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Hans Joas: Glaube als Option

Cover Hans Joas: Glaube als Option. Zukunftsmöglichkeiten des Christentums. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2012. 257 Seiten. ISBN 978-3-451-30537-5. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

Hans Joas thematisiert in diesem Buch den Zusammenhang zwischen Säkularisierung und Modernisierung und stellt diesen Zusammenhang zugleich kritisch in Frage, indem er sowohl im Bereich der Säkularisierungsverständnissse als auch im Bereich von Modernisierungstheorien historisch und sozialwissenschaftliche Einwände formuliert und so zu einem Perspektivenwechsel einlädt.

Autor

Prof. Dr. Hans Joas leitete von 2002 bis 2011 das „Max Weber Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien“ an der Universität Erfurt; seit 2011 ist er Forschungsprofessor am FRIAS der Universität Freiburg und zudem noch Professor für Soziologie an der University of Chicago.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach Vorwort und Einleitung (Säkularisierung und intellektuelle Redlichkeit) wie folgt:

  1. Führt Modernisierung zur Säkularisierung?
  2. Führt Säkularisierung zum Moralverfall?
  3. Wellen der Säkularisierung
  4. Modernisierung als kulturprotestantische Metaerzählung
  5. Das Zeitalter der Kontingenz
  6. Optionsvermehrung als Gefahr?
  7. Religiöse Vielfalt und pluralistische Gesellschaft
  8. Religion und Gewalt
  9. Die Zukunft des Christentums
  10. Intellektuelle Herausforderungen für das Christentum heute
  11. Schluss: Wandert das Christentum aus Europa aus?

Hinzu kommen Anmerkungen, das Literaturverzeichnis und das Quellenverzeichnis.

Inhalt

Das Buch fasst Gedanken, die Hans Joas anlässlich verschiedener Vorträge im akademischen und kirchlichen Raum gehalten hat, zusammen und er bezieht sich dabei immer wieder auf die sozialwissenschaftliche Theorie und Tradition bei Charles Taylor und Ernst Troeltsch. Hans Joas versteht sein Buch als Weiterentwicklung seiner Gedanken im Buch (2004): „Braucht der Mensch Religion?“ Die Möglichkeit, sich zwischen verschiedenen Formen religiösen Glaubens aber auch Unglaubens entscheiden können, nimmt den Begriff Option in den Blick: „Die Optionalität des Glaubens ist damit zunächst einmal durch die Verfügbarkeit prinzipiellen Unglaubens gegeben, dann auch durch die Bedingungen des religiösen Pluralismus.“ (S. 10)

Ad Einleitung: Joas problematisiert die religionskritische These „wer heute noch glaubt, ist intellektuell unredlich“ (S. 13) und gleichzeitig auch die religionsfreundliche, dass der Mensch „anthropologisch auf Religion angelegt sei“ (S. 15). Auch die Sicht, dass Säkularisierung zu einem gesellschaftlichen Werteverfall führe, wird infrage gestellt. Am Beispiel der USA macht der Autor deutlich, dass Säkularisierung und Modernisierung keineswegs zu einem Rückgang oder Erlöschen von Religion geführt haben, was zudem empirisch belegbar sei: „Das Selbstgefühl, mit dem Unglauben an der Spitze des Fortschritts zu stehen, ist ebenso perdu wie umgekehrt die Selbstgewissheit, durch den Glauben schon ein moralisch besserer Mensch zu sein.“ (S. 17) Joas fordert zum produktiven Umgang mit gesellschaftlicher und religiöser Vielfalt und zur gesellschaftlichen Teilhabe aller Gruppen auf (S. 18).

