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Uwe Uhlendorff, Matthias Euteneuer u.a.: Soziale Arbeit mit Familien

Cover Uwe Uhlendorff, Matthias Euteneuer, Kim-Patrick Sabla: Soziale Arbeit mit Familien. UTB (Stuttgart) 2013. 224 Seiten. ISBN 978-3-8252-3913-8. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Thema

„Ein soziales Problem kommt selten allein“, sagt Kim-Patrick Sabla im UTB-Autoreninterview (www.utb.de/neues-von-utb/autoreninterviews): „Wahrscheinlich gibt es in jeder Familie Krisen, die überwunden werden müssen. Ein einzelnes Problem ist häufig kein Anlass dafür, von einer substanziellen Krise einer Familie zu sprechen oder sozialpädagogische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Vielmehr sind es die Verwobenheit verschiedener Probleme und deren dauerhaften Auswirkungen auf verschiedene Familienmitglieder, die aus einer Einzelkrise eine Bedrohung für das Wohlergehen und den Fortbestand einer Familie werden lassen können. Das kann beispielsweise das Zusammenspiel von Problemen wie Sucht, häusliche Gewalt und Scheidung sein“.

Damit hat der Mitautor des vorliegenden Lehrbuchs die Perspektive der Veröffentlichung bezeichnet: Die Aufgabenfelder der Sozialen Arbeit mit Familien werden immer vielfältiger, die Instrumente und institutionellen Kontexte, in denen sich Soziale Arbeit mit Familien ereignet, hat sich differenziert (Familienzentren, Mehrgenerationenhäuser, Elterntrainings z. B. ergänzen klassische – in der Regel auf den Einzelfall orientierte – Formen der Sozialarbeit bzw. Sozialpädagogik). Soziale Arbeit entwickelt einen integrierten Blick, der lebensweltliche Bezüge sieht, versteht und einbezieht und Soziale Arbeit mit Familien auch immer politisch kontextualisiert, also auf die sozialstaatlichen Verwerfungen, Instrumentalisierungen Sozialer Arbeit und ökonomistischen Verengungen und Verkürzungen kritisch bezieht.

Autoren

Prof. Dr. Uwe Uhlendorff und Dr. Matthias Euteneuer lehren Sozialpädagogik an der TU Dortmund, Prof. Dr. Kim-Patrick Sabla lehrt Soziale Arbeit an der Universität Vechta.

Aufbau und Inhalt

Das Lehrbuch hat sieben Kapitel, die sich in vier Themenblöcke gliedern lassen.

  1. Zunächst (S. 9 – 23) klären die Autoren, was Soziale Arbeit mit Familien heißt; dazu Sabla: „In den letzten Jahren wird beobachtet, dass es immer mehr Familien mit chronischen Strukturkrisen gibt, mit existenziellen Problemen in nahezu allen Lebensbereichen. Häufig setzen die Eltern Problemkonstellationen aus den eigenen Herkunftsfamilien fort und können teilweise über Generationen hinweg auf die Inanspruchnahme einer ganzen Reihe von sozialpädagogischen Unterstützungsformen zurückblicken. Sie schaffen es nicht, ihre Lebenssituation grundlegend zu verbessern, weil ihnen die Kompetenzen zur Problemlösung fehlen. In diesen Familien ist es eine besondere Herausforderung für die Soziale Arbeit, gemeinsam mit allen Familienmitgliedern eine Perspektive für den schrittweisen und langfristigen Ausstieg aus den Problemen zu schaffen“ (a. a. O.).
  2. Im 2. Kapitel wird Familie als Lebensform und der Wandel von Familie skizziert (S. 24 – 47). „Aufgabenstellungen und Konfliktthematiken von Familien“ stehen im 3. Kapitel (S. 48 – 70) und deren soziale Probleme im 4. Kapitel (S. 71 – 100) im Mittelpunkt, womit das Autorenkollektiv Anforderungen an familienbegleitende und -unterstützende Soziale Arbeit verdeutlichen.
  3. Rahmungen Sozialer Arbeit mit Familie sind Gegenstand des 5. und 6. Kapitels: Zunächst werden rechtliche Grundlagen der Sozialen Arbeit mit Familien dargelegt (S. 101 – 124), woran sich ein Überblick über die „sozialpädagogischen“ Einrichtungen in der Arbeit mit Familien (S. 125 – 156) anschließt.
  4. Im abschließenden Kapitel widmen sich Uhlendorff, Euteneuer und Sabla Konzepten und Methoden der Sozialen Arbeit mit Familien (S. 157 – 197).

12 Seiten Literatur runden den Band ab.

Zielgruppen

Es handelt sich um ein Lehrbuch; gleichwohl dürfen sich neben Studierenden der Sozialen Arbeit auch solche Fachkräfte des Sozialen von dem vorliegenden Band angesprochen fühlen, die neu in die Arbeit mit Familien einstiegen und sich noch einmal der Grundlagen in diesem Handlungsfeld versichern wollen.

Diskussion

Es liegt mit „Soziale Arbeit mit Familien“ ein Lehrbuch vor; daher sind die Maßstäbe entsprechend zu wählen.

