Angela Plass, Silke Wiegand-Grefe: Kinder psychisch kranker Eltern
Rezensiert von Heike Gumz, 06.03.2013
Angela Plass, Silke Wiegand-Grefe: Kinder psychisch kranker Eltern. Entwicklungsrisiken erkennen und behandeln.
Beltz Verlag
(Weinheim, Basel) 2012.
217 Seiten.
ISBN 978-3-621-27914-7.
D: 34,95 EUR,
A: 35,90 EUR,
CH: 47,90 sFr.
Reihe: Risikofaktoren der Entwicklung im Kindes- und Jugendalter.
Thema
Kinder psychisch kranker Eltern sind vor etwa zwanzig Jahren in den Fokus der Fachöffentlichkeit gerückt: Insbesondere vor dem Hintergrund dessen, dass diese Kinder ein deutlich erhöhtes Risiko zur Ausprägung von Entwicklungsstörungen und eigener psychischer Erkrankung tragen, sind ihre besonderen Belastungen, Bedürfnisse und Ressourcen zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen geworden. Gleichzeitig sind deutschlandweit verschiedene Präventions- und Interventionsprojekte entstanden, die sich an betroffene Kinder und ihre Familien richten. Sie verfolgen das Ziel, Kinder als von der Erkrankung in erheblichem Ausmaß mitbetroffene Angehörige frühzeitig wahrzunehmen und ihnen und ihren Familien adäquate Unterstützungsangebote zu machen. Um hier eine evidenzbasierte Praxis zu ermöglichen, wurden inzwischen in verschiedenen Forschungsprojekten die spezifischen Risiko- und Resilienzfaktoren untersucht, um auf dieser Basis Bausteine für gezielte Interventionen zu entwickeln. Zudem wurde in den vergangenen Jahren damit begonnen, die dementsprechenden zielgruppenspezifischen Konzepte auf ihre Wirksamkeit hin zu evaluieren.
Autorinnen
Dr. rer. nat. Silke Wiegand-Grefe ist Psychologin mit psychoanalytischer und familientherapeutischer Weiterbildung. Sie ist seit 2004 im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Klink für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie tätig und leitet dort das seit 2005 laufende Forschungs- und Interventionsprojekt CHIMPs (Children of mentally ill parents).
Dr. med. Angela Plaß ist seit 1998 im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf tätig. Sie ist als Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapeutin ebenfalls im dortigen Projekt CHIMPs tätig.
Entstehungshintergrund
Das vorliegende Buch ist in der Reihe „Risikofaktoren der Entwicklung im Kindes- und Jugendalter“ von Michael Schulte-Markwort und Franz Resch herausgegeben worden. Aus dem Blickwinkel des Arbeitsfeldes der klinischen Kinder- und Jugendpsychiatrie, in dem sowohl Herausgeber als auch Autorinnen tätig sind, nimmt es psychische Erkrankungen von Eltern vor allem als einen hoch relevanten Einflussfaktor für die Ausprägung psychischer Erkrankungen bei Kindern in den Blick. Die Autorinnen haben diese Monographie verfasst vor dem Hintergrund ihrer intensiven wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema wie auch langjähriger praktischer Erfahrung in der Arbeit mit den betroffenen Kindern und Familien im oben erwähnten Projekt CHIMPs.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist konzipiert als umfassender Überblick zum Thema „Kinder psychisch kranker Eltern“. Sowohl die Auswahl der Inhalte als auch die übersichtliche Gliederung der einzelnen Kapitel entsprechen dem Ziel, hier ähnlich einem Lehrbuch Grundlagenwissen über die betroffenen Kinder und Familien sowie über zielgruppenspezifische präventive und therapeutische Strategien zu vermitteln. Die an relevanten Stellen eingefügten Fazits, Zusammenfassungen, Definitionen und Fallbeispiele werden farblich hervorgehoben und erleichtern damit ebenso die Orientierung innerhalb des Bandes wie das Sachwortverzeichnis.
In der in Kapitel 1 vorgenommenen Einführung findet sich ein Ausblick auf die in den nachfolgenden Kapiteln behandelten Inhalte.
