socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Lydia Hantke, Hans-Joachim Görges: Handbuch Traumakompetenz

Cover Lydia Hantke, Hans-Joachim Görges: Handbuch Traumakompetenz. Basiswissen für Therapie, Beratung und Pädagogik. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2012. 510 Seiten. ISBN 978-3-87387-868-6. D: 44,90 EUR, A: 46,10 EUR.

Reihe: Fachbuch Trauma.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Unter einem (Psycho-)Trauma versteht man eine seelische Verletzung, die durch eine starke psychische Erschütterung hervorgerufen wird. Nicht jedes Ereignis wird bei jedem Menschen zum Trauma. Entscheidend ist, ob es der Person gelingt sich zu schützen oder zu fliehen bzw. welche Reaktion sie nach dem Ereignis erlebt. Bei einem Trauma können die während der schlimmen Situationen entstehenden Gefühle von Angst, Panik und Hilflosigkeit/Ohnmacht nicht verarbeitet werden, weil es zu einer Blockade der Verarbeitungsprozesse im Gehirn kommt. Ziel der Arbeit mit traumatisierten Personen ist die Erlangung von Traumakompetenz, die die Person ins Hier und Jetzt bringt, und die mit der Stärkung stabilisierender und selbstregulativer Fähigkeiten einhergeht.

Autorin und Autor

Lydia Hantke ist Diplom Psychologin, systemische und Hypnotherapeutin, Traumatherapeutin, Supervisorin. Sie gründete 2002 das „institut berlin“. Hans-Joachim Görges ist Diplom Psychologe, systemischer und Hypnotherapeut, seit 2005 freiberuflich im institut berlin. Beide Autoren sind im Bereich Therapie, Weiterbildung und Supervision tätig. Sie haben in unterschiedlichen Arbeitsfeldern gearbeitet und können dadurch auf ein breites Erfahrungsspektrum zurückgreifen, was sich im Buch widerspiegelt.

Entstehungshintergrund

Beide Autoren gehen von dieser Grundannahme aus: „wir alle konstruieren uns die Welt immer wieder neu aus dem, was wir gelernt und zur Verfügung haben.“ (S. 26). Beide haben neben der systemischen Therapieausbildung eine Weiterbildung in Hypnotherapie nach Milton Erikson absolviert. Die Traumatherapie ist aus der Hypnoseforschung entstanden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch „Traumakompetenz“ vermittelt Basiswissen für Therapie, Beratung und Pädagogik (Buchuntertitel).Die Kapitelüberschriften sowie die Unterkapitel bilden einen präzisen Fahrplan durch das Buch. Auf jeder Seite ist die jeweilige Kapitelüberschrift abgedruckt, sodass man sich leicht zu Recht findet. Zur besseren Übersicht habe ich hier die Kapitel so strukturiert, dass ich in Teil I die Kapitelüberschriften in Fettdruck hervorgehoben und Unterkapitel in Klammern gesetzt habe. In Teil II sind die Übungen in Klammern gesetzt.

Das Buch hat zwei Teile: I. Theoretische Grundlagen (180 Seiten) und II. Übungen (330 Seiten). Teil I fasst Erkenntnisse aus der Traumatheorie, Entwicklungspsychologie und Neurowissenschaft zusammen. In Teil II werden zahlreiche Übungen, die nach einem übersichtlichen Schema strukturiert sind, vorgestellt und deren praktische Anwendung konkret erklärt. In diesem Teil enthält jedes Kapitel folgende Struktur: Rahmenbedingungen der Übung (wann, warum, wie), Anleitung zur jeweiligen Übung, mögliche Schwierigkeiten sowie Auswirkungen, Besonderheiten im Kontakt mit unterschiedlichen Personengruppen (Kindern, Jugendlichen, kognitiv eingeschränkten Menschen, Gruppen oder anderen Kulturkreisen). 41 Abbildungen fassen wichtige Inhalte zusammen. Einige dieser Abbildungen finden sich im Anhang wieder, allerdings hier auf starker Pappe und in Farbe. Sie sind herausnehmbar und zur Erklärung in Therapieeinheiten oder Fortbildungen einsetzbar.

Teil I (Kapitelüberschrift in Fettdruck, Unterkapitelüberschriften in Klammern)

Kapitel 1 (Einleitung) befasst sich mit Theorien, Wahrheiten und Aussagen. Die Autoren erläutern von welchen Annahmen sie als Vertreter des systemischen Denkens ausgehen.

