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Richard Blonna: Effektiver coachen mit ACT

Cover Richard Blonna: Effektiver coachen mit ACT. Psychologisches Handwerkszeug für Coaches. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2013. 160 Seiten. ISBN 978-3-87387-840-2. 17,90 EUR.
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Thema und Hintergrund

Keine Form des Coachings kommt ohne eine Fundierung in therapeutischen Grundkonzepten aus. Coaching ist eine Form psychosozialer Beratung. Als solche erfordert sie ebenso psychologische Kenntnisse wie sozialwissenschaftliche. Es ist also kein Zufall, dass sich in der Coachingliteratur immer auch psychotherapeutische Konzepte widerspiegeln – eines der jüngsten Beispiele ist Björn Migges Buch „Schema-Coaching“, das hier ebenfalls rezensiert wurde. Jetzt hat der Junfermann-Verlag die deutsche Version eines im Jahr 2010 in Amerika erschienenen Buches herausgebracht, das auf dem Konzept der ACT (Acceptance und Commitment Therapie) beruht. ACT ist eine Form der Kognitiven Verhaltenstherapie (vgl. S. 36).

Autor

Richard Blonna ist Hochschullehrer an der William Paterson University in Wayne, USA, und bekommt dort von seinen Studierenden durchweg gute Bewertungen als Professor. (vgl. www.ratemyprofessors.com) Außerdem arbeitet er als Coach und Autor, vor allem mit dem Schwerpunkt Stressmanagement.

Aufbau und Inhalt

Nach Danksagung und Einleitung beginnt das Buch mit dem ersten Kapitel: „ACT-Coaching und Psychotherapie“. Es geht hier um eine grundlegende Abgrenzung von Coaching und Therapie sowie um die Frage, wann es angeraten ist, Klienten an andere Fachleute zu überweisen.

Es folgt ein zweites Kapitel: „Was ist ACT?“ Zunächst werden die einzelnen Teile von „ACT“ erläutert: Akzeptieren, Commitment und Therapie. Es folgen die „theoretischen Grundlagen der ACT“ : die Funktionsweise des Verstandes, Der Bezugsrahmen Vergangenheit sowie die Bedeutung von Wörtern und Sprache. Die folgenden Abschnitte referieren „Die zehn häufigsten Denkfallen“ – und wie man sie entschärft.

Das dritte Kapitel befasst sich mit „Seelischen Sackgassen und wie man sich aus ihnen befreit“. In Sackgassen können Menschen durch ungünstige Selbstkonzepte geraten, aber auch durch die „kognitive Fusion“, mit der Menschen mit dysfunktionalen Anteilen ihres Selbstkonzeptes verschmelzen. Als hilfreich schildert Blonna die „kognitive Defusion“ und „das Selbst als Kontext“ sowie Achtsamkeit und Akzeptieren.

Das vierte Kapitel befasst sich mit Werten. Sie beschreiben das „Große und Ganze“ des Lebens, wie es sein sollte. Zudem sieht Blonna in Werten so etwas wie den „Spiegel der Seele“, weil sie Klienten wirklich „in ihrem Wesen“ darstellen. Es ist eine zentrale Arbeitsform der ACT, Werte zu klären und zu kategorisieren, um so sinn-volle Handlungsoptionen aufzuzeigen.

Das fünfte Kapitel zielt auf Commitment, nämlich auf das Setzen von Zielen und die Verpflichtung zu zielentsprechenden Handlungen. Dabei werden auch die „Schlüsselfaktoren für Inflexibilität“ bedacht, die der Autor beispielsweise in unklaren Wertvorstellungen, veralteten Skripten, kognitiver Fusion, Festhalten an ungünstigen Selbstkonzepten etc. sieht.

Ein sechstes Kapitel will „Klienten helfen, präsent zu sein“. Dabei geht es um Achtsamkeit und Achtsamkeitstraining. Zentral ist gewiss der Satz „Wie der Klient sein Leben erlebt, hängt davon ab, welchen Dingen er seine Aufmerksamkeit schenkt“. (S. 121) Es geht darum, achtsamer zu werden für das Hier und Jetzt, statt einer „fehlgeleiteten Aufmerksamkeit“ zu folgen.

