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Klaus Hurrelmann, Tanjev Schultz (Hrsg.): Jungen als Bildungsverlierer

Cover Klaus Hurrelmann, Tanjev Schultz (Hrsg.): Jungen als Bildungsverlierer. Brauchen wir eine Männerquote in Kitas und Schulen? Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 316 Seiten. ISBN 978-3-7799-2750-1. 19,95 EUR.

Reihe: Pädagogische Streitschriften.
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Thema und Entstehungshintergrund

Jungen schneiden im internationalen Leistungsvergleich schlechter ab als Mädchen. Zahlen von international vergleichenden Leistungsstudien wie IGLU, PISA und offiziellen Statistiken des Bundesministeriums für Bildung weisen Jungen im Vergleich zu Mädchen als schlechtere Schüler aus und führen zu erschreckenden Medienberichten wie: „Jungen in der Krise“ (Tagesspiegel 24.09.2010, Rubrik Wissen) oder „Jungen in der Krise: An den Rand gedrängt“ (Frankfurter Rundschau 20.03.2009, Rubrik Rhein-Main). Sie führen fer­ner zu Diskussionen, in denen schlechte Schulergebnisse von Jungen mit der Thematik einer Unterrepräsentanz männlicher Lehrkräfte und Erzieher und somit einer system­immanenten geschlechtlichen Benachteiligung von Jungen verbunden werden: „Jungen in der Schule benachteiligt – Frauen im Job“ (Süddeutsche Zeitung 13.03.2009, Nr. 60, S.6).

Ausgehend von der Prämisse, dass die zentralen Aussagen dieser Vergleichsstudien Gültigkeit haben und anwendbar sind, sehen Hurrelmann und Schultz Jungen als die bildungspolitischen und pädagogischen Verlierer: „Ob beim ‚Sitzenbleiben‘ oder dem Schulabbruch: Jungen sind die Problemkinder“ (S. 11) und: „Die Jugendstudien zeigen, dass sich die jungen Männer schwer damit tun, ihre Rolle in der modernen Gesellschaft zu definieren und ein neu gefasstes Verständnis von Männlichkeit aufzubauen“ (S. 14).

In ihrem Sammelband veröffentlichen die Herausgeber Prof. Dr. Klaus Hurrelmann (Senior Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin) und Tanjev Schultz (politischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung) „pädagogische Streitschriften“ (S. 2), die aus unterschiedlichen Perspektiven heraus die Einführung einer Männerquote in Kindertagesstätten und Schulen befürworten oder ablehnen.

Aufbau und Inhalt

In zweiundzwanzig Aufsätzen stellen sich siebenundzwanzig Autoren und Autorinnen der Frage: „Brauchen wir eine Männerquote in Kitas?“ (S. 6). Gegliedert werden diese Auf­sätze in Pro und Contra einer Männerquote aus pädagogischer und soziologischer Per­spektive bzw. Pro und Contra einer Männerquote aus psychologischer und therapeuti­scher Perspektive. Ebenfalls werden in einem weiteren Kapitel: „Irritationen und offene Fragen“ individuelle Meinungen subsumiert, die keinen bestimmten Theorien zuzuordnen sind.

Gegliedert sind die Aufsätze so, dass sie von einer dichotomen Sichtweise in die kon­struktivistische Sichtweise führen. Dabei dient die Trennung in der Gliederung des Buches in pädagogisch-soziologische bzw. psychologisch-therapeutische Theorien nur der Unter­scheidung theoriebezogener Argumentationsweisen im Pro und Contra.

Zu den Vertretern und Vertreterinnen einer dichotomen Sichtweise im pädagogisch-soziologischen Bereich gehören auf der Pro-Männerquoten-Seite Katja Irle, freiberufliche Bildungs- und Wissen­schaftsjournalistin und Autorin der Frankfurter Rundschau mit ihrem Aufsatz: „Die Quote ist ein Gewinn für Jungen und Mädchen“ und Prof. em. Dr. Ulf Preuss-Lausitz, emeri­tierter Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Technischen Universität Berlin, mit seiner Streitschrift: „Der hilflose Umgang mit Jungen in Schule und Pädagogik“. Er ist der Ansicht, und das ist repräsentativ für diese Sichtweise, dass die Forderung nach einem „geschlechtssensiblen Unterricht“ (S. 35), in dem Jungen und Mädchen in ihrer In­dividualität unterstützt werden, die Aufhebung der „sozialen Kategorie Junge (und Mäd­chen) […] zugunsten einer ‚Geschlechtervielfalt‘, die die Individuen sich selbst zuschrei­ben“ bedeute (S. 35). Damit werde das „Rollenselbstbild als Junge“ (S. 35) aufgehoben, was speziell für Kinder mit Migrationshintergrund nachteilig sei. Jungen und Mädchen müssten sich als Jungen und Mädchen definieren, um sich wohlfühlen zu können.

