macht (p236) von hohem individuellen und sozialen Wert. Das alles basiert auf einer sauber herausgearbeiteten Darstellung der Probleme, die eben über eine konventionelle Sicherheitsdiskus­sion weit hinausgeht und Gesundheit, Umwelt, Wohlbefinden, und Lebensqualität bzw. deren Ge­fährdung umfasst. Besonders deutlich wird bei der Betrachtung von Verkehr und Mobilität der As­pekt der Lebensqualität im Zusammenhang mit dem Kindsein, mit dem Altwerden und mit dem Wohnen. Was dort durch Fehlentwicklungen verloren geht, ist nicht zu messen, aber man kann es, bei entsprechend guter Darstellung, verstehen.

Beim Aufzeigen von Problemen bleibt es aber nicht, sondern es werden im Kapitel 9 des Buches Lösungsmöglichkeiten angeboten, wo der Erziehung zwar eine wichtige Rolle zugeordnet wird, aber in durchaus realistischer Manier: Wenn man nicht an den Voraussetzungen für eine nachhaltige Mo­bilität in der Umwelt arbeitet, werden Erziehungsmaßnahmen nie zu wirklich befriedigenden Resul­taten führen. Entsprechend viel Wert wird auf die Gestaltung der Umwelt gelegt, nicht in sehr detail­lierter Form sondern eher auf der Metaebene und durchaus allgemeingültig.

Der Ausblick am Schluss des Buches ist wiederum sehr nüchtern und durchaus typisch für eine empi­risch arbeitende Forscherin, die es sich nicht zur Gewohnheit gemacht hat, zu spekulieren.

Diskussion

Durch alle Bereiche des Buches zieht sich die klar dargestellte Sichtweise, dass Menschen auf Basis subjektiver Bewertungen handeln. Zu verstehen, wie wir die Dinge sehen ist daher unerlässlich, um die Grundlagen für sicheren Verkehr oder nachhaltige Mobilität zu schaffen. Die Forschung in diesem Zusammenhang muss entsprechend ausgerichtet sein, und Entwicklungen bzw. Lösungsmöglichkei­ten sollten auf dieser Einsicht aufbauen. Dieser Zugang unterscheidet sich wohltuend von der so weit verbreiteten technischen Betrachtung des Lebens, wo es oft den Anschein hat, dass Forscher, Prakti­ker, Planer, Entscheidungsträger meinen es reichte, ein Gesetz zu erlassen, eine Straße entsprechend den Richtlinien zu erbauen, oder technische Entwicklung voranzutreiben, um den Anforderungen einer nachhaltigen Entwicklung gerecht zu werden.

Fazit

Mir hat das Buch gut gefallen und ich habe, trotz einer beruflichen Praxis von 40 Jahren, Neues und Interessantes erfahren. Dies aber nicht in einer Sprache, die nur jemand mit 40 Jahren professionel­ler Erfahrung versteht, sondern in allgemeinverständlicher Form. Das Buch ist daher für Fachleute durchaus empfehlenswert, aber mit Vorteil auch von Studenten zu lesen. Doch auch interessierte Laien – zu denen man, ohne Ironie, oft auch Vertreter technischer Disziplinen zählen kann – werden dieses Buch ohne Schwierigkeiten lesen können und durchschauen, worum es darin geht: Um ein Verstehen der Handlungsmotive hinter unseren Mobilitätsentscheidungen und -gewohnheiten, die nicht zuletzt in Bezug zu den bestehenden Umweltvoraussetzungen stehen. Alle Versuche, Probleme zu lösen, auch und vor allem die technischen, müssen diese Motive berücksichtigen, um Erfolg zu versprechen.

Rezension von
Prof. Dr. Ralf Risser
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Es gibt 1 Rezension von Ralf Risser.

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Zitiervorschlag
Ralf Risser. Rezension vom 11.04.2013 zu: Antje Flade: Der rastlose Mensch. Konzepte und Erkenntnisse der Mobilitätspsychologie. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-531-18503-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14396.php, Datum des Zugriffs 16.05.2022.


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