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Martina Richter: Die Sichtbarmachung des Familialen

Rezensiert von Prof. Dr. Matthias Müller, 21.10.2013

Cover Martina Richter: Die Sichtbarmachung des Familialen ISBN 978-3-7799-1295-8

Martina Richter:Die Sichtbarmachung des Familialen. Gesprächspraktiken in der Sozialpädagogischen Familienhilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 308 Seiten. ISBN 978-3-7799-1295-8. D: 36,95 EUR, A: 38,00 EUR.
Reihe: Edition Soziale Arbeit.

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Thema

Martina Richter fokussiert in ihrer Publikation die Gesprächspraktiken in der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH). Sie bezieht sich dabei auf die Gespräche, die Helfer_innen in den Familien führen und untersucht diese konversationsanalytisch. Das ist insofern interessant, weil es relativ wenige Untersuchungen zu den direkten Interaktionsabläufen zwischen Fachkraft und Familienmitgliedern gibt. Das ist einerseits ein wenig verwunderlich, weil natürlich genau in diesen Prozessen die Hilfe kreiert wird und andererseits nicht so sehr überraschend, weil es eben eher schwer ist, sich dem Forschungsgegenstand – in den Wohnungen der Nutzer_innen – zu nähern. Dieser Forschungslücke widmet sich die Autorin.

Autorin

Martina Richter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Vechta (Institut für Soziale Arbeit, Bildungs- und Sportwissenschaften) und vertritt zurzeit die Professur Sozialpädagogik an der Universität Kassel (Fachbereich Humanwissenschaften, Institut für Sozialwesen).

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch wurde im Jahr 2011 als Dissertationsschrift unter dem Titel „Die Sichtbarmachung des Familialen. Gesprächspraktiken in der Sozialpädagogischen Familienhilfe“ an der Universität Bielefeld (Fakultät für Erziehungswissenschaften) angenommen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in 5 Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Die sozialpädagogische Konstitution von Familie im Wohlfahrtsstaat
  3. Empirische Zugänge zu alltäglichen und institutionellen Gesprächstechniken in der Sozialen Arbeit. Methodologische und methodische Vergewisserungen
  4. Rekonstruktive Analysen von Gesprächspraktiken in der Sozialpädagogischen Familienhilfe
  5. Die Sichtbarmachung des Familialen – Reflexion und Theoretisierungen der empirischen Forschungsbefunde

Inhalt

Einleitend (1.) erläutert Martina Richter, dass es eine weitestgehend forscherisch ungeklärte Frage ist, wie sich Familie in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe in den Gesprächspraktiken von Familien und Fachkräften konstituiert (10).

Im 2. Kapitel (Die sozialpädagogische Konstitution von Familie im Wohlfahrtsstaat) arbeitet die Autorin die De- und Re-Familialisierung der Jugendhilfe heraus (13). Dabei macht sie deutlich, dass im Prozess der De-Familialisierung die Sicherstellung der elterlichen Erziehungsfähigkeit von außen primär durch die Jugendhilfe unterstützt wird. Bei der Re-Familialisierung geht es darum, dass insbesondere mit der Kinder- und Jugendhilfe ein eigener institutioneller Apparat etabliert ist, der eine eigene Erziehungs- und Sozialisationsfunktion inne hat und von familienersetzenden oder familienergänzenden Charakter ist. Die Kinder- und Jugendhilfe ist zentraler Bestandteil und Akteur dieser zwei Tendenzen, die wiederum gesamtgesellschaftlich immer wieder neu auszutarieren sind. Die SPFH steht als Hilfeform der Kinder- und Jugendhilfe zwischen diesen beiden Entwicklungstendenzen (27). Darüber hinaus wird im 2. Kapitel die SPFH kurz in vier Perspektiven (Kindeswohl und Elternverantwortung, Adressat_innen, Professionalisierung, Forschung) dargestellt (27-47).

Das 3. Kapitel (Empirische Zugänge zu alltäglichen und institutionellen Gesprächstechniken in der Sozialen Arbeit. Methodologische und methodische Vergewisserungen) entfaltet dann recht ausführlich den forscherischen Zugang (48-89). Die Autorin stellt dafür einige grundsätzliche Ideen der ethnomethodologischen Forschung vor und beschreibt dann die in der Arbeit verwendete ethnomethodologische Konversationsanalyse als das Forschungsinstrument der Wahl. Des Weiteren erläutert sie, wie sie zu den drei Familien gekommen ist, deren SPFHs die empirische Grundlage für die Arbeit sind und die sie in den Jahren 2004 und 2005 zwischen vier und zwölf Wochen begleitet hat.

Das 4. Kapitel (Rekonstruktive Analysen von Gesprächspraktiken in der Sozialpädagogischen Familienhilfe) widmet sich drei Gesprächsanalysen, in denen sie Spezifika der von ihr analysierten Gesprächssituationen herausarbeitet (90-260). Davon werden im Folgenden einige beispielhaft dargestellt. So ringen die Beteiligten ständig um die Stabilisierung der an sich fragilen Gesprächssituation, um überhaupt Kooperation in der Hilfe zu ermöglichen. Die Nutzer_innen sind darum bemüht, eine Koalition mit der Helfer_in zu bilden u.a. um ihr eigenes Handeln zu legitimieren. Problemdefinitionen der Helfer_innen werden euphemistisch überdeckt bzw. Instrumente der Helfer_in, die eher ihrer eigenen Legitimation als Professionelle als der Nutzer_in dienen, müssen hinsichtlich dieses Partikularinteresses kommunikativ kaschiert werden. Des Weiteren werden Strategien der Themenetablierung, der gemeinsamen Aushandlung des Arbeitsverhältnisses und die in SPFH-Kommunikation häufig zu erkennende Gleichzeitigkeit von Hilfe und Kontrolle deutlich.

