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Gernot Wolfram (Hrsg.): Kulturmanagement und Europäische Kulturarbeit

Cover Gernot Wolfram (Hrsg.): Kulturmanagement und Europäische Kulturarbeit. Tendenzen - Förderungen - Innovationen. Leitfaden für ein neues Praxisfeld. transcript (Bielefeld) 2012. 280 Seiten. ISBN 978-3-8376-1781-8. 29,80 EUR, CH: 43,90 sFr.

Reihe: Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement.
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Thema

Gernot Wolfram möchte dem nationalen Kulturfördermittelfatalismus „Für Kultur sei kein Geld da!“ mit einem Blick auf EU-Förderchancen für die Kultur begegnen. „Im europäischen Raum sehen wir mehr und mehr, wie viel Inspiration und Kraft, auch finanzielle Kraft, in Projekten liegt, an denen mehrere Länder beteiligt sind. Da passiert im Moment ein Aufbruch. Als Herausgeber wünsche ich mir, die Leser für diese Entwicklung begeistern zu können. Die europäische Idee lebt von kulturellen Innovationen, nicht von der Klage über ökonomische Krisen.“ [1]

Herausgeber ist Gernot Wolfram, der gemeinsam mit Robert Kaspar und Sebastian Kaiser (alle Fachhochschule Kufstein/Tirol) das Konzept für dieses Buch entwickelt hat. Die Leitfragen für das Buch lauten:

  • Wie lassen sich Kulturprojekte im internationalen Rahmen verwirklichen?
  • Welche Fördermöglichkeiten gibt es?
  • Wie viel müssen Kulturmanager über die Europäische Union wissen, um international kompetent zu sein?

Autorinnen und Autoren

Gernot Wolfram (Jg. 1975) ist in Zittau (Sachsen) geboren, aber in Nürtingen (Baden-Württemberg) aufgewachsen, hat Germanistik und Kommunikationswissenschaft in Tübingen und Berlin studiert. Der promovierte Philologe hat eine Professur für Medien- und Kulturmanagement an der Hoschschule für Medien und Kommunikation Berlin und ist externer Professor für Kulturwissenschaften an der Fachhochschule Kufstein. Für seine literarische Arbeit hat er bedeutende Preise erhalten.

Der Herausgeber hat zahlreiche Autorinnen und Autoren gewonnen, die entweder im Kulturmanagement lehren und/oder in internationaler Projektarbeit praktische Erfahrungen gesammelt haben. Viele von ihnen sind in der Kulturpolitischen Gesellschaft aktiv oder lehren an der Fachhochschule Kufstein bzw. der Kufstein Summerschool for Arts Management.
Die wohl bekanntesten Autoren in diesem Band sind

  • Dirk Heinze, Mitbegründer der Online-Plattform www.kulturmanagement.net
  • Prof. Dr. Armin Klein, der wohl bedeutendste Wissenschaftler im deutschen Kulturmanagement
  • Prof. Dr. Birgit Mandel, Autorin grundlegender Schriften für die Adaption von Audience Development im deutschsprachigen Raum
  • Prof. Dr. Oliver Scheytt, u.a. Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, ehem. Kulturdezernent von Essen und Geschäftsführer der Kulturhauptstadt Essen 2010
  • Michael Schindhelm, internationaler Kulturberater, ehem. Theaterintendant und Generaldirektor der Stiftung Oper in Berlin
  • Dr. Norbert Sievers, Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft
  • Dr. Artemis Vakianis, Kaufmännische Direktorin des Grazer Festivals „steirischer Herbst“, zuvor im Management der Komischen Oper, Berlin und Theater in der Josefstadt, Wien. Grundlegende Schriften zum Dualen Controlling im Theater, als Controlling-Instrument für die künstlerischen und kaufmännischen Bereiche.

Entstehungshintergrund

Mit Geld der Europäischen Union (EU) geförderte Kulturprojekte werden in Deutschland selten realisiert. Aufwändige Antragstellungen, komplizierte partnerschaftliche Kooperation im europäischen Raum und mühselige Abrechnungspraxis stellen Hürden dar, die vielen zu hoch erscheinen. Der Herausgeber will Mut machen, im wahrsten Sinne des Wortes, Grenzen zu überwinden, Chancen in europäischen Kooperationen zu suchen und durch interkulturellen Austausch Mehrwerte zu generieren.

Aufbau

Der Band teilt sich in zwei Teile.

  1. Den ersten Teil überschreibt der Herausgeber mit „Tendenzen und Innovationen“, den zweiten mit „Praxis“.
  2. Während der erste Teil durch Reflexion und Analyse versucht, die Notwendigkeit eines europäischen Kulturaustausches zu begründen, wird im zweiten Teil aus der Praxis berichtet.

Gewürzt wird das Buch durch Interviews mit Praktikern und Experten, die der Leser mit den aus theoretischer Reflexion und Analyse gewonnenen Erkenntnissen abgleichen kann.

Den Abschluss des inhaltlichen Teils des Buches bildet ein kommentierter Serviceteil, der in Form einer Weblinksammlung auf sieben Seiten Auskunft über eine Vielzahl von Informationsmöglichkeiten zum Thema „Europäische Kulturarbeit“ gibt.

