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Georg Vogel: Selbstcoaching konkret

Cover Georg Vogel: Selbstcoaching konkret. Ein Praxisbuch für soziale, pädagogische und pflegerische Berufe. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2013. 192 Seiten. ISBN 978-3-497-02355-4. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Fachkräfte des Sozialen, tätig in sozialen, pädagogischen und pflegerischen Berufen sind in ihren professionellen Handlungsvollzügen in Verhältnissen von Nähe und Distanz nicht nur mit zufrieden stellenden, sondern – und zunehmend mehr mit emotional belastenden, damit auch zum Teil körperlich anstrengenden, fachlich herausfordernden, konfliktbeladenen Situationen konfrontiert.

So zeigte sich am Beispiel von Fachkräften der Kinder- und Jugendarbeit in Sachsen-Anhalt, dass 91% der 2011 repräsentativ Befragten Anspannung in beruflichen Situationen erlebten, 86% Zeitdruck „hin und wieder“, „häufig“ oder „sehr häufig wahrnahmen. 52% sprachen über an sich selbst wahrgenommener Unkonzentriertheit, 65% berichteten von erlebter Erschöpfung, 39% von schlechtem Schlaf. Bei einem Fünftel der Befragten lag die Kombination dieser Merkmale geschlossen vor, was rechtfertigte, im Anschluss an die relevanten Modelle auch der Forschung zu beruflichem Ausbrennen von einer besonders belasteten Gruppe zu sprechen. Es überraschte nicht, dass diese Fachkräfte ihre berufliche Zukunft in der Kinder- und Jugendarbeit mit erheblich größeren Sorgen sahen: Drei Viertel hatten gelegentlich und öfter an eine andere Arbeit gedacht, ihr Engagement schätzen sie deutlich schwächer ein und zu zwei Dritteln nahmen sie sich früher deutlich engagierter wahr (vgl. Wendt, P.-U.: Unter den Bedingungen des Prekariums. Projekt „ausgebrannt?“ – Arbeitssituation und Arbeitsbelastung von Fachkräften der Jugendarbeit im Land Sachsen-Anhalt; in: deutsche jugend 1/2012, S. 27-35). Deutlich wurde ein grundlegender – aber uneingelöster – Bedarf an Unterstützung, vorzugsweise von Dritten, aber auch Methoden der Selbstunterstützung, sozusagen präventiv mit Formen beruflicher Überlastung und Überforderung bzw. auch der Gefahr des „Ausbrennens“ im Verhältnis zu sich verschlechternden Arbeitsbedingungen und zugleich wachsenden Anforderungen im Verhältnis zu den Zielgruppen der eigenen Arbeit umgehen zu können.

Damit standen diese Fachkräfte des Sozialen nicht allein: Hilfe durch kollegiale Beratung, Supervision oder das Coaching Dritter sind nicht immer und vor allem nicht sogleich verfügbar, dann, wenn Hilfe notwendig wäre. Der Ansatz des Selbstcoachings – Motto: „Sei dein eigener Coach!“ –, wie er in der vorliegenden Veröffentlichung ausgebreitet wird, kann hier eine wertvolle Hilfe darstellen.

Autor

Georg Vogel ist Dipl.-Sozialpädagoge und als Supervisor, Coach, Familientherapeut und Mediator tätig; er leitet das Ausbildungsinstitut KOMED in München (www.komed-muenchen.de).

Inhalt

Zum Beispiel Abgrenzung, Stress, Einfühlung, Relationen zwischen Nähe und Distanz, Kritik, Erschöpfung oder Erkranktheit, Motivation, Beteiligung, Mitleid, Bedürftigkeit, Konflikte oder die Balance von Arbeits- und Privatleben sind Themen, die im Selbstcoaching Gegenstand der Reflexion werden, „um Belastungen zu reduzieren, Probleme wirksamer zu bewältigen und alternative Vorgehensweisen zu finden“ (S.13). Und: „Coaching wie Selbstcoaching betonen, dass Menschen stets das Potenzial haben, sich selbst zu entwickeln und geeignete Bewältigungsformen zu finden“. Coaching fokussiert damit Haltungen und Methoden des Selbstcoaching in Bezug zum Beispiel auf (Selbst-) Achtsamkeit, Suche nach der (positiven) Ausnahme bzw. der kreativen Problemlösung, Perspektivenwechsel oder Zugang zu inneren bzw. äußeren Ressourcen. Im Selbstcoaching praktizieren Fachkräfte des Sozialen „selbst die Reflexion, die Selbstorganisation und den Ergebnistransfer für Ihre beruflichen Themen, ohne einen Coach ‚an Ihrer Seite‘ zu haben“ (S. 51).)

Dies darzulegen erfolgt in fünf Kapiteln:

  • Konkrete, für (Selbst-) Coaching relevante Arbeitsbedingungen, Berufsfelder und Arbeitskontexte sind zunächst Gegenstand des 1. Kapitels (S. 15 – 32).
  • Daran schließt sich eine Einführung in das Coaching an, um so leichter und schlüssiger die Rolle eines Coachs für sich selbst einnehmen können (2. Kapitel, S. 33 – 51).
  • Im 3. Kapitel (S. 52 – 59) werden kurz Grundlagen des Selbstcoachings und Anregungen für den Praxistransfer sowie die Anwendung der Methoden dargestellt.
  • Den Schwerpunkt des vorliegenden Bandes bildet das 4. Kapitel (S. 60 – 181); hier finden sich zentrale Anwendungsfelder und zahlreiche konkret umsetzbare Methoden des Selbstcoaching. Der Autor verweist darauf, dass in seiner langjährigen Coaching- und Supervisionspraxis „seitens der Kunden und Klienten immer wieder ähnliche berufliche Fragestellungen auf. Sie markieren oft zentrale Wendepunkte im Berufsleben, stehen für spezielle Anforderungen, Rollenkonflikte, kommunikative Probleme etc.; sie haben für die Betroffenen hohe Relevanz und fordern sie stark heraus“. Diese immer wiederkehrenden praktischen (Coaching-) Probleme wurden in fünf Kernbereichen des Arbeitslebens und der beruflichen Sozialisation („berufliche Sozialisation und Identität“, „Rollengestaltung als Mitarbeiter und Kollege“, „Konflikte“, „Ziele“ und „Entscheidungen“) zusammengeführt.
  • Das abschließende 5. Kapitel stellt Selbstcoaching in den Zusammenhang betrieblicher Gesundheitsförderung und behandelt die (besondere) Verantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten von Führungskräften (S. 182 – 187).

