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Hilarion G. Petzold, Brigitte Schigl u.a.: Supervision auf dem Prüfstand

Cover Hilarion G. Petzold, Brigitte Schigl, Martin Fischer: Supervision auf dem Prüfstand. Wirksamkeit, Forschung, Anwendungsfelder, Innovation. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. 335 Seiten. ISBN 978-3-8100-3790-9. 29,90 EUR.
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Einführung in das Thema

Supervision ist ein Bereich, der sich hoher Nachfrage und Wertschätzung erfreut und nach wie vor expandiert. Zugleich ist dieser Bereich in einem enormen Maße zergliedert zwischen verschiedenen Traditionen, Schulen, Verbänden, Ausbildungsinstituten etc. Die Qualifikationen der als SupervisorInnen Arbeitenden sind so unterschiedlich wie ihre Bildungswege. Lehrbücher und andere Monographien zum Fach füllen manch ein Regalbrett - die meisten mit dem Tenor: Was ist und wie "macht" man Supervision? Was fehlt, ist eine nach wissenschaftlichen Kriterien geführte Untersuchung zu den Wirkungen von Supervision. Eine solche Untersuchung hätte einen dreifachen Effekt: sie würde zum einen eine Evaluation ermöglichen, die über ein diffuses Erheben von "Kundenzufriedenheit" hinausgeht, sie wäre zum anderen eine Argumentationshilfe gegenüber potentiellen Kunden und ermöglichte drittens eine Selbstreflexion supervisorischen Denkens und Handelns, das über Spontanplausibilitäten hinausgeht. Die Autorengruppe setzt genau hier ein Startsignal.

Hintergründe und Autoren

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um das Ergebnis eines Forschungsprojektes des Zentrums für Psychosoziale Medizin an der Donau-Universität Krems. Prof. Dr. Dr. Dr. Hilarion Petzold lehrt Psychologie, Psychomotorik, Supervision und Psychotraumatologie an der Freien Universität Amsterdam sowie an der Donau-Universität Krems. Er ist wissenschaftlicher Leiter des "Diplom-Studienganges Supervision" an der FU und des "Master-Studienganges Supervision" in Krems. Er ist Professor für klinische Psychologie und klinische Philosophie am Institut St. Denis, Paris, und wissenschaftlicher Leiter der "Europäischen Akademie für psychosoziale Gesundheit" Düsseldorf. Er ist fernen approbierter Psychotherapeut, Lehrtherapeut und Lehrsupervisor. Martin Fischer, Psychologe, ist Lehrbeauftragter im Supervisionsstudiengang der FU Amsterdam und Mitarbeiter an der Donau-Universität Krems. Claudia Höfner, Psychologin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universitäten Krems und Wien. Dr. Brigitte Schigl ist Psychologin, Psychotherapeutin und Supervisorin in freier Praxis in Wien und Krems. Diese etwas ausführlichere AutorInnenvorstellung soll zeigen: hier hat ein hochkompetentes AutorInnenteam zueinander gefunden, und entsprechend hohe Erwartungen darf man dem Werk entgegenbringen.

Aufbau und Inhalt

Es handelt sich bei der Arbeit um eine groß angelegte Literaturrecherche zum Themenfeld "Supervision", die das Ziel hat, den Stand des Faches festzustellen und Perspektiven für die weitere Supervisionsforschung aufzuzeigen. Dabei wird die deutsche, österreichische und US-amerikanische Literatur berücksichtigt. Das erste Kapitel bietet eine allgemeine Einführung, das zweite skizziert die Vorgehensweise, das dritte referiert die Ergebnisse der quantitativen Analyse: Welcher Themenbereich taucht wie oft in deutschsprachigen bzw. amerikanischen Publikationen auf? Das Kapitel 4 stellt die Ergebnisse der inhaltlichen Studie dar, und zwar nach einem hilfreichen, immer wiederkehrenden Schema: "Inhaltliche Kurzdarstellung des Themengebietes" (z.B. Coaching, Einzelsupervision, Methoden und Techniken etc.), "Kurze Bewertung des erhobenen Forschungsstandes", "Fragestellungen. die sich für weitere Forschung ergeben" und schließlich "Anregungen für Forschungsdesigns zu diesem Themenkreis. In diesem Kapitel wird das Fach Supervision mit seinen Ausdifferenzierungen gut ausgeleuchtet. Und: wer Anregungen für eigene Forschungsarbeiten in diesem Bereich sucht, der findet hier eine wunderbare Sammlung wirklich spannender Themen!