Inhalt

Gespeist wird das Buch aus der „europäischen Idee“ (S.7.), die Wolfram als eine Kultivierung der Vielfalt, der nationalen und regionalen Eigenheiten in einem geeinten Europa beschreibt, partnerschaftlich und dialogisch angelegt. Transnationale Kulturprojekte sollen also nicht auf Assimilierung zielen, sondern Differenzierung soll als Bereicherung erlebt werden. Kultur soll nicht nivellieren, sondern andere Blickwinkel und Sichtweisen transportieren, die geeignet sind, die Welt oder mindestens Europa in seiner Komplexität besser zu begreifen.

Einleitend zum ersten Teil beschreibt Wolfram, wie Kulturmanagement eine internationale Perspektive gewinnt. „Kulturmanager können sich, wenn sie diese Kompetenzen eines Handelns in einem erweiterten Raum erwerben, als Vermittler profilieren, die eben genau darin ihre besondere Begabung formulieren können, dass sie Ideen entwickeln, wie man vorhandene kulturelle Angebote in neue Zusammenhänge setzt.“ (S. 23). Der international agierende Kulturmanager soll sich spezifische Analysetechniken aneignen, um „Kulturprodukte aus anderen Regionen der Welt auf ihre Übersetzbarkeit und Transferierbarkeit“ hin zu untersuchen. Aus seiner Feldbeobachtung leitet Wolfram abschließend einen Handlungsfaden für Internationalisierungsstrategien ab.

Die zentrale These von Birgit Mandel in ihrem Beitrag „interkulturelle Kontexte managen“ bezieht sich auf das Anforderungsprofil von Kulturmanagern: „Die Verschiebung der Größenverhältnisse innerhalb des Kultursektors mit Schrumpfung des öffentlichen Sektors und Ausweitung der privaten Kulturwirtschaft bedeutet für Kulturmanager, dass sie zunehmend unternehmerisch tätig sein müssen …“ (S.59). Aus Sicht von Mandel kann es bei der Ausbildung von Kulturmanagern nicht um die Vermittlung von Arbeitstechniken gehen („tool kit approaches“, S.68), sondern der Kulturmanager Europäischer Kulturprojekte muss sich als Createur verstehen, sich selbst Ziele setzen, Neues formulieren, um erfolgreich agieren zu können.

Was bei Mandel als Chance daherkommt, gerät bei Norbert Sievers und Christine Wingert zur fundementalen Kritik an den EU-Kulturförderprogrammen. Für sie handelt es sich bei dem neuen Entwurf der EU-Kommission zur europäischen Kulturförderung um eine „ökonomische und wettbewerbsorientierte Ausrichtung“ (S.90) bei der man kulturpolitische Ziele vermisst. Doch Sievers und Wingert beschreiben anschaulich die bestehenden und geplanten Kulturförderprogramme durch Darstellung der dahinterliegenden Programmatik.

Sebastian Kaiser und Gernot Wolfram regen in ihrem Beitrag „Synergetische Projektformate und ihre besonderen Chancen auf Förderung“ dazu an, in Projekten sport- und kulturbezogene Aspekte miteinander zu verbinden. „Sport und Kultur sind nur scheinbar getrennte Welten“ (S.101). Viel offensichtlicher erscheinen Kaiser und Wolfram die Gemeinsamkeiten „von Sport und Kultur als zentrale Träger von modernen Identitäts- und Aufmerksamkeitsdiskursen„(S. 101).

Patrick Föhl und Gernot Wolfram untertiteln ihren Beitrag „Verschwindende Grenzen“ mit „Regionale Vernetzungen im Kulturbereich auf internationaler Ebene“. Darunter verstehen sie die Herausforderung, den bedingt durch die zunehmende Globalisierung gleichen Fragestellungen und Themenfeldern mit nationalen oder regionalen Besonderheiten begegnen zu müssen.

Der erste Teil des Buches wird dann durch das Interview mit Armin Klein wohltuend geerdet. Klein reflektiert über die Internationalisierung des Kulturmanagements treffend in kurzen Antworten.

Den zweiten Teil „Praxis“ leitet Artemis Vakianis mit einem Zitat von Frie Leysen[2] ein: „There is no key formula for co-producing. Every co-production is different, and everything depends on the needs of the artist“ (S.155). Am Beispiel des Festivals Steirischer Herbst in Graz beschreibt Vakianis anschaulich die Wirkweisen europäischer Kooperationen.

Im Anschluss daran geht Robert Kaspar unter der Überschrift „Mega-Events, Festivals und Destination-Branding – ein Europa der Events? der Frage nach, wie Städte und Regionen mit unterschiedliche Strategien Kulturinteresse auf ihren Standort lenken können.

Praktisch und anschaulich beschreiben Walter Mayr und Walter Weiskopf die INTERREG-Programme der EU. „Die Ausführungen sollen für Projektinteresseirte im Kulturbereich als eine Art praktischer `Ratgeber´ fungieren …“ (S. 179) und das leisten sie auch.