Ad 1: Säkularisierung als Begriff geht ursprünglich auf einen Rechtsbegriff zurück, der den Wechsel „von Ordensangehörigen in den Status von »Weltpriestern«“ markierte (S. 25); später wurde der Begriff verwendet, um die Umwandlung von Kirchen- in Staatsbesitz zu beschreiben (Napoleon). Als Begriff in den heutigen Sozial- und Kulturwissenschaften wird der Begriff Säkularisierung mehrdeutig und heute „im Sinn einer generell abnehmenden Bedeutung der Religion oder in dem eines Rückzuges der Religion aus dem öffentlichen Raum oder in dem einer Freisetzung gesellschaftlicher Teilbereiche […] von unmittelbarer religiöser Kontrolle“ verwendet (S. 26). Trotzdem muss der Begriff weiter ausdifferenziert werden, um bestimmte Phänomene wie Abnahme von Mitgliedszahlen in den Kirchen in den Blick zu bekommen. Joas wendet sich auch gegen die These von Thomas Luckmann, der von einer „Privatisierung der Religion“ ausging (S. 28). Joas behauptet, dass die Entstehung der Säkularisierungsthese bislang wenig erforscht sei. Die These besagt, dass religiöse Einstellungen mit dem Fortschritt der Moderne zurückgingen oder sich auflösten: „Religiöser Glaube kann im Sinne einer vornehmlich kognitiven Konzeption als unreifes und unsicheres Wissen, als Pseudo-Wissenschaft und irregeleiteter Versuch zur Lösung von Erkenntnisproblemen aufgefasst werden. Religiöser Glaube kann auch als Ausdruck des Elends – materieller Not, sozialer und politischer Unterdrückung, der Erfahrung der unerträglichen Sinnlosigkeit von Schicksalsschlägen, einer existentiellen Unsicherheit – verstanden werden.“ (S. 32) Diese Deutungen, die sich aus naturwissenschaftlichen, psychoanalytischen oder marxistisch-philosophischen Erwägungen her generieren, kommen an ihre Grenzen, wenn Religion nicht nur als Einschränkung persönlicher Freiheit bzw. Autonomie wahrgenommen wird. Joas verdeutlicht an europäischen Ländern wie Polen oder Irland, dass die dargestellten Annahmen zu kurz greifen (S. 34), weil sie Religion als überwundenes Relikt vergangener Zeiten wahrnehmen. Die Pluralität religiöser Überzeugungen und Religionsgemeinschaften steht ebenso gegen die Säkularisierungsthese; gemessen am Bevölkerungswachstum in außereuropäischen Ländern, müsse man nach Joas geradezu von einer „triumphalen Expansion der Religion“ sprechen (S. 39). Historisch wendet Joas ein, dass die Vertreter der Säkularisierungsthese davon ausgingen, dass in der voraufklärerischen Zeit, vor allem für Europa, von einer dichten Religiosität auszugehen sei, was sich aber empirisch und auch historisch nicht nachweisen lässt. Ein gesetzmäßiger Zusammenhang von Modernisierung und Säkularisierung sei nach Joas‘ Auffassung nicht zwingend anzunehmen (S. 42).

Ad 2: Joas nimmt mit der Frage in der Kapitelüberschrift die andere Seite wahr, die von der Unentbehrlichkeit des Glaubens bzw. der Religion ausgeht und die Annahme pflegt, ohne Religion käme es in einer modernen pluralen Gesellschaft automatisch zu einem Werteverfall und Säkularisierung und Modernisierung seien Gefahren für Gesundheit, Moral und Frieden (S. 47). Es sei überhaupt, so Joas, fraglich, ob Religion und Moral in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander stünden (S. 49); zudem existierten auch nicht-religiöse Quellen der Moral und der Moralbildung: „Hier geht es um den Nachweis, dass es Grundstrukturen gelebter Reziprozität gibt, die selbst eine Quelle der Moral darstellen und als solche nicht vom religiösen Imaginären bestimmt werden.“ (S. 57) Soziale Reziprozität kann also selbst eine Quelle von Moral sein; auch die Abstumpfung von Religion oder ihre Dekontextualisierung können zu einem Moralverfall führen. (S. 62). Joas markiert so zwei Ursprünge der Moral: „Ausschlaggebend scheint aber zu sein, dass die Strukturen menschlicher Kooperation selbst die Individuen entweder aus Eigennutz zur Einhaltung von Reziprozitätsverpflichtungen führen oder ihnen die Einsicht in den Wert von Gerechtigkeit eröffnen.“ (S. 63)

