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Roland Brake, Ulrich Deller: Soziale Arbeit. Grundlagen für Theorie und Praxis

Cover Roland Brake, Ulrich Deller: Soziale Arbeit. Grundlagen für Theorie und Praxis. UTB (Stuttgart) 2014. 280 Seiten. ISBN 978-3-8252-3778-3. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

Das Buch liefert einen Überblick über die Geschichte, Theorien, Methoden, Träger und Zielgruppen sowie über Praxisfelder und ökonomische Aspekte Sozialer Arbeit. Es richtet sich an Student_innen der Sozialen Arbeit in den ersten Semestern.

Autoren

Prof. Dr. Ulrich Deller ist Hochschullehrer an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Standort Aachen. Er lehrt den Studienschwerpunkt Soziale Arbeit und Kooperationsmanagement.

Prof. Dr. Roland Brake lehrt Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Standort Aachen.

Entstehungshintergrund

Soziale Arbeit unterliegt einer rapiden Entwicklung und muss sich vielen Herausforderungen stellen. Als etablierte und nicht wenig komplexe Profession und Wissenschaft ist sie eine treibende Kraft des sozialen Wandels und erfreut sich als Studienfach immer stärkerer Beliebtheit. Solchen und weiteren Aspekten möchten die Autoren Rechnung tragen, in dem sie diese praxisorientierte und zugleich anspruchsvolle Einführung in die Soziale Arbeit und ihre vielen Facetten vorlegen.

Aufbau

Neben Vorwort, Literaturverzeichnis und Index beinhaltet das Buch 8 große Kapitel:

  1. Was ist Soziale Arbeit?
  2. Anforderungen an die Profession „Soziale Arbeit“
  3. Geschichte der Sozialarbeit und Sozialpädagogik
  4. Die Entwicklung der sozialen Ausbildung
  5. Theorien und Ansätze der Sozialen Arbeit
  6. Methoden Sozialer Arbeit
  7. Träger
  8. Ökonomie und Soziale Arbeit

Inhalt

Im ersten Kapitel „Was ist Soziale Arbeit?“ legen die Autoren zunächst verschiedene Versionen von Sozialer Arbeit vor. Hierbei berücksichtigen sie auch die globale Perspektive, um die Komplexität der Professionen zu verdeutlichen. Danach verorten sie Soziale Arbeit im Gefüge von sozialen Problemen und präzisieren die Gegenstandsbestimmung. Unter Einbezug wissenschaftlicher Ansätze (Systemtheorie oder Gerechtigkeitstheorie nach Rawls) und gesellschaftspolitischer Blickweisen stellen sie Soziale Arbeit ferner in Beziehung mit unserer Gesellschaft. Im Anschluss gehen Brake und Deller in breiter Form auf den lebensweltorientieren Ansatz der Sozialen Arbeit ein, wobei sie den Ursprung des Lebensweltbegriffs bei Husserl und Schütz ebenfalls aufgreifen. Die Autoren leiten dann über zur Sozialraumorientierung, wo sie nach einem kurzen historischen Rückblick auf einzelne Aspekte, wie z. B. die Dezentralisierung der Dienste eingehen. Außerdem greifen Sie den Raumbegriff bei Bourdieu auf. Im Anschluss widmen sich die Hochschullehrer dem Begriff der Hilfe. Dabei erörtern sie vor allem die Problematiken, die sich ergeben, sodann Hilfe als zentrale Kategorie Sozialer Arbeit konstruiert wird. Daraufhin stellen die Autoren drei Systematisierungsvorschläge zu Praxisfeldern der Sozialen Arbeit vor. Sie schließen das Kapitel, indem sie ein mögliches Grundverständnis Sozialer Arbeit skizzieren. Sozialarbeiter_innen sind für sie dabei Expert_innen für soziale Integration, welche sich dafür diverser Handlungsorientierungen, wie z. B. Bildung oder Politik bedienen.

Im darauffolgenden Kapitel „Anforderungen an die Profession Soziale Arbeit“ nähern sich die Autoren zunächst dem Thema der Professionalisierung an. Danach erläutern sie zum einen den Unterschied von Beruf und Profession, ferner nennen sie die wesentlichen Merkmale, welche eine Tätigkeit zu einer Profession machen. Dabei gehen sie auch verschiedene Formen des Wissens ein. In einem anknüpfenden Unterkapitel erläutern sie außerdem den Professionalisierungsprozess. Ferner berücksichtigen sie sowohl den Begriff des Expertentums im Kontext der Berufsrolle als auch professionalisierte Funktionssysteme. Besondere Beachtung schenken die Autoren den Anforderungen an professionelle Sozialarbeit. Sie nennen hierbei Grundprobleme der Kompetenzdebatte innerhalb der Profession sowie in diesem Zusammenhang Aspekte der Ausbildung, des Theorie-Praxistransfers als auch des professionellen Handelns in der Praxis. Ergänzt wird das Kapitel durch widersprüchliche Anforderungen in der Praxis sowie Probleme bei der Anwendung von Theorie in der Praxis.

