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Christine Baur: Schule, Stadtteil, Bildungschancen

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 02.01.2013

Cover Christine Baur: Schule, Stadtteil, Bildungschancen ISBN 978-3-8376-2237-9

Christine Baur: Schule, Stadtteil, Bildungschancen. Wie ethnische und soziale Segregation Schüler/-innen mit Migrationshintergrund benachteiligt. transcript (Bielefeld) 2012. 290 Seiten. ISBN 978-3-8376-2237-9. D: 32,80 EUR, A: 33,80 EUR.
Reihe: Pädagogik
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Migration und Bildungsbenachteiligung

Segregations- und Fremdheitserfahrungen als Bildungshemmnisse werden in den sozial- und bildungswissenschaftlichen Studien und Analysen in vielfältiger Weise diskutiert (Sylke Bartmann / Oliver Immel, Hrsg., Das Vertraute und das Fremde. Differenzerfahrung und Fremdverstehen im Interkulturalitätsdiskurs, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/12833.php). Die Kontroversen über Ge- oder Misslingen von Integrationsprozessen werden überwiegend bestimmt von den Annahmen, dass die kulturellen Unterschiede individuelle und gesellschaftliche Integration oder Segregation bewirken (Utta Isop / Viktorija Ratkovič, Differenzen leben. Kulturwissenschaftliche und geschlechterkritische Perspektiven auf Inklusion und Exklusion, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11666.php, und zwar lokal wie global ( Anna Caroline Cöster / Max Matter, Hrsg., Fremdheit und Migration. Kulturwissenschaftliche Perspektiven für Europa, Marburg 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12023.php). Die Frage, wie wir Bildungsverlierer vermeiden können, bewegt Bildungspolitiker (Jörg Dräger, Dichter, Denker, Schulversager. Gute Schulen sind machbar – Wege aus der Bildungskrise, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12102.php), Bildungstheoretiker (Paul Mecheril / Mario do Mar CastroVarela / Dirim ?nci / Annita Kalpaka / Claus Melter, Migrationspädagogik, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9383.php, sowie: Alfred Holzbrecher, Hrsg., Interkulturelle Schule. Eine Entwicklungsaufgabe, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11812.php) und -praktiker in gleicher Weise (Wilfried Baur, Ansprüche an eine humane Schulgestaltung. Dialogische Maßstäbe schülerzentrierten offenen Arbeitens, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13481.php). Es geht darum, in der Lehrerbildung (Elisabeth Rangosch-Schneck, Hrsg., Lehrer lernen Migration. Außen- und Innenperspektiven einer „interkulturellen Lehrerbildung, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14006.php) wie in der Sozialpolitik (Rolf-Dieter Hepp, Hrsg., Prekarisierung und Flexibilisierung = Precarity and flexibilisation, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13527.php) einen Perspektivenwechsel zu vollziehen. Weil Migration ein globales Phänomen darstellt (Jochen Oltmer, Globale Migration. Geschichte und Gegenwart, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14206.php), muss sich auch der nationale Blick über den kulturellen Gartenzaun hinaus weiten (Ulrich Schmidt-Denter, Die Deutschen und ihre Migranten. Ergebnisse der europäischen Identitätsstudie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12676.php), als Biographieforschung intensivieren (Nadine Rose, Migration als Bildungsherausforderung. Subjektivierung und Diskriminierung im Spiegel von Migrationsbiographien, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13933.php) und Inklusion als gesamtgesellschaftliche Aufgabe etablieren (Joachim Schwohl / Tanja Sturm, Hrsg., Inklusion als Herausforderung schulischer Entwicklung. Widersprüche und Perspektiven eines erziehungswissenschaftlichen Diskurses, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10651.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Die zahlreichen nationalen und internationalen Schulvergleichs- und Schulleistungsuntersuchungen weisen aus, was Bildungspraktiker, Soziologen, Psychologen und Soziologen seit Jahrzehnten aufzeigen: In kaum einem anderen Land der Erde ist Schul- und Bildungserfolg von Kindern so stark von der sozialen Herkunft abhängig wie in Deutschland. Das ist nicht zuletzt der frühen Sortierung und überhaupt dem dreigliedrigen Schulsystem geschuldet. In besonderem Maße davon betroffen sind Kinder und Jugendliche aus einkommens- und sozialschwachen, niedrig qualifizierten und Familien mit Migrationshintergrund.