Ad 3: Der Autor fokussiert zunächst Säkularisierung und die Entwicklung moderner Staatswesen und zeigt an dieser Entwicklung zugleich das defizitäre Verhältnis der Kirchen und Religionsgemeinschaften zur sozialen Frage, zur Demokratie, zu den Menschenrechten, zur religiösen Toleranz auf (S. 71). Säkularisierung hatte, so Joas, auch mit politischen und sozialen Bewegungen der Emanzipation zu tun und sei keineswegs im Kern sofort antireligiös. Er identifiziert in der europäischen Geschichte drei Wellen zwischen 1791 und 1969. In der ersten Welle der Säkularisierung ging es um die Bedeutung der frz. Revolution; die zweite Welle verweist auf die industrielle Revolution in der Mitte des 19. Jahrhunderts trat das antireligiöse Potenzial dort auf, wo es auf die Verquickung von Staatsmacht und kirchlichem Monopolismus („Thron und Altar“) aufmerksam gemacht hat. Ähnliche Momente ließen sich in den Wirkungen der 68er-Bewegungen in den USA und in Europa ausmachen. Die Geschichte der Säkularisierung sei, so Joas, der hier auf Dietrich Bonhoeffer rekurriert, „immer auch eine Geschichte der Schuld und der verweigerten Verantwortung von Christen.“ (S. 85)

Ad 4: Joas stellt in diesem Kapitel die These auf, dass der Gedanke der Modernisierung immer schon von religiösen Motiven, Annahmen usw. affiziert gewesen sei und führt hierzu eine Untersuchung von Ernst Troeltsch aus 1913 an („Die Kulturbedeutung des Protestantismus ist eine unzweifelhafte, aber im Einzelnen überaus schwer zu umschreibende Tatsache“) (S. 87). Um diese These zu belegen entfaltet Joas sechs „Protestantismusthesen“ (S. 90ff); für sich genommen seien sie einseitig und lösten sofort Kontroversen aus; gleichsam seien sie bedenkenswert, so z.B. Jellineks Ansatz, dass der Menschenrechtsgedanke schon bei protestantischen Denkern vor der französischen Revolution zu finden sei. Sowohl protestantische als auch katholische Reformen stellten eine „eigene Form von Modernisierung und Individualisierung“ vor (S. 101). Unzweifelhaft seien Wirkungen der protestantischen Reformation auf Individualisierung und Modernisierungsdenken vorhanden, in ihrer Multivalenz aber kaum beschreibbar, sodass Joas „von der Theorie der Modernisierung als einer kulturprotestantischen Meta-Erzählung“ ausgeht (S. 104).

Ad 5: Die Sozialwissenschaften charakterisieren heutige Gesellschaftsstrukturen gern mit Schlagwörtern (z.B. Risikogesellschaft / Ulrich Beck 1986; Erlebnisgesellschaft / Gerhard Schulze 1992). Joas wehrt sich gegen diese reduktiven Begrifflichkeiten und bringt dagegen den Begriff der Kontingenz ein (S. 109). Er bringt damit zum Ausdruck, dass es gar keinen einheitlichen Prozess der Modernisierung gegeben habe (S. 112). Für Joas ist bedeutsam, ob sich aus den vielfältigen Möglichkeiten der Moderne auch Handlungsoptionen für die Individuen ableiten lassen oder nicht: „Ich interessiere mich hier mit anderen Worten dafür, ob man unsere Zeit über eine Zunahme individueller Handlungsoptionen charakterisieren und wie sich das Bewusstsein historischer Kontingenz abgebildet hat.“ (S.113) Diese anzunehmende „Theorie der Kontingenz“ sei das Gegenstück zu einer „kreativitätsorientierten Handlungstheorie“ (ebda). Wenn man, so Joas, Subprozesse der Modernisierung demgegenüber nicht aus einer Wirkdimension ableitete, bekomme eine Theorie kontingenter Beziehungen Sinn. Der Begriff „Kontingenz“ soll nach Joas nicht allzu schnell mit dem Begriff des Zufälligen identifiziert werden. In Anlehnung an Ernst Troeltsch formuliert Joas eine Definition von Kontingenz: „Aber die Bedeutung von Gegenbegriffen hängt stark von der Bedeutung des Ausgangsbegriffs ab. Wenn unter Notwendigkeit wie in der vorneuzeitlichen Philosophie der wohlgeordnete Kosmos verstanden wurde, dann bezog sich Kontingenz […] sowohl auf die Unvollständigkeit und mangelnde Perfektion der bloß-sinnlichen Welt als auch auf den freien und schöpferischen Charakter von Gottes Eingriffen in die Welt.“ (S. 123) So verstanden, sensibilisiert der Begriff der Kontingenz „für die Zunahme der Optionen unseres Handelns und für die Zufälligkeit der Widerfahrnisse in unserem Leben.“ (S. 123) Neue Handlungsoptionen vervielfachen aber wiederum neue Spielräume im sozialen Leben: „Gestiegene Handlungsoptionen können als erlösende Freisetzung, aber auch als belastender Zwang zur Entscheidung erlebt werden; die Fülle der Widerfahrnisse aus der Freiheit der anderen heraus kann als intensitätssteigernd aber auch als bedrohlich erlebt werden.“ (S. 124) Religion ist in diesem Kontext nicht nur Kontingenzbewältigung, sondern auch Ausbildung „fester Wertbindungen“: „Für mich stellt der Glaube keine Kontingenzbewältigungstechnik dar, sondern die Voraussetzung für einen spezifischen Umgang mit Kontingenz; unter Bedingungen hoher Kontingenz kann es, wie ich argumentiere, sehr wohl zu festen Bindungen an Personen und an Werte kommen, es ändert sich nur die Art dieser Bindung; und nicht Relativismus ist das Resultat von Kontingenzsensibilität, sondern „kontingente Gewissheit“, eine Gewissheit, die sich der Kontingenz ihrer Entstehung bewusst ist.“ (S. 126)

