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Helmuth Figdor: Patient Scheidungsfamilie

Cover Helmuth Figdor: Patient Scheidungsfamilie. Ein Ratgeber für professionelle Helfer. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2012. 360 Seiten. ISBN 978-3-8379-2218-9. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 41,90 sFr.

Reihe: Psychoanalytische Pädagogik.
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Thema

Das Buch wendet sich an professionelle Helfer: Therapeuten, Berater, Jugendamtsmitarbeiter, Rechtsanwälte, Richter, etc., die mit Eltern und Kindern in Trennungssituationen konfrontiert sind. Theoretische Grundlagen und deren Implikationen für die Praxis werden ausgeführt – im Mittelpunkt steht immer das Kind und seine Entwicklungsbedürfnisse.

Autor

Der Autor arbeitet als Psychoanalytiker, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Erziehungsberater in eigener Praxis in Wien.

Aufbau

Das Buch beinhaltet fünf große Themenbereiche.

Der erste Teil setzt sich mit Trennung/Scheidung aus der Sicht des Kindes auseinander, im zweiten Teil geht der Autor den Möglichkeiten und Grenzen in der Scheidungsberatung und -therapie nach. Der dritte Teil behandelt die Arbeit mit hochstrittigen Eltern und Kindern, die den Kontakt zu einem Elternteil verweigern. Er geht der Frage nach, was eine zwangweise Umsetzung von Kontakten aus der Sicht des Kindes bedeuten kann. Im vierten Teil steht das Kindeswohl im Familiengerichtsverfahren im Mittelpunkt. Im letzten Abschnitt kommen Kinder und Jugendliche von geschiedenen/getrennten Eltern zu Wort.

Zu 1. Trennung und Scheidung aus Sicht des Kindes und seiner Entwicklung

Hier geht der Autor der Frage nach, wozu Kinder Väter brauchen und belegt die entwicklungspsychologische Bedeutung der Mutter-Vater-Kind-Triade. Er sieht dieses funktionierende Beziehungsdreieck als eine notwendige Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung des Kindes (mit der Einschränkung, dass es sich überwiegend um eine Liebestriade handelt, ansonsten besteht die Gefahr, dass das Kind in massive Loyalitätskonflikte stürzt).

Wenn nun nach einer Trennung eine neue Familie gebildet wird, so muss dem Kind eine neue Objektbeziehungstriade ermöglicht werden: Kind-„neue Familie“-„alte“ Objekte (z. B. der geschiedene Vater). Dies kann nur dann gelingen, wenn alle Beteiligten sich akzeptieren.

18 Empfehlungen für die Zeit vor und nach der Scheidung sowie für die weitere Zukunft zeichnen das Bild einer gelungenen Scheidung. Die Gründe, warum Eltern diese Empfehlungen oft nur schwer umsetzen können, werden im Anschluss sehr wertschätzend beschrieben.

Der Abschluss dieses Themenbereichs setzt sich mit Kindesabnahmen auseinander und den Möglichkeiten, wie Pflege- bzw. Bezugspersonen trotz widriger Umstände eine gute Entwicklung ermöglichen können.

Zu 2. Psychotherapie und Beratung

Im 2. Teil werden Argumente, die gegen eine Psychotherapie von Scheidungskindern sprechen jenen gegenübergestellt, die eine psychotherapeutische Unterstützung befürworten und münden in jener Maßnahme, die der Autor als primär geeignet hält, die Entwicklungschancen von Kindern nach einer Trennung oder Scheidung zu sichern – nämlich der pädagogischen Beratung der Eltern. Abgerundet wird dieser Themenbereich mit einem praktischen Beispiel aus der psychoanalytisch-pädagogischen Erziehungsberatung mit Trennungseltern.

Zu 3. Wenn Beratung zu scheitern droht

Die Arbeit mit zwangsverpflichteten KlientInnen, hochstrittigen Paaren und den Möglichkeiten, trotzdem im Sinne des Kindes eine positive Wende herbeizuführen, ist Anliegen des 1. Teils. Der Themenbogen spannt sich von der Psychodynamik hochstrittiger Elternpaare, der Rolle und den Interventionen der Berater und den methodischen und technischen Prinzipien, die trotz der schwierigen Bedingungen zu einem Gelingen der Beratung führen können.

Die Schwierigkeit, Kindeswohl zu definieren und die Bedeutung von Gesetzen im Kontext von Scheidung als Gegengewicht gegen regressive Tendenzen der Eltern führt den Autor zum Arbeitsbündnis, welches er mit den Eltern in der praktischen Arbeit eingeht. Das Arbeitsbündnis besteht aus den Erwartungen und Wünschen der Trennungseltern, der fachlichen Expertise des/der Beraters/in und der Einigung darüber, für welche Probleme eine Lösung gesucht wird.

Die Frage, ob Kontaktrechte zwangsweise durchgesetzt werden sollen, beantwortet der Autor mit ja, aber immer nur im Zusammenhang mit Beratung. Durch eine zwangsweise Durchsetzung wird vom/von der Richter/in ein Zeichen gesetzt, dass der Umgang für das Kind wichtig ist.