Das siebte Kapitel ist überschreiben mit: „Kontrolle abgeben – Akzeptieren und Bereitschaft erhöhen“. Klienten wenden viel Energie dafür auf, etwas kontrollieren zu wollen, was sie nicht kontrollieren können. Hilfreich ist die Unterscheidung zwischen dem, was Menschen kontrollieren können, und dem, was sie nicht kontrollieren können. Was nicht zu kontrollieren oder zu verändern ist, muss akzeptiert werden.

Kapitel 8 zielt auf den Transfer: „Integrieren Sie ACT in Ihr Coaching“. Im Kontext von „virtueller Therapie“ (also onlinegestützter Beratung) hat Blonna ein dreistufiges Arbeitsmodell entwickelt: Hausaufgaben – gesundheitsförderliche Gewohnheiten entwickeln – Ziele erreichen und ein sinnerfülltes Leben führen. Soweit die Seite der Klienten. Für Coaches hält das Buch im Anhang einiges Material bereit, das als hilfreiche Unterstützung bei der Integration von ACT in die eigene Coachingarbeit gedacht sind.

Zwei Anhänge, ein Literaturverzeichnis und ein Index beschließen den Band.

Diskussion

Ich sage es vorweg: Ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen, jedenfalls nicht in einer rezensionsredlichen Weise. Nach etwa einem Drittel war mir mehr als deutlich, dass sich die Haltung, die das Buch (und damit auch sein Autor) zeigt, nicht mit meiner verträgt. Damit betone ich ausdrücklich die Subjektivität meiner Einschätzung, ich werde also nicht mit der gebotenen Objektivität (worin immer die bestehen mag) urteilen können. Das aber will ich immerhin begründen und belegen.

Dass einmal mehr ein schickes Verkaufslabel („ACT“) mit Coaching verbunden wird, irritiert mich nicht mehr, das ist häufig genug der Fall. Aber bis zur Seite 73, die ich als letzte intensiv gelesen habe, ist der Rand voller Bleistiftfragezeichen. Das letzte Fragezeichen steht an folgendem Satz: „Bei Werten dreht es sich häufig um moralische oder ethische Fragen, was aber nicht zwangsläufig der Fall sein muss. Obgleich Gedanken oder ein Glaube zum Teil bewiesen werden können, existieren Werte häufig unabhängig von empirischen Belegen. Folglich sind Werteaussagen oft verurteilend und bewertend.“ Ist das nun schlecht übersetzt oder liest sich das im Original genauso?

Drei Bereiche sind es, in denen mich das Buch mehr als irritiert: der Anspruch, der mit dem Buch verbunden ist und der viel von dem Lehr-/Lernverständnis des Autors erzählt, das Bild, das der Autor von Klienten hat und schließlich das, was er ihnen zumutet. Zunächst der Anspruch: „Ich setze hohe Erwartungen in dieses Buch, da es das einzige ist, das sich an ausgebildete Coaches richtet und die Prinzipien und Methoden der Acceptance und Commitment Therapie (ACT) mit dem Coaching verbindet. Ich bin mir sicher (sic!), dass Sie nach der Lektüre erkennen werden, warum ACT und Coaching so gut zusammenpassen.“ Diesen Satz kann ich mühelos falsifizieren… Und überhaupt herrscht die Idee vor, der Autor könne auch Klienten etwas „lehren“, ihnen etwas „beibringen“ etc. Klar, wer hier Lösungen braucht und wer sie hat. Ein interessantes Selbstbild und ein nicht minder interessantes Bild von Klienten und von Lehr-/Lernprozessen, zumal auch betont wird, die Klienten seien für die Lösungen zuständig. Das geht aber eben nicht zuletzt deshalb schief, denn „Klienten verwechseln ihre Gedanken zu einem Ereignis häufig mit der tatsächlichen Erfahrung“. (S. 20) (Auf die nähere Beschreibung dieses Unterschieds wäre ich gespannt.) Einen weiteren Beitrag leistet etwa der Satz: „ACT lehrt diese Menschen, verwirrende Schmerzen und Leiden nicht mit echten Hindernissen, die ihre Aufmerksamkeit verdienen, zu verwechseln.“ (S. 35)

