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Annette Plankensteiner: Aktivierende Sozialstaatlichkeit und das Praxisfeld der Erziehungshilfen

Cover Annette Plankensteiner: Aktivierende Sozialstaatlichkeit und das Praxisfeld der Erziehungshilfen. Eine qualitative Untersuchung klienteler Subjektivierungsweisen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-2858-4. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Juventa Paperback.
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Thema

Annette Plankensteiner setzt sich mit dem Wandel der Sozialpolitik auseinander und Entwickelt eine gegenstandsbezogene Theorie zur Wirksamkeit aktivierender Sozialarbeit.

Autorin

Annette Plankensteiner, Jahrgang 1965, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Prof. Werner Schneider an der Universität Augsburg. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Theorie und Praxis institutioneller Hilfen im Bereich der Sozialen Arbeit.

Aufbau

Nach einer sehr ausführlichen Einleitung wird in Kapitel 2 als theoretische Grundlage das Forschungskonzept des Dispositivs erläutert. Die Folgen der modernen Sozialstaatlichkeit für das Praxisfeld der Sozialen Arbeit werden aufgezeigt und anhand von Leitfragen in Kapitel 3 beantwortet.

In Kapitel 4 wird die Wirkung der Umwandlung der freien Wohlfahrtspflege in wettbewerbsfähige Unternehmensstrukturen diskutiert. Gegenstand des 5. Kapitels sind die Konzepte aktivierender Sozialer Arbeit. Anhand der „JULE – Studie“ wird in Kapitel 6 erklärt, wie die Angebote der Sozialen Arbeit an die Bedarfslage der Klienten angepasst werden kann. Daran schließt sich Kapitel 7 an mit der Vermittlung entsprechender Analysen um die Wirksamkeit solcher Aktivierung zu eruieren. Folglich werden in Kapitel 8 methodische Vorgehensweisen zur Realisierung präsentiert. Kapitel 9 stellt den Praxisbezug her, indem das vorher Erarbeitete anhand von Fallrekonstruktionen überprüft wird. Kapitel 10 bietet eine Zusammenfassung der zentralen Erkenntnisse.

Inhalt

In der Einleitung beschreibt die Autorin den Wandel der Sozialpolitik hin zu mehr Eigenverantwortung des Bürgers. Staatsaufgaben sind nicht mehr länger Ausgleich von Benachteiligung, sondern Hilfestellung zur Selbstregulation. Das beinhaltet, dass die Jugendhilfe eine Dienstleistung im Sinne einer aktivierenden Sozialarbeit ist. Der Fokus liegt nicht mehr auf dem Eingriff in die Lebenswelt der Klienten, sondern auf dem Individuum im Kontext seiner biographischen Lebenssituation. Der Qualitätsnachweis läuft nicht mehr über den Aufwand der Fachkräfte, sondern über die Wirkung auf der Adressatenebene.

In Kapitel 2 entwickelt Plankensteiner zunächst die theoretischen Grundlagen des Dispositivkonzepts. Diese wird in Zusammenhang mit dem Gouvernementalitätskonzept gesetzt. Dabei bietet sie einen kurzen theoretischen Abriss über dessen Bedeutung. Im Wesentlichen wird in diesem Konzept die Wirkung vor die Ursache gestellt, so dass lineare Kausalitäten vermieden werden und neue Handlungsspielräume eröffnet werden. Der Staat übernimmt die Verantwortung für die Bürger, ein dynamischer zirkulärer Prozess entsteht. Dieser ist laut Foucaults Gouvernementalitätskonzept immer wieder zu analysieren und zu reflektieren. Hieraus entsteht eine Wechselwirkung zwischen Selbst- und Fremdführung. Plankensteiner macht deutlich, dass das Gouvernementalitätskonzept dem Dispositivkonzept zugrunde liegt. Wird dieses Konzept auf Erziehungshilfen bezogen, kann der Sozialarbeiter seinen Handlungsspielraum erweitern, er ist der Disponierende der Klienten, die in diesem Bild das disponierende Subjekt sind. Die Klienten sind sowohl das Ergebnis, als auch der Anlass für soziale Arbeit, gewissermaßen das Aktivierungsdispositiv. Dieser Umstand befähigt sie zur verantwortlichen Mitgestaltung des Prozesses.