Eine kritische Auseinandersetzung mit dem PAS-Konzept und damit einhergehend eine Auflistung jener Gründe, die zu einer Verweigerung des Kontakts eines Kindes zu einem Elternteil führen können, vervollständigen diesen Themenbereich.

Ein Märchen, das die Geschichte vieler Scheidungskinder widerspiegelt, regt zum Nachdenken und – spüren an.

Zu 4. Das Kindeswohl im Familiengerichtsverfahren

Eine ausführliche (wissenschafts)theoretische Kritik an der Arbeit von Sachverständigen – untermauert mit einem Fallbeispiel, leitet über zur Frage, in welchen Fällen das Sorge- und Umgangsrecht das Kindeswohl gefährden kann. Der Autor listet mögliche Gründe auf: u. a. psychische Erkrankung, Suchtverhalten, Vernachlässigung, geistige Behinderung, Gewalt gegenüber dem Kind und/oder einem Elternteil, fehlende Bindungstoleranz, Entführung, etc. Er plädiert aber bei allen genannten Gründen, für eine differenzierte Sichtweise und einen verantwortungsvollen Umgang mit Entscheidungen, die eine Übertragung oder einen Entzug des Sorge- und Umgangsrecht für ein Kind mit sich bringen.

Doppelresidenz oder nicht? Zuhause ist dort, wo das Kind Beziehungen hat – und dies kann bei Mutter und Vater sein. Voraussetzung dafür, dass Doppelresidenz gelingt, ist die Gestaltung dieses Modells, d.h. es muss in das Alltagsleben der Eltern und der Kinder passen. Anhand von zwei Beispielen macht der Autor deutlich, dass es „die Lösung“ nicht gibt.

Ein Kinderbeistand wird vom Richter dann eingesetzt, wenn die emotionale Belastung des Kindes durch elterliches Verhalten sehr hoch ist. Die Entstehungsgeschichte des Kinderbeistands sowie Aufgaben und Ziele seiner Arbeit werden im letzten Kapitel dieses Themenbereichs beschrieben. Im Mittelpunkt stehen die drei Funktionen eines Kinderbeistands: die Sprachrohr-, die Informations- und die Begleitfunktion. Näher eingegangen wird auf den scheinbaren Widerspruch zwischen Kindeswohl und -wille.

Zu 5. Interviewbeispiel

Den Abschluss des Buches bildet die Zusammenfassung eines Interviewspiels mit Kindern und Jugendlichen, die an der Studie „Auswirkungen der gemeinsamen Obsorge“ (anlässlich 3 Jahre Kindschaftsrechtsänderungsgesetz (aus dem Jahr 2001 in Österreich), beteiligt waren. Die Antworten der Interviewten vermitteln sehr einprägend, was Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit Trennung und Scheidung besonders wichtig ist.

Diskussion

In diesem Buch hat der Autor, der sich seit über 20 Jahren theoretisch und praktisch mit den Auswirkungen einer Trennung oder Scheidung auf Kinder und Jugendliche auseinandersetzt, eigene Artikel und Vorträge, gesammelt. Dadurch werden einige zentrale Themen wiederholt behandelt, jedoch der Blickwinkel, die theoretischen Hintergründe und die Argumentationen erweitert bzw. fokussiert. All seinen Betrachtungen und Ausführungen liegt sein Verständnis als Psychoanalytiker zugrunde und darauf basierend das Verfahren der psychoanalytisch-pädagogischen Erziehungsberatung in der Arbeit mit Eltern und Kindern in Trennungssituationen. Auf Basis dieser Grundhaltung erklärt und beschreibt er verständlich und in einer nachvollziehbaren Logik Zusammenhänge, die zu einem Verständnis für die Situation der Kinder, Eltern, aber auch Helfer/innen im Trennungsgeschehen führen. Besonders hervorzuheben ist das Bemühen des Autors das Kind und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu rücken und allen Beteiligten (sowohl innerhalb der Familie als auch im professionellen Kontext) Hilfestellungen anzubieten. Anzumerken ist jedoch, dass manche Aspekte bzw. Einflussfaktoren, die aus meiner Sicht bedeutsam sind, aufgrund der Fokussierung auf die Psychoanalyse, keine Erwähnung finden.

Fazit

Das Buch gibt den unterschiedlichen Professionen, die in einem Trennungs- oder Scheidungsgeschehen involviert sind, einen umfassenden Einblick in dieses Feld und ist daher als Basisliteratur sehr empfehlenswert.


Rezensentin
Mag. Dagmar Bojdunyk-Rack
Geschäftsführerin RAINBOWS-Österreich
Homepage www.rainbows.at
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Zitiervorschlag
Dagmar Bojdunyk-Rack. Rezension vom 14.05.2013 zu: Helmuth Figdor: Patient Scheidungsfamilie. Ein Ratgeber für professionelle Helfer. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2012. ISBN 978-3-8379-2218-9. Reihe: Psychoanalytische Pädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14450.php, Datum des Zugriffs 26.03.2019.


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ISSN 2190-9245

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