Die abgeordnete Referentin für Ganztagsschulen in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, die Sozialarbeiterin Christine Baur, legt die Zusammenfassung ihrer an der Humboldt-Universität eingereichten Dissertation zum Forschungsfeld der stadtsoziologischen und Bildungsforschung vor. Sie zeigt auf, dass die schulstrukturelle Situation die eine Seite der Misere von Bildungsbenachteiligung ist, die sozialräumlichen, lokalen und regionalen Lebensbedingungen der Menschen aber gleichzeitig zu sozialen Ungleichheiten führen. Die Autorin stützt sich bei ihrer Forschungsarbeit auf die jahrzehntelange Arbeit als Schulsozialarbeiterin in einer Haupt- und Realschule im Wrangelkiez im Berliner Stadtteil Kreuzberg, Dabei kommt sie, das sei vorweg angedeutet, zu einer ernüchternden Einschätzung der Ergebnisse der vielfältigen, strukturellen und institutionellen Anstrengungen. Mit ihrer Arbeit will Christine Baur „einen Beitrag zur Bildungs- und Ungleichheitsforschung aus der stadtsoziologischen und erziehungswissenschaftlichen Perspektive heraus leisten“. Dabei betrachtet sie die familiären Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler, analysiert die Schulstruktur und berücksichtigt die sozialen und ethnischen Segregationserscheinungen bei Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund. Im Mittelpunkt ihrer empirischen Forschungen steht dabei die Frage, „welche Wirkung ein Quartier als sozialräumlicher Kontext auf seine Bewohner/-innen und welche Bedeutung insbesondere die soziale und ethnische Segregation als Einflussfaktoren haben“ – und damit eben auch „für die Bildungschancen derjenigen Kinder und Jugendlichen, die unter den Bedingungen konzentrierter Benachteiligung aufwachsen und beschult werden“. Die Migrationssituation ist zwar nicht die einzige Ursache für diese Benachteiligungen, sie verschärft jedoch das Problem.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung gliedert die Autorin ihre Forschungsarbeit in sechs Kapitel: Im ersten werden „Wohnortsegregation und Kontexteffekte in ihrer Wirkung auf Bildungserfolg“ diskutiert; im zweiten werden Befunde zu den Wirkungen von „Segregation in der Schule“ aufgezeigt; im dritten stellt Baur ihre “methodischen Überlegungen und Forschungsinstrumente“ für die Arbeit dar; im vierten wird als Fallstudie die „Integrierte Haupt- und Realschule im Wrangelkiez, einem Gebiet mit besonderem Entwicklungsbedarf“ vorgestellt; im fünften entwickelt die Autorin „Veränderungsansätze zur Verbesserung der Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund“; im sechsten Kapitel werden „Strategien zur Neutralisierung von Segregationseffekten“ in anderen Ländern in den Diskurs gebracht. Im letzten Kapitel schließlich werden Handlungsempfehlungen formuliert, wie schulischer Segregation begegnet werden kann.

Es sind nicht zuletzt die „Quartiers- oder Kontexteffekte“, die soziale Benachteiligungen schaffen. Die Ursachen, wie soziale Segregation im Stadtteil entsteht und warum es zur ethnischen Segregation kommt, wird in der sozialwissenschaftlichen Stadtforschung aufgewiesen. Dabei zeigt sich, dass bei Kindern und Jugendlichen, die in benachteiligten und prekären Quartieren aufwachsen, sowohl Formen und Tendenzen von Selbstselektion wirken, die sich in Gangs, Cliquen und Netzwerken verdeutlichen, als auch die im Milieu vorherrschenden, strukturellen und atmosphärischen Situationen als Verstärkungseffekte wirken. Die Evaluation von in der Quartiersforschung bisher nicht eindeutig beantworteten Fragestellungen, etwa ob Kontexteffekte bei Jungen und Mädchen in gleicher Weise wirksam sind oder sich unterscheiden, gehört deshalb zu einer wichtigen Zielsetzung der Baurschen Arbeit.

Für ihre Untersuchung zu Segregationseffekten in der Schule benutzt die Autorin Daten und Analysen der Berliner Sozialen Stadtentwicklung aus dem Jahr 2008/2009 und weitere Statistiken. Sie vergleicht dabei die vorfindbaren Daten von Beziehern von staatlichen Transferleistungen und Personen mit ausländischem Pass und/oder Migrationshintergrund in den Ortsteilen Kreuzberg, Tiergarten und Steglitz und stellt Relationen her zu den jeweiligen Schuleinzugsbereichen der Grundschulen. Es bestätigt sich, was in den nationalen und internationalen Schulvergleichs- und -leistungsuntersuchungen zutage tritt: Hohe Konzentration von sozial benachteiligten und prekären Bevölkerungsschichten führen zu einer gesellschaftlichen Spaltung, und in den Schulen zu sozialen und Bildungsbenachteiligungen: „Man muss wohl von einer gespaltenen Kindheit in der Stadt reden: Immer mehr Kinder in Umgebungen mit immer größeren Problemen gegenüber Kindern in Umgebungen mit immer weniger Problemen“ (Hartmut Häußermann, 2007), was die Autorin zu der These veranlasst: „Soziale und ethnische Entmischung geht von der Mitte der Gesellschaft aus“.

Die lebensweltlichen Bedingungen in Familie, Schule und Quartier und ihre Auswirkungen auf Schul- und Bildungserfolg bzw. -misserfolg lassen sich nicht mit statistischen Vergleichen allein ermitteln. Für das Aktionsforschungsvorhaben sind besonders die Methoden und Analyseinstrumente bedeutsam, die von der Autorin benutzt werden: Fallstudien, Interviews, Fragebögen, Beobachtungen, Expert/-innen-Gespräche und Analysen.

