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Christian Fleischhaker, Barbara Sixt u.a.: DBT-A - dialektisch-behaviorale Therapie für Jugendliche

Cover Christian Fleischhaker, Barbara Sixt, Eberhard Schulz: DBT-A - dialektisch-behaviorale Therapie für Jugendliche. Ein Therapiemanual mit Arbeitsbuch auf CD. Springer (Berlin) 2011. 185 Seiten. ISBN 978-3-642-13007-6. 29,95 EUR, CH: 43,50 sFr.
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Thema

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie, kurz DBT, wurde von der amerikanischen Psychologieprofessorin und Klinikleiterin Marsha M. Linehan entwickelt. Hierbei handelt es sich um die wissenschaftlich erwiesenermaßen effektivste Therapieform zur Behandlung von so genannten Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Die DBT basiert auf einem neurobehavioralen Modell, das eine Störung der Emotionsregulation ins Zentrum rückt. Sie gibt eine dynamisch hierarchisierte Behandlungsstruktur vor, die eine Ausrichtung der jeweiligen Ziele und Interventionen an die häufig wechselnden psychischen realen Bedingungen der Patienten ermöglicht, ohne dabei die Orientierung im therapeutischen Behandlungsprozess zu verlieren. Ähnlich wie die DBT besteht die DBT-A für Jugendliche aus einer Einzeltherapie, regelmäßigen Familiengesprächen, einem Fertigkeitentraining in der Gruppe unter Integration eines nahen Angehörigen, einer Telefonberatung durch den Einzeltherapeuten und einer Supervisionsgruppe. Im Gegensatz zur DBT ist die DBT-A deutlich systemischer orientiert. Die Arbeitsgruppe „Dialektisch-Behaviorale Therapie für Adoleszente (DBT-A)“ am Universitätsklinikum Freiburg beschäftigt sich seit mehr als fünf Jahren mit der Implementierung und Weiterentwicklung der DBT-A im ambulanten und stationären Setting im deutschsprachigen Raum. In der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter der Universität Freiburg wurde die amerikanische Version nach Miller und Rathus der DBT-A übersetzt und an die deutschen Verhältnisse angepasst. Die Autoren erstellten ein deutsches Therapiemanual und evaluierten dies im Rahmen einer Pilotstudie. Fachliche Unterstützung erhielten sie ebenfalls durch Prof. Dr. med. Martin Bohus aus Mannheim und Prof. Dr. Alec Miller aus New York.

Autoren

Prof. Dr. med. Christian Fleischhaker und Prof. Dr. med. Eberhard Schulz sind Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Dr. med. Barbara Sixt ist Fachärztin für Psychiatrie. Alle arbeiten in der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter des Universitätsklinikums Freiburg im Breisgau.

Aufbau und Inhalt

Das Arbeitsbuch unterteilt sich in einen theoretischen und einen praktischen Teil.

Im theoretischen Teil wird die dialektisch-behaviorale Therapie nach Linehan zunächst im Allgemeinen beschrieben. Nach einer Definition von suizidalem und parasuizidalem Verhalten wird die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Detail beschrieben. Anschließend gehen die Autoren auf Komorbiditäten ein und beschreiben den Zusammenhang dieses Störungsbildes mit Suizidalität und dem Umgang hiermit. Danach wird die DBT-A für Jugendliche ausführlich beschrieben. Hier wird insbesondere auf das Zusammenspiel zwischen Einzel- und Gruppentherapie sowie die systemisch wichtige Gruppentherapie im Sinne einer Familien-Fertigkeiten-Trainingsgruppe dargestellt. Nachdem die Autoren die Wirksamkeit dieses Therapieansatzes anhand ihrer Studie belegen, stellen Sie auch andere kognitiv-behaviorale Therapieformen für Suizidalität hervor. Abschließend wird auf häufig auftretende Probleme im Rahmen eines solchen Therapieansatzes eingegangen.

