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Helen Esther Zumpe: Menschenrechtsbildung in der Gedenkstätte

Cover Helen Esther Zumpe: Menschenrechtsbildung in der Gedenkstätte. Eine empirische Studie zur Bildungsarbeit in NS-Gedenkstätten. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2013. 432 Seiten. ISBN 978-3-89974-826-0. D: 49,80 EUR, A: 51,20 EUR.
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Helen Ester Zumpe geht in ihrem Buch „Menschenrechtsbildung in der Gedenkstätte – Eine empirische Studie zur Bildungsarbeit in NS-Gedenkstätten“, welches 2012 von dem angesehenen Wochenschau Verlag herausgebracht worden ist, primär der Frage nach, ob ein ‚natürlicher‘ Nexus zwischen der pädagogischen Arbeit in NS-Gedenkstätten und der Menschenrechtsbildung besteht bzw. ob – so dies nicht der Fall ist – eine solche Verknüpfung angestrebt werden sollte. Bevor sie sich an die empirische Erforschung der Situation mittels Interviews von Gedenkstättenmitarbeitern und -besuchern dreier Gedenkstätten (KZ Osthofen und Sachsenhausen) bzw. -orte (Dokumentationszentrum ehemaliges ‚Reichsparteitagsgelände‘ Nürnberg) macht, präsentiert sie eine umfassend kritische Übersicht über die vielfältigen ‚Strömungen‘ in der Gedenkstättenpädagogik und deren Entwicklung einerseits sowie einen etwas kürzeren Überblick über Geschichte und Zielsetzungen der Menschenrechtsbildung andererseits als Basis für ihre Überlegungen und Thesen zu einem seit der letzten Dekade des vergangenen Jahrhunderts diskutierten Zusammenhang zwischen diesen beiden Praxisfeldern der Pädagogik.

Autorin und Entstehungshintergrund

Zumpe hat ihr Studium der Erziehungswissenschaften in Trier und Hamburg 2002 mit einer Studie zu Eintagesveranstaltungen an historischen Gedenkstätten abgeschlossen. Sie hat als Freiwillige der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste in der Gedenkstätte Buchenwald gearbeitet. Parallel zu ihrem Studium war sie zudem an der Gedenkstätte Neuengamme beschäftigt. Dies dürften die maßgeblichen Faktoren gewesen sein, die sie dazu bestimmt haben, sich mit einer Arbeit über den Nexus zwischen Gedenkstättenpädagogik und Menschenrechtsbildung, welche die ‚Basis‘ des vorliegenden Werkes bildet, am FB Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität in Frankfurt/M zu promovieren. Sie hat ferner u.a. zur Genderproblematik im Zusammenhang mit Gedenkstätten (2004) publiziert. Zumpe wurde im Rahmen ihres Promotionsvorhabens von der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung gefördert.

Aufbau und Inhalt

In ihrer Einleitung gibt die Autorin einen Überblick über ihre Arbeit und wirft die für ihre Untersuchung zentralen Fragen auf, inwiefern sich „aus den Erfahrungen der ZeitzeugInnen und den Erkenntnissen der WissenschaftlerInnen generalisierende »Lehren« ziehen [lassen], die den nachwachsenden Generationen zu vermitteln sind, damit sich im Sinne Adornos die Shoah nicht wiederhole“, ferner was sich an den „nunmehr überformten, gestalteten Orten [gemeint sind damit die heutigen KZ-Gedenkstätten, J.F.] für die Gegenwart und die Zukunft »lernen«“ lässt und ob das ‚Lernziel? etwa die „Bedeutung der universellen Menschenrechte“ (S. 9) sei. Ihre Arbeit wird von ihr als eine Meinungsäußerung im Sinne des Art. 5 I u. III GG bzw. Art.19 AEMR charakterisiert, wobei sie etwas kryptisch anmerkt, dass „von mehreren Seiten versucht wurde, dies einzuschränken“ (S. 13).