Die Fallstudie zur stadtteilbezogenen Situation der Eberhard-Klein-Schule, einer integrierten Haupt- und Realschule im Quartier Wrangelkiez in Kreuzberg, berücksichtigt die soziale Infrastruktur im Stadtteil, die Zusammensetzung der Schüler/-innenschaft und setzt sie in Beziehung zur sozioökonomischen Lage der Familien, den institutionellen Erziehungs- und Interventionsmöglichkeiten der Schule und zum Bildungskontext der SchülerInnen. Die vielfältigen Untersuchungen und konkreten Ermittlungen, die die Autorin bei 19 Schülerinnen und Schülern dezidiert und differenziert bei Jungen und Mädchen vornimmt – bezogen auf soziale Herkunft, Familiensituation, Werte- und Normenbewusstsein, Vorbildeinstellungen, religiöse Prägungen, Sprachverhalten und -kompetenz, Peergroup-Aktivitätenz – werden an drei Einzelfallstudien auf den Punkt gebracht: Den meisten Jugendlichen sind die Defizite bewusst, die sie hindern, einen adäquaten Bildungs-, Schul- und Berufserfolg zu erreichen; doch nur in wenigen Fällen gelingt es, die „Einsichten“ in positive Aussichten zu verwandeln.

Es bedarf also gesellschaftlicher und schulischer Veränderungsprozesse, um die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu verbessern. Die Konzepte und Instrumente dafür liegen auf dem Tisch: Kommunal muss es darum gehen, in den Quartieren eine soziale und ethnische Mischung anzustreben, die Schuleinzugsbereiche aufzulösen und eine Integration der Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen sozialen und ethnischen Herkünften in der Schule zu ermöglichen. Notwendig dafür sind auch Strukturreformen hin zu integrierten Schulen (in Berlin: Bürgerschulen), Schulqualitätsentwicklung, Frühförderung, Elternpartizipation und -bildung.

Fazit

„Strategien zur Neutralisierung von Segregationseffekten“ lassen sich vor allem beim Blick über den lokalen, kommunalen und regionalen Gartenzaun in Richtung auf Konzepte und Erfahrungen in anderen Ländern ermitteln; etwa dem „Busing“, ethnischen Desegregationsmaßnahmen, wie sie in den USA und Frankreich praktiziert werden. Die Fallstudie „La Saulaie“, einem benachteiligten Quartier in der französischen Stadt Oullins in der Agglomeration von Lyon, wie auch die Desegregationsstrategien in mehreren Städten der USA, lassen sich zwar nicht direkt auf Berliner und deutsche Verhältnisse übertragen; doch die Autorin filtert Umsetzungsschritte aus den vorliegenden Praxisbeispielen heraus und formuliert Handlungsempfehlungen für Schulpolitik.

Kein Land kann es sich leisten, will es sich demokratisch und human weiterentwickeln, Schul-, Bildungs- und Berufserfolge nur für sozial und ökonomisch Privilegierte vorzuhalten und den sozial-, bildungs- und gesellschaftlich Benachteiligten das Recht auf Bildung durch strukturelle und institutionelle Fehlentwicklungen zu verweigern bzw. ihnen vorzuenthalten. Und kein Volk, das Gleichberechtigung und Chancengerechtigkeit hoch hält, kann es sich erlauben, die in der Gesellschaft vorhandenen Potentiale bei Kindern und Jugendlichen zu vernachlässigen. Der Fingerzeig, dass den Menschen mit Migrationshintergrund und in prekären Verhältnissen lebenden jungen und alten Bürgern die gleichen Lebens- und Bildungschancen bereitgestellt werden müssen wie den Bevorzugten, zeigt auf, so kann man es aus den „Handlungsempfehlungen für die Bildungs- und Stadtpolitik“ herauslesen, dass eine soziale Stadt- und Bildungspolitik notwendig und möglich ist. Es wäre zu wünschen, wenn Christine Baur als abgeordnete Referentin für Ganztagsschulen in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, auch nur einige der in ihrer Dissertation erforschten Grundsätze für den Menschenrechtsanspruch „Bildung für Alle“ in Berlin auf den Weg bringen könnte, damit exemplarisch für die Bildungspolitik in Deutschland und darüber hinaus neue Maßstäbe gegen ethnische und soziale Segregation von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Migrationshintergrund zu setzen und ein Plädoyer für eine integrative, demokratische und humane Gesellschaftspolitik in den Diskurs einzubringen.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1551 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.01.2013 zu: Christine Baur: Schule, Stadtteil, Bildungschancen. Wie ethnische und soziale Segregation Schüler/-innen mit Migrationshintergrund benachteiligt. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-2237-9. Reihe: Pädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14471.php, Datum des Zugriffs 29.06.2022.


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