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John Lanchester: Kapital

Cover John Lanchester: Kapital. Roman. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2012. 650 Seiten. ISBN 978-3-608-93985-9. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Wo Reiche wohnen und Arme vertrieben werden

Manchmal sollte man, wenn das Gefühl aufkommt, in einem falschen Film zu sein, entweder philosophieren, oder einen Roman schreiben; oder vielleicht doch eher dreinschlagen? Über Heuschrecken, Shareholder-Value,

Kasino-Kapitalismus, Raubtierkapitalismus (Peter Jüngst, „Raubtierkapitalismus“? Globalisierung, psychosoziale Destabilisierung und territoriale Konflikte, 2004, www.socialnet.de/rezensionen/1787.php), Kamikaze-Kapitalismus (David Graeber, Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus. Es gibt Alternativen zum herrschenden System, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13337.php), Gespenster-Kapitalismus (Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/10929.php) wird allenthalben geklagt.Die Mahnung, dass Volkswirtschaften keine Automaten sind, bei denen man oben nur Geld hineinwerfen muss, damit unten Wachstum heraus kommt (Peter Glotz), liegt in der Luft; dass eine ökonomische Alphabetisierung Not tut (Elmar Altvater, Der große Krach oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10533.php), wird eingefordert; dass die negativen Folgen der Globalisierung menschengemacht sind, wird argumentiert (Nicola Liebert / Barbara Bauer, Die Globalisierungsmacher. Konzerne, Netzwerker, Abgehängte, 2007, www.socialnet.de/rezensionen/8775.php); dass Geld die Wurzel allen Übels sei, steht wie ein Menetekel an der Wand (Konrad Paul Liessmann, Hrsg., Geld. Was die Welt im Innersten zusammenhält? www.socialnet.de/rezensionen/9228.php); dass die Unternehmensgewinne von heute die Spekulationseinsätze von morgen seien, prophezeit (Christian Stenner, Hrsg., Kritik des Kapitalismus. Gespräche über die Krise, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9013.php); dass wir es weit gebracht haben mit der Ungleichheit in der Welt, vorgeworfen (Bernhard H. F. Taureck, Gleichheit für Fortgeschrittene. Jenseits von "Gier" und "Neid", 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10159.php); dass Prekarität überall ist, wird nachgewiesen (Rolf-Dieter Hepp, Hrsg., Prekarisierung und Flexibilisierung = Precarity and flexibilisation, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13527.php); dass wir längst in einer „Täuschgesellschaft“ angekommen sind, wird sogar ärztlich bestätigt (Tilmann Moser, Geld, Gier & Betrug. Wie unser Vertrauen missbraucht wird – Betrachtungen eines Psychoanalytikers, 2012, http;//www.socialnet.de/rezensionen/13080.php); dass nicht alles käuflich ist (Michael J. Sandel, Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14242.php); dass wir ein neues ökonomisches Narrativ brauchen (Jeremy Rifkin, Die dritte industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12414.php), dass die Frage nach dem ökonomischen Ethos geklärt werden müsse (Tomáš Sedláček, Die Ökonomie von Gut und Böse, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12902.php); dass es eines Perspektivenwechsels und einer Umkehr hin zu einem aufgeklärten Leben bedarf (Ulrich Beck, Die Neuvermessung der Ungleichheit unter den Menschen. Soziologische Aufklärung im 21. Jahrhundert, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/7197.php) – die Liste der Umkehr- und Wandel-Argumentationen ist lang, und die Aufforderungen, die (Eine?) Lebenswelt der Menschen neu zu erfinden, ebenso (Matthias Horx, Das Buch des Wandels. Wie Menschen Zukunft gestalten, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9735.php). Die Einsichten, dass ein „Weiter so“ die Menschheit in den Abgrund zwingt, wachsen zwar; doch die Widerstände zum radikalen Wandel auch (Sebastian Dullien / Hansjörg Herr / Christian Kellermann, Der gute Kapitalismus. … und was sich dafür nach der Krise ändern müsste, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8846.php). Denn die Erkenntnis, dass Verändern Zukunft denken heißt, lässt sich nicht einfach einschreiben (Claus Otto Scharmer, Theorie U. Von der Zukunft her führen, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8328.php); wie auch nicht das Argument, dass Umwelt Aufklärung ist (Joachim Radkau, Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11451.php).