Kapitel 2: Vom Herzschlag bis zum Sinn der Welt – unser Gehirn entwickelt sich so, wie wir es nutzen beschäftigt sich mit der Art und Weise, wie sich unser Gehirn entwickelt sowie mit Funktionen (und Entwicklungsschritten) der verschiedenen Teile des Gehirns.

Kapitel 3: Der Mensch ist nicht alleine -Selbstregulierung und Empathieentwicklung beschreibt den Menschen als soziales Wesen und beschäftigt sich mit den Grundlagen: Rhythmen, Schwingungen und Spannung, den Möglichkeiten in der Entwicklung und die Bedeutung der Zeit- und Raumwahrnehmung.

Kapitel 4 widmet sich in 9 Unterkapiteln mit der Frage Was ist ein Trauma? (Begriffsklärung, unterschiedliche Reaktionen, so sichern wir das Überleben, die Spannungskurve, Folgen für die Zeitwahrnehmung und Erinnerung, was im Körper passiert, Dissoziation, Symptome oder Überlebensstrategien sowie der Suche nach Sinn).

In Kapitel 5 geht es um die Konsequenzen für die Praxis (1: Stabilität erarbeiten, 2: Die Notfallreaktion erklären und eine Zeitlinie erarbeiten, 3: Neue Strukturen anbieten, 4: Trauma und System – Grundsätze im Kontakt mit traumatisierten Menschen, Selbstfürsorge).

Teil II (Kapitelüberschrift in Fettdruck, Unterkapitelüberschriften in Klammern)

Kapitel l. Allgemeines zu den Übungen (Vorhaben, Unterteilung der Kapitel, allgemeine Hinweise zur Arbeit mit den Übungen)

Kapitel 2. Im Hier und Jetzt orientieren – das Häschen beruhigen (Reorientierung/ Dissoziationsstopps, die 5-4-3-2-1-Übung)

Kapitel 3. Die Modelle erklären - den Denker beruhigen (Notfallreaktion, Spannungskurve und Zeitlinie – die Normalisierungsintervention)

Kapitel 4 . Wo bin ich? – Übungen für die Wahrnehmung von Unterschieden in Zeit und Raum (Ressourcenbarometer, duale Wahrnehmung, Original und Fälschung, Erarbeiten der Zeitlinie)

Kapitel 5. Den Ressourcenbereich erweitern (Tresore und andere Zwischenlager, Wohlfühlort / Sicherer Ort, Wohlfühlzustand, Vorbilder und innere Helfer, eine Tarnkappe voll Kraft – Schutzmantel oder Schutzhülle, Ressourcenorientierte Fragen, Notfall-/Ressourcenkoffer, Schreiben)

Kapitel 6. Im Abstand betrachten und Verantwortung übernehmen (Bildschirm mit Storyboard, das Symptom betrachten – Externalisierungen, Teilearbeit, Arbeit mit dem inneren Kind)

Kapitel 7 Die anderen einbeziehen (Problem-/Lösungs-Portrait, Ressourcenfamilie, Bonbonaufstellung zur Überprüfung von Entscheidungen).

Dieses Handbuch richtet sich an Mitarbeitende aller Berufsgruppen, zu deren Aufgabe die Begleitung, Betreuung und Beratung von traumatisierten Menschen gehört. Psychotraumatologische Fachkenntnisse werden nicht vorausgesetzt. Ein Trauma entsteht, wenn Menschen durch eine starke psychische Erschütterung Gefühle von Ohnmacht oder Schutzlosigkeit erlebten und diese nicht bearbeitet werden konnten. Es kommt zu Blockaden der Verarbeitungsprozesse im Gehirn. Diese können sich in Dissoziation ausdrücken mit der Folge einer Amnesie, einer Erstarrung oder dem Verlust von Kontakt: „Egal ob Über- oder Unterspannung, der Zusammenhang zwischen Großhirnrinde- (Denker) und unteren Hirnregionen (Häschen) ist in der Notfallreaktion gekappt. Die Notwendigkeit, nicht die Steuerung bestimmt das Verhalten.“ (S: 77)