Bei den Autorinnen und Autoren des psychologisch-therapeutischen Bereiches stehen mit einer Position der Zweigeschlechtlichkeit auf der Pro-Männerquoten-Seite Prof. Dr. Frank Dammasch, Professor für Kinder- und Jugendlichenpsychologie an der Fachhochschule Frankfurt: „Ohne Männer können Jungs sich nicht gut entwickeln“ und Dr. Hans Hopf, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut mit seinem Aufsatz: „Mich beunruhigen die unruhigen Jungen“.

Dammasch ist der Auffassung, dass das männliche Geschlecht aufgrund seiner Chro­mosomenausstattung und einer frühen Testosteronausschüttung das empfindlichere Ge­schlecht sei und frühe stabile Bindungserfahrungen in einem verlässlichen familialen Um­feld bräuchte. „Alle Menschen sind von Beginn an potentiell bisexuell, das heißt mit zwei kompletten Anlagen ausgestattet. […] Im Wechselspiel zwischen Körpererfahrungen und affektiven Regulierungserfahrungen mit den primären Bezugspersonen bildet sich die männliche Identität“ (S. 188 f.). Und Hopf führt diese Argumentation weiter: „Fehlt der Va­ter als triangulierendes Objekt, ist der Junge hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, mit der Mutter narzisstisch zu verkleben und sich andererseits zu individuieren; er zappelt gleichsam am Angelhaken und sucht sich gewaltsam zu befreien“ (S. 208). Hopf spricht sich daher für die Einführung von „Public Fathers“, also verantwortlichen und psychisch präsenten öffentlichen Vätern in Institutionen, aus, die die Unruhe, Unaufmerksamkeit und Unbeherrschtheit von Jungen verringern sollen. Nun könnte sich die Leserin oder der Leser fragen: Was ist mit all denjenigen Jungen, die ein „triangulierendes männliches Objekt“ im häuslichen Umfeld haben und dennoch als „auffällig“ gelten? Diese Frage bleibt unberücksichtigt.

Für eine Geschlechtervielfalt setzen sich auf der Pro-Männerquoten-Seite Prof. Dr. Klaus Hurrelmann: „Pädagogische Arbeit braucht gemischte Fachkollegien“, Dr. Christoph Fantini, Lektor für Erziehungswissenschaft an der Universität Bremen: „Pädagogik der Vielfalt? In männerlosen Grundschulen ein Lippenbekenntnis“, Michael Cremers, Ko­ordinator und fachlicher Leiter der Koordinationsstelle ‚Männer in Kitas‘ an der Katho­lischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und Jens Krabel, Koordinator und fachlicher Leiter der Koordinationsstelle ‚Männer in Kitas‘ an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin mit ihrem Aufsatz: „Männer-Quoten in Care-Bereichen“ ein.

Am aussagekräftigsten für diese Positionierung erscheint der Aufsatz von Hurrelmann. Für ihn bildet sich die Persönlichkeit eines Menschen aktiv und dynamisch in einer kon­tinuierlichen Auseinandersetzung mit Körper, Seele, sozialen und physischen Rahmen­bedingungen. Von der Akzeptanz seiner körperlichen Anlagen hänge die Lebensgestal-tung eines Menschen ab. Trotz einer Diversität innerhalb von Geschlechterordnungen gäbe es Dispositionen, die Mädchen befähigen, mit Widrigkeiten kompetenter umzugehen als Jungen. „Aber es handelt sich um Dispositionen und nicht um Determinierungen, und diese Dispositionen lassen erhebliche Variationen durch Eigenaktivitäten zu. […] Weiblich­keit und Männlichkeit werden immer auch individuell hergestellt und inszeniert. […] Dabei spielen Anregungen und Prägungen aus der Umwelt eine wichtige Rolle“ (S. 49). Für Hurrelmann führe ein Fehlen von Rollenträgern dazu, dass Probleme in schwierigen Le­benslagen schwerer bewältigt werden können. Deshalb bräuchten Menschen Impulsgeber beiderlei Geschlechts. Hurrelmann spricht sich für eine Männerquote aus, damit die „Gleichberechtigung der Geschlechter“ (S. 62) innerhalb von zehn Jahren erreicht werden könne.

