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Robin Karr-Morse, Meridith S. Wiley: Sich krank fürchten (Kindheitstraumata)

Rezensiert von Dr. Kirsten Oleimeulen, 16.09.2014

Cover Robin Karr-Morse, Meridith S. Wiley: Sich krank fürchten (Kindheitstraumata) ISBN 978-3-87387-890-7

Robin Karr-Morse, Meridith S. Wiley: Sich krank fürchten. Welche Rolle Kindheitstraumata für Erkrankungen im Erwachsenenalter spielen. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2013. 280 Seiten. ISBN 978-3-87387-890-7. 34,90 EUR.
Zusammen mit Mereditz S. Wiley. Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Vorspohl
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Im Auge des Betrachters

Menschen mit Arachnophobie nehmen Bilder einer Spinne früher, länger und damit dominanter wahr als gesunde Probanden. Mannheimer Wissenschaftler führen das Ergebnis auf die emotionale Bedeutung der Spinnen für die Patienten zurück. Dies ist die erste Studie die beweist, dass unterschiedliche Patientengruppen relevante Merkmale der Welt unterschiedlich sehen. Alle Probanden bekommen dieselben Bilder auf die Netzhaut projiziert. Je nachdem welche Bedeutung sie für den Probanden haben, werden sie im Wahrnehmungsapparat jedoch unterschiedlich verarbeitet. Patienten übertreiben nicht, wenn sie davon berichten, wie bedrohlich sie etwas wahrnehmen. Wenn ein Mensch sich vor etwas fürchtet, hinterlässt das bei ihm eine andere Wahrnehmung.

Traumatisierung

Ein seelisches Trauma entsteht unter existenziell bedrohlichen Umständen, in denen wir unbedingt wirksam handeln müssten, jedoch sind wir aus äußeren oder/und psychischen

Gründen dazu nicht in der Lage. In dieser „unterbrochenen Handlung“ bleibt die/der Betroffene seelisch stecken. Durch die traumatische Situation erfahrene eigene Hilflosigkeit und panische Angst kann nicht aufgelöst werden, – sie bleibt als existenzielles Grundgefühl bestehen. Ohne angemessene therapeutische Unterstützung können derartige traumatische Erinnerungen oft auch im späteren Leben kaum überwunden werden.

Autorinnen

Robin Karr-Morse ist Familientherapeutin in eigener Praxis in Portland, Oregon.

Meredith S. Wiley ist State Director of Fight Crime und als solche im Projekt Kids New York involviert. Sie lebt in Albany, New York.

Aufbau und Inhalt

Das Buch „Sich krank fürchten“ von Karr-Morse und Wiley setzt sich aus 10 Kapiteln zusammen:

1. Gespenster im Wandschrank: Wie sich traumatische Erfahrungen körperlich widerspiegeln. Felitti, Anda und ihre Kollegen haben festgehalten, dass belastende Erfahrungen in Kindern starke Emotionen wecken. Diese Gefühle und die Gehirnchemie, die sie erzeugen, wandeln sich in unsichtbare „Gespenster“, die mit verheerender Wirkung in unserem Körper, unserem physischen Selbst, hausen.

2. Nächtliche Poltergeister: die Biologie von Stress und Trauma. Chronische Stressoren sind wahrscheinlich für zahlreiche Erkrankungen verantwortlich. Als Kind sind wir für chronische negative Emotionen (Angst, Wut, Scham, Schuldgefühle, Verlegenheit, Kummer) besonders anfällig, vor allem wenn wir pränatalem Stress ausgesetzt waren. Menschen, die schon früh Stress erlebt haben, werden mit steigendem Alter immer stressanfälliger.

3. Sich krank fürchten: Wie aus Erfahrung Biologie wird. Als traumainduzierte Erkrankungen definiert Rober Scaer solche Leiden, die auf eine charakteristische Weise die alternierende Aktivität des sympathischen und parasymphatischen Nervensystems widerspiegeln. Die ständige „Alarmbereitschaft“ dieser Systeme kann zu Schwächungen des Herzmuskels, der Arterien und der Venen führen und damit zu zahlreichen Herzerkrankungen und zum Bluthochdruck.

4. Kleine Traumata: pränatale und perinatale Phase. Beaversdorf ist überzeugt, dass die pränatale Umwelt und insbesondere die Stresschemie des mütterlichen Körpers in spezifischen Schwangerschaftsphasen die Gehirnstruktur des Kindes verändern kann – speziell die Struktur des Cerebellums, einer Hirnregion, die bei autistischen Kindern Veränderungen aufweist.

5. Kleine Traumata: Säuglings- und Kleinkinderalter. Eltern üben den größten Einfluss auf das Wohlbefinden ihrer Kinder aus, ungeachtet der Art der Betreuung. Je mehr Stunden Säuglinge in aushäusiger Betreuung verbringen, desto negativer werden die Qualität der Bindung sowie die wechselseitige Feinfühligkeit zwischen Mutter und Kind beeinflusst.