Kapitel 3 beginnt mit der Entstehungsgeschichte der modernen Sozialstattlichkeit auf Basis der Pluralisierung und Individualisierung der Gesellschaft. Lebensläufe waren nicht mehr länger alleine durch Herkunft und Stand determiniert, sondern konnten aktiv gestaltet werden. Damit einhergehend veränderte sich auch das Verständnis zwischen Staat und Bürgern. Die Bevölkerung war Instrument der Regierung und somit nicht mehr durch den Staat lediglich reglementierbar. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Sozialstaat. Im Zuge der Industrialisierung entstehende soziale Problemlagen werden zentrale Themen des modernen Sozialstaates. Der Staat hatte die Aufgabe für die soziale Sicherung zu sorgen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Wohlfahrtssektor ausgebaut. Sozialversicherungen werden über das Beschäftigungsverhältnis gewährleistet, um einer Verarmung durch Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Alter vorzubeugen. Immer mehr Institutionen zur Bearbeitung von Problemlagen werden nötig. Durch den demographischen Wandel und finanzielle Mehrbelastungen wegen hoher Arbeitslosigkeit und den damit einhergehenden Belastungen des sozialen Sicherheitssystems gerät der Sozialstaat in eine Krise. Erwerbstätigkeit ist nicht mehr selbstverständlich. Es entstehen neue Arten der Beschäftigungen wie Zeit- oder Leiharbeit. Diese Veränderungen führen dazu, dass der Sozialstaat reformiert werden muss.

Größte Kritik des bestehenden Sozialmodells ist die Überbürokratisierung, mangelnde Effizienz der stattlichen Aktivitäten und eine systematische Verschwendung öffentlicher Mittel. Im Folgenden stellt Plankensteiner die Kritik am Sozialstaat aus neoliberaler Sicht dar. Der Neoliberalismus öffnet den Blick für die Leistungsgerechtigkeit im Vertrauen darauf, dass dem Markt ohne Eingriffe des Staates eine gerechte Verteilung immanent ist. Hieraus resultiert die notwendige Konsequenz, dass jeder individuell Verantwortung für sein wirtschaftliches Handeln übernimmt. Der Staat orientiert sich somit am Markt. Ein Ziel ist die Objektivierung der Wettbewerbsfähigkeit des öffentlichen Sektors. Private Vorsorge tritt an die Stelle staatlicher Versorgung. Öffentliche Ausgaben werden in die Verantwortung der Gesellschaft verlagert. Leistungsvereinbarungen im sozialen Sektor werden denen der ökonomischen Prinzipien angepasst. Damit einhergehend entstehen Diskrepanzen, da personenbezogene Dienstleistungen nicht marktförmig erbracht werden können. Im Zuge der Ökonomisierung werden zunehmend unprofessionelle Akteure eingebunden. War früher der Staat für die Behebung der Problemlagen benachteiligter Bevölkerungsgruppen verantwortlich, so sind die Betroffenen heute selber aktive Gestalter ihrer sozialen Bedingungen.

Da der Umfang der staatlichen Unterstützung dazu führt, dass die Betroffenen eine hohe Anspruchshaltung entwickeln, soll die eigene Verantwortlichkeit mehr fokussiert werden. Sozialstaatliche Institutionen werden zu öffentlichen Dienstleistern. Die Leistungen werden an Bedingungen geknüpft, die den Einzelnen aktivieren sollen. Wer dem nicht nachkommt, muss mit Sanktionen rechnen.