Im 1. Kapitel, dem längsten ihres Buches, widmet Zumpe sich auf knapp 80 Seiten der Gedenkstättenpädagogik. Nachdem sie eingangs ihre Definition von Gedenkstättenpädagogik (Bildungsangebote an historischen Orten mit Aufklärungs- und Bildungsfunktion, die als Vermittlungsinstanz historischer Kenntnisse fungiert und auf Lernen abzielt, vgl. S. 23 f.) entwickelt hat, stellt sie dar, welche unterschiedlichen ‚Lehren‘ von Bettelheim über Frankl, Kogon, Levi, Wiesel, Hessel, Adorno, Horkheimer bis hin zu Arendt gezogen worden sind und geht auf diverse Kontroversen in der Historikerzunft (‚Betriebsunfall‘ versus „Faschismus als offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ bzw. Intentionalisten versus Funktionalisten bzw. Nolte versus Habermas et al.) ebenso ein wie auf die Experimente der Psychologen Zimbardo und Milgram und die Ergebnisse der Studien von Soziologen und Sozialpsychologen wie u.a. Sofsky, Goldhagen, Browning und Welzer. Dabei gelingt ihr ein sehr guter Überblick über die Debatten, Schwerpunktsetzungen und Perspektivverschiebungen seit1945, welcher sie allerdings zu dem Schluss kommen lässt, dass es angesichts der Vielfalt und Gegensätzlichkeit nicht möglich ist, eine der ‚Lehren‘ zu kanonisieren – und es schon gar nicht gerechtfertigt ist, die „Werte der Demokratie und der Menschenrechte als konsensuelle »Lehre« aus der NS-Vergangenheit“ zu betonen. In einem weiteren Schritt zeigt sie auf, welche unterschiedlichen Einflüsse und ‚Moden‘ auf die Gedenkstättenpädagogik im Zeitverlauf eingewirkt haben von Adornos Diktum über den „Beutelsbacher Konsens“, die „Oral History“, der Genderansatz, die Friedenserziehung, die Demokratie-Pädagogik, die Interkulturelle Bildung, die antirassistische Pädagogik bis hin zur angloamerikanischen Holocaust education, wobei sie sich erfrischende und scharfzüngige (Seiten-)Hiebe – nicht zuletzt in ihren Fußnoten – leistet und zwar sowohl auf die Verwendung von modische-nichtssagenden Begrifflichkeiten wie „Migrationshintergrund“ (S. 65) als auch auf ‚Blinden‘ Flecken einzelner Ansätze wie etwa der Holocaust education, die gerne den Mantel des Schweigens über geschichtliche Episoden oder Ereignisse breitet, die die USA nicht ‚gut‘ aussehen lassen (vgl. bspw. Fn. 152). Am Ende des Kapitels nimmt sie die „Didaktik und Methodik der Gedenkstättenpädagogik“ ebenso wie die „Profession der »Gedenkprofis«“, wie sie die an Gedenkstätten Tätigen wohl gewollt despektierlich bezeichnet, aufs Korn. Es gelingt ihr dabei, den propagierten ‚hehren didaktischen und pädagogischen Idealen‘ den Spiegel vorzuhalten und die sich hinter diesen nicht selten verbergende recht schnöde Realität aufzuzeigen (S. 83 ff) bzw. die oft mangelnden pädagogisch/didaktischen Fähigkeiten der Gedenkstättenmitarbeiter, die sich i.d.R. aus einem recht heterogenen Kreis von Historikern, Museologen, Kunsthistorikern, Archäologen, Bibliothekaren, Verwaltungsexperten, Politologen, Soziologen, Sprach- und Theaterwissenschaftlern ohne dezidiert pädagogische Ausbildung rekrutieren, die sich durch Learning-by-doing und Trial-and error fortgebildet haben, herauszustreichen (S. 91 ff.). Sie kommt dabei zu folgendem Schluss, der ihr an den Gedenkstätten sicherlich nicht gerade viele Freunde einbringen wird: „Gegenseitiges Hospitieren von Laien, unreflektiertes Kopieren aus anderen Praxisfeldern sowie der Rückgriff auf die eigenen Bildungserfahrungen ersetzen kein pädagogisch-didaktisches Grundwissen. Diese Erkenntnis hat sich leider noch nicht an allen Gedenkstätten durchgesetzt, so dass immer wieder Historikerinnen oder Archäologen als pädagogische Mitarbeitende neu eingestellt werden, zumal viele Stellen zwar öffentlich ausgeschrieben, jedoch de facto intern vergeben werden und es somit lediglich zu einer personellen Verschiebung in den diversen Bereichen der Gedenkstätte kommt.“ (S. 94).

