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Klaus Kraimer: Devianz-Pädagogik. Kinder und Jugendliche in Krisen

Cover Klaus Kraimer: Devianz-Pädagogik. Kinder und Jugendliche in Krisen. Klaus Münstermann Verlag (Ibbenbüren) 2012. 152 Seiten. ISBN 978-3-943084-05-4. 14,50 EUR.
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Thema

Krisen sind in der heutigen Zeit allgegenwärtig und bezeichnen – so paradox es klingen mag – vielfach sogar einen Normalzustand; es ist seit langem die Rede von der Euro-Krise, von der Nahost-Krise, der Armutskrise und auch der Krise der Kinder- und Jugendhilfe. Ausgangspunkt des Buches ist die Annahme des Autors, dass es eine Krise des Aufwachsens gibt, die es für Kinder und Jugendliche zu bewältigen gilt. Gemeint sind damit die krisenhaften Übergänge vom Kind zum Jugendlichen und vom Jugendlichen zum Erwachsenen, die vielfältiges Krisenpotenzial für jeden Einzelnen enthalten, manchmal auf Grund widriger Lebensumstände in „deviante Lebenswege“ (S. 11) und letztendlich zu gescheiterten Sozialisationsverläufen von Jugendlichen führen können.

Deviantes, das heißt abweichendes Verhalten von jungen Menschen, das mit den als richtig und erwünscht angesehenen sozialen Normen und Werten einer Gesellschaft nicht im Einklang steht, stellt nach Klaus Kraimer „ein individueller Bewältigungsversuch zur Gründung einer autonomen Lebenspraxis (dar), der sich vielfach gegen Fehler in der Erziehung und Mängel in den Lebensbedingungen richtet“ (S. 13). Konsequent (devianz-) pädagogisch weitergedacht bedeutet dies, dass „Devianz einerseits als Krise zu verstehen (ist), in der Kinder und Jugendliche nach Lösungen suchen, um ihr Leben zu bewältigen und andererseits zu erkennen, dass Hilfen im Sinne einer stellvertretenden Krisenbewältigung zu lebenspraktischen Bewährungsaufgaben führen müssen, um dauerhaft zu einer autonomen Lebensbewältigung beizutragen“ (S. 9). Mit anderen Worten: In der Krise der Devianz (im Kinder- und Jugendalter) ist eine professionelle Devianz-Pädagogik als eine Form der Erziehung zur Mündigkeit (Adorno) in der Logik der stellvertretenden Krisenbewältigung gefordert, in deren Mitte das Arbeitsbündnis steht, das auf einer Sozialen Diagnose beruht (vgl. S. 40).

Autor

Klaus Kraimer ist an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (HTW) Professor für Theorie, Praxis und Empirie der Sozialen Arbeit und Privatdozent an der Universität Osnabrück. Seit vielen Jahren liegen seine Arbeitsschwerpunkte in Forschung und Lehre unter anderem im Bereich der Sozial- und Devianzpädagogik sowie der Fallrekonstruktiven Forschung (und dem damit korrespondierenden Verfahren der Objektiven Hermeneutik).

Entstehungshintergrund

Mit der vorliegenden Monographie, die sich als Lehrbuch versteht, beabsichtigt der Autor einen Beitrag für einen reflexiven Umgang mit Devianz bei Kindern und Jugendlichen zu leisten und plädiert engagiert für eine Pädagogik in den Krisen der Erziehung. Wird dieses Anliegen mit dem Vorwort verknüpft, in dem Klaus Kraimer einer Vielzahl von Wegbegleiter(innen) und Mitstreiter(innen) für ihre Gespräche, Kooperationen, gemeinsamen Forschungsaktivitäten etc. dankt, wird erkennbar, dass der Autor einerseits (auch im Rückblick auf eigene Arbeiten) resümierend auf die Entwicklungslinien und Verstrickungen des Devianz-Themas zurückblickt und andererseits vorausschaut, indem Eckpunkte für die Professionalisierung als Voraussetzung für die Etablierung einer künftigen Devianz-Pädagogik markiert werden.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier größere Abschnitte:

