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Burkhard Hill, Eva Kreling u.a. (Hrsg.): Selbsthilfe und Soziale Arbeit

Cover Burkhard Hill, Eva Kreling, Cornelia Hönigschmid, Gabriela Zink (Hrsg.): Selbsthilfe und Soziale Arbeit. Das Feld neu vermessen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 176 Seiten. ISBN 978-3-7799-2831-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.

Reihe: Grundlagentexte Soziale Berufe. Weitere Herausgeber: Erich Eisenstecken | Klaus Grothe-Bortlik.
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Thema

Das Buch stellt das Konzept und die Ergebnisse des Münchner Modellprojektes „Soziale Selbsthilfe - Soziale Arbeit und Selbsthilfe“ vor, das von 2008 bis 2012, also über fünf Jahre lang, von der Verwaltung der Stadt München, dem Selbsthilfezentrum München und der Hochschule München durchgeführt wurde. In diesem Projekt ging es darum, die Initiativen und Gruppen der Sozialen Selbsthilfe in München als eine gegenüber der Gesundheitsbezogenen Selbsthilfe eher wenig anerkannte Form der Selbsthilfe und des Bürgerschaftlichen Engagements zu erforschen, existierende Beispiele guter Praxis hervorzuheben und neue Kooperationen zwischen selbstorganisierten Initiativen und Einrichtungen anzuregen. Fünf Themen sollten im Projekt näher beleuchtet werden:

  • die Entwicklungsgeschichte der Sozialen Selbsthilfe und anderen Formen des Bürgerschaftlichen Engagements,
  • die aktuell vorhandene Praxis zwischen Selbstorganisation, Selbsthilfe und anderen Formen des Bürgerschaftlichen Engagements in den verschiedenen sozialen Einrichtungen,
  • die Untersuchung von förderlichen Kompetenzen, die Selbsthilfeaktivitäten entstehen lassen,
  • die Darstellung von geeigneten Methoden zur Förderung der Selbsthilfepraxis unter Einschluss der positiven und hinderlichen Rahmenbedingungen,
  • die sozialpolitische Diskussion der Arbeitsergebnisse.

HerausgeberInnen und AutorInnen

Unter den 6 HerausgeberInnen befinden sich drei Mitarbeiter vom Selbsthilfezentrums München, zwei Professoren der Hochschule München und eine freiberuflich Tätige. Die übrigen AutorInnen rekrutieren sich alle aus der Gruppe derjenigen, die professionell mit der Selbsthilfe verbundenen sind; unter den insgesamt 18 AutorInnen konnte ich kein nicht-professionelles Mitglied der Selbsthilfe ausfindig machen.

Aufbau und Inhalt

Der erste Teil der Veröffentlichung beschäftigt sich mit der Bestandsaufnahme.

Burkhard Hill, Eva Kreling und Cornelia Hönigschmid beschreiben in ihrem Beitrag „Selbsthilfe und Soziale Arbeit-Das Feld neu vermessen“ die widersprüchliche Beziehung zwischen Selbsthilfe und Sozialer Arbeit. Sie weisen u. a. darauf hin, dass Arbeitsüberlastung und Professionalisierung/Expertisierung die Sozialarbeit oft daran hindert, die Ressourcen der Adressaten der Sozialen Arbeit angemessen in den Blick zu bekommen und nutzbar zu machen. Für die Soziale Selbsthilfe – Eltern-Kind-Initiativen, Familienselbsthilfe, Frauen- und Männerthemen, Bewältigung von Problemen des Alters und der Migration, Nachbarschaftshilfe und Arbeitsloseninitiativen werden beispielhaft genannt – gibt es zwar in München Wertschätzung und eine Regelförderung, aber auch Optimierungspotential, das an der Schnittstelle zwischen Sozialer Selbsthilfe und dem professionellen System der Sozialen Arbeit verortet wird. Wie kann das Verhältnis von Selbsthilfe und Fachkräften verbessert werden? Welche Kompetenzen werden von Fachkräften und engagierten Bürgern in dieser Zusammenarbeit verlangt? Welche Rahmenbedingungen sind erforderlich? Wo verlaufen die Grenzen der Kooperation, worin liegen ihre Chancen?