Im 2. Kapitel steht die Menschenrechtsbildung im Zentrum der Betrachtung. Zumpe präsentiert zunächst die Geschichte der Menschenrechte seit der Antike, wobei sie entgegen der gängigen Präsentation derselben in den Schulbüchern auf die Feststellung Wert legt, dass diese kein Kontinuum aufweist, sondern die Menschenrechte „den Herrschenden in gewaltsamen Auseinandersetzung abgerungen“ (S. 96) wurden. Sie zeigt ferner auf, dass es jenseits der ‚westlichen‘ Menschenrechte, die – abgesehen von ihrer systematischen Missachtung durch bspw. die USA in Orten wie Guantánamo – inzwischen vermehrt als Kriegsgründe und Einmarschlegitimation von eben diesen instrumentalisiert werden (S. 105 f.), afrikanische, islamische, ja sogar rassistische/faschistische Menschenrechtskonzepte gab und gibt. Im Anschluss daran geht die Autorin auf die Entwicklung der Menschenrechtsbildung in der Zeit nach Ende des 2. Weltkriegs ein, wobei sie sich zwar auf die BRD konzentriert, andere Weltgegenden aber begrüßenswerterweise nicht völlig ausbildet (vgl. bspw. zur Situation in Südafrika S. 112 f.). Dabei stellt sie erhebliche Defizite fest. Sie kommt mit Nils Rosemann zu dem Schluss, dass sich die BRD „in Bezug auf Menschenrechtsbildung ein Entwicklungsland“ (S. 113) ist, was ihrer Auffassung nach nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass für sie weitaus weniger Mittel aufgewandt werden wie bspw. für „massive patriotische Kampagnen“ (S. 114). Eine weitere Ursache liege daran, dass es kaum fundierte Konzepte gibt und zudem nicht selten das von sozialen Grundrechten praktisch völlig freie Grundgesetz als Basis der Menschenrechtsbildung genutzt wird, so dass – wenn überhaupt – nur eine thematisch selektive Behandlung stattfindet. Dies bestätigt auch der von Zumpe vorgenommene Überblick über gängige Materialien, die von Zentralen für politische Bildung, Schulbuchverlagen, dem Deutschen Institut für Menschenrechte, Amnesty International etc. publiziert worden sind. Die Autorin kritisiert bei ihrer Analyse ferner, dass diese Materialien oft einen kognitiven bzw. moralischen und keinen handlungsorientierten Ansatz aufweisen, aktuelle Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land eher stiefmütterlich behandelt werden und in ‚verniedlichender Weise‘ auf das Sozialverhalten abstellen bzw. „auf dem Niveau von Nachbarschaftshilfe oder Wohltätigkeitsaktionen“ (S. 137) verbleiben. Gut gefällt die scharfzüngige Kommentierung ihrer Untersuchungsergebnisse. So führt sie bspw. in Bezug auf das von der Bundeszentrale für politische Bildung 2005 herausgegebenen KOMPASS-Handbuch, welches als ‚vorbildliche‘ Kämpfer für die Menschenrechte u.a. King, Gandhi und Mandela als „Ikonen“ präsentiert, aus: „King und Mandela könnten eher als Kämpfer gegen Rassismus und Apartheid angesehen werden, Gandhi als Vertreter eines gewaltlosen nationalen Befreiungskampf gegen die englische Kolonialmacht. Diese Personen müssen also nicht zwangsläufig als Kämpfende für die Menschenrechte identifiziert werden, auch wenn sich einige ihrer Forderungen in den Menschenrechten wiederfinden lassen. Mit der gleichen selektiven Wahrnehmung wäre es aber auch denkbar, Robin Hood oder Klaus Störtebeker als Menschenrechtskämpfer gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit von Eigentum darzustellen, auch wenn diese nicht gewaltfrei kämpften. Ich möchte jedoch fragen, was Jugendliche von Vorbildern lernen, die entweder aufgrund ihres Engagements getötet wurden oder selbst massive Repressionen erleben mussten. Kann so vermittelt werden, dass es sich lohnt, sich für die Menschenrechte einzusetzen?“ (S. 125). Hinsichtlich eines Rollenspiels, bei welchem sich Nichtbehinderte in einen Rollstuhl setzen, kommt sie zu dem Schluss, dass dies „nicht für die Probleme struktureller Diskriminierung aufgrund von Behinderungen, sondern allenfalls für nicht behindertengerechte Architektur, wozu es ebenfalls nicht des Oberthemas Menschenrechte bedurft hätte“ (S. 127) sensibilisiert.

