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Jörg Mußmann: Inklusive Sprachförderung in der Grundschule

Cover Jörg Mußmann: Inklusive Sprachförderung in der Grundschule. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2012. 144 Seiten. ISBN 978-3-8252-3752-3. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.

Reihe: UTB - 3752.
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Thema und Autor

Die vorliegende Veröffentlichung fordert eindringlich eine inklusive Sprachförderung als Bildungspraxis für Schülerinnen und Schüler mit erschwerten Lern- und Entwicklungsbedingungen. Legitimation und Perspektive zugleich ist die Behindertenrechtskonvention (BRK), die eben keine neuen Spezialrechte formuliert. Folgerichtig ist daher für Jörg Mußmann, der z.Zt. eine Vertretungsprofessur an der Universität Hamburg innehat, dass Grundschul- und Sonderschulpädagogik zusammen geführt werden müssen. Exklusive Sprachheilförderung als zeitlich befristete Maßnahme wird erörtert und kommt nur in Frage, wenn sie dem Wohl des Kindes dient. Das zugrunde liegende Problem ist dann die Verbindung von Bildungs- und Heilauftrag.

Aufbau

  1. Das 1. Kapitel stellt die Grundlagen spezifischer Sprachförderung im inklusiven Unterricht dar.
  2. Das Folgekapitel konzentriert sich auf Spracherwerb und dort auftretende Störungen wie z.B. Aphasie oder Sprechapraxie.
  3. Das 3. Kapitel beschreibt Handlungsfelder in inklusiven Settings, wie z.B. Kooperation mit den Regelschullehrkräften, Elternberatung und kollegiale Fallberatung.
  4. Das letzte Kapitel hat einen didaktisch-methodischen Schwerpunkt und bezieht sich allgemein auf die Förderung von Schülerinnen und Schüler im inklusiven Sprachunterricht.

Die Textgestaltung macht durch entsprechende Icons auf Beispiele, Merksätze und Informationsquellen in der Fachliteratur und im Internet aufmerksam. Das bereitgestellte Online-Zusatzmaterial ist beim Verlag erreichbar. Das Material kann kostenfrei auf der Verlagshomepage heruntergeladen werden.

Inhalt

„Sprache ist das Medium der Bildung“ lautet der erste Satz in der Publikation. Beides sind Voraussetzungen zur gesellschaftlichen Teilhabe und im Grunde genommen ist damit ein allgemeingültiges pädagogisches Leitbild für alle Schülerinnen und Schüler formuliert. Für sprachbehinderte Schülerinnen und Schüler ist dann aber eine differenzierte Diagnostik notwendig, die Förder- und Beratungsbedarf sowie sprachtherapeutische Interventionen festlegt. Dazu gehört auch, Grenzen der Inklusion im Sprachunterricht bzw. angemessene Alternativen aufzuzeigen.

Nach diesen einleitenden Erörterungen geht Mussmann auf die Bedingungen des Erstspracherwerbs von Kindern ein. Dazu gehört der soziale Kontext (a), die psychischen Voraussetzungen wie z.B. die kognitive Entwicklung (b) und die organischen Bedingungen wie u.a. die neuronale Beschaffenheit und die peripheren Sprechwerkzeuge (c). Zu dem letztgenannten Punkt wird auf Online-Material verwiesen in welchem neurologische und anatomische Bedingungen des Spracherwerbs vertieft werden. Den Störungen in der Sprachentwicklung, in der Rede- und Kommunikationsfähigkeit wie auch den organisch bestimmten Störungen wird im 2. Kapitel ein breiter Raum gegeben. Auch der Zweitsprachenerwerb wird in gegebener Kürze dort dargestellt.