Im Folgenden beschreibt die Autorin die Entstehung der Jugendhilfe, die insbesondere der mangelnden Erziehungsfähigkeit der Arbeiterklasse entgegenwirken sollte. Auch hier muss ein Wechsel hin zu einer Aktivierung stattfinden.

Thema des 4. Kapitels ist die Veränderung der Jugendhilfe, die durch das KJHG eingeläutet wurde. Hier wird festgeschrieben, dass die Jugendhilfe nicht länger eine reine Kontrollinstanz ist, sondern eine Dienstleistung, die der Förderung einer gelungenen Sozialisation dient. Durch die Partizipation der Betroffenen sollte eine Hilfe zur Selbsthilfe initiiert werden. Die Idee der Fürsorgeleistungen tritt in den Hintergrund. Anders als suggeriert unterliegt diese Dienstleistung jedoch auch einem Zwang in dem Moment, wo es um Kindeswohlgefährdung geht. Des Weiteren ist diese Dienstleistung auf die Mitarbeit der Adressaten angewiesen, was bis dahin wenig Berücksichtigung fand.

Durch den neu entstandenen Leistungskatalog aufbauend auf den wesentlichen 3 Hilfeformen stationär, teilstationär und ambulant wird es zunehmend schwieriger, passgenaue Hilfen individuell gestalten zu können. Insbesondere durch die Frage nach einer Qualitätssicherung und der damit verbundenen Wirksamkeit von Jugendhilfe in der Praxis findet derzeit ein Umdenken statt. Das rigide System der drei Säulen beinhaltet eine pauschale Finanzierung, die letzten Endes teurer ist und auf Dauer so wirtschaftlich nicht mehr tragbar. Der Sicherung von Institutionen muss laut Plankensteiner eine Hinwendung zum Individuum vorstehen. Das Budget soll bedarfsorientiert flexibel eingesetzt werden. Durch eine Minimierung der Verwaltungsaufwendungen wird eine deutliche Kostensenkung erwartet.

Gegenstand des 5. Kapitels ist die aus den Ausführungen im vorigen Kapitel logische Veränderung des Selbstverständnisses von Hilfen zur Erziehung. Der Blick wird auf den einzelnen Hilfeempfänger gerichtet mit der Idee durch die Förderung der Selbstorganisation der Betroffenen auch dem Gemeinwohl genüge zu tun. Dabei wird ein höheres Maß an Transparenz für pädagogische Entscheidungsprozesse eingefordert, sowie deren qualitative Überprüfung. Im Weiteren beschreibt die Autorin die Entwicklung der Lebensweltorientierung nach Thiersch und die in den 1980er Jahren entstandene Debatte über die Forderung der Dezentralisierung, die die Entwicklung von veränderten Angeboten der Institutionen, wie beispielsweise die Außenwohngruppen in Gang gebracht hat.

Aktuell werden die Bedingungen der Sozialräume fokussiert mit der Idee sie zu verbessern. Die Gesellschaft hat die Aufgabe, die Lebensbedingungen zu gewährleisten, in denen Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern eigenverantwortlich aufwachsen können. Damit hat das neue Konzept der Sozialraumorientierung einen völlig anderen Fokus. Die Menschen sollen ihre eigene Umwelt lokal gestalten. Das könnte aber zur Folge haben, dass sie im Zuge der Globalisierung als Verlierer dastehen. In diesem Zusammenhang beschreibt Plankensteiner eine Erweiterung des Aufgabenfeldes von Sozialer Arbeit. Nicht nur die Aktivierung der Klienten steht im Mittelpunkt, sondern die Aktivierung von Netzwerkstrukturen, der eine Analyse und eine bedarfsorientierte Modifizierung voransteht.

