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Walter Reese-Schäfer: Politische Theorie der Gegenwart in achtzehn Modellen

Cover Walter Reese-Schäfer: Politische Theorie der Gegenwart in achtzehn Modellen. Oldenbourg Schulbuchverlag GmbH und Bayerischer Schulbuch Verlag GmbH (München) 2012. 2., überarb. und erweiterte Auflage. 297 Seiten. ISBN 978-3-486-71346-6. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR.

Reihe: Lehr- und Handbücher der Politikwissenschaft.
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Thema

In nun zweiter und um drei Konzepte erweiteter Auflage legt Walter Reese Schäfer seine Darstellung der „Grundbegriffe der zeitgenössischen politischen Theorie und ihre wesentlichen Modelle in ihren theoretischen und philosophischen Grundlagen und in ihrem Spannungsverhältnis zueinander“ vor. Dies vollzieht er im Blick auf das 20. Und 21. Jahrhundert und bietet seinen Aufriss in nunmehr 18 politischen Modellen dar. Dies legt Reese-Schäfer getreu seiner Grunderkenntnis „Ideen haben Konsequenzen“ dar. Zu einem „tieferen Verständnis politischer Theorie“ gehört es nach Reese-Schäfer daher unbedingt, „das Reich des Politischen in seinen eigenständigen Strukturierungen klar zu erkennen und die dort geltenden Regeln unabhängig von denen anderer Felder formulieren zu können“. Beides, Erkennen der Regeln und eigenständige Formulierungen sind Thema dieses Lehrbuches, dass sich sowohl an Studierende der Politikwissenschaft, sowie an, am Fach allgemein interessierte Leser richtet

Autor

Professor Dr. Walter Reese-Schäfer lehrt politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität zu Göttingen.

Entstehungshintergrund

„Die Anwendung falscher Theorien hat ganze Erdteile in Unfreiheit und Armut gestürzt“. Daher sieht Reese-Schäfer eine „Verpflichtung zur Kritik“, um gefährliche und bedrohliche „Weltwahrnehmungskonzeptionen“ zum einen erkennen zu können und jenen zum anderen entgegenzuwirken. So verstehen sich die im Buch dargelegten Theorien überwiegend gesellschaftskritisch und anti-fundamentalistisch. Im Gesamten seiner Zielsetzug verfolgt Reese-Schäfer das hermeneutische Prinzip, warnt vor einer rein lexikalischen Darstellung und hält es für hochgradig notwendig, die verschiedenen Theorien in einen möglichst konstruktiven Dialog zu bringen. Als Darlegung der wichtigsten politischen Theorien des 20. Und 21. Jahrhunderts ist das Buch vor allem für das politikwissenschaftliche Studium gedacht.

Aufbau

In seiner Darstellung rekurriert Reese-Schäfer dabei, der politischen Wissenschaft der letzten Jahrzehnte gemäß, auf die Grundbegriffe Max Webers und dessen Konzept der wissenschaftlichen Wertzurückhaltung.

In Aufbau und Gliederung lässt sich Reese-Schäfer konzentriert von jenen Theorien leiten, die zu den „wichtigsten Fragen der Gegenwart fundiert Position beziehen“. Diese miteinander in Korrelation zu setzen, gerade auch in ihren Differenzen, leitet den Aufbau des Buches ebenso, wie Form und Stil, bis hin zum Versuch am Ende des Buches, die besprochenen Theorien grafisch in ihrem Verhältnis zueinander auf zu zeigen.

In breiteren und, in Teilen, knappen Überblicken geht Resse-Schäfer weitgehend chronologisch vor, beginnend bei Max Weber und Grundbegriffen der Sozialwissenschaft über Carl Schmitt und den Begriff des Politischen hin zu Luhmanns Systemtheorie, der kritischen Theorie Horkheimers und Adornos und der Handlungs- und Totalitarismustheorie, vertreten durch Hannah Arendt. Ein „Beginn in sechs Kapiteln“, dem Reese-Schäfer mit „Holocaust und Moderne“ und der Arbeit Zygmunt Baumanns eine Art „Zwischenresümee“ folgen lässt in dessen Stellung „zwischen Arendt und Adorno“.

Deliberative Demokratie, postsäkulares Denken, kommunitarische Poltiktheorie, neo- und marktliberale Theoriekonzepte, politischer Pragmatismus, Theorien somit mit einem durchaus breiten Bekanntheitsgrad folgen im weiteren Verlauf der Darstellung weitere gewichtige Theoriekonzepte, wie die Postmodernisierungstheorie, die postkoloniale politische Theorie oder die Rational Choice Theory.

Nicht ohne Grund stellt Reese-Schäferb dann vor seine eigenen, abschließenden Betrachtungen den „kritischen Rationalismus“ durch Popper und Albert mit einem Schwerpunkt auf der Betrachtung der „offenen Gesellschaft und ihrer Feinde“.

Hier lässt sich sicherlich nicht ohne Grund ableiten, dass jene Vorstellung der „offenen Gesellschaft“ auch Kern- und Zielvorstellung des Autors selbst beinhaltet.

Abgeschlossen wird die Darstellung im Buch durch den (durchaus als gelungen zu bewertenden) Versuch Reese-Schäfers, die verschiedenen Konzepte in eine grafische Skala einzuordnen, deren Bandbreite von einem „radikalen Individualismus“ bis zum „extremen Kollektivismus“ reicht.