Im 5. Kapitel (Die Sichtbarmachung des Familialen – Reflexion und Theoretisierungen der empirischen Forschungsbefunde) werden die empirischen Befunde dann umfangreich vor dem Hintergrund diskutiert, wie sich die Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe – repräsentiert durch die Fachkräfte in den SPFH-Familien – auf Familie beziehen. Dabei kommt es im Rückgriff auf andere Forschungen zu einer weiteren Verdichtung der Themen, die bereits im vorherigen Kapitel expliziert wurden (261-290) und nicht zuletzt zu einem „Sozialpädagogischen Ausblick“ (290-292). In letzterem hebt Martina Richter die analytische Unterscheidung des „Power in Discourse“ und des „Power behind the Discource“ hervor und macht deutlich, dass die Fachkräfte in der SPFH einen extern begründeten Machtüberhang haben und die Familien nur situativ Machtpositionen einnehmen können. Diese Diskursstruktur zwischen Fachkräften und Nutzer_innen „zeigt sich von grundlegender Relevanz in den SPFH-Gesprächen, bspw. gerade auch für die Prozesse der Gesprächsstrukturierung und Themenetablierung, aber auch mit Blick auf Kontrolle, Aktivierung und Disziplinierung der Eltern bzw. Mütter“ (292).

Diskussion

Ein Verdienst dieses Buches ist, dass sich Martina Richter den Hilfekommunikationen zwischen Helfer_innen und Nutzer_innen zugewandt hat. Einerseits, weil Forschungen mit genau diesem Zugang rar gesät sind und andererseits, weil sich die Hilfe letztlich erst in der Helfer_innen-Nutzer_innen-Interaktion konstituiert. Mehr empirische Klarsicht an diesem Punkt kann sicher helfen, die SPFH weiterzuentwickeln. Insgesamt führt die Arbeit solide in familiensoziologische Themen ein und wendet diese auf die Kinder- und Jugendhilfe an. Hier begründet die Autorin, das Makro-Miko Verhältnis in dem die Kinder- und Jugendhilfe steht und verdeutlicht, dass die Mikrostrukturen wesentlich von den Makrostrukturen determiniert sind. Das führt zur SPFH, die hinsichtlich des Forschungsstandes sehr gut dargestellt, aber leider ohne eine Berücksichtigung der handlungsmethodischen Diskussionen vorgestellt wird. Das verwundert, weil die potentielle Vielfalt der Interaktionsgestaltungsweisen in der SPFH – die ohne Frage zur Verfügung stehen – unbeachtet bleiben. Eine Analyse der handlungsmethodischen Ausrichtung hinsichtlich ihrer Weisen der De- und Re-Familialisierungstendenzen wäre als Vorarbeit der Forschung durchaus sinnvoll gewesen und wäre möglicherweise auch für die Auswahl der zu analysierenden Gespräche von Relevanz. Die Ausführungen zur Ethnomethodologie sind sehr ausführlich, fundiert und führen gut in den Geist der von Martina Richter durchgeführten Forschung ein. Die ethnomethodologischen Konversationsanalysen sind insgesamt sehr aufschlussreich und verdeutlichen wie fragil die Kommunikationen zwischen Fachkräften und Nutzer_innen sind. Darin liegt auch der Nutzen der Arbeit, denn während man sich mitunter in den Gesprächssituationen wiederkennt, bietet die Autorin Erklärungen an, was neben dem Offensichtlichen möglicherweise auch noch verhandelt werden muss. Sie verdeutlicht mit ihrer Analyse die Vielschichtigkeit der SPFH-Praxis. Dieses Potential kann auch die reflexiven Prozesse der Helfer_innen befördern und damit auch die Hilfen an sich verbessern.

Fazit

Insgesamt zeigen die Gesprächsanalysen gut einige Besonderheiten der SPFH auf; sie bieten einen interessanten Einblick in die Praxis und die Kompliziertheit in der SPFH überhaupt tragfähige Hilfearrangements zu bilden. An der Arbeit zeigt sich deutlich, wie dringend notwendig weitere Forschung in der SPFH ist und wie gewinnbringend die Fokussierung der Helfer_innen-Nutzer_innen-Kommunikation ist. Schade ist, dass weder in den Vorarbeiten noch in der Diskussion handlungsmethodische Fragen aufgegriffen werden. Das macht das Buch für Praktiker_innen trotz der interessanten Detailfragen etwas sperrig und nutzt nicht die Chance, die notwendige Professionalisierung in der SPFH weiter voran zu treiben. Alles in allem handelt es sich um einen weiteren und damit wichtigen empirischen Puzzlestein, um sich den verschiedenen Phänomene in der SPFH weiter anzunähern.

Rezension von
Prof. Dr. Matthias Müller
Professor für Pädagogik, Sozialpädagogik, Hilfen zur Erziehung an der Hochschule Neubrandenburg
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Es gibt 4 Rezensionen von Matthias Müller.

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ISSN 2190-9245