Ad 6: Die Kapitelfrage zielt darauf, ob der Glaube als Option auch als Gefahr für das jeweilige Subjektsein einer Person angesehen werden kann (S. 129). Veränderungen können zu Identitätsbrüchen führen; gleichzeitig stellen sie aber auch ein Potenzial neuer Chancen dar. Nötig seien aber zur Kontingenzsensibilität auch Kompetenzen und „Erfahrungen der Selbstbildung und Selbstranszendenz“ (S. 139) und Fähigkeiten, wie z.B. kognitive Empathie: „Wer nur das Eigene kennt, wird dieses für das Einzige halten.“ (S. 143) Ideologien können dazu führen, das wäre die andere Seite der Eröffnung von Optionen, dass sich sogar Gebildete „enthumanisieren“ lassen: „Ohne die Aneignung spezifischer Werte, die zum Empfinden moralischer Gefühle gegenüber anderen anhalten, bleibt eine Empathieerziehung leer.“ (S. 145)

Ad 7: Kirchen und Religionsgemeinschaften wollen nicht dazu instrumentalisiert werden, den sozialen Frieden zu bewahren oder den sozialen Zusammenhalt herzustellen: „Sie fühlen sich dann leicht zum bloßen Werkzeug oder gesellschaftlichen Funktionssystem herabgewürdigt und wehren sich gegen eine solche Indienstnahme des Glaubens.“ (S. 149) Religionen sind mehr als Wertevermittlungsagenturen oder -systeme und wollen deshalb auch nicht auf diese Aufgaben reduziert werden, auch wenn sie diese Aufgaben in einem gesellschaftlichen Zusammenhang bereit sind zu übernehmen (S. 151). Religiöse Erfahrungen sind zunächst einmal nicht eingebunden in ein spezifisches Wertesystem, bedenken existenzielle und von daher auch konstitutive anthropologische Erfahrungen und benötigen deswegen eine spezifische Sprache voller Symbole und Codes, die es zu erlernen gilt (S. 154). Joas zitiert George Santayana: „Der Versuch zu sprechen, ist ebenso zum Scheitern verurteilt wie der Versuch, ohne Berufung auf eine bestimmte Religion religiös zu sein“ (S. 155; George Santayana (1936): Reason in Religion, in: dito: Works Vol. IV, New York, S. 3-104. Zitat ist auf S. 4). Glaubensvermittlung hat zunächst vor jeder gesellschaftlichen Funktion, die Aufgabe des Dialogischen zu anderen Religionen auszuüben, ohne die andere Religion in ihrer Identität zu beschädigen oder zu kolonisieren (S. 159).

