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David E. Pollock, Ruth van Reken u.a.: Third culture kids. Aufwachsen in mehreren Kulturen

Cover David E. Pollock, Ruth van Reken, Georg Pflüger: Third culture kids. Aufwachsen in mehreren Kulturen. Verlag der Francke Buchhandlung (Marburg) 2003. 394 Seiten. ISBN 978-3-86122-632-1. 14,95 EUR.

Deutsch von Christoph Rendel.
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"Ich bin ein Wirrwarr von KulturenÓ - "Zwiebel" und "Chamäleon"?

Migrationsforschung und Interkulturelle Pädagogik stehen angesichts interner Theoriekontroversen einerseits und Prozessen zunehmender Globalisierung und Internationalisierung andererseits an einem Scheidepunkt. Die migrationssoziologischen Konzepte der Klassiker (Simmel: der "Fremde", Schütz: der "Heimkehrer" oder Park: der "marginal man" bzw. "Randseiter" - vgl. dazu Merz-Benz/ Wagner 2002) sind meist vergessen; die Terminologie ("Kultur", "Identität", "Ethnie", "Integration" etc.) und die zumeist normative Ausrichtung (Orientierung an Defizit- oder Differenzmodellen, "multikulturelle Gesellschaft" usw.) der Interkulturellen Pädagogik ist in die Kritik geraten (vgl. exemplarisch Griese 2002), so dass theoretisch-analytische Innovationen von sich reden machen (vgl. die Konzepte "Transkulturalität", "Identitätsbalance", "globales Lernen" oder "kulturelle Hybridität"). Angesichts dieser irritierenden und diffusen Situation kommt das Buch "Third Culture Kids" (im Folgenden "TCK") gerade richtig.

Entstehungshintergrund und Überblick

Das Original (gleicher Titel) von Pollock und Van Reken erschien 1999; der Direktor der "deutschen fernschule" Georg Pflüger hat die deutsche Ausgabe um ein Vorwort sowie einem Glossar mit "Schlüsselwörtern" (S. 362ff) und einem "ABC der TCKs" ergänzt. Die Publikation hat Handbuchcharakter und ist stark praxisorientiert (für Menschen, die mit TCKs leben oder arbeiten). Meines Wissens ist es das erste Buch, das dieses Thema in deutscher Sprache präsentiert und zur Diskussion stellt.

Was sind Thirk Culture Kids?

Worum geht es beim Thema TCK? TCKs sind "Wanderer zwischen den (nicht zwei ! H.G.) Welten", Erwachsene und vor allem Kinder und Jugendliche, die ihre "Identität suchen", die "in mehreren Kulturen auf(ge)wachsen" (sind), deren Eltern zumeist "moderne" bzw. "globale Nomaden" sind, die als Missionare, Entwicklungshelfer oder als Angehörige großer Konzerne (Auslandsniederlassungen) oder des Militärs in "unterschiedlichen Kulturen" leben und arbeiten. Der Begriff TCK wurde in den 60er Jahren entwickelt. "Er beschreibt die Kinder, deren Eltern beruflich bedingt 'außer Landes' lebten. Inzwischen versteht man unter "Third Culture Kids" Kinder, die ihre Eltern für einen gewissen Zeitraum in eine andere Kultur begleiten. Keine andere Gruppe unserer Gesellschaft startet unter so vielen Gefährdungen, aber auch mit so viel Chancen ins Leben" (Werbeblatt des Verlags). TCKs gehören - und das unterscheidet sie von den meisten MigrantInnen der (Post-)Moderne und sollte nicht vergessen werden - zu einer berufs- und bildungsprivilegierten Elite. Ihre Eltern sind in der Regel Professionelle, qualifizierte Akademiker, "globale Nomaden", die beruflich hochgradig mobil sind bzw. sein müssen. Aber viele Fragen und Probleme (die Autoren sprechen bewusst lieber von "Herausforderungen") ähneln denen der Armuts-, Arbeits-, Repressions- oder Kriegsmigranten:

  • Wo ist mein Zuhause?
  • Was ist meine Heimat?
  • Wer bin ich?
  • Bin ich anders (als die anderen)?
  • Wo und wie will ich leben und arbeiten?

