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Bernd Beuscher: Set me free. Jugendarbeit als Lebens- und Berufsorientierung

Cover Bernd Beuscher: Set me free. Jugendarbeit als Lebens- und Berufsorientierung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2011. 189 Seiten. ISBN 978-3-525-58029-5. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 30,50 sFr.

Reihe: Jugend in der Kirche.
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Thema

Der Autor hat diesem Taschenbuch den Titel eines Songs von Ray Davies l965 (The Kinks Song) gegeben und wollte damit vermutlich die gefühlsmäßige Situation der Jugendlichen im Elternhaus zum Ausdruck bringen: „Bitte, gib mich frei!“ Denn sie wollen „innerlich freigegeben“ werden (S. 18). So hat er deshalb das von ihm entwickelte Konzept der Lebens- und Berufsorientierung in der Jugendarbeit genannt, das er theoretisch erarbeitet und in einer Beratungspraxis für Jugendliche zur Berufsorientierung und Lebensberatung praktisch erprobt hat. In diesem Buch gibt er Gelegenheit, sich „in die Karten gucken“ zu lassen (8). Die Jugendlichen wollen Antwort auf eine ihrer zentralen Fragen haben: „Was soll aus mir werden?“(7) Diese erhalten sie von Arbeitsagenturen und anderen Institutionen, aber auch von der Evangelischen Kirche in der Jugend- und Konfirmandenarbeit. Hier erhalten sie eine zur Berufsorientierung und Persönlichkeitsentwicklung aus der Sicht und im Horizont christlicher Tradition (8). Das Konzept bietet auch „eine Chance für die Gestaltung von Familienzentren und offenen Ganztagsschulen, sogar noch bis zur Arbeit an Berufskollegs. Elternabende spielen ebenfalls eine wichtige Rolle“ (a. a. O.), für die „die hier gebotenen Informationen“ auch „besonders nützlich“ sind (22).

Somit gehören zum Adressatenkreis alle in diesem Bereich gestalterisch Tätigen. Kapitel 5 mit der „Systematischen Theologie für die Jugendarbeit“ (s. u.) dürfte sich in den angedeuteten Tiefendimensionen vorrangig an theologisch Ausgebildete richten, ist aber sicherlich auch für alle anderen interessant und anregend zum „Nachdenken“.

Autor

Der Autor, Prof. Dr. Bernd Beuscher, lehrt hauptamtlich an der Evangelischen Fachhochschule in Bochum (im Fachbereich Gemeindepädagogik und Diakonie) und am Institut für Evangelischen Theologie an der Universität Paderborn.

Aufbau

  1. Set me free. Das Konzept einer Lebens- und Berufsorientierung (9 ff.)
  2. Gemeindepädagogik als Katalysator gesellschaftlicher Bildungsprozesse (23 ff.
  3. Konform oder konfirm? Religion und Identität (33 ff.)
  4. Bitte nicht füttern! Kirche muss zu wünschen übrig lassen (47 ff.)
  5. Weiß du, was du (nicht) glaubst? Systematische Theologie für die Jugendarbeit (55 ff.)
  6. Was werden. Zur Großwetterlage auf dem Berufs- und Ausbildungsmarkt (129 ff.)
  7. Geburtlichkeit. Zum theologischen Horizont von Zukunftsfragen (141 ff.)
  8. Waffenhändler oder Tierarzt. Sich selbst schätzen (145 ff.)
  9. Respekt. Ansehen geben und genießen (149 ff.)
  10. Inscene yourself. Exemplarische Übungen zur Lebens- und Berufsorientierung (153 ff.)

Im Anhang (169 – 189) „Stoff geben“ werden zehn Materialien exemplarisch vorgestellt inklusive von 20 Internetadressen als Material 7. Das Buch enthält kein Stichwortverzeichnis und kein Literaturverzeichnis (Quellenverweise erfolgen im laufenden Text als Fußnote). Die sechs Abbildungen befinden sich im 5. Abschnitt ohne Betitelung.

Inhalt

Zur Einführung in das Konzept wird im 1. Abschnitt die Entwicklungssituation der heutigen Jugendlichen vor allem im Familienbereich beschrieben, in dem z. B. ein Kleinkind auf einem Spielplatz herumkrabbelt, „auf dessen T-Shirt der Aufdruck ‚Abi 2017‘ prangte“ (9); großer Druck liegt oft auf ihnen und Angst vor der ungewissen Zukunft. Es erfolgt auch eine kritische Auseinandersetzung mit der „bigotten“ kirchlichen Meinung hinsichtlich der nicht „geforderten Qualifikationen am Arbeitsmarkt“ (z. B. Kenntnisse und Verständnis, Fleiß und Neugier, Problemlösungskompetenz), wie dies in einer Veröffentlichung der Evangelischen Kirche im Rheinland steht (14 f.). Zwei Grundregeln des Konzepts für Eltern, Erziehungsberechtigte und Pädagogen werden hervorgehoben: Wir dürfen unsere Kinder keinesfalls – in Ruhe lassen, jedoch unbedingt – in Ruhe lassen (18).

Im 2. Abschnitt entwickelt der Autor seine These für die dann folgenden Überlegungen: „Gemeindepädagogik ist theologisch aufgeklärte Pädagogik in christlicher Verantwortung an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Anlässen, bei verschiedenen Gelegenheiten“ (25). Dann: „Exemplarisch wird am Beispiel der Berufsorientierung gezeigt, dass und wie Glaubensbildung und Persönlichkeitsentwicklung befördert werden können, ohne diese beiden Lebensdimensionen künstlich auseinanderzureißen“ (29).

Schwerpunkte im 3. Abschnitt sind der Religionsunterricht und der Konfirmandenunterricht; letzterer „als Prüfmuster christlicher Jugendarbeit“ (37). Eine sehr differenzierende Beschreibung der Jugendlichen hinsichtlich religiöser Bildung und emotionaler Betroffenheit erfolgt. Wenn sich der Autor der Meinung anschließt, dass das Ziel der modernen Pädagogik sei, Unterrichtsgegenstände rational zu vermitteln, kann dem aus allgemeinpädagogischer Sicht nicht gefolgt werden.

„Jugendliche hungern nach ‚Hirnfutter‘ und ‚Seelennahrung‘. Sie sind von sich aus wissbegierig. Also wollen wir sie füttern. Damit ist jedoch schon alles verdorben“ (47). Dies ist der Einstieg in den 4. Abschnitt. Aspektreiche Ausführungen dazu folgen. Ob dieser Schlussfolgerung alle Lesenden zustimmend folgen, ist zweifelhaft: „Darum läuft es in jeder guten pädagogischen Arbeit grundsätzlich darauf hinaus, die Klientel zu einem Mangel zu führen“ (52). Im folgenden umfangreichsten Abschnitt stellt der Autor seine „persönliche Stoffauswahl zur Diskussion“, die bei den Konfirmanden Arbeit bewirkt und „hungrig macht“ (54).

Unter mehrmaliger Bezugnahme auf die Ergebnisse einer bundesweiten Studie der EKD von 1998 zur Konfirmandenarbeit in Deutschland gliedert der Autor seine wirklich zur Diskussion herausfordernde Stoffauswahl im 5. Abschnitt systematisch (genauer Titel s. o.) wie folgt:

  1. Glauben. Wer nicht glaubt, glaubt auch
  2. Mission. Vom High Talk zum Move Talk
  3. Man kann nie wissen. Von der Intelligenz des Glaubens angesichts der Sterblichkeit des Wissens
  4. Erzählen. Was Mythos und Gleichnisse leisten
  5. Erbsünde. Betrifft Heilige und Schweine
  6. Ostern, Kreuz und Hölle
  7. Wollen. Zwischen Träumen und Vollbringen
  8. Verzweifeln. Warum nicht?
  9. Beten. Laber nicht rum

Unter der Themenakzentuierung des 6. Abschnitts (s. o.) wird folgerichtig auch die aktuelle Arbeitsmarktsituation in Deutschland – wieder unter Rückgriff auf aktuelle Erhebungen – offengelegt. Ob die drei gegebenen Beispiel von Ausnahmenkarrieren allerdings für viele Jugendliche oder für Erziehende zielfördernd sind, ist zweifelhaft.

Unter Bezugnahme auf die vorgestellte Stoffauswahl wird im kurzen Abschnitt 7 abschließend festgestellt: „Was den jungen Menschen heute am meisten fehlt, ist theologisches Basiswissen und ein Gefühl für sich selbst“ (143). Damit wird schlüssig übergeleitet zum 8. Abschnitt (s. o.). Denn: „Neben falscher Selbsteinschätzung ist fehlender Realismus das größte Handicap bei der Berufszielfindung“ (145). „Die Idee eines ‚Jobs fürs Leben‘ ist … schon lange irrelevant“ (147). Die Weltfremdheit gerade der in den westlichen Ländern lebenden „wohlhabenden, gebildeten jungen Menschen in einem ‚psychosozialen Moratorium‘“ wird festgestellt und erläutert (a. a. O.).

Im 9. Abschnitt richtet der Autor seinen Blick vor allem auf die Eltern und konstatiert mit interessanten Erläuterungen: „Die pseudoprofessionelle Attitüde, die Kinder selbst entscheiden zu lassen, verdeckt diese eigene Mut- und Ratlosigkeit“ (150).

Zu den Übungseinheiten (nicht ganz korrekt in der Materialzuordnung 2/3) im 10. Abschnitt (Titel s. o.) gehören auch Rollenspiele, „thematisch entsprechende Bibelandachten (Material 7)“ und Storytelling, wodurch Denk- und Gefühlsgewohnheiten „entlarvt“ werden (165).

Diskussion

Das Buch regt insgesamt (nicht nur Abschnitt 5, wo der Autor dazu aufruft) in einigen Punkten zur – vielleicht sogar heftigen – Diskussion an. Drei seien aus meiner Sicht benannt.

  1. Für den Autor ist die teilweise verwendete Jugendsprache (in Worten und/oder im Stil) anscheinend selbstverständlich (vor allem in der Form des Denglisch). Will er die Lesenden bewusst auch dadurch in den Mittelpunkt, das sind die Jugendlichen, aller (teilweise auch theologischer) Überlegungen führen?
  2. Der Autor konstatiert im 4. Abschnitt (s. o.) auch: „Methodisch kommt es nicht darauf an, Hunger zu stillen (Leere zu füllen), sondern ihn zu nähren und so Gelegenheit zu geben, Hunger kennenzulernen“ (53). Der Autor meint, dass dazu die getroffene Stoffauswahl im 5. Abschnitt hilft (54). !??
  3. Zum 3. Thema seiner Stoffauswahl „Man kann nie wissen“ (s. o.) zieht der Autor das Fazit: „Fuzzylogic ist eine Logik, die mehrere Wahrheiten behandelt, sodass eine Darstellung und Verarbeitung definitiv unpräziser Information möglich ist, wie z. B. ‚ziemlich heiß‘, ‚stark bewölkt‘ oder ‚Gott‘“ (93). Hilft diese Meinung (und die dann folgenden Erläuterungen) wirklich, eine Antwort auf die hier gestellte 2. Frage zu finden? Und: ist ihr generell zuzustimmen?

Fazit

Alle in der Evangelischen Kirche und deren Institutionen für Jugend- und Konfirmandenarbeit gestalterisch Tätigen erhalten durch dieses Taschenbuch Anregungen, unter Berücksichtigung auch manch neuer Erkenntnisse der Psychologie und Pädagogik ihre Arbeit jugendgemäß und im Kontext christlicher Tradition fundiert zu führen. Selbst teils saloppe Formulierungen zeigen den vorgeschlagenen Weg. Es gibt auch Hinweise zur Elternarbeit. Darüber hinaus ist die Lektüre auch für nicht ausgebildete Eltern interessant, um dadurch ihre Erziehungsarbeit mit ihren Kindern in der Familie kompetent(er) zu gestalten. Denjenigen, die mit dem Buch intensiver arbeiten wollen, fehlt zur Verkürzung der Arbeitszeit ein Stichwortverzeichnis.


Rezensent
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.


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Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 06.05.2013 zu: Bernd Beuscher: Set me free. Jugendarbeit als Lebens- und Berufsorientierung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2011. ISBN 978-3-525-58029-5. Reihe: Jugend in der Kirche. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14502.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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