Im 3. Kapitel (S. 138 ff.) referiert die Verfasserin, wie dies insbesondere bei Dissertationen allgemein üblich ist, den Forschungsstand zur Gedenkstättenpädagogik und zur Menschenrechtsbildung. Dieser Überblick ist zwar nicht ganz lückenlos – so behauptet sie etwa, dass es „keine einzige Studie zu längerfristigen Aufenthalten oder gar Workcamps“ (S. 145) geben würde. Es gelingt ihr aber, etliche ‚wunden Stellen‘ der Studien bzw. des Forschungsdesigns offenzulegen und in erfrischend offener Weise zu kommentieren. Hinsichtlich der Gedenkstätten resümiert sie etwa: „Es entsteht der Eindruck, die Gedenkstätten selbst wünschten auch keine externe Forschung (weil sie als Betroffene keinen oder nur geringen Einfluss auf die Zielsetzung hätten), wenn sie nicht gar der Besuchendenforschung gänzlich skeptisch gegenüberstehen.“ (S. 138).

Bevor Zumpe ihre Fragestellung und ihr eigenes Forschungsdesign darlegt, dokumentiert sie die seit etwa 25 Jahren geführte Diskussionen um das Für und Wider einer Verbindung zwischen Gedenkstättenpädagogik und Menschenrechtsbildung. In diesem Zusammenhang wird einerseits die praktisch/konzeptionelle Bezugnahme auf Menschenrechte in etwa einem Dutzend von Gedenkstätten bzw. Erinnerungsorten (u.a. Neuengamme, Bergen-Belsen, Auschwitz, Heidelberg und Washington) dargestellt, andererseits die Einbeziehung von NS-Gedenkstätten/-Themen in der Literatur zur Menschenrechtsbildung (u.a. Huhle, Wiesel, Zentralen für politische Bildung) untersucht. Hierbei übergeht sie auch nicht den bekannten Streit um die Genozidkomparatistik und -definition, und stellt sich dabei ebenso gegen die Einstufung des Angriffs u.a. auf die Twin Towers im September 2001 als Genozid wie sie auch gegen die medialen ‚Ungleichgewichtigkeiten‘ polemisiert, wenn sie darauf hinweist, dass 2005 ein Eisbärbaby in der BRD weitaus mehr Aufmerksamkeit auf sich zog als die Morde in Darfur.

Ihre eigene empirische Untersuchung (Kap. 5 ff.) soll primär dem Ziel dienen, festzustellen, ob im Einzelnen jenseits der ‚Konzeptlyrik‘ tatsächlich ein Nexus zwischen Menschenrechtsbildung und Gedenkstättenpraxis besteht. Zu diesem Zweck präsentiert sie angesichts der ‚Messbarkeitsproblematik‘ zwei Thesen, nach welchen es zu erwarten ist, dass das Wissen über Ursachen der NS-Verbrechen nach einem Gedenkstättenbesuch ebenso zunimmt wie die Kenntnisse über Menschenrechte nach einem Gedenkstättenbesuch mit Menschenrechtsbezügen sich vergrößern. Antworten hierauf sollten aufgrund von per Fragebögen (S. 425 f. bzw. S. 427 f. ) durchgeführten Befragungen von jugendlichen und heranwachsenden Teilnehmern an Tagesveranstaltungen, per Experteninterviews, die mit den Guides der Gedenkstätten bzw. der Erinnerungsorten geführt wurden (Interviewleitfaden S. 429), sowie teilnehmender Beobachtung gefunden werden.