In Kapitel 6 setzt sich Plankensteiner mit der Notwendigkeit von wissenschaftlicher Forschung zur Wirksamkeit erbrachter Hilfen auseinander. Anfang der 1990er Jahre wurden die Hilfeangebote standardisiert in der Hoffnung auf Kostensenkung. Dabei wurde der Prozess in den Blick genommen, die Qualität der Ergebnisse jedoch vernachlässigt. Eine rein rationale Bewertung ist aus Sicht der Fachleute schon deshalb nicht möglich, weil ein Großteil der erbrachten Leistungen auf Beziehungsarbeit beruht, die sich nur schwer messen lässt. Aktuell steht die Wirksamkeit der erbrachten Hilfeleistungen im Vordergrund. Im Folgenden stellt Plankensteiner exemplarisch die JULE – und die IES – Studie, EVAS, sowie das Bundesmodellprojekt vor, anhand derer die Wirksamkeit sozialpädagogische Konzepte überprüft werden können. Die Autorin kritisiert an der ergebnisorientierten Herangehensweise an soziale Arbeit, dass die gesellschaftliche und damit politische Verantwortung nicht berücksichtigt wird. Des Weiteren merkt sie kritisch an, dass die Wirksamkeit einer Hilfe immer eine subjektive Einschätzung ist, häufig werden weitere Problemlagen erst während des Hilfeprozesses sichtbar, weshalb sie zu dem Schluss kommt, dass wirkungsorientierte Forschung sehr differenziert sein muss. Aufgrund der komplexen Zusammenhänge der einzelnen Hilfeprozesse können keine allgemeingültigen aussagen getroffen werden. Deshalb setzt sich Plankensteiner für eine am Subjekt orientierte Forschungsperspektive ein. Damit rücken die Adressaten in den Mittelpunkt, es gilt aus ihrer Sicht zu eruieren, was wirksam ist.

Hierzu führt die Autorin in Kapitel 7 eine Forschungsarbeit an, die das Ziel der Realisierung bedarfsorientierter Hilfen verfolgt gepaart mit einer Kostensenkung. In diesem Rahmen werden die Hilfen passgenau auf die Klientel abgestimmt. Sie orientiert sich nicht mehr an vorgegebenen Zeit- und Rahmenstrukturen, sondern kann durch eine variable Modulgestaltung und zeitnahe Modifizierung an den Hilfeprozess auf den Hilfebedarf eingehen. Für die Fachkräfte bedeutet dies ein hohes Maß an Flexibilität. Für die Adressaten bedeutet das, dass sie sich permanent in einem Prozess befinden und aktiv die Form ihrer Hilfe mitbestimmen. Dabei soll nicht ihre gesamte Lebensgestaltung in Frage gestellt werden, sondern es soll ihnen ermöglicht werden, eigenständig ihr Leben zu gestalten. Demzufolge ist eine Partizipation der Klienten am Hilfeplanverfahren unabdingbar. Sie sind nicht länger das Produkt der Hilfe, über das geredet wird, sondern werden aktiv in den Hilfeprozess eingebunden. Der Hilfeempfänger wird vom Objekt zum Subjekt. Aufgabe der Fachkräfte ist es nun, die Adressaten dazu zu befähigen, das zu erreichende Ziel der eigenverantwortlichen Lebensführung erreichen zu wollen.