Das fünfte Kapitel bietet die Schlussfolgerungen aus den Kapiteln 3 und 4 und will "Wegweisung" geben für die weitere Supervisionsforschung. Die längst überfällige Untersuchung der "Wirkung, Wirkfaktoren und Wirkweisen" von Supervisionsprozessen wird hier als Projektskizze vorgelegt - und zwar hinreichend differenziert, um die Arbeit zumindest beginnen zu können. Im Kapitel 5.9 spezifizieren Petzold und Leitner den Projektansatz für den Bereich der Psychotherapieausbildung. Die Zusammenfassung des Kapitels 6 stellt folgende Ergebnisse fest:

  • Effekte von Supervision sind bislang wissenschaftlich nicht belegt.
  • In den USA wird Supervision deutlich umfassender wissenschaftlich erfasst.
  • Es wurden 11 Themengebiete extrahiert, die für die weitere Forschung von Interesse sein werden.
  • Es werden verschiedene Forschungsdesigns entwickelt.

Im siebten Kapitel stellt Petzold "Abschließende Überlegungen zu Hintergrund, Zielsetzung und Konsequenzen der Studie" an. Darin arbeitet er mit einem "Mehrebenenmodell des Supervisionssystems", das das hochkomplexe Feld etwas übersichtlicher macht.

Einer der Schätze, die dieses Buch enthält, ist das Kapitel 8: das Literaturverzeichnis. Es dürfte wohl die Anforderungen an eine sehr gute Bibliographie zum Themenfeld "Supervision" genügen, ist nach Themen sortiert und ohne Frage eine Fundgrube für jeden, der sich wissenschaftlich mit dem Fach befassen möchte.

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Damit ist auch das Publikum schon definiert: als LeserInnen denke ich mir Menschen, die sich wissenschaftlich mit Supervision befassen wollen. Wer am Fach nur unter dem Praxisaspekt interessiert ist, wird es bald zur Seite legen, obwohl es sich um ein gut lesbares Buch handelt - bei Büchern, bei denen H. Petzold in der Autorschaft erscheint, sonst nicht so üblich! Das Buch hat "Hand und Fuß", man möchte sagen: Endlich befasst sich jemand in dieser Weise mit dem Fach, in dem die vorherrschende Literaturform "Praxisberichte" sind!

Da allerdings schließt sich auch meine Anfrage an: die Gültigkeit "nomothetischer", empirischer Forschungsparadigmata wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Es soll nicht bestritten werden, dass die Supervisionstheorie nur gewinnen kann, wenn man sie dem scharfen Wind empirischer Wissenschaft aussetzt. Ich frage mich dennoch, ob das das einzig angemessene Paradigma ist, wenn es um Supervision geht. Möglicherweise ist es ja auch kein Zufall, dass die meisten Aufsätze in den Fachzeitschriften eine eher narrative Form nutzen. Verstehensprozesse lassen sich empirisch nicht vollständig abbilden, sie brauchen die Form einer hermeneutischen Wissenschaft. Und auch die Hermeneutik könnte Wirkungen feststellen: zum Beispiel typische Veränderungen von Diskursen.

Fazit

Es ist Petzold zu danken, dass er sich seit Jahren bemüht, den Dschungel der kontingenten Erfahrungen (und der Kontingenzerfahrungen) im Bereich Supervision zu lichten. Gemeinsam mit den anderen AutorInnen schlägt er hier eine wichtige Schneise, die dem Durchblick dient.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 20.04.2004 zu: Hilarion G. Petzold, Brigitte Schigl, Martin Fischer: Supervision auf dem Prüfstand. Wirksamkeit, Forschung, Anwendungsfelder, Innovation. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. ISBN 978-3-8100-3790-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1443.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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