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Friedrun Erben, Heike Schlottau u.a.: "Wir haben was zu sagen!"

Rezensiert von Prof. Dr. Leonie Wagner, 26.03.2013

Cover Friedrun Erben, Heike Schlottau u.a.: "Wir haben was zu sagen!" ISBN 978-3-89974-803-1

Friedrun Erben, Heike Schlottau, Klaus Waldmann: "Wir haben was zu sagen!". Politische Bildung mit sozial benachteiligten Jugendlichen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2013. 240 Seiten. ISBN 978-3-89974-803-1. D: 22,80 EUR, A: 23,50 EUR.

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Thema

Sozial benachteiligte Jugendliche sind als Zielgruppe außerschulischer Politischer Bildung immer noch in der Minderheit. Ihnen wird zudem ein geringeres politisches Interesse unterstellt. Die Autor_innen dieses Bandes zeigen am Beispiel eines mehrjährigen Projektprozesses, mit welchen Themen, Methoden und nicht zuletzt Haltungen es gelingen kann, dieser Zielgruppe ihr Recht auf Partizipation an Bildung und Gesellschaft einzuräumen.

Autorinnen und Autoren

Die Autor_innen des Bandes sind zum einen in der Politischen Bildung evangelischer Jugendbildungsträger Tätige. Von ihnen stammen die konzeptionellen Beiträge (sämtlich von den Herausgeber_innen) sowie die Projektbeispiele. Zum anderen haben verschiedene Wissenschaftler Beiträge zur wissenschaftlichen Fundierung und Reflexion beigesteuert.

Entstehungshintergrund

Die Texte gehen zurück auf ein Projekt, das die Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung in den Jahren 2008 bis 2011 unter dem Titel „Lust auf Zukunft! Politische Bildung für Jugendliche mit geringen Bildungschancen“ durchgeführt hat. Beteiligt waren verschiedene Bildungseinrichtungen aus dem Bundesgebiet mit unterschiedlichen Projektansätzen. Teilgenommen haben insgesamt 150 Jugendliche aus u.a. Hauptschulen, Förderschulen, im Ausbildungsvorbereitungsjahr, Berufsschüler_innen ohne Ausbildungsplatz. 62% der Jugendlichen waren weiblich, 46% hatten ein Migrationshintergrund. Die wissenschaftliche Begleitung wurde von Benedikt Sturzenhecker übernommen.

Aufbau und Inhalt

Der Band beginnt mit einer Einleitung, in der Ausgangslage, Zielstellung und Durchführung des Projektes kurz skizziert und der Aufbau des Buches beschrieben werden.

Der zweite Teil ist mit „Anmerkungen zur Zielgruppe des Projekts“ überschrieben und geht zunächst auf strukturelle Faktoren sozialer Benachteiligung ein, thematisiert dann politisches und gesellschaftliches Engagement und stellt exemplarisch und im Überblick Jugendliche aus dem Projekt vor.

Im dritten Kapitel geht es um die Gestaltungsprinzipien, die dem Projekt zugrunde lagen: Subjektorientierung, Anerkennung und Respekt, Partizipation und Handlungsorientierung. Diese werden auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse und Erfahrungen aus mehrjähriger Projektarbeit mit sozial benachteiligten Jugendlichen differenziert dargestellt.

Der nächste Abschnitt des Bandes, der mit „Praxiserfahrungen“ betitelt ist, umfasst fünf Projektvorstellungen, in denen Erfahrungen in der Politischen Bildungsarbeit mit benachteiligten Jugendlichen weiterentwickelt und neue Zugänge und Formate mit den Jugendlichen gemeinsam erarbeitet wurden. Hier werden Bausteine des Projekts vorgestellt: Diskussionen mit Verantwortlichen, Film-, Theater- und Musikprojekte. „Lust auf Zukunft!“ ist dabei als Möglichkeit zur Entwicklung persönlicher und gesellschaftlicher Vorstellungen von Zukunft und einem demokratischen Zusammenleben zu verstehen.

Im Abschnitt „Konzeptionelle Überlegungen im Anschluss an ein Projekt“ fassen die Herausgeber_innen die wichtigsten Erkenntnisse und Erfahrungen zusammen und beziehen dabei alle Ebenen ein: die Jugendlichen, die politischen Bildner_innen, die Einrichtungen bzw. die Entwicklung der Angebote und die Gesellschaft bzw. die durch sie gegebenen Rahmenbedingungen.