Allgemeiner gefasst, im Sinne einer Geschlechtergerechtigkeit, ist der Aufsatz von Dr. Jeanne Rubner, Leitende Redakteurin Außenpolitik der Süddeutschen Zeitung gehalten: „Wer für die Frauenquote ist, muss auch die Männerquote befürworten“. Sie spricht davon, dass wissenschaftliche Untersuchungen negative Auswirkungen einer weiblichen Dominanz in Kitas und Schulen nicht belegen und betont, dass Ungleichge­wichte jedweder Art einer Gesellschaft schadeten. Durch solche Ungleichgewichte ent­stünden Geschlechtsstereotypen, die es zu verhindern gelte. Eine Männerquote sei daher notwendig, um Anreize zu schaffen.

Gegen eine Männerquote im Sinne von Geschlechtervielfalt stehen aus pädagogischer-soziologischer Perspektive: Dr. Robert Baar, Diplom-Pädagoge, Pädagogische Hoch­schule Freiburg, Prof. Dr. Thomas Fuhr, Professor am Institut für Erziehungswissen­schaften der Pädagogischen Hochschule Freiburg, Dr. Ruth Michalek, Mitarbeiterin des Instituts für Erziehungswissenschaften der Pädagogischen Hochschule Freiburg und Prof. Dr. Gudrun Schönknecht, Professorin am Institut für Erziehungswissenschaften der Pädagogischen Hochschule Freiburg: „Genderkompetenz statt Quote“, Dr. Heike Diefenbach, Scientific Consultant, Odiham, Großbritannien: „Gegen den kollektivistischen Aktionismus!“, Prof. Dr. Hannelore Faulstich-Wieland, Professorin für Erziehungswis­senschaft, Universität Hamburg: „Quoten sind Machtinstrumente – Erziehung aber braucht Qualität“, Uwe Ihlau, Diplom-Sozialpädagoge, Leitungsteam der Fachstelle Gender NRW: „Eine Männerquote behindert Qualifizierungsprozesse“, Dr. Reinhard Winter, Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts Tübingen: „Qualität statt Quote!“ und Prof. Dr. Elisabeth Tuider, Professorin für Soziologie der Diversität an der Universität Kassel und Dipl. Pol. Mart Busche, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Soziologie der Diversität unter besonderer Berücksichtigung der Dimension Gender an der Universität Kassel: „Queer und/oder Quote“.

Exemplarisch für diese Sichtweise wird hier der Aufsatz von Baar, Fuhr, Michalek und Schönknecht: „Genderkompetenz statt Quote“ herangezogen. „Doing gender“ (S. 120), sei ein sozialkonstruktivistischer Ansatz, der Kinder als aktive Konstrukteure ansehe und somit die dichotome und binäre Sichtweise auf das Geschlecht überwände. Einen Ge­schlechterbezug habe man nicht von Geburt an, ein Mensch werde nicht bewusst weiblich oder männlich geboren. Geschlechtlichkeit werde vom Menschen erst aktiv und unbe­wusst in situativen Interaktionen innerhalb struktureller Rahmenbedingungen konstruiert. So wie die individuell konstruierten Wirklichkeiten unterschiedlich seien, entwickelten sich auch unterschiedlich konstruierte Formen von Geschlecht. Es werde „deutlich, dass Jun­ge-Sein oder Mann-Sein keine naturgegebenen und naturverursachten Schicksale dar­stellen, die mit bestimmten natürlichen, sprich: genetisch, hormonell oder evolutionsbiolo­gisch bedingten Eigenschaften und Handlungsoptionen zwingend einhergehen. Vielmehr wird das Junge-Sein oder Mann-Sein zuerst durch ein Junge-Tun oder Mann-Tun, durch ein ‚doing masculinity‘ konstruiert“ (S. 110). Empirische Studien wiesen darauf hin, dass Jungen in peer groups ihre Männlichkeiten erprobten – auch ohne Einfluss von männli­chen Lehrkräften. Die Resultate von Männlichkeit in diesen aktiven Auseinandersetzun­gen von Jungen innerhalb peer groups seien immer verschieden, „von Gruppe zu Gruppe, auch von Person zu Person und gar von Situation zu Situation“ (S. 112).