In Kapitel 8 stellt Plankensteiner dann folgerichtig die Klienten als Subjekte in den Fokus der Forschungsarbeit. Ihre Wahrnehmung der gegebenen Umstände und ihre Handlungsmöglichkeiten sollen im Mittelpunkt der Forschungsperspektive stehen. Dabei gilt zu beachten, dass jeder seine eigene Wirklichkeit nach unterschiedlichen Maßstäben konstruiert. Das, was beim Subjekt sinnhaft erscheint, wird in die Wirklichkeitskonstruktion mit einbezogen. Es wird also nicht die objektive Wirklichkeit, die es so gar nicht geben kann, analysiert, sondern vielmehr das, was durch gesellschaftliche Entwicklung entstanden subjektiv wahrgenommen wird. Diese Wirklichkeitskonstruktion befindet sich in einem permanenten Prozess. Auf diesem Hintergrund beschreibt die Autorin im Folgenden anhand einer explorativ angelegten Studie eine Möglichkeit der Datenerhebung. In bestimmten Abständen werden sowohl die Fachleute, als auch die Klienten interviewt. Der Sozialpädagoge soll nicht mehr länger die Adressaten einer festgelegten Angebotspalette zuordnen, sondern die Angebote bedarfsgerecht auf den Hilfeempfänger modifizieren. Mit Hilfe der Grounded Theory (Strauss 1994) werden die Daten ausgewertet. Gegenstand dieser Datenanalyse ist ein soziales Phänomen aus dem Verstehen heraus erklären zu können. Anhand dieser Analyse könnte eine Theorie entwickelt werden, die die Handlungsfähigkeiten der Fachleute als auch der Adressaten erweitert, indem sie die Bedingungen für die Hilfeprozesse bedarfsgerecht optimiert. Plankensteiner kritisiert, dass bei dieser Forschungsmethode die Interaktionsebene zwischen den verschiedenen Akteuren keine Berücksichtigung findet. Des Weiteren stellen sich im Ergebnis deutliche Unterschiede zwischen den Zielvorstellungen von Fachleuten und Klienten heraus, auf die nicht näher eingegangen wurde.

Anhand von Fallrekonstruktionen veranschaulicht Plankensteiner in Kapitel 9 die Möglichkeiten des Aktivierungsangebots. Sie setzt sich mit vier typischen Selbstdarstellungsweisen auseinander und baut mittels dieser Wirklichkeitskonstruktionen eine Brücke zum Verstehen der subjektiven Sinnhaftigkeit des sozialen Handelns und der sozialen Wirklichkeit der Klienten. Nur über dieses Verstehen kann eine Mitwirkung am Hilfeprozess und damit letztlich die Aktivierung der Übernahme von Elternverantwortung gelingen.

Die Autorin macht deutlich, dass wenn dieser Prozess der Verantwortungsübernahme nicht gelingt, die Sicherung des Kindeswohls durch dauerhafte Kontrolle gewährleistet werden muss und es hier auch keinen Spielraum geben kann.

Als Selbstdarstellungsweisen der Klienten beschreibt Plankensteiner im Wesentlichen vier Typen. Diese belegt und analysiert sie mit Hilfe von Interviews sehr ausführlich.

  1. Das emanzipierte Selbst ist gekennzeichnet durch eine hohe Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme im Hilfeprozess.
  2. Das fordernde Selbst lässt sich daran erkennen, dass Eltern dieses Typs die Verantwortung während des Hilfeprozesses an die Fachkraft abgeben wollen.
  3. Beim ermächtigenden Selbst handelt es sich um Eltern, denen eine Notwendigkeit zur Veränderung gar nicht bewusst ist, dieser Kliententyp wird durch staatliche Eingriffe erst mit der Elternverantwortung und deren Bedeutung konfrontiert.
  4. Und schließlich das hilflose Selbst, welches zwar ähnlich wie das emanzipierte Selbst durch die Übernahme von Handlungsverantwortung charakterisiert werden kann, jedoch erleben Eltern dieses Typs sich selbst als unbeteiligte am Hilfeprozess und fühlen sich ausgeliefert.

Aufgabe der Fachkräfte ist es, die Eltern wieder zu befähigen, Eigenverantwortlich im Sinne des Kindeswohls zu handeln. Dabei ist entscheidend für die Herangehensweise die jeweiligen Interpretationen des Hilfeerlebens in den Fokus zu nehmen, um das Angebot entsprechend modifizieren zu können.