Die Argumente, dass es eines kooperativen Mensch-Natur-Verhältnisses bedarf, liegen auf den Tisch (Peter M. Senge, u.a., Die notwendige Revolution. Wie Individuen und Organisationen zusammenarbeiten, um eine nachhaltige Welt zu schaffen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11714.php).Die Notwendigkeit, einen Bewusstseinswandel vom homo oeconomicus hin zum homo mundanus zu vollziehen, haben uns Wissenschaftler ins Stammbuch geschrieben (Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, 1,004 S., Rez. in Socialnet). Die ökonomische Erkenntnis, dass „mehr wird, wenn wir teilen“ und die Erinnerung, dass die Welt Gemeingut ist, haben sogar 2009 Nobelpreisanerkennung gefunden (Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 201, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php). Die herausfordernde Frage, wem eigentlich die Welt gehört; ebenso, dass Teilen Mehr wert ist, ist angesichts der zunehmenden sozialen Ungerechtigkeiten auf der Erde nur allzu berechtigt (Heinrich-Böll-Stiftung / Silke Helfrich, Hrsg., Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/7908.php); und die Aufforderung, dass wir Menschen vom Egozentrismus weg und hinkommen müssen zu „Commons“, liegt ebenfalls auf unseren Tischen (Silke Helfrich / Heinrich-Böll-Stiftung, Hrsg., Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13482.php).

Autor und Inhalt

Nach dieser langen Argumentations- und Nachweisliste, individuell und lokal- und globalgesellschaftlich den notwendigen Perspektivenwechsel anzugehen, kommen wir endlich zur Besprechung eines Buches, das romanhaft und realistisch schildert, wie aus ökonomischen Gewinnern Krösusse und aus Verlierern Habenichtse werden. Der britische Schriftsteller und Journalist John Lanchester, der sich bereits in mehreren Sachbüchern und -beiträgen zu den Ursachen und Auswirkungen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise geäußert und Partei bezogen hat für die Verlierer der Finanzmanipulationen und -spekulationen und gegen die Verursacher, die Spekulanten und neoliberalen Gewinnsuchten vorgeht, nimmt sich die Skandale und Katastrophen in einem Roman vor. Am Beispiel einer Londoner Straße mit ihren Gebäuden und Bewohnern, der Pepys Road, erzählt er die Geschichte von Menschen, die sich in der angesehenen und die Wohlhabenheit (einiger) Bewohner ausstrahlenden Wohngegend im Welt- und Finanzzentrum London eingerichtet haben; wie z. B. die des Bankers Roger Yount, der ganz selbstverständlich und ohne Skrupel in der Überzeugung lebt, dass seine Tätigkeit als Devisenhändler tagtäglich riesige Summen von Geldern virtuell im Web zu platzieren und im Sekundentakt ungeheuere Gewinne zu erzielen; Finanzmittel, die jeder realen Markt(wert-)-Analyse widersprechen und reine Spekulationsgeschäfte darstellen. Er hat keine Bedenken, denn das System ist so; und wer mit dem Strom schwimmt, kommt schneller voran!

Mit dem Titel im englischsprachigen Original – „Capital“ – das ebenfalls 2012 in London erschienen ist, knüpft er an das Marxsche Diktum an, und gleichzeitig an die Begriffe Hauptstadt und Machtzentrum; die letzteren Bedeutungen werden zwar im deutschen Titel „Kapital“ nicht erkennbar; in den Handlungsverläufen jedoch erscheinen sie deutlich.