Oliver Scheytt und Gisela Geilet beschreiben anhand der Kulturhauptstadt Essen 2010 das Förderprogramm „Kulturhauptstadt“. „Die Kulturhauptstadtinitiative steht in einem besonderen Wechselspiel zwischen Regionalität und Internationalität, geht es doch um die Selbstvergewisserung einer Stadt/Region im internationalen Dialog, um die Identität eines Raumes und seiner Einwohner im globalen Kontext“ (S. 221).

Abschließend beschreibt Dirk Heinze in seinem Beitrag, wie die internationale Internetplattform www.artsmanagement.net den Austausch von Kulturmanagement wissen und -erfahrungen organisiert.

Diskussion

Das Feld der Kulturarbeit ist heterogen. Je größer ein Gemeinwesen, eine Stadt, desto vielfältiger das Kulturangebot, desto größer und bedeutender die Kulturinstitute. Neben wenigen Landeseinrichtungen, sind vor allem Kommunen Träger von Kultureinrichtungen. Für all diejenigen, die als öffentlicher Dienst Kultur betreiben, sieht die Lage meist bescheiden aus. Europäische Fördergelder kommen dort meistens nicht an, sondern eher bei den Großen in der Kulturbranche. Oder es sind Events, die aufmerken lassen. Doch auch die sind selten, weshalb das Kulturhauptstadtereignis 2010 für das Ruhrgebiet eine absolute Besonderheit darstellte.

Viele scheitern bei der Europäischen Kulturprojektförderung schon an den Antragsvoraussetzungen. Andere versuchen es erst gar nicht, weil sie von gescheiterten Versuchen gehört haben. Insofern ist es gut, wenn es ein Buch gibt, das einen neuen Zugang zu europäischen Drittmitteln aufzeigt. Und es ist eine Aufgabe des Kulturmanagements Gelder zu beantragen, Projekte zu managen, Fördermittel abzurechnen.

In seiner Einleitung schreibt Wolfram: „Daher ist hier noch einmal zu betonen, dass Kulturmanagement sehr genau spartenbezogen gedacht werden muss … Jede Sparte und jedes Genre trägt, schon kulturhistorisch gesehen, spezielle Barrieren, aber auch Vernetzungsmöglichkeiten in sich“ (S. 29). Es wäre eine Überforderung gewesen, die unterschiedlichen Strategien zur Erschließung von EU-Mitteln für Theater, Orchester, Museen, Bibliotheken, Archive, Volkshoch- und Musikschulen aufzuzeigen. Die beschriebenen Praxisbeispiele zeigen, die Hürden für eine erfolgreiche Mitteleinwerbung liegen in Europa hoch.

Fazit

Das Buch, herausgegeben von Gernot Wolfram, versucht, die europäische Dimension in der Kulturarbeit zu erschließen. Doch die Vielfalt der Kulturen in Europa weist auch eine strukturelle Vielfalt auf. Die überwiegend steuerfinanzierte Kultur im deutschsprachigen Raum scheint auf EU-Mittel nicht erpicht. Doch die Erschließung von EU-Förderung ist ganz eindeutig eine Chance, Mehrwert in der Kultur zu generieren.

Namhafte Autoren garantieren Aufmerksamkeit und vielleicht auch einen höheren Absatz. Wer aber europäische Kulturförderung schon immer als schwierig angesehen hat, findet in dem Werk unfreiwillig Bestätigung. Der Versuch, einen Leitfaden zu schreiben, endet in der Beschreibung eines Dickichts, ohne den Weg dadurch aufzuzeigen. Die tapferen Verweise auf Internetlinks helfen dabei nicht weiter.

Was bleibt ist bei den theoretischen Beiträgen Betrachtungen einzelner Aspekte und bei den Praxisbeiträgen eine muntere Reflexion europäischer Zusammenarbeit in Kulturprojekten. Was scheinbar zusammenhanglos nebeneinander steht, verknüpft sich wahrscheinlich über die Sommerschool for Arts Management, die Wolfram mit begründet hat. Vielleicht waren die Beiträge Teil des Sommerschoolprogramms oder Ergebnis einer möglicherweise weinseligen Dozentenrunde nach dem Motto: „Man müsste einmal über die Chancen Europäischer Kulturarbeit reflektieren!“ Jedenfalls kann das Buch als ein Versuch gewertet werden, in dieses Thema einzusteigen.


[1] Wolfram, G. in einem Interview mit dem Verlag; zitiert nach www.transcript-verlag.de/ts1781/ts1781.php - Stand 26.4.2013

[2] Die Belgierin Frie Leysen wird ab 2014 neue Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen, ist eine renommierte internationale Festivalleiterin und war bspw. künstlerische Leiterin des Festivals „Theater der Welt“ im Rahmen der Kulturhauptstadt Essen 2010.


Rezensent
Prof. Peter Vermeulen
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Zitiervorschlag
Peter Vermeulen. Rezension vom 07.05.2013 zu: Gernot Wolfram (Hrsg.): Kulturmanagement und Europäische Kulturarbeit. Tendenzen - Förderungen - Innovationen. Leitfaden für ein neues Praxisfeld. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-1781-8. Reihe: Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14472.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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