Ein knappes Literaturverzeichnis schließt den Band ab.

Zielgruppen

Vogel selbst schreibt: „Dieses Buch richtet sich vor allem an Mitarbeiter in helfenden Berufen, d. h. an Sozialpädagogen, Erzieher, Lehrer, Krankenschwestern, Ärzte, Krankenpfleger, Altenpfleger, Psychologen, Berater, Ergo- und Beschäftigungstherapeuten, Logopäden, Kinderpfleger u. a. (S. 13). Diese Charakteristik bildet ein breites Spektrum ab, das gleichermaßen zu bedienen zunächst recht ambitioniert wirkt. Tatsächlich dürften alle genannten Berufsgruppen aufgrund der bildhaften Darstellungsweise und Beispielgebung gleichermaßen erreicht werden.

Diskussion

Georg Vogel schreibt, der „Gewinn“ seines Buches werde für die Leserinnen und Leser darin liegen, „Hintergrundwissen über verschiedene Themenfelder des Berufsalltags zu erwerben, berufliche Ausgangssituationen ruhig und klar zu analysieren, lösungsorientiert neue Deutungsmuster für unterschiedliche Fragen zu finden, mittels Methoden und Checklisten selbst Schritte für mögliche Veränderungen und Problembewältigungen vorzubereiten und zu erproben sowie aus Praxisbeispielen anschaulich Erfahrungs- und Handlungsmodelle ableiten zu können“ (S. 10).

Das ist anspruchsvoll formuliert. Tatsächlich ist festzustellen, das Vogel Wort hält: der Text ist verständlich abgefasst und konsequent präsentiert. So arbeitet der Autor mit vier Piktogrammen („Beispiel“, „Methode“, „Checkliste“ und „Definition“), die helfen, den Band schneller nutzbar zu machen. Zusammenfassungen zu den einzelnen Kapiteln und relevanten Unterkapiteln unterstützen das Verständnis. 35 Übungen, methodische Anleitungen und Checklisten für Prozesse im Selbstcoaching sollen dazu dienen, alltäglichen Situationen des Arbeitslebens aktiv begegnen und Ziele, Ressourcen, Ideen und konstruktive Wege zur Bewältigung zu finden.

Durchaus anregende und daher sinnvolle Querbezüge (z. B. zum Harvard-Konzept sachgerechten Verhandelns) ergänzen die Darstellung, die sich durchgehend als anwendungsorientiert und hilfreich für komplexe Handlungssituationen ohne den – womöglich Sicherheit stiftenden – Coach und geworfen allein auf sich selbst als Selbst-Coach sein werden.

Kritisch kann sicher gesagt werden, das Selbstcoaching kein „Allheilmittel“ ist. Dazu sind die alltäglichen Herausforderungen zu komplex und fordernd, als dass auf professionelle Begleitung oder kollegiale Unterstützung gänzlich zu verzichten wäre. Dazu rät aber Georg Vogel auch nicht. Er regt an, professionelle Routinen auf sich selbst zu beziehen, um daraus Stärke zur Bewältigung zu gewinnen.

Störend ist die wenig gendersensible Schreibung des Textes.

Und kritisch anzumerken ist sicher auch, dass die Überlegungen doch zu wenige Anschlussstellen zu professionstheroetischen (und auch berufsethischen) Überlegungen bieten. Hier wendet sich ein Praktiker an die Praxis – und nur der Praktiker. Undiskutiert bleiben Perspektiven professioneller Widerständigkeit, mit dem Über- und Umformungen des Sozialen durch neoliberale Zumutungen umzugehen, wie sie etwa Marie-Luise Conen (Ungehorsam – einer Überlebensstrategie; vgl. www.socialnet.de/rezensionen/12396.php) diskutiert oder zu denen zum Beispiel das Unabhängige Forum Kritische Soziale Arbeit auffordert (Zukunftswerkstatt Soziale Arbeit; vgl. www.socialnet.de/rezensionen/13308.php) ermuntert und auffordert. Insofern ist „Selbstcoaching konkret“ lediglich affirmativ ausgerichtet und bietet Anregungen, mit den (auch systembedingten) Problemen umzugehen, nicht aber, sie zu hinterfragen und daraus (z. B. kollektive) Strategien der Gegenwehr zu entwickeln.

Fazit

Dennoch sei alles in allem sei festgehalten: Die Darstellung bietet in der Tat, mit den Worten des Autors, reichlich (und kompetent vermittelt) „Gelegenheit, Vorgehensweisen zu erlernen, die nützlich sind, um berufliche Konflikte, Stresssituationen etc. unmittelbar anzugehen“ (S. 14). Daher ist der Band der Praxis zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 05.04.2013 zu: Georg Vogel: Selbstcoaching konkret. Ein Praxisbuch für soziale, pädagogische und pflegerische Berufe. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2013. ISBN 978-3-497-02355-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14506.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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