Neben dem Banker und seiner Familie, mit Kindermädchen und Hilfskräften für das opulent ausgestattete (Reihen-)Haus mit Garten, einem luxuriösen, schnellen Auto, auch einem Drittwagen, weiteren Immobilien in der Stadt und auf dem Land, leben auch andere, weniger wohlhabende Menschen in der Pepys Road, wie etwa die alte Witwe nebenan, die schon mehrere Jahrzehnte dort wohnt und krank ist und gelegentlich Besuch von ihrem Enkel Graham erhält, der sich als Installationskünstler durchs Leben schlägt. Gegenüber im Haus leben seit kurzem ein Vater mit seinem Sohn. Sie kommen aus Ghana. Ein Talentsucher hat den Jungen als einen vielversprechenden Fußballspieler entdeckt. Doch sein Aufstieg zum Star wird durch eine Verletzung jäh gestoppt, und er wird zur „Wegwerf-Ware“ im kapitalistischen Geschäft. Da ist dann noch die illegal eingewanderte Frau aus Simbabwe, die als Politesse ein paar Pfund verdient, die weder zum Leben noch zum Sterben reichen. Auch die Familie Kamal aus Pakistan, die einen Zeitungskiosk an der Ecke der Pepys Road betreibt, bemüht sich fleißig und angepasst, über die Runden zu kommen. Wie ein Stachel im Fleisch der Wohlgesittet- und Sattheit der Gesellschaft sitzen die Brüder Ahmed, Shahid, Usman und seine Frau Fatima, hin- und hergerissen zwischen ihrer identitätsgarantierenden Religion und den in Asylsituationen allzu leicht aufkommenden, überzogenen und idealisierten Erwartungshaltungen, die das Gastland nicht erfüllen kann, den Versuchungen ausgesetzt, die Unzufriedenheit in fundamentalistisches und terroristisches Denken umzumünzen.

Der Banker, eingenordet in den kapitalistischen und neoliberalen Selbstverständlichkeiten, hat während seiner Alltags- und Zocker-Erfahrungen niemals an dem System gezweifelt – „Es war ihm in seinem Leben mehr oder weniger alles zugeflogen“ – bis die Blase platzte, und die erwarteten, im Familien- und privaten Budget einkalkulierten Boni zu Peanuts schrumpften. Vorher aber beunruhigte die Reichen in der Pegys Road, wie auch in anderen Londoner Bezirken der Wohl(an)ständigen, Belästigungen, die wohl von „Kommunisten“, „Neidischen“ und „Asozialen“, den Loosers in der Gesellschaft ausgingen und die Computerparolen, Graffitis an den Hauswänden und Flugblätter in den Briefkästen mit fett gedruckten Drohungen enthielten: WIR WOLLEN WAS IHR HABT!

Der Zusammenbruch der Bank, Entlassung, das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Da muss einiges bei den gewohnten und liebgewonnenen Ausgaben gestrichen werden. Die Aussichten einen neuen, adäquaten Job in dem Geschäft zu finden, von dem Roger Yount etwas verstand, waren schwierig. Die Aussichten, die horrenden, monatlichen finanziellen Ausgaben bewältigen zu können, tendierten in Richtung Null. Entlassung des Kindermädchens, Verkauf der Autos, an der Mobilie in der Stadt steckt das Schild: „Zu verkaufen!“. Dann, was vorherzusehen war, weil die Ersparnisse bald aufgebraucht waren, der Verkauf des Hauses in der Pegys Road, um auf dem (billigeren) Land zu leben. War es ein Abstieg? Erstaunlicherweise empfand es der ehemalige Banker gar nicht so; vielmehr tauchte da der ungewohnte Gedanke bei ihm auf: „Ich kann mich ändern, ich kann mich ändern. Ich verspreche hoch und heilig, ich kann mich ändern ändern“. Warum aber betonte Roger Yount das so intensiv und oft?

Fazit

Das Kaleidoskop, das der Autor ausbreitet, um das ganz unterschiedliche Leben der Menschen in der Pegys Road zu illustrieren, aber ist bestimmt von der Wirtschafts- und Finanzsituation, die das Land beutelt, und die sich ausbreitet über die Pepys Road, über das Land, über Europa und die Welt. Komisch – oder vielleicht doch symptomatisch – ist es doch, dass viele der Pepys Roader zwar über die vorherrschenden Verhältnisse klagen, aber keiner von ihnen auch nur ansatzweise persönliche und gesellschaftliche Alternativen zu denken vermag. So wirkt zum Schluss die ausgesprochene Änderungs- und Besserungsabsicht der Hauptfigur des Romans eher irgendwie unvermittelt aufgesetzt und wenig glaubwürdig.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.12.2012 zu: John Lanchester: Kapital. Roman. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-608-93985-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14459.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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