Der Diskussion um die Männerquote stünde ein Geschlechterbild zugrunde, in dem Männ­lichkeit der Weiblichkeit konträr gegenübergestellt werde, diese männlichen Rollenbilder trügen hegemoniale Männlichkeitszüge. Nur am Rande würden Rollenmodelle von für­sorglichen und mitfühlenden Männern gefordert. Ihr Fazit mündet in der Forderung: „Pro­fessionalität und Genderkompetenz statt Quote“ (S. 118).

Für die Leserin und den Leser auch erkenntnisreich sind die auf psychologisch-therapeuti­schen Theorien basierende Kontra-Positionen von Prof. Dr. Josef Christian Aigner, Professor für Psychosoziale Arbeit und psychosomatische Pädagogik, Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Innsbruck: „Sag mir, wo die Männer sind – Quoten bringen sie geschwind?“ Prof. Dr. Gisela Steins, Professorin für Allgemeine Psychologie und Sozialpsychologie an der Universität Duisburg-Essen: „Für wen und für was soll eine Männerquote gut sein?“, Dr. Tim Rohrmann, freiberuflicher Bildungsrefe­rent sowie Mitarbeiter der Koordinationsstelle ‚Männer in Kitas‘ an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen, Berlin: „Wo keine Männer sind, da hilft auch keine Quote“ und Prof. Dr. Holger Brandes, Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden, Psychologie und frühkindliche Bildung: „Jungen wie Mädchen profitieren von männlichen Fachkräften – aber kaum von einer Quote.“

Aigner widerspricht Hopf ausdrücklich und hält die Schuld von weiblicher Pädagogik an Jungenproblemen mit der Mutmaßung als aus der Luft gegriffen, „dass das Festhalten an einer derartig abstrusen Position auch als Abwehr einer wirklichen Auseinandersetzung im Sinne der Vermeidung einer „gleichberechtigteren“ Betrachtung von Mädchen- und Jun­genproblemen dienen könnte“ (S. 217). In der frühen Kindheit begänne bereits Jungen­erziehung „aus psychoanalytischer und entwicklungstheoretischer Sicht […] durch die Er­fahrung gelebter Männlichkeiten (im Plural!)“ (S. 226). Auch habe eine Studie von öster­reichischen Kindergartenpädagogen dokumentiert, dass nicht ausschließlich der Einfluss von sozial-engagierten Männervorbildern ihre Berufswahl gefördert hätten, besonders wichtig seien jedoch Mütter und andere bedeutende Frauen gewesen, die eine solche Be­rufsperspektive unterstützt hätten. Dies würde bestätigen, dass „Ermutigung und Bestär­kung durch die Mutter und andere Frauen eine wichtige Voraussetzung für Jungen schafft, sich jenseits performierter Geschlechterrollen zu verhalten“ (S. 226). Ferner käme der So­zialisationsinstanz peer group eine wichtige Bedeutung zu – speziell in der männlichen Pubertät.

Steins ist der Auffassung, dass das biologische Geschlecht nur bedingt Rückschlüsse über das psychologische Geschlecht und das Verständnis der Geschlechtsidentität zu­ließe. Die individuellen Eigenarten von Menschen im Empfinden und Ausdruck ihrer Ge­schlechtsidentität variierten sehr stark. Noch heute würden in Deutschland mit dem biolo­gischen Geschlecht soziale Eigenschaften verknüpft. So hätten Frauen soziale Kompe­tenz und Empathie, Männer jedoch Abenteuerlust, Durchsetzungsvermögen, Rationalität, Maskulinität als hoch bewertetes Ideal. In Bezug auf Sozialisation seien die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Erwachsenenalter eher gering.