Der von Burkhard Hill, Eva Kreling und Stefanie Richter geschriebene Aufsatz „Selbsthilfe und Soziale Arbeit - Geschichte, Konzeption und Praxis“ beschreibt zunächst die Geschichte der Selbsthilfe als eine Entwicklung von einer sozialen Bewegung hin zu einer eher pragmatischen Haltung individueller Problemlösung in Gruppen. Empowerment, Lebenswelt- und Sozialraumorientierung werden dann als grundlegende Konzeptionen vorgestellt, auf die Sozialarbeit zurückgreifen muss, will sie denn der Selbsthilfe den Weg bahnen. Es folgt ein Überblick über Strukturen und Einrichtungen, die zur Zeit Bürgerschaftliches Engagement – alle Formen der Selbsthilfe, des freiwilligen Engagements, des Ehrenamtes und der Initiativen im sozialen und kulturellem Feld, um zentrale Bereiche zu nennen – in Deutschland fördern; für München sind es Kindertageszentren, Alten- und Servicezentren, Bürgerhäuser, Stadtteilzentren, Kulturzentren und Beauftragte für Bürgerschaftliches Engagement sowie weitere, zum Teil aus der Selbsthilfe entstandene Einrichtungen und verschiedene Netzwerke, die selbsthilfeförderlich wirken.

Im zweiten Teil des Buches werden sechs Expertisen vorgestellt.

Hans Dietrich Engelhardt thematisiert die „Geschichte der neuen Selbsthilfebewegung“ in ihren Entwicklungsphasen und Leistungen sowie in ihrer Eigenart. Für ihn ist es insbesondere das KJHG (Kinder- und Jugendhilfegesetz) von 1991, das letztendlich dazu geführt hat, den Selbsthilfeinitiativen den Status normaler Akteure in der gesundheitsbezogenen und sozialen Infrastruktur mit eigenen Rechten für sich und die Patienten/Nutzer zu geben. Ebenso bedeutsam erscheint ihm die Entscheidung des Sozialgesetzbuches, Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Mitwirkung der Betroffenen als individuelle Rechte und als Vorgaben für die Fachkräfte festgelegt zu haben.

In dem Beitrag „Reden, Handeln und Teilhabe- Das Soziale in der Selbsthilfe“ geht Wolfgang Thiele von dem Ungleichgewicht der gesundheitsbezogenen Selbsthilfe (eine Erfolgsgeschichte) und der sozialen Selbsthilfe (ein Schattendasein) aus. Er problematisiert diese Einteilung der gemeinschaftlichen Selbsthilfe, insofern sich gesundheitsbezogene Gruppen auch sozialen Problemen widmen und sozial ausgerichtete Gruppen auch gesundheitlichen Fragen. Beide Selbsthilfeformen eint die ganzheitliche Ausrichtung: das „Soziale“. Wie kann nun eine gesundheitliche Engführung der gemeinschaftlichen Selbsthilfe überwunden werden? Wie kann das Spektrum von Kooperationspartnern und Förderern entsprechend der ganzheitlichen Orientierung der gemeinschaftlichen Selbsthilfe erweitert werden? Die derzeitige insbesondere finanzielle Besserstellung der Gesundheitsselbsthilfe führt zu einer nicht gerechtfertigten Schwerpunktbildung und schwächt die soziale Selbsthilfe und das „Soziale“ der Selbsthilfe. Der in der sozialen Arbeit von Thiele festgestellte besondere Bedarf, für die Förderung der Selbsthilfe zu qualifizieren und die dafür notwendigen Kompetenzen zu vermitteln, sollte jedenfalls die ganzheitliche Ausrichtung der Selbsthilfe zur Grundlage haben.