Umgesetzt werden konnte dies allerdings nur in sehr begrenztem Umfang. Zumpe legt im Unterkapitel 5.3, für welches sie die Unterüberschrift „die gescheiterte Evaluation“ gewählt hat, ausführlich dar, mit welchen ‚Argumenten‘ und Methoden sich nahezu alle 50 ‚angefragten‘ Gedenkstätten bzw. Erinnerungsorte ihrem Ansinnen verweigert bzw. für die Autorin unzumutbare Bedingungen gestellt hatten, die von ihr als „Zensur“ (S. 232) qualifiziert wurden, so dass sie ihrerseits auf eine Evaluation verzichtete. Insofern war es ihr nur möglich, Ergebnisse zur Gedenkstätte KZ Osthofen (vgl. Kap. 6, S. 244 ff.), zur Gedenkstätte Sachsenhausen (Kap. 7, S. 293 ff.) und zum Dokumentationszentrum ehemaliges ‚Reichsparteitagsgelände‘ Nürnberg (Kap. 8, S. 328 ff.) zu erheben. In die Evaluation wurden dabei nur sechs Gruppen in Osthofen und je zwei in Sachsenhausen und Nürnberg einbezogen. Dies war nach Darstellung der Autorin darauf zurückzuführen, dass sie zwar für Sachsenhausen und Nürnberg die ‚generelle‘ Zusage erhalten hatte, sie aber die ‚konkrete‘ Zulassung vor Ort nicht bekam, da die jeweiligen Guides sich nicht evaluieren lassen wollten bzw. die Leiter der Besuchergruppen ihr Veto einlegten. Lediglich Osthofen ‚kooperierte‘ in einer die Autorin zufriedenstellender Weise.

In den jeweiligen Kapiteln, in denen sich Zumpe mit kritischen Kommentaren nicht zurückhält, wird eingangs die Geschichte des Ortes präsentiert, dann die Gedenkstätte, ihr Personal, die Besucher derselben im Allgemeinen, das pädagogische Konzept und die methodischen Bausteine des evaluierten Projekttages vorgestellt. Im Anschluss daran werden zum einen die Ergebnisse der Beobachtungen durch die Autorin dargelegt, zum anderen dann die Ergebnisse der Auswertungen der von den Jugendlichen und Heranwachsenden ausgefüllten Fragebögen.

Im das Buch abschließenden Kap. 9 (S. 365 ff.) resümiert Zumpe, dass „ein Nexus zwischen GSP und MRB theoretisch durchaus begründbar ist“ (S. 365), lehnt aber gut begründet Versuche ab, hieraus ein Dogma zu machen. Was die Menschenrechtsbildung anbelangt, so fordert sie für diese eine historische Fundierung ebenso ein wie an Menschenrechte orientierte konkreten Handlungsanleitungen als integraler Bestandteil dieser Art von Bildung.

Sie stellt fest, dass man entgegen manch landläufiger Ansicht nicht davon ausgehen kann, dass „Orte, an denen Menschenrechtsverbrechen begangen worden sind, per se auch die Menschenrechte selbst thematisieren“ und dass „ausgereifte Konzepte samt didaktischer Materialien zur praktischen Umsetzung des Nexus zu expliziter MRB mit Bezugnahme auf die AEMR und einzelne Menschenrechte an Gedenkstätten und Erinnerungsorten bislang kaum existieren“ (S. 365).

Was die Gesamtauswertung ihrer Evaluation anbelangt, so kommt sie richtigerweise zur Einschätzung, dass diese angesichts der geringen Breite „auf dem Niveau einer blitzlichtartigen Fallstudie aus dem Jahr 2009/2010“ bleibt. Gleichwohl konnte festgestellt werden, dass es an ausformulierten Konzepten mangelt, was zu einer Häufung von Allgemeinplätzen in den diversen Publikationen führt. Ihr Urteil ist nahezu vernichtend für die Gedenkstätten: „In Beschreibungen der GSP-Ziele dominieren abstrakte Grob- oder Fernziele, über den didaktischen Weg zur Erreichung dieser meist hehren Ziele wie etwa Aktualisierung, Menschenrechts- und Subjektbezug wird nichts bekannt. Konkrete Feinziele sind nicht aus den Fernzielen abzuleiten; es gelingt nicht, sie in eine Lernzieltaxonomie mit unterschiedlichen Abstraktionsniveaus zu überführen. (…) Vielmehr bedient man sich bestehender Routinen, wie ein Studientag an einer Gedenkstätte bisher immer abgelaufen ist, und vertraut entweder darauf, dass sich ein Menschenrechtsbezug von selbst ergibt, unterschwellig »mitläuft« oder aber dieser allenfalls ergänzend an das übliche Programm angehängt werden kann. Die Bezeichnung »MRB« schreibt man sich in offiziellen Publikationen gern zu. Die Menschenrechte selbst werden in der Praxis jedoch nicht explizit (mit Ausnahme in Nürnberg) angesprochen, es dominiert die Automatismus-Annahme.“ (S. 366 f.)