Hilfreich ist es, dass die Autoren mit relevanten Definitionen arbeiten, die ein Verständnis darüber erleichtern, worüber eigentlich gesprochen wird. Übungsaufgaben, Literaturhinweise und Internet-Links unterstreichen deutlich den Charakter als Lehrbuch, lassen sich aber auch als Hinweise für Neueinsteigerinnen und -einsteiger im Feld der Arbeit mit Familien verstehen. Piktogramme (für Fallbeispiele, Exkurse, Übungsaufgaben, Literaturtipps und Internetverweise) erleichtern den Umgang mit dem Band. Das gilt auch für die zahlreichen Fallbeispiele, die die Argumentation der drei Autoren verdeutlichen. Das gilt auch für solche Beispiele, die durchaus cross over daherkommen, zum Beispiel zu den Familienstrukturen der Na in Westchina (S. 28); sie öffnen und weiten den Blick auf Familie. Ähnlich sind illustrierende Hintergrundinformationen einzuordnen, zum Beispiel Entwicklung der Gesamtfruchtbarkeitsrate (S. 31) oder zum steigenden Durchschnittsalter bei der Erstgeburt (S. 32f), wodurch die Herausbildung eines komplexeren Verständnisses für und von Familie unterstützt wird.

Die drei im Text eingestreuten Übersichten – Konfliktthemen und Aufgabenstellungen im Lichte eines Fallbeispiels (S. 69), eine Übersicht über den Familienbezug der Leistungsbereiche der Kinder- und Jugendhilfe (S. 108) und zu Elternkurse und -trainings (S. 183) – wirken auf den ersten Blick etwas zufällig, erweisen sich aber auf den zweiten Blick als hilfreich und sind, im Lichte der Ansprüche an ein Lehrbuch, auch an anderer Stelle (z. B. zu den Rechtsansprüchen auf Soziale Arbeit mit Familie) sicher noch vorstellbar.

Details irritieren etwas: So bleibt doch fraglich, ob es sich (so die Kapitelüberschrift zum 6. Abschnitt) um sozialpädagogische Einrichtungen handeln soll, wenn zum Beispiel auf den Allgemeinen Sozialdienst (S. 127) verwiesen wird. Es mag sein, dass hier mit einem etwas zu universitären Blick auf Soziale Arbeit geschaut wird. Auch bleibt offen, ob ergänzende Darlegungen, die die Autoren einstreuen (z. B. ein kurzer Rückblick auf die Herausbildung von Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Sozialer Arbeit; S. 20 – 22), weiterführen (das hier herangeführte Beispiel jedenfalls gehört sicher in eine Einführung in die Soziale Arbeit).

Eine Art abschließender Zusammenfassung, die auch kritische Entwicklungsperspektiven von Sozialer Arbeit mit Familien, insbesondere im Lichte von Ökonomisierung, Wirksamkeit oder demografischer Individualisierung, zu diskutieren hätte, fehlt (leider). Kim-Patrick Sabla sagt dazu im UTB-Autoreninterview zwar: „Nicht zu übersehen ist dabei allerdings auch die Tatsache, dass die sozialen Strukturen – etwa auf dem Arbeitsmarkt – den betroffenen Familien wenige Chancen auf Veränderung lassen. Gleichzeitig ist die öffentliche Aufmerksamkeit für die ‚Leistungsfähigkeit‘ der Institution Familie gestiegen und die Verantwortung für die Probleme wieder stärker individualisiert worden. Hier ist Soziale Arbeit auch auf politischer Ebene gefragt, immer wieder an die strukturellen Bedingungen sozialer Probleme zu erinnern“ (a. a. O.). Diesem – richtigen – Ansatz trägt der vorliegenden Band jedoch nicht in der erforderlichen Deutlichkeit Rechnung.

Auch die „eigentliche“, methodisch-abgestützte Arbeit mit Familien (S. 157 – 197) kommt doch, gemessen an den rahmenden Ausführungen, etwas zu kurz.

Insgesamt überwiegt eine individualisierende Perspektive; sicher hätten durchaus die für Familien und die Sozialen Arbeit mit Familien relevanten Exklusionsprozesse und -mechanismen herausgearbeitet werden können. Auch auf ein Verständnis lebensweltlicher Einbettung der Sozialen Arbeit mit Familien kommt das Autorenkollektiv nicht ausdrücklich zu sprechen. Es ist daher zwar nicht unbedingt überraschend, aber eben doch irritierend, dass die Autoren folglich auch auf Hinweise zu Astrid Woog und den von ihr entwickelten lebensweltlichen Zugang (z. B. exemplarisch) verzichten (vgl. insb. Soziale Arbeit in Familien. Theoretische und empirische Ansätze zur Entwicklung einer pädagogischen Handlungslehre; vgl. www.socialnet.de/rezensionen/4450.php; ferner: Lebensweltorientierte Arbeit mit Familien; in: Grunwald, K., und Thiersch, H. [Hrsg.], Praxis Lebensweltorientierter Sozialer Arbeit, Weinheim und München 2004, S. 87 – 108).

Fazit

Der Reinhardt-Verlag formuliert in seinem „Waschzettel“ zur Publikation: „Das Lehrbuch bietet Studierenden der Sozialen Arbeit eine solide Orientierung. Die Autoren führen in die Familie als Ort der Sozialisation sowie in wichtige sozialpädagogische Methoden, Konzepte und Einrichtungen ein.“ Das ist richtig beschrieben; unbeschadet auch kritischer Anmerkungen gelingt es Uwe Uhlendorff, Matthias Euteneuer und Kim-Patrick Sabla, ein komplexes Handlungsfeld in Bezug auf gegebene (innerfamiliale) Problemstellungen, institutionell-rechtlichen Rahmungen und methodische Anforderungen umfassend zu präsentieren.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 26.03.2013 zu: Uwe Uhlendorff, Matthias Euteneuer, Kim-Patrick Sabla: Soziale Arbeit mit Familien. UTB (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-8252-3913-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14505.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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