Der letzte Abschnitt des Bandes versammelt Beiträge verschiedener Wissenschaftler zur theoretischen und reflexiven Gestaltung des Projektes. Richard Münchmeier betrachtet die Möglichkeiten der Förderung von Bildung und Teilhabe. Stephan Voswinkel stellt Anerkennungstheorien, Ulrich Steckmann den Capabilities-Ansatz vor. Mit Fragen der Selbstwirksamkeit beschäftigt sich Matthias Jerusalem und mit der Bedeutung von Gemeinschaft Paul Eisewicht. Benedikt Sturzenhecker regt eine interesse- und handlungsorientierte Demokratiebildung an. Diese Texte sind eher als grundlegender Input denn als Evaluation des Projekts zu verstehen – leider fehlen hier aber die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung.

Diskussion

„Wir haben was zu sagen!“ Das programmatische Zitat dient als Titel für einen Band, der sich mit Politischer Bildung mit sozial benachteiligten Jugendlichen beschäftigt – einer „Gruppe“, die in Umfragen häufig als problematisch bezogen auf ihr Interesse an bzw. ihre Einstellung zu „Politik“ beschrieben wird. Diese Ergebnisse unterziehen die Herausgeber_innen und Autor_innen des Bandes einer kritischen Prüfung. Sie richten damit ihren Blick auf Politische Jugendbildung, die häufig danach befragt wird, ob sie mit ihren Angeboten sozial Benachteiligte, politisch nicht demokratisch orientierte Jugendliche überhaupt erreicht und zeigen Möglichkeiten auf, mit welchen Methoden, Themen und Haltungen, dies durchaus gut gelingt.

In den „Anmerkungen zur Zielgruppe“ beginnen die Autor_innen mit den strukturellen Faktoren sozialer Benachteiligung und plädieren insgesamt für eine differenzierte Betrachtung der „Gruppe“ der sozial benachteiligten Jugendlichen – auch durch die Problematisierung und Auffächerung von Begriffen wie „bildungsfern“. Damit machen sie auf „Einflussfaktoren auf die Lebenswelten der Jugendlichen, die nicht von ihnen bestimmt und verändert werden können“ (S.12) aufmerksam. Bildungs- und Ausbildungszugänge, die von der sozioökonomischen Herkunft bestimmt werden, Migrationshintergrund, Geschlecht, regionale Herkunft. Verschiedene Studien haben in den letzten Jahren ein geringes politisches Interesse und damit zusammenhängend Engagement von Jugendlichen mit niedrigen Bildungsabschlüssen konstatiert. Die schlechteren Aussichten dieser Jugendlichen auf gesellschaftliche Partizipation durch Erwerbstätigkeit sind ausschlaggebend für diese Einstellungen und ein geringeres ehrenamtliches Engagement – und dies sind genau auch die Ausgangspunkte für das Projekt. „Mit der Initiierung des Projektes war nicht die Illusion verbunden, die Bedingungen für die Jugendlichen und die Chancen im Bildungswesen verändern zu können, aber die Hoffnung, dass die Stärkung der Jugendlichen diesen hilft, den ungünstigen Bedingungen etwas entgegenzusetzen und sich durch sie nicht entmutigen zu lassen.“ (S.16) Aus den Erfahrungen des Projektes ziehen die Herausgeber_innen den Schluss, dass die Jugendlichen „Interesse an politischen und sozialen Fragen [haben], sobald sie einen Bezug zu ihrer Person und zum eigenen Lebensraum herstellen können“ (S.22). „Politikfern“ sind diese Jugendlichen, wenn ein eng gefasster Politikbegriff zugrunde gelegt wird, in dem es vor allem um Wissen über „politische“ Zusammenhänge geht.

Auch in den „Gestaltungsprinzipien“ wird diese offene und anerkennende Haltung durchgängig deutlich. So bedeutet Subjektorientierung, dass die Ausgangspunkte für die Konzeption und die Durchführung die „Themen, Fragestellungen, Vorstellungen sowie Sicht- und Denkweisen der Jugendlichen“ sind, denen Räume für „Prozesse und Gesprächssituationen“ (S.28) eröffnet werden. Damit wird auch – wie in den anderen Prinzipien – die für solche Projekte notwendige Haltung der politischen Bildner_innen thematisiert, eine Haltung, die eher verstehen und ermöglichen als belehren und unterweisen will. Um Handlungsorientierung umzusetzen, sollen die Anliegen der Jugendlichen mit Entscheidungsträger_innen oder politischen Akteur_innen kommuniziert und damit gleichzeitig diesen Akteur_innen ein differenziertes Bild von Jugendlichen präsentiert werden. Von Vorteil ist hier sicherlich, dass durch den Projektzeitraum von zwei Jahren andere Formate als sonst in der oft nur als Kurzzeitpädagogik finanzierten Politischen Bildung möglich waren.