Für Thomas Olk ist die „Unterstützung und Beförderung von Selbsthilfe“ eine zentraler Bestandteil einer umfassenden Engagementstrategie. Er weist mit Nachdruck darauf hin, dass für die Infrastruktureinrichtungen der Engagementförderung – Selbsthilfekontaktstellen, Seniorenbüros und Freiwilligenagenturen – keine verlässliche Regelfinanzierung existiert und deshalb von einer prekären Institutionalisierung gesprochen werden muss.

Mit dem Thema „Selbsthilfe und Bürgerschaftliches Engagement“ setzt sich der Beitrag von Martina Wegner auseinander. Sie fragt nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden beider Begriffe und kommt zu dem Ergebnis, dass zwar beide unabhängig voneinander existieren können, aber es doch schade wäre, wenn sie auf die besonderen gegenseitigen Kooperationsvorteile verzichten würden.

Wie sich Selbsthilfefreundlichkeit im Krankenhaus, in der ärztlichen Praxis und im Öffentlichen Gesundheitsdienst zeigen kann, zeigt die Arbeit von Alf Trojan und Stefan Nickel mit dem Titel „Selbsthilfefreundlichkeit als Schlüsselkonzept für Partizipation und patientenorientierte Qualitätsverbesserung im Gesundheitswesen“. Da wesentliche Qualitätskriterien für Krankenhaus und Praxis genannt werden, ist der Beitrag sehr informativ.

Einen Überblick über Selbsthilfe und andere Formen des bürgerschaftlichen Engagements in München gibt die letzte Expertise von Angelika Simeth „Lebendiges Stadtviertel“. In einem Bürgerschaftlichen Engagement und in der Selbsthilfe sieht sie nicht nur Bausteine gesellschaftlicher Integration und einer solidarischen Stadtgesellschaft, sondern auch sinnvolle Ergänzungen zum professionellen System der Sozialen Arbeit.

Mit Feldbeobachtungen ist der dritte Teil unseres Buches überschrieben.

Der Beitrag von Gabriela Zink, Alexander Luthner, Sarah Pietrasch, Matthias Schmid und Manuela Ziegler lautet: „Von Professionellen und freiwillig Engagierten: Feldbeobachtungen zu den Kompetenzen in Bunten Teams“. Sie haben Bunte Teams – das sind freiwillig Engagierte, Honorarkräfte und professionelle Fachkräfte, die partnerschaftlich zusammen arbeiten – in einem Familientreff und in einem Nachbarschaftstreff beobachtet und nach den Kompetenzen geforscht, die ein Teammitglied bei dieser auf Beteiligung und Aktivierung der Nutzer zielenden Arbeit haben sollte. Offenheit, Flexibilität, Sensibilität und Empathiefähigkeit, Reflexionsfähigkeit sind die erforderlichen Basisqualifikationen, hinzukommen Kommunikationsfähigkeit, Wertschätzung, Planung und Organisation, Fachwissen, Methodenkompetenz und analytische Fähigkeiten als spezifische Kompetenzen. Gleichzeitig sollten aber auch die Rahmenbedingungen beachtet werden, da sie sich auf die Arbeit entscheiden auswirken: Lage und Ausstattung der Einrichtung, Zusammensetzung der Klientel, Vorgaben des Einrichtungsträgers, Zusammensetzung und Qualifikation des Teams etc.