TCKs sind "hochmobile, transkulturelle (!) junge Leute", die der "Gemeinschaft der globalen Nomaden" angehören (S. 10) ... über die wie aber wenig wissen. Ihre zwei wesentlichen (d.h. ihr Wesen bestimmenden) Merkmale sind zum einen "Drittkulturerfahrungen" bzw. Erfahrungen in mehreren Kulturen und zum anderen ihre "hohe Mobilität" (geringe Ortsgebundenheit).

Aufbau und Inhalt

Im "ersten Abschnitt" wird daher das "Leben in der 'Drittkultur'" (S.13 - 204) beschrieben, mit dem Ziel, die "Welt der TCKs" (1. Teil) und das "TCK-Profil" (2. Teil) zu verstehen. Dies geschieht zum einen deskriptiv in theoretischer und abstrakter Absicht, zum anderen anschaulich und konkret über "Geschichten" von TCKs, die deutlich machen, dass viele von ihnen den Fragen nachgehen (vgl. oben): "Wo gehöre ich hin?" Welche Welt passt zu mir? "Wer bin ich?" TCKs leben in einer "Weder-Noch-Welt"; "ihre Zahl ist angestiegen"; "ihre Stimme in der Öffentlichkeit ist lauter geworden" (1986 gründeten sich die "Global Nomads International") und "ihre Bedeutung hat zugenommen". TCKs sind quasi die "Prototypen des 21. Jahrhunderts", jonglieren mit verschiedenen Kulturen und präsentieren "neue Muster der globalen kulturellen Vermischung". Ihre Existenz, so könnte man sagen, spiegelt die Ambivalenz der postmodernen Globalisierung wieder: Sie haben ungeahnte Vorteile (z.B. Mehrsprachigkeit) und Chancen (z.B. flexible Identität), aber unterliegen auch mannigfachen Problemen (vgl. die Fragen oben), die sie irgendwie "lösen" müssen. "Ein TCK ist eine Person, die einen bedeutenden Teil ihrer Entwicklungsjahre außerhalb der Kultur ihrer Eltern verbracht hat. Ein TCK baut Beziehungen zu allen Kulturen auf, nimmt aber keine davon völlig für sich in Besitz ("diffuse kulturelle Identität", H.G.). Zwar werden Elemente aus jeder Kultur in die Lebenserfahrung des TCKs eingegliedert ("Akkulturation", H.G.), aber sein Zugehörigkeitsgefühl bezieht sich auf andere Menschen mit ähnlichem Hintergrund" (S. 31) - es entsteht also etwas Neues, eine neuartige Identität und Form der Identifikation! Entscheidend ist also die "dritte Kultur" (hat nichts zu tun mit "Dritter Welt"!), eine "Subkultur" ("Gemeinschaft von Ausländern") mit "eigenen Besonderheiten" und einem eigenen (!) "Lebensstil".

Das Konzept der "dritten Kultur" wurde vom Soziologenehepaar Useem in den 50er Jahren entwickelt und impliziert eine Absage an "bikulturelle" Konzepte. Grundlegende Erkenntnis dabei ist: Ein Leben zwischen "Heimatkultur" (erste Kultur) und "Gastkultur" (zweite Kultur) führt zu einem besonderen "Lebensstil in der Exilantengemeinschaft", "der weder ihrer eigenen noch der Kultur ihres Gastlandes entsprach, ihnen jedoch allen in dieser Umgebung gemeinsam war" (S. 32). Es ist eine "Zwischenkultur" oder eine "Kultur zwischen den Kulturen", eine "Drittkultur". "Kinder, die in dieser Zwischenkultur aufgewachsen waren, nannten die Useems 'Drittkulturkinder' oder Third Culture Kids" (S. 32) (vgl. die Begriffe "Einwanderermischkultur" oder "Minderheitensubkultur"). "Heute definiert Dr. Useem die dritte Kultur als einen Oberbegriff zur Bezeichnung des Lebensstils, der von denen geschaffen, geteilt und erlernt werde, die aus einer Kultur stammen und dabei sind, eine Beziehung zu einer anderen Kultur aufzubauen. TCKs definiert sie schlicht als 'Kinder, die ihre Eltern in eine andere Gesellschaft begleiten'" (Hervorh. im Original) (S. 33). Wichtig für die "interkulturelle" Diskussion und daher festhaltenswert ist m.E.: "Kultur im weitesten Sinne ist eine Lebensweise, die man mit anderen gemeinsam hat" (S. 33), die auf gemeinsamen Erfahrungen aufbaut, gemeinsam geschaffen wird und daher nicht statisch, sondern veränderbar ist.