Das leitet über zu der zweiten Perspektive: dem Bild, das der Autor von Klienten hat. Der „psychisch inflexible Klient“, der freilich nur Coaching- und keinen Therapiebedarf hat, wird folgendermaßen beschrieben: „Ihnen ist bestimmt schon aufgefallen, das viele Ihrer hocherfolgreichen Coachingklienten ein wenig nervös, gestresst, eindimensional, unnachgiebig, aggressiv und kompromisslos sind.“ (S. 27) Bis da eine wertschätzende Coachingbeziehung entstehen kann, braucht es gewiss viel Arbeit! Klienten sind festgefahren, in der Vergangenheit fixiert, mit einem starren Selbstkonzept unterwegs etc., gleichzeitig wird aber betont, dass es sich dabei nicht um psychisch erkrankte Menschen handelt, da man keine Diagnose nach DSM-IV stellen kann. Das ist jedenfalls keine sonderlich ressourcenorientierte Sicht auf Klienten. So ist es auch nur eine graduell stärkere Irritation, wenn über Menschen mit Maschinenterminologie geschrieben wird: „Das Gehirn ist eine Nonstop-Denkmaschine“ (S. 37), „Genauso wie ein Virus Ihren Computer angreift und lahmlegt, können unlogische Gedanken (!) und negative Selbstgespräche dieProgramme Ihres Verstandes überfallen, ihre Rechenleistung mindern und sie lahmlegen.“ (S. 38) Verräterische Metaphorik… Und dann ist da auch noch der Exkurs zum Thema „Überweisungen“. Auch der zeichnet nicht das Bild eines mündigen Klienten: „Diese Schritte müssen Sie unternehmen (!), um eine Überweisung auszustellen: … Sollte der Klient nicht gleich einen Termin vereinbaren wollen, müssen Sie ihn durch Rollenspiele darauf vorbereiten, zu einem späteren Zeitpunkt Kontakt aufzunehmen. … Sie sollten wie folgt mit Ihrem Klienten in Kontakt bleiben: … Machen Sie Ihrem Klienten klar, was Sie von ihm erwarten: Er soll diese Sache zu Ende durchführen und einen Termin bei seinem neuen Therapeuten machen, da dies das Beste für ihn ist. Bitten Sie Ihren Klienten, Sie anzurufen, nachdem er den Termin gemacht hat. Teilen Sie ihren Klienten mit, dass sie ihn anrufen werden, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen, wenn sie nichts von ihm hören.“ (S. 32)

Vielleicht liegt es an diesem Menschenbild, dass der Autor den Klienten entschieden mehr zumutet, als es für mein Verständnis akzeptabel ist. Akzeptieren ist der beste Weg, mit Schmerzen und Leiden umzugehen, der Versuch, sie zu kontrollieren oder zu beseitigen, ist ein Irrweg. Es könnte sein, dass ich den Autor falsch verstanden haben, aber dann kommt diese „Defusionsübung“ „Nehmen Sie die ‚Asthma-Brille‘ ab“. (S. 60f) Da wird empfohlen, Asthma oder andere chronische Krankheiten einfach anzusetzen wie eine dunkle Brille, mit der man ja auch nicht zwangläufig rumlaufen müsse. Die chronische Krankheit zu behalten, ist dann Teil eines „stereotypen persönlichen Skripts“.

Ich habe nicht intensiv suchen müssen, um solche und ähnliche Sätze in diesem Buch zu finden. Ich habe im Gegenteil versucht, es so zu lesen, als könne ich dennoch etwas für meine Arbeit daraus gewinnen – irgendeinen Gewinn gibt es eigentlich fast immer. Bei diesem Buch bin ich ratlos geblieben.

Fazit

Ich habe ein Exemplar dieses Buches zu verschenken …


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 22.01.2014 zu: Richard Blonna: Effektiver coachen mit ACT. Psychologisches Handwerkszeug für Coaches. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2013. ISBN 978-3-87387-840-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14435.php, Datum des Zugriffs 18.07.2019.


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