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Ute Klammer, Sabine Neukirch u.a.: Wenn Mama das Geld verdient

Cover Ute Klammer, Sabine Neukirch, Dagmar Weßler-Poßberg: Wenn Mama das Geld verdient. Familienernährerinnen zwischen Prekarität und neuen Rollenbildern. edition sigma in der Nomos Verlagsgesellschaft (Berlin) 2012. 447 Seiten. ISBN 978-3-8360-8739-1. D: 27,90 EUR, A: 28,70 EUR.

Reihe: Hans-Böckler-Stiftung: Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung - 139.
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Thema

Das Leitbild, Männer sichern durch ihre Erwerbstätigkeit den Lebensunterhalt von Frauen und Kindern, entsprach zu keiner Epoche schichtenübergreifend den familiären Realitäten. Aber während Frauen in Familien in der Vergangenheit mehr oder weniger selbstverständlich oder auch verdeckt „dazu verdienten“, rücken nun „WFE“ in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit; weibliche Familienernährer/innen. Werden sie zur Normalität und welche Schwierigkeiten und Chancen bietet dieses Modell? Das Buch von Klammer et al. beschäftigt sich ausführlich mit diesen Fragen. Im Mittelpunkt steht die Arbeit einer Forschergruppe, die mittels Interviews mit Familienernährerinnen eine Typenbildung vornehmen konnte, die wiederum prägnant aufzeigt, dass ein progressiver Wandel von Geschlechterarrangements mittels weiblicher Haupterwerbstätigkeit bedingungsvoll ist. Der Vorstellung dieser qualitativen Studie zu Familienernährerinnen voran gestellt sind die Darstellung aktueller quantitativer Befunde sowie sozialpolitische Prämissen zur Erwerbstätigkeit. Das Werk hat insgesamt 447 Seiten.

Autorinnen

Prof. Dr. Ute Klammer ist Prorektorin für Diversity Management und führte als Projektleitung mit ihren Projektmitarbeiterinnen Sabine Neukirch und Dagmar Weßler-Poßberg diese wissenschaftliche Untersuchung an der Universität Duisburg-Essen durch. Gefördert wurde das Projekt von der Hans-Böckler-Stiftung (Hrsg). Das Buch erscheint in der Reihe: Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung, Bd. 139.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einer Veranschaulichung des Umbruchs in der Arbeitswelt und dessen gesellschaftlich breit diskutierten Auswirkungen. Deutlich wird im 2. Kapitel, das „(…) sich das traditionelle male breadwinner model in allen Industrienationen auf dem Rückzug befindet“ (S.18). Konstatiert wird, dass jedoch „(…) nicht automatisch von einer Auflösung der bekannten horizontalen und vertikalen Segregation des Arbeitsmarktes entlang der Geschlechterlinie ausgegangen werden [kann, CB]“ (S. 25). Zu fragen ist, in wieweit bereits Familienernährerinnen quantitativ von Relevanz sind und was sie kennzeichnet.

Im 3. Kapitel werden dafür diejenigen Daten eines Sozio-ökonomischen Panels (SOEP, 2007) ausgewertet, die sich auf Entwicklungen in Westdeutschland konzentrieren. Ab Kapitel 3 vollzieht sich damit auch eine Engführung des Buches auf Geschlechterarrangements in Westdeutschland. Dies liegt darin begründet, dass sich die Untersuchung zu Familienernährerinnen auf zwei Forschungsprojekte der Böckler-Stiftung aufteilte. Zum Projekt in Ostdeutschland publizierte Christina Klenner et al. (2012). Aufgrund der Fülle und Spezifika des Materials erscheint diese Aufteilung sinnvoll. Westdeutschland kennzeichnet u.a., dass fast zwei Drittel der westdeutschen Familienernährerinnen in einem Angestelltenverhältnis stehen (S. 49) und ihr Anteil an Leitungspositionen bereits signifikant hoch ist (S. 51 f). Eine traditionelle Rollenverteilung, mit dem männlichen Ernährermodell, existiert zumeist in Ehen; aber in mittlerweile jedem vierten Paarhaushalt mit einer Frau als Hauptverdienerin leben minderjährige Kinder (S. 57). Konturen in Bezug auf ein gesellschaftliches Nebeneinander von neuen und althergebrachten westdeutschen Rollenbildern werden deutlich.