Ad 8: Die Verbindung zwischen Religion und Gewalt ist spätestens seit den Anschlägen vom 11.9.2001 geschlossen (S. 164) – die Frage stellt sich sofort: Aufgrund welcher Bedingungen greifen religiöse Individuen zu Mitteln der Gewalt (S. 167) oder inwiefern kommt gewaltproduzierenden gesellschaftlichen Konfliktsituationen eine religiöse Dimension zu (S. 169)? Eine erste Antwort sucht Joas in der Verbindung zwischen dem „Heiligen“ und Gewalt. Das Heilige, so seine Überzeugung, sei nicht als Bindemittel für Gesellschaften zu instrumentalisieren – wie beeinflussen Gewalterfahrungen die Dimension des Umgangs mit dem Heiligen? (S. 172) Die christliche Religion sehe in Jesus Christus theologisch die Überwindung von Gewaltverhältnissen, sei aber in ihrer Geschichte oft der Gewaltausübung unterlegen, wozu Überlegenheits- und Absolutheitsgefühle und -ansprüche die Legitimation lieferten (S. 175); aber auch hierzu existiere in der Geschichte des Christentums ein gegensätzlicher Punkt, wenn man sich die Geschichte der amerikanischen Friedenskirchen vor Augen hält, dass dort die Ressourcen der Religion gerade zum Gewaltverzicht genutzt worden sind (S. 179). Das Problem ist „die politische Instrumentalisierung der Religionen auf allen Seiten, aber auch die verzerrende Konstruktion der jeweils anderen Religionen bei Konfliktgegnern, die einer Lösung des Konflikts im Wege stehen.“ (S. 183) Joas plädiert an dieser Stelle für die Suche nach friedensfähigen Ressourcen in den Religionen (S. 184).

Ad 9: Die Zukunft des Christentums, so der Autor, liege jenseits traditioneller religiöser bzw. konfessioneller Milieus und Vorstellungen, aber doch zuerst in der Fokussierung der Glaubensinhalte. Am Beispiel lateinamerikanischer und südostasiatischer Lebensverhältnisse macht Joas darauf aufmerksam, dass sich christlich-religiöse Formen in einem enormen Wachstumsprozess befänden und dass das Christentum längst nicht mehr mit europäischen Maßstäben gemessen werden könne (S. 197).

Ad 10: Die christlichen Konfessionen seien intellektuell insofern herausgefordert, als sie ihre Basisbotschaften (Ethos der Liebe, Person-Verständnis, Gemeinschaftlichkeit des Kultes, Konzentration der Spiritualität auf Jesus Christus) verständnislosen Zeitgenoss_innen vermitteln und erklären und sich deswegen auch in bestimmte intellektuelle Diskurse begeben müssen (S. 202). Utilitaristische Konzeptionen individueller Selbstverwirklichung oder auch expressive Selbstverwirklichungsformen stünden diesem Diskurs entgegen (S. 203): „Die intellektuelle Herausforderung für das Christentum besteht demnach heute darin, die Grenzen des utilitaristischen und des expressiven Individualismus aufzuzeigen, ebenso den nichtuniversalistischen Charakter des republikanischen Denkens herauszuarbeiten und rationalistisch beschränkte Formen des moralischen Universalismus zu kritisieren.“ (S. 206)

Ad Schluss: Die Vorstellung von einem homogenen christlichen Europa in der voraufklärerischen Zeit trügt; zudem hat das Christentum in seiner kultischen Praxis auch synkretistische Züge, denn es hat vorchristliche Praktiken und Kulte integriert (S. 221) – gleichwohl sind innerhalb der aufeinander bezogenen drei abrahamitischen Weltreligionen Wechselwirkungen zu beobachten.

Fazit

Das Buch ist spannend und kurzweilig geschrieben, was in einem eher wissenschaftlichen Buch selten anzutreffen ist; die Lesenden dürfen hoffentlich auf eine Fortsetzung des Joasschen Diskurses setzen.


Rezensent
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 03.02.2014 zu: Hans Joas: Glaube als Option. Zukunftsmöglichkeiten des Christentums. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2012. ISBN 978-3-451-30537-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14460.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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