TCKs wachsen in "einer wirklich kulturübergreifenden Welt" auf; sie "leben in verschiedenen kulturellen Welten" und haben Kontakt zu mehreren Kulturen; sie kennen nur eine "hochmobile Welt", die durch ein "ständiges Kommen und Gehen" charakterisiert ist und sie sind Mitglieder einer neuen "breiten dritten Kulturgemeinschaft". Dadurch unterscheiden sie sich aber von den "Normalen" ("völlig andere Weltsicht"; keine "Einwanderer", "privilegierter Lebensstil" und ein Leben in einer "kulturübergreifenden" "Weder-Noch-Kultur") (S. 34ff).

TCKs durchleben ihre "Entwicklungsjahre" ("Geburt bis ins 18. Lebensjahr"), "in denen die Identität, die Beziehung zu anderen Menschen und die Weltsicht des Kindes auf grundlegende Weise geprägt wird" und die "Drittkulturerfahrung eingepflanzt" wird (S. 40) "außerhalb der Kultur ihrer Eltern" in einer Art systemspezifischen (Mission, Militärbasis, Wirtschaftskonzern etc.) Subkultur zwischen den Kulturen. "Das ist der Kern der Wurzellosigkeit und Rastlosigkeit ... Aus dieser Unmöglichkeit, eine Kultur vollkommen in Besitz zu nehmen, erwächst jenes Gefühl 'überall und nirgends' zugleich hinzugehören" (S. 43). Wesentlich (!) ist nun noch, dass die Drittkultur "mehr ist als die Summe ihrer Bestandteile aus der Heimat- und der Gastkultur" (S. 44) und dass "die Gemeinsamkeiten, was Gefühle und Erfahrungen angeht, die Unterschiede weit überwiegen" (S. 48). Wir haben es also bei den TCKs mit einer Homogenität innerhalb von Heterogenität zu tun, mit ähnlichen Situationen und Erfahrungen trotz einzigartiger Biographien.

TCKs sind geprägt durch eine "Welt kulturübergreifender Übergänge und hoher Mobilität" (S. 50). Als Idealtypen nennen die Autoren den "Ausländer" ("sieht anders aus und denkt anders"), das "Adoptivkind" ("sieht anders aus und denkt gleich"), den "heimlichen Einwanderer" ("sieht gleich aus und denkt anders") und den "Spiegel" ("sieht gleich aus und denkt gleich"). "Das Besondere bei den TCKs ist, dass sie während ihrer Kindheit ständig ihre Kategorie wechseln, je nachdem, wo sie sich gerade befinden" (S. 68f). Mit jedem Ortswechsel erfolgt jedoch auch ein Kulturwechsel, der sich als "Übergangserfahrung" in fünf "vorhersagbaren Stadien" vollzieht: "Eingebundenheit, Abschied, Übergang, Eintritt, Wiedereinbindung" (S. 75).