Die folgenden Kapitel sind dem Kern des Buches, einer qualitativen Studie, gewidmet. Von den Autorinnen des Buches wurden vom Jahr 2008 bis 2009 Frauen mit Kindern, jeweils in Paarbeziehungen oder als Alleinerziehende lebend, in insgesamt 44 Einzelinterviews und einer Gruppendiskussion befragt. Als Untersuchungsregion wurde das Ruhrgebiet gewählt. Im 4. Kapitel wird der Aufbau dieser Untersuchung plausibilisiert und im 5. Kapitel die Entwicklung eines dreistufigen Analysetools für die Auswertung des Materials erläutert, der den Verwirklichungschancenansatz (Sen) mit der Ressourcentheorie (Hobfoll) miteinander verknüpft.

Im 6. bis 9. Kapitel finden sich, mit Interviewausschnitten veranschaulicht, Ergebnisse zur Erwerbssituation von Familienernährerinnen, zu Be- und Entlastungsfaktoren, ihrer Nutzung von familiären wie institutionellen Ressourcen, Stressoren und den Wünschen der Frauen. So erfährt man u.a., das sich aus Sicht der interviewten Frauen die Bedarfsplanung von Kitas stärker an ihre Lebenssituation orientieren sollte (S. 217), während starre institutionelle Betreuungszeiten befördern, dass die Hilfe von Großeltern essenziell nötig wird (S. 234). Dies hat aber ggf. wiederum den Effekt, dass Familienernährerinnen sich verpflichtet fühlen, im Gegenzug Pflegeleistungen zu erbringen – und damit 4-fach Belastungen eingehen (S. 248). Laut der Interviewergebnisse fallen Fürsorgetätigkeiten, wie Kindererziehung und die Pflege von Großeltern, immer noch signifikant den Frauen zu, obwohl sie den traditionell männlich konjugierten Part der Sicherung des Erwerbseinkommens erfüllen. Wie lässt sich dies erklären? Das Buch liefert den Leser/innen hierzu Einblick in weitere empirische Analysen. So wird man u.a. informiert, dass knapp ein Drittel der Westdeutschen der Aussage zustimmen, „(…) dass das Familienleben unter der Berufstätigkeit der Frauen leidet (…)“ (S. 200). Dies weist auf ein immer noch existentes Klima der geschlechtlichen Zuschreibung von Fürsorgetätigkeiten hin. Nachdenklich stimmen auch die Messergebnisse zum Beanspruchungserleben in Kapitel 9; für freudige Aktivitäten bleibt aus Sicht der Familienernährerinnen eher wenig Kraft, gesundheitliche Probleme und Überforderungsgefühle sind zu konstatieren (S. 280) – allerdings nicht durchgängig.

Wer seine Familie finanziell wie auch fürsorglich/pflegerisch tagtäglich versorgt, bürdet sich sehr viel auf, dies verdeutlicht das Buch eindringlich. Aber, wie die Studie zeigt, sind Familienernährerinnen keine homogene Gruppe. Vielmehr ist es von mehreren Faktoren abhängig, ob emanzipatorische Chancen ergriffen werden können, wie das Kapitel 10 anschaulich belegen kann. Mit Schlussfolgerungen zum einem entsprechend klarem (sozial-)politischen und betrieblichen Handlungsbedarf endet das Buch.

Diskussion

Besonders auffällig an den Ergebnissen der Interviews erscheint, dass weder die gering Qualifizierten noch die gutverdienenden Familienernährerinnen ursprünglich planten, mit ihrem Einkommen eine Familie maßgeblich zu ernähren. Kennzeichnend ist vielmehr, dass sich die Frauen zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben dazu entschieden, oder sich entscheiden mussten. Während eine Minderheit von ihnen – in einer Partnerschaft oder alleinerziehend – eine zuverlässige Entlastung erfährt, erleben andere Familienernährerinnen eine bedenklich erscheinende Aufgabenfülle der Allzuständigkeit.

Die Typenbildung der Autorinnen veranschaulicht den unterschiedlichen Bewegungsradius der Frauen, inmitten einem gesellschaftlichen Nebeneinander vom Modell des adult worker und der Selbst- und Fremdzuschreibung der Frau in ihren Aufgaben als fürsorglich-präsente Mutter ggf. mit einem Partner, der sich weiterhin über Erwerbstätigkeit definiert, auch wenn sein Einkommen dafür nicht ausreicht. So arbeiten Frauen Vollzeit, damit ihr Partner sich als Solo-Selbstständiger verwirklichen kann und sie fangen Funktionsschwächen auf, die aus chronischen Krankheiten resultieren, auch wenn dies ihre eigene Gesundheit stark gefährdet. Sie rackern sich in Halbtagsjobs, mit zusätzlichen Putzstellen ab, um dazwischen Zeit für ihre Kinder zu haben. Sie haben ein schlechtes Gewissen, als Mutter nicht zu genügen, stecken aber bei geringer Qualifikation in Jobs fest, die weit entfernt von einer Verhandlungsmacht am Arbeitsplatz ist. Oder sie können zwar im Erwerbsleben Ressourcen nutzen, aber ihre Verhandlungsposition im Paararrangement bleibt mager. Sie fördern zuweilen das Selbstwertgefühl des Partners enorm, kämpfen aber selber wenig für einen familienfreundlichen Arbeitsplatz. Kurzum, sie stehen sich selber im Wege? Diese Untersuchung folgt keiner solchen monokausalen Phrase, sondern legt ein Ursachenbündel offen. Die Interviewpartnerinnen äußerten sich sehr offen und so konnten mannigfache Herausforderungen deutlich werden. Einer der drei beschriebenen Typen von Familienernährerinnen verdeutlicht dabei prägnant, dass für diese Studie auch Frauen von ihrem wirksamen Einfluss auf eine ihnen zuträgliche Verteilung von Aufgaben und von beruflichen Gestaltungsmöglichkeiten berichteten. Jedoch ist dies Buch kein Appell an Frauen, sich egalitäre Lebensverhältnisse jetzt mal schnell selber zu schaffen. Vielmehr werden Rahmungen offenbar, wie z.B. sozialpolitisch ungleich normierte (Weiter-) Bildungschancen sowie ein divergierendes Verständnis von Elternschaft, die Macht und Ohnmacht in Aushandlungsprozessen maßgeblich mit beeinflussen. Aushandlungsprozesse als Indikator anzusetzen, erscheint dabei über die Typenbildung dieser Studie hinausragend als ein praktischer und innovativer Ansatz, um neben einem Funktionieren in alten wie auch in modernisierten Rollen jeweils Individualität und Solidarität reflektieren und fördern zu können.

Fazit

Dieses Werk ist zum Nachschlagen zu einzelnen Aspekten genauso geeignet, wie zum vertieften Lesen des Gesamtwerkes. Es ist eingängig geschrieben, mit gut verständlichen empirischen Analysen und erfolgreich in dem Anliegen, mehr über Familienernährerinnen in Erfahrung zu bringen. Die Autorinnen verdeutlichen, dass es eine fortschreitende Sichtbarkeit von Frauen als „WFE“ gibt, aber Frauen in dieser Position mehrheitlich andere Bedingungen erleben, als Männer. Als Frau das Familieneinkommen zu erzielen, dies hebt althergebrachte geschlechtliche Rollenleitbilder längst nicht auf und birgt allerhand widersprüchliche und ggf. kräftezehrende Anforderungen. Die Studie veranschaulicht auch dazu kontrastierende Fälle von konstruktiven Aushandlungen, zeigt Modifikationen im Geschlechterarrangement auf und liefert zentral wichtige Ideen für konkrete Leistungen, die in einer segmentierten Arbeitswelt allen Familienmitgliedern nützen können.


Rezension von
Dipl.-Sozialarb., Dipl.- Kriminol. Christine Burmeister
Doktorandin am Institut für kriminologische Sozialforschung, Universität Hamburg. Thema: "Kindesmisshandlung als Ausdruck eines geschlechtsspezifischen Wertekonflikts. Fallananalysen und Erklärungsansätze für die Präventionsarbeit"
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Zitiervorschlag
Christine Burmeister. Rezension vom 15.05.2013 zu: Ute Klammer, Sabine Neukirch, Dagmar Weßler-Poßberg: Wenn Mama das Geld verdient. Familienernährerinnen zwischen Prekarität und neuen Rollenbildern. edition sigma in der Nomos Verlagsgesellschaft (Berlin) 2012. ISBN 978-3-8360-8739-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14484.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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