Die „Praxiserfahrungen“ zeigen einen Fächer didaktischer und inhaltlicher Ansätze, denen gemeinsam ist, dass die Interessen und Stärken der Jugendlichen im Zentrum stehen und ein Verständnis des „pädagogischen Auftrags“, in dem es darum geht, diese zur Entfaltung kommen zu lassen. Dabei scheint eine Hauptschwierigkeit zu sein, die Blockaden, die die Jugendlichen durch vorwiegend negative Erfahrungen beim Lernen, in der Schule und „mit Erwachsenen“ aufgebaut haben, zu überwinden und die Rolle des Subjektes von Bildungsprozessen erlebbar zu machen. Ein wichtiges Moment ist in allen Projekten, dass die Erfahrungen und Erlebnisse der Jugendlichen öffentlich werden, sei dies durch Gespräche mit Verantwortlichen, öffentliche Vorführungen von Filmen, Theaterstücken oder dem Einstellen auf Youtube.

In den Beiträgen des Bandes zeigt sich durchgängig eine Haltung, die bereits im Titel „Wir haben was zu sagen“ zum Ausdruck kommt: Die Jugendlichen werden als Subjekte mit eigenen und wichtigen Positionen behandelt. Das heißt auch, dass bei einem eingangs erfragten Desinteresse an „Politik“ nicht stehen geblieben wird, sondern dem „politischen Interesse“ – dem Interesse an Themen, die die Jugendlichen betreffen, Raum gegeben wird. Und das sind im Kern Fragen nach den Wünschen für das Zusammenleben in der Gesellschaft.

Die durchgängig wertschätzende Haltung kommt nicht nur in den theoretischen und prinzipiellen Erläuterungen zum Ausdruck, sondern durchzieht den Band wie ein roter Faden auch in den Praxisbeispielen. In den Texten wird zudem nicht verborgen, dass die gewählte Herangehensweise durchaus hohe Ansprüche an die Pädagog_innen stellt: mehr Vertrauen, mehr Partizipation, weniger Rigidität in der Umsetzung von Regeln sind Themen, die durch Reflexion und Teamarbeit bearbeitet werden mussten.

Die Gestaltung solcher Prozesse verlangt aber nicht nur von den politischen Bildner_innen eine besondere Haltung und Offenheit. Sie erfordert auch, dass Einrichtungen ihre Angebote partizipativer entwickeln und gestalten. Gerade um benachteiligte Jugendliche und damit von der Politischen Bildung häufig nicht erreichte junge Menschen anzusprechen, müssen neue Formen und Formate gemeinsam mit den Jugendlichen entwickelt werden. – Gleichwohl und das wird resümierend betont, kann politische Jugendbildung „gesellschaftliche Diskriminierung und soziale Marginalisierung nicht aufheben“ (S.120).

Was in diesem Band fehlt sind zum einen die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleituntersuchung und eine Diskussion der Frage, ob die Rahmenbedingungen des Projektes nicht entscheidend zu dessen positivem Verlauf beigetragen haben – anders formuliert: was ist wie auf den Alltag politischer Jugendbildung übertragbar und dies insbesondere angesichts zurückgehender Förderung von Politischer Bildung?

Fazit

Dieses Buch gehört zu den wenigen Fachbüchern der letzten Jahre, die ich mit absolutem Genuss, großer Freude und ebensolchem Gewinn gelesen habe. Es ist meiner Ansicht nach ein MUSS nicht nur für in der Politischen Bildung Tätige, sondern kann auch Fachkräften in anderen pädagogischen Bereichen wichtige Hinweise geben.

Ausgehend von den Themen, die (benachteiligte) Jugendliche in ihrem Alltag bewegen, ging es in dem vorgestellten Projekt darum, diese in gesellschaftliche Fragen zu übersetzen und so die individuelle Perspektive zu erweitern. Diese sollte dann auf ihre strukturellen Hintergründe bezogen werden, um anschließend aus den Wünschen Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln sowie diese öffentlich zu machen und sich für eine Veränderung einzusetzen.

Der wahre Zauber des Bandes aber liegt darin begründet, dass die Gestaltungsprinzipien Subjektorientierung, Anerkennung und Respekt, Partizipation und Handlungsorientierung in ihrem Zusammenspiel nicht nur konzeptionell ernst genommen, sondern in der Umsetzung in jedem Beitrag durchscheinen. Pädagogische Herausforderungen werden von den Autor_innen nicht nur konstatiert und angenommen, sondern im Sinne der Aufklärung in Projekte gewendet, die insbesondere in ihren Haltungen nachahmenswert sind.

Rezension von
Prof. Dr. Leonie Wagner
Professorin für Pädagogik und Soziale Arbeit an der HAWK Holzminden
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Es gibt 14 Rezensionen von Leonie Wagner.

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Zitiervorschlag
Leonie Wagner. Rezension vom 26.03.2013 zu: Friedrun Erben, Heike Schlottau, Klaus Waldmann: "Wir haben was zu sagen!". Politische Bildung mit sozial benachteiligten Jugendlichen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2013. ISBN 978-3-89974-803-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14453.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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