Der praktische Teil umfasst den größten Teil des Buches. Hier werden die fünf Module, die im Rahmen eines DBT-Trainings absolviert werden, ausführlich dargestellt:

  1. Achtsamkeit. Fertigkeiten zur Steigerung der inneren Achtsamkeit haben eine zentrale Bedeutung in der DBT-A. Daher ist dieses Modul auch übergreifend zu verstehen, es wird im Rahmen jeder einzelnen Sitzung erneut bearbeitet.
  2. Stresstoleranz. Im Rahmen des Stresstoleranztrainings lernen die Klienten, mit Stress und unangenehmen Gefühlen besser umzugehen. Hier werden am ehesten Techniken eingeübt, die häufig unter dem Oberbegriff „Skillstraining“ zusammengefasst werden. Diesem Zusammenhang bleibt darauf hinzuweisen, dass es sich bei sämtlichen im Rahmen der DBT erlernten Techniken um Skillstechniken geht. Diese gehen weit über die hier dargestellten Techniken zur Stressregulation hinaus.
  3. Umgang mit Gefühlen (Emotionsregulation). Nachdem es im Modul der Stresstoleranz eher darum geht, im quantitativen Sinne Stress zu reduzieren, geht es hier eher um den qualitativen Umgang mit Gefühlen. Es wird beschrieben, welche Gefühle es gibt und warum diese wichtig sind. Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen neigen zu einem rigorosen Schwarzweißdenken im Zusammenhang mit Emotionen. Hier erlernen sie Gefühle differenziert wahrzunehmen und gezielt zu verändern.
  4. Zwischenmenschliche Fertigkeiten. Aufgrund der bereits zuvor beschriebenen emotionalen Defizite geraten Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen häufig in zwischenmenschliche Konflikte. Da diese erneut emotional destabilisierend auf die betreffende Person wirken können, ergibt sich hieraus nicht selten ein „Teufelskreis“, den es zu durchbrechen gilt. Dieses Modul ist am ehesten im Sinne eines klassischen sozialen Kompetenztrainings aufgebaut.
  5. Walking the Middle Path. Dieses Modul stellt ein zentrales Merkmal der DBT-A dar, da es in der „klassischen“ DBT nicht enthalten ist. Hier werden vor allem zentrale Konfliktfelder im familiären Kontext bearbeitet. Die Eltern und auch die Jugendlichen lernen hier, die Waage zu halten zwischen emotional überfordernden Anforderungen einerseits und resigniert- entwertendem Umgang andererseits. Ziel ist es, insbesondere ein validierendes, also wertschätzendes Umfeld für die Jugendlichen zu schaffen.

Diskussion

Beim vorliegenden Arbeitsbuch handelt es sich um das erste offiziell veröffentlichte und autorisierte Manual zur Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen Jugendalter. Die DBT ist als Behandlungsansatz für Erwachsene längst anerkannt und etabliert. Hier liegen auch bereits umfassende Behandlungsmanual vor (vgl. Bohus & Wolf 2009, Rezension unter socialnet.de/rezensionen/8126.php). Ein durch Rudi Merod im Beltz-Verlag bereits veröffentlichter Band wurde wieder vom Markt genommen und konnte daher an dieser Stelle nicht vergleichend rezensiert werden. Besonders positiv hervorzuheben ist, dass das Buch übersichtlich gestaltet ist und sich sämtliche Arbeitsmaterialien auf einer mitgelieferten CD zum Ausdrucken befinden. Die Materialien selber sind etwas lieblos gestaltet und erreichen weder die Tiefe noch den humoristischen Ansatz des überaus erfolgreichen Bohus Manuals (s.o.). Zum Einstieg in die Dialektisch-Behaviorale Therapie mit Jugendlichen eignet es sich hervorragend, sollte jedoch für die alltägliche Arbeit durch eigene oder bereits zitierte Materialien ergänzt werden.

Fazit

Die Veröffentlichung dieses Buches war überfällig. Die Autoren stellen das erfolgversprechendste Therapiekonzept zur Behandlung der im Jugendalter immer noch konzeptionell umstrittenen Borderline-Persönlichkeitsstörungen vor. Im klinischen Alltag bleibt festzuhalten, dass bestimmt mindestens zwei Drittel aller Patienten von einem Therapieansatz dieser Art profitieren können, unabhängig von der eigentlichen Diagnosestellung. Einzig hinsichtlich der Ausarbeitung der einzelnen Arbeitsmaterialien wäre es wünschenswert, diese in den sicher anstehenden Neuauflagen zu überarbeiten und zu erweitern. Ansonsten ist dieses Buch jedoch uneingeschränkt empfehlenswert und für jeden Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder -psychiater, der mit emotional instabilen Jugendlichen arbeitet, als Pflichtlektüre dringend zu empfehlen.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Ausbildungsambulanzleiter LAKIJU-VT Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP)
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 15.05.2013 zu: Christian Fleischhaker, Barbara Sixt, Eberhard Schulz: DBT-A - dialektisch-behaviorale Therapie für Jugendliche. Ein Therapiemanual mit Arbeitsbuch auf CD. Springer (Berlin) 2011. ISBN 978-3-642-13007-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14445.php, Datum des Zugriffs 03.06.2020.


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ISSN 2190-9245

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