  1. Im ersten Abschnitt finden sich „Schlüsselthemen“, die im Kern beleuchten, was Devianz bedeutet und in welche gesellschaftlichen Zusammenhänge Devianz eingebettet ist. Es folgt die Rekonstruktion der pädagogischen Grundlagen und Modelle der Devianz-Pädagogik und deren Verortung als stellvertretende Krisenbewältigung.
  2. Im Zentrum des zweiten Abschnitts werden die professionellen und strukturellen „Herausforderungen“ für die künftige Etablierung des devianz-pädagogischen Denkens und Handelns in der Disziplin und Profession der Pädagogik und der Sozialen Arbeit aufgezeigt und in diesem Kontext die Reichweite von sog. Neuen Ambulanten Maßnahmen (wie soziale Gruppenarbeit, Betreuungshilfe, Erziehungsmaßregeln nach dem JGG) ausgelotet.
  3. Der mit „Fazit“ überschriebene dritte Abschnitt beinhaltet auf sechs Seiten eine gelungene Zusammenschau wichtiger Befunde und Erkenntnisse zur Devianz-Pädagogik.
  4. Den Abschluss bilden das Literaturverzeichnis, ein Glossar mit knappen Erläuterungen zu den (55) wichtigsten Begriffen, die Eingang in den Text gefunden haben, und eine umfangreiche Bibliographie (28 S.), die zu einer weiterführenden Auseinandersetzung mit der Devianz-Pädagogik anregen sollen. Für ein vertieftes Studium in Eigenregie wären leserinnen- und leserfreundliche Hinweise und Kommentierungen zu den Literaturhinweisen nützlich gewesen – dies hätte auch den Lehrbuchcharakter stärker betont.

Inhalt

In der Einleitung erläutert Klaus Kraimer den besonderen Zugriff und den Aufbau des Lehrbuchs. Das Anliegen ist es, das „Konzept der Devianz-Pädagogik“ (S. 10) vorzustellen und zugleich für die Leserin bzw. den Leser nachvollziehbar zu machen, dass sich dieses Konzept auf einschlägige Theorien und Modelle der Erziehungs-, Bildungs-, Sozialisations- und Biografieforschung begründet und letztendlich auf der Logik der stellvertretenden Krisenbewältigung (von Ulrich Oevermann) fußt.

In Kapitel I Schlüsselthemen führt der Autor in die Bedeutung des Begriffs >Devianz< ein und grenzt diesen von der Delinquenz, die negative Sanktionen impliziert, ab. Mit Blick darauf ist es das Hauptanliegen der Devianz-Pädagogik zu verhindern, dass die „Krise der Devianz in Delinquenz und Kriminalität umschlägt“ (S. 39).

In historischer Perspektive wird sodann das Devianz-Thema erschlossen und herausgestellt, dass es kein einheitliches Verständnis von Devianz gibt, sondern der Bedeutungshorizont abhängig ist vom gesellschaftlichen Kontext und/oder den diversen Modellvorstellungen von Devianz, die sich jeweils an einer Leitdisziplin (wie Pädagogik, Kriminologie, Soziologie, Psychologie) orientieren – und kursorisch im Buch porträtiert werden. Eine Folgewirkung (post)moderner Gesellschaften ist die Krise der Vergesellschaftung, die Kinder und Jugendliche beim Aufwachsen in der Moderne neben der Krise ihrer Selbstwerdung zu bewältigen haben. Damit finden die jungen Menschen eine Situation vor, die manche von ihnen nicht alleine bewältigen können.

Eine differenzierte, aber dennoch komprimierte Auseinandersetzung mit den Begrifflichkeiten, Grundlagen und Modellen der Devianz-Pädagogik schließt sich an: so unter anderem die stellvertretende Krisenbewältigung und die Krisentypologie nach Ulrich Oevermann, die Zusammenhänge von Lebenslauf und Erziehung von Werner Loch, das pädagogische Verhalten zur Krise von Otto Friedrich Bollnow, das psychoanalytische Entwicklungsmodell nach Erik H. Erikson, die Aufforderung zur Selbsttätigkeit von Klaus Mollenhauer. Wenn es gelänge diese elementaren Ideen der Devianz-Pädagogik und „damit das Gedankengut über Erziehung, Bildung und Sozialisation fundiert und konsequent in den gesellschaftlich-institutionellen Zusammenhängen wachzurufen, denen sich Kinder und Jugendliche ausgesetzt sehen, wenn sie in die Krise der Devianz verstrickt sind“ (S. 100), dann entsteht – davon ist Klaus Kraimer überzeugt – ein Bewusstsein dafür, „dass Kinder und Jugendliche prinzipiell weder Reaktionsdeppen noch chronisch behandlungsbedürftig sind“ (ebd.).