Diese überkomplexen Erfahrungen haben zur Folge, dass den TCKs "einfach bisher die Worte fehlen, um ihre gesamten Lebenserfahrungen zu beschreiben" (S. 88) - diesem Anliegen ist das Buch zu aller erst verpflichtet. Es ist allgemein verständlich geschrieben und bietet Beschreibungen und Erklärungen für den Lebensstil, die Welt und die Besonderheit der TCKs; die zentralen theoretischen Begriffe werden kurz erläutert, tiefschürfende Diskussionen dazu fehlen; das "TCK-(Gruppen-)Profil" (S. 91 ff) wird an Hand mehrerer konkreter Beispiele elaboriert und die Vorteile (Chancen, z.B. "Anpassungsfähigkeit", "erweiterte Weltsicht", "kulturübergreifender Reichtum", "weniger Vorurteile", "soziale Fähigkeiten", "Sprachkenntnisse" etc.) und Probleme (Herausforderungen, z.B. "unklare Loyalitäten", "Unkenntnis der Heimatkultur", "mehr Vorurteile", "Wurzellosigkeit", "Rastlosigkeit", "Misstrauen", "Beziehungsmuster" usw.) werden anschaulich dargelegt (S. 91 - 160).

TCKs sind "Chamäleons", Anpassungskünstler. Sie sind oftmals "frühreif", aber auch durch eine "verzögerte Adoleszenz" charakterisiert (S. 164ff). Ambivalenz (Verluste und Gewinne, Chancen und Probleme) scheint mir ihr grundlegendes Persönlichkeitsmerkmal zu sein - Spiegelbild der Postmoderne!? In den Worten einer Betroffenen: "Bin ich am Ende vielleicht eine Zwiebel - nichts als die Summe meiner Schichten"? (S. 161).

Den gesamten "zweiten Abschnitt" (S. 205ff: "Die Vorteile maximieren"), der sich im Sinne einer Ratgeberliteratur an Praktiker der TCK-Arbeit wendet, sowie die Anhänge A - E ("Ergebnisse einer Untersuchung unter erwachsenen Third Culture Kids", S. 327ff: verspricht viel und hält wenig durch methodische Selbstbeschränkung auf Fragebogen; "Texte von erwachsenen TCKs", S. 345 ff: hochinteressant und voll von leider nicht interpretierten Selbstreflexionen; das "Glossar", S. 362ff: Informationen für Praktiker und "Das ABC der TCKs", S. 372ff: nichtssagende Spielereien) vernachlässige ich, da sie im Schatten des deskriptiv-theoretischen Teils stehen, der den Diskurs um "Transkulturalität", "kulturelle Hybridität" oder "globale Identität" anregen und modifizieren und die Interkulturelle Pädagogik zu einer grundlegenden (nicht immer leichten) Neubewertung und Neuorientierung ihrer Konzepte bewegen könnte.

Fazit

In einer von Migration und Mobilität gekennzeichneten (oftmals brutal globalisierten) Postmoderne entstehen neue kulturübergreifende Phänomene (wie z.B. die TCKs), für die wir passende Begriffe zur Beschreibung und Erklärung finden müssen (vgl. "Drittkultur", "doyce Bastarde"). Innovative Begriffe und Konzepte (wie "Transkulturalität", "kulturübergreifend") bedeuten aber Abschied von der gegenwärtigen Terminologie (bi- oder interkulturell), die unser (statisches?) Denken und Handeln (immer noch?) bestimmt. Das Buch regt an - auch wenn es keine Theoriekontroversen provoziert und eher auf die Kraft von Beispielen und persönlichen Dokumenten setzt - neue Phänomene neu, d.h. theoretisch kreativ und terminologisch innovativ zu denken.

Literatur:

Griese, Hartmut M.: Kritik der 'Interkulturellen Pädagogik'. Essays gegen Kulturalismus, Ethnisierung, Entpolitisierung und einen latenten Rassismus. Münster 2002.

Merz-Benz, Peter-Ulrich und Wagner, Gerhard (Hrsg.): Der Fremde als sozialer Typus. Klassische soziologische Texte zu einem aktuellen Phänomen. Konstanz 2002.


Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie.
ISEF-Institut (Institut für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fortbildung
Homepage www.Isef-Institut.de
E-Mail Mailformular


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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 17.08.2004 zu: David E. Pollock, Ruth van Reken, Georg Pflüger: Third culture kids. Aufwachsen in mehreren Kulturen. Verlag der Francke Buchhandlung (Marburg) 2003. ISBN 978-3-86122-632-1. Deutsch von Christoph Rendel. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1446.php, Datum des Zugriffs 26.04.2017.


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