6. Ausweglos: Wenn Eltern ihre Kinder traumatisieren. Dieses Kapitel beschreibt die Folgen die entstehen, wenn Eltern nicht in der Lage sind, früheren und aktuellen Stressoren etwas entgegenzusetzen, oder wenn sie für das Kind unberechenbar sind und weder emotional noch physisch zuverlässig präsent sind. Wir wissen zwar seit langem, das Kinder durch Vernachlässigung und Misshandlung traumatisiert werden können; überraschend aber ist, dass die fehlende emotionale Verfügbarkeit der Mutter tatsächlich schlimmere Folgen haben kann, als eine körperliche Misshandlung.

7. Kein Zufluchtsort: Genetik und Epigenetik. Chromosomen bestehen zu 50 Prozent aus DNA. Die übrigen 50 Prozent bauen sich aus Proteinmolekülen auf, und ebendiese Proteine sind die Träger der epigenetischen Marker und der epigentischen Information. Umweltfaktoren einschließlich unserer Ernährung können über das Epigenom unsere Veranlagung zu Gesundheit beeinflussen. Die Spuren unserer positiven und negativen Erfahrungen bleiben in Form subtiler mikrobiologischer Veränderung der Zellen unseres Selbst erhalten.

8. Sicherheitsnetz und doppelter Boden: zur Biologie der sicheren Bindung. Jeder Mensch erleidet als Kind „kleine Trauma“. Von Grund auf entscheidend für die Auswirkungen eines Traumas ist aber die Frage, wer war bei dem Kind als es passierte und wie tief fühlte das Kind sich mit der entsprechenden Person verbunden. Die Bindungsbeziehung ist das Netz und der doppelte Boden eines Kindes, eingerichtet von der Natur als wichtigster Schutz vor einer Überstrapazierung und Schädigung der HPA-Achse und des autonomen Nervensystems.

9. Zur Ruhe kommen: Therapie und mehr. Dieses Kapitel erläutern die Autorinnen, wie Opfer früher traumatischer Erfahrungen Hilfe und Heilung finden können. Es werden Spieltherapie, systemische Familientherapie, EMDR, Selbstregulationstherapie und sensomotorische Therapie, Brainspotting und EFT vorgestellt.

10. Und die Welt ist doch klein. Um traumatisiert zu werden, müssen wir selber kein Trauma überlebt haben. Es reicht schon, Zeuge geworden zu sein. Trauma und ihre Folgen sind allgegenwärtig. Unser heutiges Verständnis der Konsequenzen, die stressvolle Erfahrungen für das Nervensystem und die HPA-Achse nach sich ziehen, sowie die epigenetischen Entdeckungen und die Ergebnisse der ACE-Studie haben gewaltige Implikationen für unsere tägliches Leben und für die Systeme, die wir entwickeln, um unsere Gesundheit zu schützen. In diesem Kapitel werden die entsprechenden Implikationen kurz angerissen.

Zielgruppe

Das Buch „Sich krank fürchten“ von Robin Karr-Morse und Meredith S. Wiley richtet sich an Laien und Fachpersonal gleicher maßen.

Fazit

Alles was uns emotional widerfährt, findet ein körperliches Echo. Psyche und Leib sind unzertrennbar. Frühkindliche Traumatisierungen bleiben oft unentdeckt und unbehandelt. Sie können deshalb zur Ursache zahlreicher Erkrankungen werden, die allgemein auf Erbanlagen oder auf Konsequenzen des Alterungsprozesses zurückgeführt werden. Dabei sind Kindesmisshandlung und -missbrauch nur die Spitze des Eisberges. Auch zahlreiche allgemein übliche Formen der Betreuung von Säuglingen und Kleinkindern, die überall weit verbreitet sind, können die Psyche traumatisieren.

„Sich krank fürchten“ ist die Geschichte der Zusammenhänge zwischen Angst und Krankheit. Weltweit zeigen medizinische Wissenschaftler, wie es dazu kommt, dass unsere Erfahrungen unsere Biologie beeinträchtigen können. Eine beeindruckende Überblicksdarstellung der wichtigsten Befunde zu diesem Thema, die seines Gleichen sucht.

Rezension von
Dr. Kirsten Oleimeulen
Psychologin – Familienberaterin, akkreditierte Psychologin für Gesundheitspsychologie und Prävention (BDP), systemische Familientherapeutin und Supervisorin, online-Beraterin
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Es gibt 96 Rezensionen von Kirsten Oleimeulen.

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Zitiervorschlag
Kirsten Oleimeulen. Rezension vom 16.09.2014 zu: Robin Karr-Morse, Meridith S. Wiley: Sich krank fürchten. Welche Rolle Kindheitstraumata für Erkrankungen im Erwachsenenalter spielen. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2013. ISBN 978-3-87387-890-7. Zusammen mit Mereditz S. Wiley. Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Vorspohl. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14440.php, Datum des Zugriffs 18.08.2022.


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