Im Kapitel II Herausforderungen prangert Kraimer die strukturellen Rahmenbedingungen – wie etwa (a) die wachsende Orientierung an ökonomischen Prinzipien oder (b) das Fehlen von konkreten Lebensperspektiven für Kinder/Jugendliche, die Maßnahmen und Interventionen seitens der Kinder-/Jugendhilfe und/oder der Strafjustiz »durchlaufen« – an, welche eine professionelle Ausgestaltung Neuer Ambulanter Maßnahmen als Medium der Devianz-Pädagogik behindern und damit die Autonomie der Lebenspraxis verhindern.

In der Krise der Devianz bilden stattdessen Neue Ambulante Maßnahmen spezifische Formen der Interventionen in den Handlungsbereichen der Jugendhilfe und damit die „stets unvoreingenommene Identifizierung zentraler Bedingungen von Krisenverläufen in deren objektiver Gestalt und in den subjektiv wahrgenommenen lebensweltlichen Orientierungs- und Beziehungszusammenhängen. Diese kommen vielfach in Gestalt einer Verlaufsdynamik zum Ausdruck … und sind fallrekonstruktiv aufzuschließen“ (S. 75). Im Weiteren wird dieses Verständnis für das Handlungsfeld Schulsozialarbeit illustriert.

Der Autor betont, dass die Umsetzung bzw. Etablierung einer Devianz-Pädagogik äußerst voraussetzungsvoll ist und diese auf zwei Ebenen anzusetzen hat, um „in Fleisch und Blut“ (S. 82) überzugehen: So ist zum einen eine „unabdingbare Voraussetzung der Devianz-Pädagogik … die Ausformung einer pädagogischen und sozialarbeiterischen Professionalität, die im Studium durch Habitusbildung ermöglicht wird“ (ebd.). Zum anderen ist die soziale Diagnostik dahingehend neu zu justieren, dass der Eigen-Sinn eines konkreten Falles in der Devianz-Pädagogik unter Nutzung narrativer Quellen originär dokumentiert und in eine stellvertretende Krisenbewältigung einer professionellen Praxis überführt wird (vgl. S. 89).

Den Abschluss bildet im Fazit das nochmalige Plädoyer für eine Devianz-Pädagogik, die in der Sicht des Verfassers Wege aus der Krise der Devianz des Kindes- und Jugendalters aufzuzeigen vermag, ohne die jugendlichen Akteure „zu stigmatisieren, zu tyrannisieren oder zu manipulieren“ (S. 102). Dies setzt aber voraus, dass in diese Zielrichtung die Professionalisierung der Sozialen Arbeit und der Pädagogik vorangetrieben wird.

Diskussion und Fazit

Das Ziel, das Klaus Kraimer mit seinem Buch erreichen möchte, formuliert er selbst: Die devianz-pädagogischen Ausführungen zielen darauf ab – und damit wird ein mutig formulierter Anspruch deutlich – eine „produktive Unruhe“ zu erzeugen, die sich „gegen eine behavioristische Dressur ebenso wendet wie gegen Unternehmungen, in denen Devianz lediglich als Geldquelle zur Inszenierung autoritär-bevormundender Anpassungsprogramme dient, die dreist und unter konsequenter Nichtbeachtung anthropologischer, pädagogischer oder psychoanalytischer Erkenntnisse sowie entgegen den Ergebnissen einer kritischen Sozialforschung oder Sozialberichterstattung erfolgen“ (S. 100). Eine produktive Unruhe zu schaffen und für die Devianz-Pädagogik zu werben – ein starker Anspruch für ein Lehrbuch, das sich ja hauptsächlich an Studierende richtet. Letztlich kann auch nur dieser Personenkreis beantworten, ob diese ambitionierte Zielvorgabe auch mit Blick auf den gewählten Aufbau und der sprachlichen Dichte eingelöst wird.

Unabhängig davon bietet für mich dieser engagierte und in der Tradition der Objektiven Hermeneutik und der Fallrekonstruktion parteiliche Band sowohl in disziplinärer als auch professionsbezogener Hinsicht viele Impulse. Der Band regt wissenschaftlich fundiert an, perspektivisch über die Devianz-Pädagogik und damit zugleich über Sozialpädagogik (und ihre Professionalisierungsbedürftigkeit) nachzudenken.


Rezensent
Dr. Jörgen Schulze-Krüdener
Universität Trier, FB I - Pädagogik, Abt. Sozialpädagogik
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Zitiervorschlag
Jörgen Schulze-Krüdener. Rezension vom 07.08.2013 zu: Klaus Kraimer: Devianz-Pädagogik. Kinder und Jugendliche in Krisen. Klaus Münstermann Verlag (Ibbenbüren) 2012. ISBN 978-3-943084-05-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14490.php, Datum des Zugriffs 19.07.2018.


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