Unterrichtsintegrierte Sprachförderung ist ein Schwerpunkt des 3. Kapitels. Nach der Vorstellung und Diskussion unterschiedlicher Förderkonzepte (z. B. sprachtherapeutischer Unterricht, sprachheilpädagogischer Unterricht) werden allgemein Prinzipien und Methoden beschrieben wie z.B. aktiv zuhören, Wortschatzerweiterung oder Einhaltung der kausalen Reihenfolge in der in der sich entwickelnden Erzählfähigkeit. Dann konzentriert sich der Text auf die Kooperation mit dem Lehrpersonal der Regelschule und auf die wichtige Beratung von Eltern. So zeigen Forschungsbefunde, dass unaufgeklärte Eltern destruktive Zweifel an der Sprachtherapie ihrer Kinder ausbilden können. Überhaupt besitzt die Partizipation der Eltern bei Sprachentwicklungsstörungen ihrer Kinder einen hohen Stellenwert. In diesem Zusammenhang wird u.a. das Konzept der „Sprachinsel“ erörtert, also die Kuschelecke als Ort gezielter sprachlicher Interaktion in der Familie. Eltern sollten keineswegs ihre Alltagskommunikation und sprachliche Natürlichkeit verändern. Hierzu nötige Beratungsgespräche seitens der zuständigen Lehrpersonen, ihre Durchführung und ihre konzeptionelle Ausrichtung können auch durch den Online-Zugang vertieft werden.

Im letzten Kapitel werden didaktische und methodische Begründungen und Konzepte für den Förderschwerpunkt Sprache erörtert. Es kommt dabei darauf an, die sprachspezifischen Anforderungen mit den allgemein didaktischen Voraussetzung in Einklang zu bringen. Dies ist häufig aufgrund individueller Förderungsnotwendigkeiten nicht gegeben und dann muss, so Mussmann, ein methodisches Arrangement gewählt werden mit exklusiven Akzenten; eine Herausforderung für die Lehrkräfte und die Lerngruppe. Weiterhin wird eingegangen auf sprachliche Barrieren, Medieneinsatz und sprachspezifische Strategien. Eine solche Strategie ist z.B. das „Laute Denken“ mit der Zielsetzung des kognitiven Modellierens. Damit können gedankliche Zustände der Lernenden und situative Gegebenheiten im Unterricht durch Sprachtechniken seitens der Lehrperson in Zusammenhang gebracht werden (z.B.: feedback, Wortschatzerweiterung, Alternativfragen).

Diskussion

Das Fachbuch richtet sich an Grundschullehrkräfte und Sonderpädagogen. Ob der hier von Mussmann erwartete und auch notwendige Kompetenztransfer zwischen den genannten Berufsgruppen eintritt wird die weitere Entwicklung schulischer und unterrichtlicher Inklusion zeigen. Die Kooperation von Regelschullehrern und Sonderpädagogen ist aber eine Voraussetzung der Inklusion und dies nicht nur im Sprachunterricht. Der Band zeigt die Komplexität dieses Unternehmens, aber die Kooperation muss schon in Forschung und Lehre vor der eigentlichen Praxis zu Verzahnungen führen. Insofern richtet sich die Publikation auch auf eine unbedingt erforderliche Perspektive schulischer Inklusion.

Das „dicht“ geschriebene Buch zeigt eine gute und sehr hilfreiche Strukturierung und kommt mit 144 Seiten aus, weil sechs Themenschwerpunkte über Online-Material vertieft werden können. Die Schnittstelle zwischen „print“ und „online“ bedarf aber der Verbesserung.

Fazit

Ein ausgezeichnetes Lehr- und Arbeitsbuch. Der Band fordert allerdings seine Leserinnen und Leser trotz vielfältiger Praxisbezüge, guter Strukturierung und hilfreichen Arbeitshinweisen für den inklusiven Sprachunterricht.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 05.02.2013 zu: Jörg Mußmann: Inklusive Sprachförderung in der Grundschule. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2012. ISBN 978-3-8252-3752-3. Reihe: UTB - 3752. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14504.php, Datum des Zugriffs 22.03.2019.


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