Die Ergebnisse und Empfehlungen zu den Bedingungen gelingender Selbsthilfeförderung aus dem Münchener Modellprojekt stellen die Herausgeber in ihrem Beitrag „Soziale Selbsthilfe – Soziale Arbeit und Selbsthilfe“ vor: Was die Kompetenzen für die Entwicklung der Sozialen Selbsthilfe auf Seiten der Professionellen angeht, so ist ein „Ressourcenblick“ die wichtigste Kompetenz der Fachkräfte im Umgang mit freiwillig Engagierten. Aber auch auf der anderen Seite gibt es Anforderungen. Die freiwillig Engagierten müssen zunächst einmal über zeitliche und materielle Ressourcen verfügen, um überhaupt an selbstorganisierten Aktivitäten teilnehmen zu können. Sie müssen darüber hinaus Informationen über potentielle Anlaufstellen haben, und sie müssen sich auch in Gruppen angemessen bewegen können. Es gehört auch zu den Voraussetzungen und Kompetenzen, die eigenen Probleme zu kennen und darüber sprechen zu können. Niedrigschwellige und offene Angebote, Wertschätzung und Anerkennung der Arbeit von freiwillig Engagierten, gutes Konfliktmanagement, Beziehungsaufbau und gruppenpädagogische Kenntnisse, frei zugängliche Räume sind methodische Bausteine gelingender Förderung der Sozialen Selbsthilfe.

Der Band schließt mit Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Selbsthilfeförderung, die von Eva Kreling, Burkhard Hill, Erich Eisenstecken und Klaus Grothe-Bortlik formuliert wurden: „Beförderung von Selbsthilfeaktivitäten in Einrichtungen der sozialen Versorgung“. Soziale Einrichtungen, die Selbsthilfe einbinden, erhöhen die Bindung an die Einrichtung, erweitern ihr Leistungsspektrum, stärken die Eigenverantwortung der Nutzer und können sich auf die Kernaufgaben konzentrieren. Eine vermittelnde Rolle für die Entwicklung der Sozialen Selbsthilfe in den Einrichtungen und Diensten können die Selbsthilfekontaktstellen einnehmen. Bereitstellung von Informationsmaterialien, Veranstaltungen, Projekte zum Aufbau neuer Gruppen, Aufbau eines Raumpools, Broschüren und Infobörsen oder Selbsthilfetage etc. sind einige der für eine Zusammenarbeit bereitstehenden Dienstleistungen der Kontaktstelle.

Diskussion

Für den Leser wäre es hilfreich gewesen, wenn die Herausgeber die Projektergebnisse stärker herausgearbeitet hätten. Ein guter Leitfaden dafür hätten die fünf Themenbereiche sein können, die sie in der Einleitung selbst benennen. So bleibt es dem Leser überlassen, die in den einzelnen Beiträgen enthaltenen Ergebnisse aufzuspüren, auszuwerten und zu gewichten. Auch gibt es in den Beiträgen zahlreiche thematische Überschneidungen. Kurz gesagt: Eine redaktionelle Bearbeitung hätte dem Text gutgetan. Gleichwohl sind die Beiträge – jeder für sich betrachtet – lesenswert und anregend. Wenn gerade die Soziale Selbsthilfe Untersuchungsgegenstand ist, sollte man sich doch auch darum bemühen, sie selbst zu Worte kommen zu lassen. Dies ist umso notwendiger, als die Selbsthilfe ja nicht auf ein Objekt der Sozialarbeit reduziert werden soll. Natürlich ist so etwas schwer umzusetzen!

Fazit

Selbsthilfe muss immer wieder neu vermessen werden, da sich die sozialen Wirklichkeiten fortlaufend ändern und damit auch die Anlässe und Gründe für Selbsthilfeaktivitäten. Es gibt keinen Stillstand, wie auch diese Publikation uns eindringlich demonstriert. Gleichzeitig macht sie auch sichtbar, wie immens groß das Potential für die Förderung der Sozialen Selbsthilfe ist, wenn nur alle sozialen Einrichtungen und Dienste offene Strukturen schaffen würden und damit den Weg zur gleichberechtigten Zusammenarbeit mit den interessierten und engagierten Bürgern eröffneten.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 27.11.2013 zu: Burkhard Hill, Eva Kreling, Cornelia Hönigschmid, Gabriela Zink (Hrsg.): Selbsthilfe und Soziale Arbeit. Das Feld neu vermessen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2831-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14425.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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