Zum besseren Verständnis der Verarbeitungsprozesse im Gehirn haben sich die Autoren zwei „Mitarbeiter“ zu Hilfe geholt: der Denker und das Häschen. Der Denker steht für den Neokortex und das Häschen symbolisiert den archaischen Teil unseres Gehirns. Bei einem Trauma spielen deren Verarbeitungsprozesse nicht mehr zusammen. Zwei wichtige Dimensionen der Wahrnehmung sind Raum und Zeit. Der Mensch braucht diese um Ereignisse einzuordnen. „So ist der erste Schritt immer, die Spannung regulieren zu helfen (damit das Häschen sich beruhigen kann) und zu erklären, was passiert (um dem Denker die Einordnungsmöglichkeiten zu geben) (S. 116). Ziel der Arbeit mit traumatisierten Personen ist die Erlangung von Traumakompetenz, die die Person ins Hier und Jetzt bringt, die stabilisierende und selbstregulativen Fähigkeiten stärkt. Ergebnis einer erfolgreichen Traumaverarbeitung ist, dass die Person Handlungsspielräume bekommt und sich als kompetent für sich selber und das eigene Erleben erkennt.

Diskussion

Das Interesse am Thema Traumatisierung findet in den letzten Jahren zunehmend Beachtung. Das Buch befasst sich mit Hintergründen aus Traumatheorie, Entwicklungspsychologie und Neurowissenschaft.

Die Art und Weise wie das Buch aufgebaut und geschrieben ist macht deutlich, dass es den Autoren ein großes Anliegen ist, ihren umfangreichen Wissens- und Erfahrungsschatz verständlich, aber auch mit der notwendigen fachlichen Tiefe an die Leser weiterzugeben. Der Stoff wird fundiert erklärt und ist gleichzeitig erfrischend und lebensnah aufbereitet. Die Erfahrung mit unterschiedlichen Personenkreisen schlägt sich vor allem im Übungsteil nieder. Der Leser wird eingeladen, die Übungen in Selbsterfahrung anzuwenden, bevor sie am Klienten zum Einsatz kommen. Sie sind so beschrieben, dass sie direkt umgesetzt werden können.

Dies Buch ist zugleich Fach- und Praxisbuch. Es vertieft fachliche Hintergründe und bleibt dabei gleichzeitig praxisbezogen, was sich z.B. in den 41 Abbildungen niederschlägt oder durch die Zuhilfenahme des Denkers und des Häschen. Diese beiden Figuren kommen immer dann zum Einsatz, wenn die Funktionsweise des Gehirns eine Rolle spielt. Die komplexe Materie wird durch die beiden Helfer aufgelockert. Mit den Figuren stellen die Autoren den Klienten ein Team an die Seite, das über unterschiedliche Strategien verfügt.

Anfänglich wirken diese beiden Gesellen etwas befremdlich auf mich, mit der Zeit wurden sie zu sympathischen Begleitern im Buch. Ich machte die Erfahrung, dass die anfängliche kritische Einschätzung mit der Zeit in Bewunderung umschlug, ob dieser genialen Idee und dem Mut, sich derart dem Leserpublikum zu präsentieren.

Fazit

Das Verhältnis von Theorie und Praxis ist ausgewogen. Der Leser erhält ausreichend Wissen aus Traumatheorie, Entwicklungspsychologie, Neurowissenschaft. Kern des Buches bildet die konkrete Arbeit mit traumatisierten Menschen. Es gibt eine Fülle von Praxisanleitungen für Therapie, Begleitung und Betreuung. Besonders bemerkenswert ist, wie ausführlich auf die verschiedenen Personenkreise (Kinder, Jugendliche oder kognitiv eingeschränkten Menschen sowie Gruppen oder andere Kulturkreise) und ihre Besonderheiten im Kontakt und deren Bedürfnisse eingegangen wird. Das Anliegen der Autoren, Basiswissen für Therapie, Beratung und Pädagogik zusammenzufassen, ist gelungen. Das Buch ist leserfreundlich geschrieben und sollte ein Standardwerk in psychologischen und pädagogischen Arbeitsfeldern sein.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
E-Mail Mailformular


Alle 212 Rezensionen von Petra Steinborn anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 25.02.2013 zu: Lydia Hantke, Hans-Joachim Görges: Handbuch Traumakompetenz. Basiswissen für Therapie, Beratung und Pädagogik. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2012. ISBN 978-3-87387-868-6. Reihe: Fachbuch Trauma. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14475.php, Datum des Zugriffs 16.02.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung