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John Gray: Wir werden sein wie Gott

Cover John Gray: Wir werden sein wie Gott. Die Wissenschaft und die bizarre Suche nach Unsterblichkeit. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2012. 268 Seiten. ISBN 978-3-608-94736-6. 21,95 EUR.
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Ist Weltanschauung religiös?

Immer schon, wenn Menschen in ihrer Existenz-, Weltbetrachtung und -einschätzung den Versuchungen unterliegen, ihre Daseinsbewältigung anderen als ihren eigenen Mächten und Verstanden zu unterwerfen, ob es sich dabei um Religionen, Ideologien, Mythen oder Esoteriken handelt, setzen sie sich der Gefahr aus, untertan zu werden und das höchste menschliche Gut, ihre Vernunft abzugeben. Der griechische Philosoph Aristoteles definiert den Menschen als ein vernunft- und sprachbegabtes Lebewesen und stellt ihn damit auf die oberste Stufe der scala naturae. Als Konsequenz dieser Klassifizierung bestimmt er, dass „nur der Mensch Anteil am unvergänglichen und göttlichen Geist“ hat (S. Föllinger, in: Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S.47). Diese in die abendländische Philosophie eingegangene Auffassung wird freilich immer wieder auch in Frage gestellt. Sie gründet in den Kontroversen, ob der Mensch Geist hat oder Geist ist (Gerhard Szczesny, Das sogenannte Gute. Vom Unvermögen der Ideologen, 1971) und ob es einen Gott (oder Götter) gibt oder nicht (Richard Dawkins, Der Gotteswahn, 2007), und sie wird formuliert in der Frage nach der Zukunft des Glaubens oder des Unglaubens (Gerhard Szczesny, Die Zukunft des Unglaubens, 1958).

Angesichts des (akademischen) Diskurses über die vehemente Rückkehr des Religiösen und von Fundamentalismen (vgl. dazu: Maxi Berger / Tobias Reichardt / Michael Städtler, Hrsg., „Der Geist geistloser Zustände“. Religionskritik und Gesellschaftstheorie, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13711.php), den Fragen, wie unser Bewusstsein entsteht (Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13124.php), bei der Betrachtung der Forschungsergebnisse aus der Gehirnforschung (David Eagleman, Inkognito. Die geheimen Eigenleben unseres Gehirns, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13120.php), der Nachschau, wie sich das Säkulare verändert (Silvia Henke/ Nika Spalinger / Isabel Zürcher, Hrsg., Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14104.php), der Frage, ob rationale Letztbegründungen möglich sind (Hans Joas, Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12425.php), der Behauptung, dass nach Gott suchen hieße, nach Vertrautheit Ausschau zu halten (Bruno Latour: Jubilieren. Über religiöse Rede, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12767.php), wie auch der Erkenntnis, dass in einer Welt, die nicht mehr bestimmt ist von nationalen Grenzen und Eingrenzungen, ethnozentrierten Denkens und Handelns es an der Zeit ist, eine Neubestimmung laizistischer Politik vorzunehmen (Jocelyn Maclure / Charles Taylor, Laizität und Gewissensfreiheit, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12786.php ), und nicht zuletzt bei der Suche nach den Paradiesen auf der Erde (Volker Gottowik, Hrsg., Die Ethnographen des letzten Paradieses. Victor von Plessen und Walter Spies in Indonesien, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10659.php) – ist es sinnvoll, die Gottes- und Menschenbilder aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.

Entstehungshintergrund und Autor

Die Deutung von Welt als Existenz- und Lebensraum der Menschen ist zum einen als deskriptiver Akt des historischen Gewordenseins der Menschheit möglich, zum anderen als Reflexion von Entwicklungen, die sich auf eine Nachschau beziehen, wie die Gemeinschaften, Nationen, Staaten und Kulturen sich gebildet und dies in ihren jeweiligen, spezifischen Kommunikationsformen ausgedrückt haben (Arno Bammé, Homo occidentalis. Von der Anschauung zur Bemächtigung der Welt. Zäsuren abendländischer Epistomologie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/14403.php); auch, wie sich anthropisches, existentielles Denken im kulturellen Dasein niederschlägt, Mentalitäten und Philosophien bestimmt (Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, Weilerswist 2012, 1004 S., Rezension in Socialnet); schließlich aber auch, auf welche Denkformen, gedachte Wirklichkeiten und transzendentale Gottesbilder sich die Menschen in den jeweiligen Kulturen stützen.

Der Historiker von der London School of Economics, John Gray, ist davon überzeugt, dass die Menschen in der Moderne nicht weniger abergläubig seien als die des Mittelalters. Für ihn ist Politik der Moderne nichts anderes als ein Kapitel der Religionsgeschichte. Er erkennt, dass sich alle „Heils“- und utopischen Versprechungen der politischen Ideologien, wenn sie auf Ausschließlichkeits-, Alleinvertretungsansprüchen und revolutionärem Denken beruhen, nach religiös-apokalyptischen Mustern aufgebaut sind; und zwar sowohl der Nationalsozialismus, der Nationalismus, Konservatismus, Kommunismus , Kapitalismus, wie auch der Islamismus, apokalyptischen Glaubenssysteme und -auffassungen seien, in denen aus dem chaotischen Anfang ein heilserwartendes Ende und dazwischen utopische Versprechungen platziert würden und nach selbst definierten Vorstellungen von Gut und Böse gegliedert seien. Als eine der Weichenstellungen für millenaristisches (christliches) Denken sieht Gray den Utopismus, der sich darin zeige, nach einem Zustand der Harmonie zu streben und sich damit realistischen und wirklichkeitsechten Situationen zu entziehen: „Utopien sind Wunschträume kollektiver Erlösung und Alpträume des Erwachens“ (John Gray, Politik der Apokalypse. Wie Religion die Welt in die Krise stürzt, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8457.php). Derselbe Autor legt nun ein neues Buch vor, in dem er danach fragt, welche Verbindungen und Korrespondenzen zwischen Okkultismus und Wissenschaft, Diesseitsbewusstsein und Jenseitsglauben vorhanden sind, wie sie sich entwickelt haben, wirken und auch widersprochen werden. Der provozierende Titel des Buches „Wir werden sein wie Gott“ signalisiert dabei die Contraposition der Suche nach der Unsterblichkeit, die nichts anderes ist als „Utopia, jener Ort, wo niemand leben möchte“.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung, in der Gray Gottesmacher und Seelenforscher verdächtigt, sich in Anti-Tod-Bewegungen zusammen zu finden und in eigenartiger Weise Kumpanei zu treiben mit dem Anspruch, „Wissenschaft könne der Menschheit geben, was Religion und Wunderglaube ihr immer versprochen hatten – Unsterblichkeit“, gliedert der Autor sein Essay in drei Kapitel.

Das erste Kapitel titelt er mit „Kreuzkorrespondenzen“, das zweite mit „Gottesmacher“ und das dritte Kapitel mit „Süßer Vogel Sterblichkeit“. Anhand von historischen, spiritualistischen und parapsychologischen Entwicklungen, wie sie sich im 19. Jahrhundert in England verbreiteten, als gesellschaftsfähige Séancen Anerkennung fanden, praktiziert wurden und zur Gründung der Society for Psychical Research (Gesellschaft für Seelenforschung) führten, zeigt John Gray die Denkrichtungen auf, die auf der Überzeugung beruhten, dass es ein Weiterleben nach dem Tode gebe und dass die Lebenden bei entsprechenden „wissenschaftlichen“ Methoden in der Lage wären, mit (bedeutenden oder persönlichen) Verstorbenen Kontakt aufzunehmen; etwa telepathisches Schreiben als Übermittlung von Nachrichten aus dem Jenseits. Die Vertreter der „Kreuzkorrespondenzen“, zu denen bedeutende und herausgehobene Gesellschaftsmitglieder zählten, beanspruchten mit ihren Theorien Wissenschaftlichkeit, genau so wie die Vertreter des Materialismus, zu denen u. a. Charles Darwin mit seiner Entdeckung von der Evolution des Lebens gehörte. Die „Seelenforscher“ gründeten ihre Lehren auf der theistischen Auffassung, dass die Welt von einem göttlichen Wesen geschaffen worden sei, das die Menschen nach seinem Bild formte. Die Vorstellungen der Theisten unterschieden sich, etwa durch die Dauer des jenseitigen Weiterlebens, oder auch von ausgewählten geistigen Teilen; und es gab sogar Versuche, die Erzfeinde des Materialismus und Agnostizismus, allen voran Darwin, in ihre Lehren einzufangen, etwa mit der Formel, „dass der Tod Teil einer ‚fortlaufenden moralischen Evolution‘ sei“. Der Nachweis von „posthumem Leben“ brauchte, so die Kreuzkorrespondenten, nicht erbracht zu werden, weil er sich in den wirklichen Nachrichten und Niederschriften, dem „automatischen Schreiben“ aus dem Jenseits ergebe. In der wissenschaftlichen Analyse von posthumen Theorien bringt allerdings etwas zutage, was des Nachdenkens wert ist: „Seelenforschung“ im Sinne des Glaubens an ein Weiterleben, erreichte ihre Höhepunkte in Krisenzeiten!

Mit dem zweiten Kapitel, das der Autor mit „“Gottesmacher“ überschreibt, wird ebenfalls eine Krisensituation geschildert: Die Russische Revolution in der Zeit von 1909 – 1923 und die bolschewistische Entwicklung im Land. Der britische Schriftsteller Herbert George Wells besucht Russland, lernt bei Maxim Gorki Moura (Maria Ignatyevna Zakrevskaya) kennen und lieben. Er setzt auf eine „neue Elite“, die sich aus eugenischem Gedankengut entwickelt: „Die Welt ist eine Welt und kein Wohltätigkeitsball“. Seine Phantasien bildet er in Science-Fiction-Romanen ab. Mit Gorki verband ihm die Unzufriedenheit mit der menschlichen Entwicklung. Und Gorki war es auch, der in der Zeit des politischen Umbruchs in Russland die „Gottesmacher-Bewegung“ mit begründete. Die Anhänger waren davon überzeugt, „dass das Ziel eines echten Revolutionärs sein müsse, die Menschheit zum Gott zu erheben, ein Unternehmen, das die Abschaffung des Todes mit einschloss“. Der Mensch als Maschine, „die in ihrem Inneren so genannte ‚tote Materie‘ in psychische Energie umwandelt“. Um das zu erreichen, sei eine Wissenschaft notwendig, die sich mit Okkultismus verbindet und als neue „Schöpfung“ wirksam wird: „Menschen werden gefertigt“, mit ideologischen Mitteln, wie sie sich im Marxismus-Leninismus darstelle und in der „kosmistischen Philosophie“ zum Ausdruck komme. Die „Vervollkommnung des Menschen“ müsse freilich auch dazu führen, „die Ausrottung rückschrittlicher Bevölkerungsteile“ einzukalkulieren. Die Elite aber, die „Führer des Volkes“, wie etwa Lenin, seien auch nach ihrem Tod unsterblich. Die Einbalsamierung seines Leichnams, und damit seine „Unsterblichmachung“ und „Sichtbarmachung“, wie auch die kubische Form seines Grabmals symbolisieren den „Übermenschen“, wie er sich in den Stalinschen Vernichtungs- und Säuberungsprozessen, den Tscheka- und NKWD-Geheimdienstaktivitäten und den Gulag-Lagern komplettierte und als faschistische und nationalsozialistische Ideologie weiter entwickelt hat.

Im dritten Kapitel stellt der Autor fest: „Wissenschaft ist bis heute ein Kanal des Magischen geblieben – des Glaubens daran, dass dem menschlichen Willen, ausgestattet mit der Macht des Wissens, nichts unmöglich ist“. Wer wollte dieser Einschätzung widersprechen? Denken wir an die zahlreichen Formen wissenschaftlichen Denkens und Forschens, von den Genmanipulationen bis zu hirnphysiologischen und Experimenten mit künstlicher Intelligenz, die dazu anregen, „die Launenhaftigkeit des Fleisches (zu) überwinden“. Die Erzeugung von „nanomechanischen Körpern“, von „Maschinen-Mensch-Hybride“, ist bereits auf den Forschungsskizzen entworfen. So genannte „Fortschrittsphilosophien“ denken das Böse weg und das Allmachbare her, wie etwa die „Prozesstheologien“, die die Unsterblichkeit fabrizieren. Die mit den Designtheorien, etwa der „Akteur-Netzwerk-Theorie“ vorgenommenen Bestandsaufnahmen, dass sich das Soziale scheinbar überallhin verflüchtigt habe und damit Unbestimmtheiten hervorrufe, bis hin zu der Feststellung, dass der Empirismus nicht länger das solide Grundgestein sein könne, auf das sich alles andere gründen ließe, sondern sich als eine sehr dürftige Interpretation von Erfahrung darstelle (Bruno Latour, Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, 2007), führt schließlich zu der Erkenntnis, dass Religion wie Wissenschaft „ein Sich-Mühen um Transzendenz (ist), das dort endet, wo man eine Welt anerkennt, die sich dem Verstehen entzieht“.

Fazit

John Gray unternimmt den (unmöglichen) Versuch, das Unsterblichkeitsdenken der Menschen zu erklären. Er diskutiert dabei zahlreiche historische, gesellschaftliche, politische, realistische und utopische Beispiele dieses Mühens und kommt zu dem Ergebnis: „Das Resultat wissenschaftlicher Ermittlung besteht darin, die Menschheit auf den Boden ihrer eigenen widerspenstigen Existenz zurückzuholen“. Die ernüchternde wie befreiende Vorstellung aber, „dass wir im Wunsch nach dem ewigen Leben nur ein lebloses Bild unserer selbst zu bewahren suchen“, könnte uns helfen zu begreifen, dass nichts tödlicher sein könnte als nicht sterben zu dürfen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.12.2012 zu: John Gray: Wir werden sein wie Gott. Die Wissenschaft und die bizarre Suche nach Unsterblichkeit. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-608-94736-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14485.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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