Was die Ergebnisse der Befragung der jugendlichen und heranwachsenden Besucher anbelangt, so dürften sie aus Sicht der sich einer Evaluation durch Zumpe verweigernden Gedenkstätten die Entscheidung, mit Zumpe nicht zu kooperieren, zumindest dann als ‚taktisch klug‘ erscheinen lassen, wenn sie mit ähnlich niederschmetternden Resultaten zu rechnen hätten. Zumpe stellt jedenfalls in Bezug auf die von ihr untersuchten Orten fest: „Die Ergebnisse der Befragung der jugendlichen Besuchenden müssen insgesamt eher ernüchtern, bzw. die Einrichtungen müssen sich von der Vorstellung verabschieden, dass ihre Intentionen auch eins zu eins von den Besuchenden wahrgenommen werden.“ (S. 368)

Als konkrete Problempunkte werden von Zumpe (S. 368 ff.) benannt: „Zwangsvorführung“ der Jugendlichen und Heranwachsenden, mangelnde konkrete Vorbereitung auf den Besuch des jeweiligen Ortes, weite Verbreitung primär massenmedial geprägter inexakter Klischeevorstellungen unter den Besuchern, mangelnde Motivation und geringe Reflexionsbereitschaft bzw. -fähigkeit derselben, Falsifizierung der These, wonach eine Zunahme der Kenntnisse über die NS-Verbrechen nach dem Besuch zu erwarten ist, „Hitlerzentrismus“ und damit in Zusammenhang stehende mangelnde Abstraktionsfähigkeit, kaum vorhandene Kenntnisse über Menschenrechte und nahezu völlige Unkenntnis der sozialen Menschenrechte und fast keine Wahrnehmung der von den Gedenkstätten intendierten Menschenrechts- und Gegenwartsbezüge.

In ihrem Fazit spekuliert die Autorin darüber, warum Gedenkstätten in ihrer Außendarstellung angesichts der bislang wohl eher erfolglosen Umsetzungen überhaupt den Begriff Menschenrechte verwenden: „Denkbar ist“, so ihre Vermutung, „dass die Gedenkstätten den Terminus MRB zur Konzeptbeschreibung verwenden, um öffentlichen Erwartungshaltungen zu entsprechen und bei (auch finanziellen) Verteilungswettbewerben mithalten zu können. Historisch-politische Bildung allein scheint nicht mehr zu genügen, beim Kampf um Mittel und Besucherströme müssen offenbar bestimmte Schlüsselwörter verwendet werden, auch um die eigene Arbeit legitimieren zu können.“ (S. 379) Allzu falsch dürfte sie damit wohl nicht liegen. Ferner plädiert sie für die Aufgabe der Auffassung, „die Befassung mit dem NS-System bewirke »automatisch« auch ein Menschenrechtsbewusstsein“ (S. 379) und setzt sich für mehr und intensivere Evaluationen mit einem veränderten Forschungsdesign ein, die nicht lediglich zu „eher wohlmeinenden Legitimationsstudien der eigenen Arbeit“ führen, „wie dies in der Vergangenheit (Pampel, Christmeier) vorkam.“ (S. 381)

Die Arbeit schließt – wohl um den ‚Vorwurf‘ des „Frau Zumpe, wo bleibt das Positive?“ vorzubeugen – mit dem Entwurf eines Konzepts für ein 6-stündiges Tagesprogramm für Schüler der Klasse 9, die die Gedenkstätte KZ Osthofen besuchen.