Wenn eingangs geschrieben wurde, dass es um mehr als die Quotenregelung und um mehr als die Sichtweise auf Geschlecht und Geschlechtlichkeit – ob dichotomisch oder konstruktivistisch – ginge, worum geht es in den Streitschriften noch? Es geht

  • um eine differenziertere Sichtweise auf Jugendstudien, weil sie zum einen von Jungen als homogener Einheit ausgingen, zum anderen Sachverhalte – wie ihre schulischen Leistungsschwächen – als neu auswiesen, die, laut Baar, Fuhr, Michalek und Schönknecht, bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgt werden könnten.
  • um gesellschaftliche Geschlechterstereotypen. Hier betont Winter, dass sich ge­schlechterspezifische Stereotypen festsetzen, sollten Arbeitsplätze nach dem Körper­geschlecht besetzt werden. Dann würde das „Kriterium „sex“ (Körpergeschlecht) über gender (soziales Geschlecht, Geschlechterqualitäten) gestellt“ werden (S. 170). Jun­gen benötigten möglichst vielfältige männliche Rollenmodelle, um Männlichkeitsideali­sierungen mit der Realtiät überprüfen zu können.
  • um fachliche Kompetenz – Genderkompetenz. Hierzu schreibt Steins: „Die Gender­kompetenz der Lehrenden ist viel wichtiger. Wenn Lehrpersonen in ihrem Unterricht […] durch ihre transportierten Geschlechtsstereotype, geschlechtsbezogene Aufgaben oder unbeabsichtigte geschlechtsstereotype Äußerungen geschlechtsspezifische Stereotype aktivieren, dann ist das zum Nachteil des jeweiligen Geschlechts, für das aufgrund des Stereotyps die negativere Prognose vorliegt“ (S. 241 f.).
  • um das Bildungssystem. Diefenbach stellt hier die Frage, ob das gegebene Bildungs­system den Anforderungen von Leistungsfähigkeit (männlich besetzt) oder der Anpas­sungsfähigkeit (weiblich besetzt) gerecht werde.
  • auch um das Berufsbild des Erziehers / der Erzieherin bzw. des Grundschullehrers / der Grundschullehrerin an sich. Hier müsse eine gesellschaftliche Aufwertung erfolgen, „Quereinstiege“ ermöglicht und der Abbau „männerentwertender Haltungen“ (Aigner, S. 230) erfolgen. „ElementarpädagogInnen müssen jedenfalls ExpertInnen für Kindheit sein, dazu bedarf es einer gediegenen akademischen Ausbildung“ (Aigner, S. 229).

Abschließend sei noch kurz auf das Kapitel „Irritationen und offene Fragen“ des Buches eingegangen. Hier zieht Dr. Christian Oswald, Diplomsoziologe, Vorstandsvorsitzender und Erzieher an einer Frankfurter Kita, eine historische Zusammenfassung unter der Fra­gestellung: „Erzieher – ein Frauenberuf?“ und fragt, ob nicht auch heute noch die früh­kindliche Pädagogik von weiblich unterlegten Geschlechtsstereotypen wie Mütterlichkeit ausginge. Und Prof. em. Walter Hollstein, emeritierter Professor für Soziologie und Gut­achter des Europarates für Geschlechterfragen, fällt durch einen stark polarisierenden Aufsatz auf, in dem er eine Entwertung des Männlichen durch eine feministische Pro­grammatik feststellt. Er sieht einen Zusammenhang zwischen der „Erosion des klassi­schen Männerbildes auf der einen Seite und der dramatischen Zunahme von psychischen Störungen bei ‚Buben‘“ (S. 291). In seiner Argumentationsweise greift Hollstein auf extrem-feministische Literatur zu, um seine Sichtweise zu belegen und schreibt: „So vaterlos die junge Generation heute erzogen wird, so weiblichkeitsüberfrachtet ist sie zugleich. Jungen werden in einem engen Frauenkäfig von Müttern, Omas, Tanten, Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen groß“ (S. 293). Philipp Hein, Student der Internationalen Betriebswirtschaftslehre, Oestrich-Winkel, Vera Neugebauer, Abiturientin in Magdeburg, Bill Schneider, Gymnasiast in Berlin, berichten über ihre Erfahrungen als Schüler und Schülerin und kommen zu jeweils unterschiedlichen Ergebnissen, da sie individuell die Begleitung von männlichen Lehrkräften anders wahrgenommen haben.