Kapitel 10 fasst die im vorangegangenen Buch ausführlich beschriebenen Prozesse nochmal zusammen und beschreibt den Weg fort von einer rein versorgenden Hilfe zur Erziehung hin zu einer aktivierenden. Die Adressaten partizipieren am Prozess und werden befähigt, Verantwortung zu übernehmen. Ein Paradigmenwechsel hin zu einem Hilfeverständnis, das sich an den Wirklichkeitskonstruktionen der Klienten orientiert muss stattfinden. Das beinhaltet eine deutliche Ausdifferenzierung der Hilfeangebote. Die Aufgabe des Staates ist es, die Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Familien eine gelungene Alltagsgestaltung ermöglichen. Aufgabe der Fachkräfte ist es, die Lebensräume der Klienten zu akzeptieren und ihnen neue Möglichkeiten und Räume zu schaffen, eigene Handlungsfähigkeit zu erleben. Das impliziert, dass die Hilfeangebote sich nicht nur lediglich auf die Problemlagen beschränken, vielmehr gilt es auch die alltagspraktischen Ressourcen in den Blick zu nehmen, die nicht unmittelbar mit der Erziehungsfähigkeit der Eltern in Verbindung stehen und sie nutzbar zu machen, um die Handlungsfähigkeit zu erweitern. In diesem Sinne wird zur Sicherung des Kindeswohls auch als eine Voraussetzung die Zufriedenheit der Eltern thematisiert.

Plankensteiner sieht diesen Prozess als eine Irritation des bestehenden Sozialstaates. Eine eindeutige Unterscheidung der Hilfeangebote kann nicht mehr getroffen werden. Soziale Arbeit mischt sich in alle Lebensbereiche ein, wenn es der Aktivierung von Handlungsverantwortung dient. Bisher bestehende Grenzen verlieren ihre Gültigkeit, eine Kategorisierung wird unmöglich. Hier stellt die Autorin die Verbindung zur Theorie „reflexiver Modernisierung“ her. Aus ihrer Sicht ist der Perspektivwechsel in der Landschaft sozialer Arbeit dem allgemeinen gesellschaftlichen Strukturwandel geschuldet. Es gibt nicht mehr die eine Vorstellung von normal und abweichend. Vielmehr existieren verschiedene Vorstellungen nebeneinander. Fachkräfte sind gefordert, ihre Hilfeangebote flexibel zu gestalten und immer wieder zu hinterfragen. Sie agieren als Unternehmer, die permanent ihr Leistungsangebot optimieren und somit auch Einfluss auf Organisationen und Institutionen haben. Plankensteiner beschreibt den aktivierenden Sozialstaat in diesem Zusammenhang als eine Leistungsaktivierung auf allen Ebenen.

Diskussion

In ihrem Buch beschreibt Plankensteiner sehr ausführlich die längst überfällige Notwendigkeit einer veränderten Jugendhilfelandschaft. Dabei veranschaulicht sie ausführlich die gesellschaftliche Veränderung der Postmoderne und entwickelt so stringent eine gegenstandsbezogene Theorie zur Wirksamkeit aktivierender Sozialarbeit. Immer wieder betont sie die Wichtigkeit eines Perspektivwechsels weg von dem früheren Grundgedanken der Sozialen Arbeit als Ausgleich von Benachteiligung hin zur Aktivierung von Handlungsmöglichkeiten in den jeweiligen Lebenswelten der Adressaten. Aufgabe der Fachkräfte ist es dabei, einen Kontext zu schaffen, in dem Eltern aktiviert werden, Verantwortung für ihre Familie übernehmen zu können. Durch die Fokussierung des Subjekts im Hilfeprozess ermöglicht sie eine neue Herangehensweise, die ein Umdenken im gesamten sozialen Sektor mit sich bringt. Vom Staat fordert sie hierzu die Modifizierung der Rahmenbedingungen, angepasst an die Bedürfnislage der Klienten. Eine Lösung zur praktikablen Umgestaltung der Hilfeangebote weg von dem kategorisierenden Dreisäulenmodell bleibt sie schuldig.