Diskussion

In formaler Hinsicht ist allerdings mancher Tadel auszusprechen. Die Arbeit ist nicht frei von Fehlern, insbesondere fehlerhaft gesetzte – wohl auf Umformatierungen zurückzuführende – Trennungsstriche inmitten eines Wortes (z.B. S. 29, 67, 78 f., 90, 129 und 147), die ein sorgfältiger Lektor eigentlich nicht hätte übersehen dürfen. Bei manchen Begrifflichkeiten scheint sie sich ‚vergriffen‘ zu haben, so wenn sie etwa zwischen Antizionismus und Antisemitismus nicht ausreichend unterscheidet (S. 150) bzw. die ‚offizielle‘ Sprachregelung unhinterfragt übernimmt („Terrorismus“ S. 105). Sind dies jedoch angesichts der relativ geringen Zahlen an ‚Verfehlungen‘ alles noch ‚lässliche Sünden‘, so mag diese Einstufung für ihren Abkürzungsfimmel und ihr (allerdings nicht immer konsequent durchgehaltenes) Engagement für ‚Gendergerechtigkeit‘ („Besuchendenforschung“, „TäterInnen“, „JüdInnen“ etc. – wobei sich aber der „Kapo“ dem Bemühen der Autorin erfolgreich entziehen konnte) nicht gleichermaßen gelten. Zwar kann das Buch ein Abkürzungsverzeichnis aufweisen, doch enthält dies zum einen nicht alle Abkürzungen, zum anderen verwendet Zumpe anscheinend mit Vorliebe ‚ungewöhnliche‘ Abk. wie etwa „RTBVO“ für den ‚unhistorischen‘, da erst in den 1950er Jahren aufgekommenen Begriff „Reichstagsbrandverordnung“ , der eigentlich schon selbst eine Kurzbezeichnung für die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ v. 24. Februar 1933 darstellt. Im Abkürzungsverzeichnis finden sich zwar „NS“, „KZ“ und „StaSi“ – obwohl diese Abkürzungen nötigenfalls (was wohl bei dem anvisierten Leserkreis aber eher doch nicht erforderlich sein dürfte) doch auch mit Hilfe des „Duden“ ‚dechiffriert‘ werden könnten. Es fehlen dagegen beispielsweise „NGO“ und „WSK“, wobei „NGO“ im Gegensatz zu „WSK“ im „Duden“ auftaucht. Dies gilt auch für „HEZ“ („Höchstrichterliche Entscheidungen in Zivilsachen“ oder „Haupteinflugzeichen“ dürften damit sicherlich nicht gemeint sein). Die im Abkürzungsverzeichnis für die Abk. „GuLag“ (sic!) – noch in der gleichen Zeile auch „GULag“ (sic!) – angegebene Lautumschrift wiederum ist unvollständig: zwischen „Glawnoje uprawlenije“ und „lagererej“ fehlt „исправительно-трудовых“ und am Ende fehlen „и колоний“.

Was das Bemühen um ‚Gendergerechtigkeit‘ anbelangt, so wäre der Autorin zu empfehlen, sich generell des generischen Femininums zu bedienen - analog etwa zum jüngst gefassten Beschluss zur Formulierung der Geschäftsordnung des Senats der Universität Potsdam und in ehrendem Gedenken an den Roman „Die Töchter Egalias“ von Gerd Brantenberg. Der Lesbarkeit mancher Sätze würde dies sicherlich gut bekommen. Aber vielleicht ist das auch „egal“, genauso egal wie der Umstand, dass die norwegische Autorin bei „Amazon“ als „Autor“ geführt wird.

Fazit

Helen Esther Zumpe ist inhaltlich eine äußerst interessante Arbeit gelungen, die es verdienen würde, zur ‚Pflichtlektüre‘ für die von ihr als „Gedenkprofis“ bezeichneten Menschen zu werden und der darüber hinaus eine weite Verbreitung im Kreise der mit Gedenkstätten in der einen oder anderen Weise befassten Menschen zu wünschen ist, da sie die Finger in diverse ‚Wunden‘ legt, die nur zu oft verschwiegen oder bemäntelt werden. Positiv hervorzuheben ist dabei ihr mitunter ‚frecher Stil‘ – einschließlich der Einfügung von Songzeilen als eine Art Untertitel oder Leitmotiv (siehe etwa die Untertitelung von „1.3.4 Einflüsse der Demokratie-Pädagogik“ auf S. 51 mit dem Text „Du bist nicht besser als der neben dir, keiner hat das Recht, Menschen zu regieren“ von „Ton Steine Scherben“) und ihre Weigerung, angesichts unangenehmer Wahrheiten den Mund zu verschließen.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Jochen Fuchs


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Zitiervorschlag
Jochen Fuchs. Rezension vom 12.08.2013 zu: Helen Esther Zumpe: Menschenrechtsbildung in der Gedenkstätte. Eine empirische Studie zur Bildungsarbeit in NS-Gedenkstätten. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2013. ISBN 978-3-89974-826-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14455.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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