Aber in diesem Abschnitt resümiert auch Tanjev Schultz die Streitschriften und formuliert die eigentlich wichtige Schlüsselfrage für die Zukunft: „Möchte ich, dass mein Sohn oder meine Tochter von Erziehern oder Erzieherinnen betreut und gefördert wird, die verinner­licht haben, dass Geschlecht nichts anderes ist als ein Konstrukt? Oder von Erziehern und Erzieherinnen, die beseelt davon sind, dem Kind zu einer ihm oder ihr gemäßen Geschlechtsidentität zu verhelfen und die dabei auch in Begriffen wie Phallus und Ödipus denken? Welcher Ansatz wird sich in den Köpfen der Fachkräfte und in der Praxis des Kindergartens und der Schule durchsetzen?“ (S. 311 f.).

Diskussion

Wenn man den Titel des Buches liest, könnte der Leser oder die Leserin den Eindruck gewinnen, es ginge um einen Wettstreit an Argumentationsketten für und wider eine Quotenregelung für Männer in Kindertagesstätten. Oberflächlich betrachtet ist dies auch der Fall, doch dem Leser und der Leserin wird schnell klar, dass es um mehr als die Be­fürwortung oder Ablehnung einer Männerquote in Kindertagesstätten und Grundschulen geht. In einem sind sich nämlich alle Autoren und Autorinnen einig: Männer sind in Kinder­tageseinrichtungen und Grundschulen sehr erwünscht, es fehle allein an qualifizierten Be­werbern. Und die Entscheidung, für oder gegen eine „harte“ oder „weiche“ Quotenrege­lung zu stimmen, bleibt auch nach der Lektüre Demjenigen oder Derjenigen unbenom­men, der oder die an die Macht von Signalhandlungen glauben mag oder nicht.

Wenn es aber in dem Buch um mehr als um die Frage einer Quotenregelung für Männer in Kindertageseinrichtungen und Schulen geht, worum geht es noch? Zunächst einmal wäre hier die grundsätzliche Sichtweise auf Geschlecht und Geschlechtlichkeit zu nen­nen. Da gibt es zum einen die dichotome, binäre Sichtweise, die von einer natürlichen und unveränderlichen Zweigeschlechtlichkeit von Menschen ausgeht, und entgegengesetzt dazu die konstruktivistische Sichtweise auf Geschlecht und Geschlechterverhältnisse, die als Grundlage von Geschlechtlichkeit biologische Gegebenheiten annehmen, die jedoch durch soziale Unterschiede und erlebten Interaktionen zu einer Geschlechtervielfalt führten.

Fazit

Dieses Buch ist ein lesenswertes Buch, auch wenn die eine oder andere Streitschrift zu emotional geschrieben scheint. Ausgangspunkt des Buches ist eine „einfache“ Frage der Notwendigkeit einer Quotenregelung für Männer in Kindertageseinrichten. Und anhand dieser Fragestellung erklären Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher theoretischer Ansätze und unterschiedlicher Schwerpunkte in voneinander unabhängigen Aufsätzen ihre persönlichen Sichtweisen. Gerichtet ist das Buch an ein „möglichst breites Publikum“ (S. 6). Allerdings sollte aus Sicht der Rezensentin der Leser oder die Leserin bereits über ein fundiertes Wissen verfügen, um nicht der einen oder anderen polarisierenden Argu­mentationsweise zu erliegen. Und der für die Leserin und den Leser wohl wichtigste Denkanstoß, der aus dem Lesen dieses Buches mitgenommen werden kann, ist aus Sicht der Rezensentin die Frage von Tanjev Schultz: „Welcher Ansatz wird sich in den Köpfen der Fachkräfte und in der Praxis des Kindergartens und der Schule durchsetzen?“


Rezension von
Fides Podschun
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Zitiervorschlag
Fides Podschun. Rezension vom 29.11.2012 zu: Klaus Hurrelmann, Tanjev Schultz (Hrsg.): Jungen als Bildungsverlierer. Brauchen wir eine Männerquote in Kitas und Schulen? Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2750-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14442.php, Datum des Zugriffs 27.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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