Ihre sehr ausführliche und ausdifferenzierte Bearbeitung der verschiedenen Kliententypen, die sie im Folgenden immer wieder beispielhaft anführt, ermöglichen dem Leser in einem doch sehr theorie- und fachwörterlastigen Text den Bezug zur Praxis nicht zu verlieren. Aus systemischer Sicht ist ihr Ansatz des Verstehens der Wirklichkeitskonstruktionen als subjektiv sinnhaft nicht neu. Auch die Idee weg von der linearen Betrachtungsweise hin zur Zirkularität nach dem Kontingenzprinzip ist inzwischen in systemisch orientierten Einrichtungen und Institutionen gängiges Prinzip. Dennoch vermittelt sie durch ihren sehr deutlichen Aufruf an die Gesellschaft zur Selbststeuerung und Selbstoptimierung eine Aufbruchstimmung, die möglicherweise über die Grenzen der Zielgruppen Sozialer Arbeit hinausgeht. Verantwortung für soziale Gefüge und das soziale Miteinander betreffen jeden Menschen, der in einem Sozialstaat lebt. Der Gang zum Jugendamt löst auch heute noch bei den betroffenen Familien das Gefühl aus, versagt zu haben und damit stehen sie nicht alleine da. Auch wenn zumindest in Arbeitsbezügen nicht mehr vom Arbeitsamt, sondern im Sinne der Dienstleistung von der Agentur für Arbeit die Rede ist, haftet solchen Institutionen doch immer ein negativer Beigeschmack an. Wenn ich ein gebrochenes Bein habe, würde jeder von mir erwarten, dass ich professionelle Hilfe – in diesem Fall einem Chirurgen in Anspruch nehme, alles andere wäre unverantwortlich. Besteht nun aus welchen Gründen auch immer eine Schieflage in meiner Familie, die einen Veränderungsbedarf aufzeigt, ist es folglich nur logisch, dass ich auch da professionelle Hilfe in Anspruch nehme. Auch das ist verantwortliches Handeln, wird von der Gesellschaft aber durchaus häufig nicht als solches gewertet. Und genau da liegt meines Erachtens eine zentrale Schwierigkeit. Hilfeempfänger werden nach wie vor als defizitär erlebt. Das Vertrauen in die Fähigkeiten und Ressourcen ist häufig gering. Nur in der wertschätzenden Annahme des Klienten mit Respekt vor seiner Lebensleistung und dem Vertrauen darauf, dass er Veränderungsbereitschaft zeigt, kann die Fachkraft ihm auf Augenhöhe begegnen und letztendlich auch Eigenverantwortlichkeit zutrauen. Grenzen dieser zugewandten Haltung beinhaltet die Kindeswohlgefährdung, die keinen Spielraum zulässt.

Fazit

Hilfe zur Selbsthilfe ist ein gern gebrauchtes Zitat, das in diesem Fall sehr überzeugend mit Inhalt gefüllt wurde. Plankensteiner ist es gelungen durch ihre logische Vorgehensweise sowohl auf politischer, als auch auf fachlicher Ebene Denkprozesse in Gang zu setzen, die eine Modifikation des sozialen Sektors begünstigen können.


Rezensentin
M.Sc. Angelika Alieff-Sliepen
Sozialpädagogin / Sozialarbeiterin Supervisorin (M.Sc.) (DGSv.) Invisio. Praxis für systemische Beratung, Supervision und Coaching, Münster


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Zitiervorschlag
Angelika Alieff-Sliepen. Rezension vom 17.10.2013 zu: Annette Plankensteiner: Aktivierende Sozialstaatlichkeit und das Praxisfeld der Erziehungshilfen. Eine qualitative Untersuchung klienteler Subjektivierungsweisen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2858-4. Reihe: Juventa Paperback. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14428.php, Datum des Zugriffs 19.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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