Es schließen sich studienpraktische Hinweise , ein breites Literaturverzeichnis und diverse Register an.

Inhalt

Fundiert ausgewählt führt Reese-Schäfer durch seine achtzehn „gewichtigen“ und, vor allem, mit gesellschaftlich praktischen Folgen versehenen Theoriedarstellungen und bietet so einen fast vollständigen Überblick über die (durchaus zu Zeiten und in Teilen „weltbewegenden“) divergierenden und, ebenso in Teilen, miteinander in Konkurrenz stehenden politischen Konzepte.

In den Darstellungen verbindend wirkt Reese-Schäfers erkennbarer und durchgehaltener Ansatz, aufzuzeigen, dass „diskursive Prozesse Wirklichkeiten nicht bloß beschreiben, sondern sie wesentlich prägen, gestalten und beeinflussen“. Die politische Theorie wird so (bei den dargestellten Konzepten natürlich verschieden gewichtet und verschieden in der Folge praktisch ausgeprägt) zur „materiellen Gewalt“, was der Autor nachhaltig in den einzelnen Betrachtungen aufzuzeigen versteht. So sei verwiesen auf die Konzepte und Gedanken zur „Verfassung Europas“ durch Jürgen Habermas, den Reese-Schäfer in seinem Schwerpunkt des Verständnisses Europas als „Schritt auf dem Weg zu einer politisch verfassten Weltgesellschaft“ höchst nachvollziehbar darstellt. Nicht nur an dieser Stelle wird deutlich, wie grundlegend politische Theorien auch gegenwärtig noch das aktuelle Denken beeinflussen oder doch mit beeinflussen sollten. Auch im Sinne der Habermasschen Bewertung der Nationalstaaten als „bleibende Errungenschaften“, eben dann aber auch in einem großen Ganzen.

Oder auch die Betrachtung der Funktion der Sprache in der Darstellung Hannah Arendts als deutlich mehr als nur einen „Überbau“.

Darstellungen und (möglichst) wertfreie Betrachtungen, die dennoch in ihrer gesamten Entwicklung jene „offene Gesellschaft“ als Zielvorstellung postulieren, die Karl Popper fundiert argumentiert und die Reese-Schäfer nachhaltig vor Augen führt.

Diskussion

Sprachlich bietet das Buch sicherlich in mancherlei Hinsicht eine Herausforderung dar und bedarf der konzentrierten Erarbeitung. In der Auswahl der vorgestellten Theorien und in deren sachgerechter und möglichst objektiver Darstellung gelingt es Reese-Schäfer durchaus, die Grundkonzepte der Theorien und ihrer herausragender Vertreter verständlich zu beschrieben und den Leser mehr und mehr dahin zu führen, durch ein sich vertiefendes Verständnis auch der inneren Zusammenhänge der verschiedenen Theorien, eine eigene, notwendige kritische Distanz einzunehmen.

Trotz der doch komprimierten Form verbleibt nicht der Eindruck, dass Wesentliches an der Darstellung fehlt. Auch wenn Reese-Schäfer selbst noch auf verschiedene Theorien hinweist, die er nicht aufgenommen hat, bietet er dennoch einen umfassenden Überblick über die gewichtigen und mit Folgen versehenen politischen Theorien des 20. Jahrhunderts bis (fast) zur Gegenwart.

Nicht berücksichtigt hat Reese-Schäfer, begründet im Übrigen, die Entwicklungsprozesse der „Theoriebegründer“. Sein Augenmerk richtet sich, einem Lehrbuch der politischen Theorien durchaus entsprechend, rein auf das jeweilige Konzept der verschiedenen Autoren zum Zeitpunkt seiner „größten Wirkung“.

Überzeugend stellt Reese-Schäfer in dieser Form der Darstellung dann auch die je inhärenten gesellschaftskritischen Momente der einzelnen Theorien heraus.

Fazit

Der Leser erhält eine breiten und fundierte Darstellung wichtiger und wesentlicher politischer Theorien mitsamt vielfachen Hinweisen auf weiterführende Literatur und klaren Benennungen einerseits der Grundaussagen des jeweiligen Konzeptes, der Differenzen zwischen den Konzepten und der realen Wirkungen der Denkansätze. Im Gesamten bietet das Buch aber mehr als nur ein Kompendium gewichtiger politischer Theorien. Eine „Anleitung zum (eigenen) kritischen Denken) und zur Einordnung der Theorien in ihren wesentlichen Aussagen für die (gedachte) Gesellschaftsform führen zu einer intensiven eigenen Auseinandersetzung mit den dargelegten Inhalten. Als Übersicht und Grundlage zur Findung eigener Bewertungen und zur Orientierung im Studium ist das Buch daher gleichermaßen zu empfehlen.


Rezensent
Pfarrer Michael Lehmann-Pape


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Zitiervorschlag
Michael Lehmann-Pape. Rezension vom 20.02.2013 zu: Walter Reese-Schäfer: Politische Theorie der Gegenwart in achtzehn Modellen. Oldenbourg Schulbuchverlag GmbH und Bayerischer Schulbuch Verlag GmbH (München) 2012. 2., überarb. und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-486-71346-6. Reihe: Lehr- und Handbücher der Politikwissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14483.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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