Kapitel 2 gibt einen Überblick über die Empirischen Grundlagen, indem es die wichtigsten wissenschaftlichen Befunde zum Thema zusammenfasst. Im Anschluss an eine Einordnung bezüglich der Häufigkeit und Relevanz der Konstellation „Kinder psychisch kranker Eltern“ wird hier zunächst (auf Basis vorliegender qualitativer Studien) die subjektive Belastung der betroffenen Kinder beschrieben. Anschließend wird ein ebenfalls empirisch fundierter Überblick geleistet bezüglich der für diese Kinder wirksamen genetischen, biologischen und psychosozialen Risikofaktoren sowie ihres allgemeinen und spezifischen Erkrankungsrisikos – jeweils aufgeschlüsselt nach Art der elterlichen Erkrankung (Suchterkrankungen, Schizophrene und Affektive Erkrankungen, Angst- und Zwangserkrankungen, Persönlichkeitsstörungen). Es schließt sich eine Betrachtung der alters- und geschlechtsspezifischen Unterschiede in den Auswirkungen der elterlichen Erkrankung auf die Eltern-Kind-Interaktion, die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben und die Prävalenz psychischer Erkrankungen bei den Kindern an, bevor der Fokus auf die für die Zielgruppe wirksamen allgemeinen und spezifischen Resilienzfaktoren gelegt wird. Diese sehr differenzierte Darstellung der Einflussfaktoren wird zum Abschluss dieses Kapitels zu einem „Modell für psychische Gesundheit bei Kindern psychisch kranker Eltern“ zusammengeführt, das die (Wechsel-)Wirkungen der in den Familien wirksamen Schutz- und Risikofaktoren veranschaulicht. Auf diese Weise werden sowohl Ansatzpunkte für konzeptionelle Überlegungen geliefert als auch für die Entwicklung und Durchführung präventiver und therapeutischer Interventionen in der praktischen Arbeit mit betroffenen Kindern und Familien.
Kapitel 3 beschäftigt sich mit dem Prozess der Diagnostik bei Kindern psychisch kranker Eltern. Vor dem Hintergrund der Erfahrung, dass die Problematik von betroffenen Kindern nie isoliert, sondern nur im Zusammenspiel mit ihren Eltern und Familien zu verstehen ist, werden hier Diagnoseverfahren vorgestellt, die alle Ebenen (Kinder, Eltern, Familie) in den Blick nehmen. Im Anschluss an eine Einführung, die sich mit den Herausforderungen in der Kontaktaufnahme zu betroffenen Familien beschäftigt, wird hier eine an den Bedürfnissen und Besonderheiten dieser Zielgruppe ausgerichtete Auswahl an Diagnoseverfahren vorgestellt. Orientiert am psychodynamischen Ansatz, der auch für das CHIMPs-Projekt grundlegend ist, finden sich hier ausführlichere Beschreibungen der folgenden Verfahren: das diagnostische Gespräch mit szenischem Verstehen und biografischer Anamnese, standardisierte und strukturierte diagnostische Interviews für Eltern und Kinder, die Paar- und Familiendiagnostik sowie für die klinische Diagnostik relevante Testverfahren und Fragebogenerhebungen. Hierbei wird die allgemeine Vorstellung der Diagnoseinstrumente jeweils mit Hinweisen ergänzt, welche Besonderheiten in der praktischen Durchführung mit der Zielgruppe zu beachten sind.
Kapitel 4 stellt Möglichkeiten zur Intervention bei Familien mit psychisch kranken Eltern vor. Es gibt einen Überblick über verschiedene präventive Ansätze, die sich in Gruppen- oder Einzelangeboten an die Kinder, Eltern und/oder Familien richten. Ein Schwerpunkt liegt hier auf dem Projekt CHIMPs, dessen ursprünglich präventiv angelegtes Konzept inzwischen um diagnostische und therapeutische Angebote erweitert worden ist. Ausführlich werden die psychotherapeutischen Möglichkeiten des medizinischen Versorgungssystems vorgestellt, die auch in der Behandlung von Kindern psychisch erkrankter Eltern indiziert sein können: Für die psychoanalytische, die tiefenpsychologisch fundierte und die verhaltenstherapeutische Kinder- und Jugendpsychotherapie werden jeweils Grundlagen und unterschiedliche Ansätze skizziert. Veranschaulicht durch die Schilderung von Fallbeispielen geben die Autorinnen anschließend Hinweise auf Besonderheiten, die im Rahmen des jeweiligen therapeutischen Ansatzes hinsichtlich der Zielgruppe relevant sind, wie z. B. die besondere Bedeutung der Elternarbeit. Im Anschluss an einen allgemeinen Überblick über verschiedene familientherapeutische Ansätze liefert dieses Kapitel eine Zusammenfassung der spezifischen Themen und Fragestellungen, die unabhängig vom Setting der Intervention in der Arbeit mit den Kindern und Familien berücksichtigt werden sollten.
Unter der Überschrift Klinische und kulturtheoretische Einordnung werden schließlich in Kapitel 5 statistische Eckdaten zur Versorgungssituation von psychisch kranken Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen in Deutschland zusammengestellt. Die relativ geringe Inanspruchnahme psychotherapeutischer Angebote wird hier insbesondere im Hinblick auf die negativen Folgen einer ausbleibenden Intervention für Kinder psychisch kranker Eltern problematisiert und abschließend auch unter gesundheitsökonomischen Aspekten beleuchtet.
Diskussion
Das hier vorliegende Buch bietet eine beeindruckend detaillierte und gleichzeitig gut gegliederte Zusammenstellung der aktuell vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema „Kinder psychisch kranker Eltern“. Die differenzierte Aufschlüsselung der Risikofaktoren auf Seiten von Eltern und Kindern und die Berücksichtigung von Aspekten wie z. B. Art der Erkrankung, Alter und Geschlecht des Kindes bilden eine sinnvolle Basis für die Entwicklung eines individuell angemessenen Diagnose- und Unterstützungsinstrumentariums. Den Autorinnen gelingt es, sowohl die sich aus den empirischen Erkenntnissen für die praktische Arbeit ergebenden Implikationen abzuleiten, als auch aufzuzeigen, an welchen Stellen noch Forschungsbedarf besteht. Auf dieser theoretischen Fundierung entwerfen sie ein Modell, das das für die betroffenen Familien typische komplexe Zusammenspiel verschiedener Einflussfaktoren veranschaulicht und damit prägnant praktische Ansatzpunkte und konzeptionelle Qualitätsleitlinien für die präventive und therapeutische Arbeit mit den Kindern und Familien liefert. Die langjährige Erfahrung, die die Autorinnen im Rahmen ihrer klinischen Arbeit mit der Zielgruppe haben, zeigt sich ebenso in vielen Ausführungen und Schwerpunktsetzungen innerhalb der Kapitel „Diagnostik“ und „Intervention“: Sie zeigen spezifische Fragen, Herausforderungen und Dilemma-Situationen auf, denen Professionelle in der Arbeit mit Kindern psychisch kranker Eltern und ihren Familien häufig begegnen, bieten Anregungen zum konkreten Umgang damit und vermitteln eine respektvolle, konstruktive, an einer Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten orientierte Grundhaltung.
Anzumerken ist, dass der Hintergrund der Autorinnen als klinisch Tätige wie auch der Rahmen dieser kinder- und jugendpsychiatrisch ausgerichteten Reihe in der Schwerpunktsetzung des Buches deutlich wird. Im Anschluss an die differenzierte und umfassende Darstellung der empirischen Grundlagen, diagnostischen Verfahren sowie psychotherapeutischen Interventionsmöglichkeiten für Kinder und Familien, werden die Angebote anderer relevanter Unterstützungssysteme (insbesondere Kinder- und Jugendhilfe, Sozialpsychiatrie) lediglich überblicksartig skizziert. Auch die Notwendigkeit von (häufig multisystemischer) institutioneller Kooperation gerade in der Arbeit mit diesen Familien wird zwar erwähnt, aber hinsichtlich bereits erprobter Umsetzungsstrategien nicht vertieft. Möglicherweise auch aufgrund des Erscheinungsdatums fehlen dementsprechend in der kurzen Darstellung juristischer Aspekte wesentliche Veränderungen, die sich hier durch das Inkrafttreten des Bundeskinderschutzgesetzes Anfang 2012 ergeben haben.
Fazit
Der große Verdienst des Buches besteht in der Vermittlung eines wissenschaftlich fundierten und gleichzeitig praxisbezogenen Überblicks über die möglichen Auswirkungen einer psychischen Erkrankung der Eltern auf die Kinder sowie über die sich daraus ergebenden professionellen Handlungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten. Die Herausgeber benennen als Adressaten Professionelle, die kinder- und jugendpsychiatrisch, psychotherapeutisch oder sozialpädagogisch mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen oder mit psychisch kranken Eltern arbeiten. Es ist meines Erachtens ebenfalls geeignet für Professionelle aus dem Bereich Kinder- und Jugendhilfe, die häufig mit den betroffenen Familien in Kontakt treten, noch bevor eine psychiatrische Diagnose für Kinder oder Eltern gestellt wird.
Rezension von
Heike Gumz
M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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