Im Kapitel „Geschichte der Sozialarbeit und Sozialpädagogik“ fassen die Autoren auf knapp 40 Seiten die wichtigsten Daten, Entwicklungen und Personen Sozialer Arbeit zusammen. Sie differenzieren dabei den Strang der Fürsorge/Sozialarbeit und den Strang der Erziehung/Sozialpädagogik. Die Strömung der Sozialarbeit führen sie von der Armenfürsorge des Mittelalters hin zur Sozialen Arbeit nach 1945 aus. Sie gehen dabei in besonderer Weise auf den Nationalsozialismus und die Rolle der Frauen in diesem historischen Kontext ein. Die Strömung der Sozialpädagogik beginnen die Autoren mit Jan Amos Comenius und der Geburtsstunde der Pädagogik vor dem Hintergrund der Frage nach der richtigen Erziehung zur „Menschwerdung“. In der Geschichte gehen Deller und Brake dann u.a. unter Berücksichtigung von John Locke, Rousseau, der Aufklärung, des Waisenhaustreits und Pestalozzi bis hin zu Wichern Impulse für die moderne Soziale Arbeit weiter.

Der „Entwicklung der sozialen Ausbildung“ widmen die Hochschullehrer ein eigenes Kapitel. Die Anfänge der Ausbildung verorten sie Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts, da 1899 erstmals ein Kurs zur Wohlfahrtspflege durchgeführt wurde, welchen Alice Salomon und weitere Akteurinnen 1908 zu einer zweijährigen Ausbildung erweiterten und damit die Basis für die Etablierung einer ersten sozialen Frauenschule bildeten. Die Autoren legen in diesem Kontext anfängliche Ausbildungskonzepte dar und arbeiten sich historisch über die Hochschulreform in den 70ern bis hin zum Bologna-Prozess und den aktuellen Situationen und Herausforderungen an den Hochschulen vor. Sie heben diesbezüglich auch die Probleme hervor, die das Studium der Sozialen Arbeit immer wieder herausfordern, wie beispielsweise die altbekannte Debatte um die Vermittlung von Theorie und den Bezug zur Praxis.

Das daran anschließende Kapitel zu „Theorien und Ansätzen Sozialer Arbeit“ starten die beiden Autoren mit einer allgemeinen und dann auf die Soziale Arbeit bezogenen Definition des Begriffs „Wissenschaft“. Anknüpfend diskutieren sie Anforderungen an Theorien der Sozialen Arbeit sowie die Konzeption der Sozialen Arbeit als Wissenschaft. Danach stellen sie einzelne Theorieansätze und Paradigmen von Hans Scherpner, Lutz Rössner, Hans Uwe Otto, Hans Thiersch, Wolf R. Wendt als auch von Silvia Staub Bernasconi und Karam Khella vor.

Das Buch logisch fortsetzend umfasst das sechste Kapitel „Methoden der Sozialen Arbeit“ über die klassische Methodentrias Soziale Einzelfallhilfe, Soziale Gruppen- und Soziale Gemeinwesenarbeit hinaus weitere Ansätze der Sozialen Arbeit. Neben der Sozialen Gruppenarbeit gehen Deller und Brake auf die Gruppendynamik ein, die sich als Methode der Selbstreflexion besonders für die Modifikation von Verhalten(-smustern) eignet. Dabei verdeutlichen sie den Unterschied zwischen Gruppendynamik und Gruppentherapie. Die Gemeinwesenarbeit wird nach einer allgemeinen Darstellung von den Autoren in integrative, aggressive, katalytisch-aktivierende und wohlfahrtstaatliche Gemeinwesenarbeit untergliedert und mit deren besonderen Ausrichtung vorgestellt. Sodann folgen psychoanalytische, kommunikationstheoretische Ansätze (u. a. Schulz von Thun und die Transaktionsanalyse) sowie klientenorientierte und systemische Ansätze. Ebenso beziehen sie die Didaktik mit in das Kapitel ein, wo sie erneut Bezug auf Comenius und anschließend im Hinblick auf die Adaption schulpädagogischer Ansätze zu Klafkis Modell nehmen.

Im Kapitel „Träger“ werden die verschiedenen Leistungserbringer und Leistungsträger Sozialer Arbeit im Kontext einer Differenzierung in öffentliche, freie und gewerbliche Träger inklusiver gesetzlicher Grundlagen vorgestellt. Sie schließen dabei auch die geschichtlichen Aspekte mit ein. Im Teil zu den öffentlichen Trägern werden sowohl das Jugendamt, als auch das Sozial- und Gesundheitsamt vorgestellt. Im Anschluss folgen Ausführungen zu den großen Wohlfahrtsverbänden, wie Caritas, Diakonie oder Paritätischer Wohlfahrtsverband. Die Leser_innen werden hier mit den wesentliche Fakten und Zahlen versorgt. Gewerbliche Träger handeln die Autoren ebenfalls ab, wonach sie letztlich auch das Verhältnis zwischen freien und öffentlichen Trägern diskutieren und damit das Kapitel schließen.

Das letzte Kapitel „Ökonomie und Soziale Arbeit“ nimmt Bezug auf die „organisierte Wirklichkeit“ der Sozialen Arbeit, ergo ihre Einbettung in organisationelle Strukturen. Sie führen dabei in das Sozialmanagement sowie in den Begriff des Managements ein und legen dann ältere und moderne Management-Ansätze dar, wie z. B. den machtorientierten oder verhaltensorientierten Ansatz, ferner den Ansatz Sozialer Arbeit.

Diskussion

Das Buch fasst die notwendigen Inhalte zusammen, um umfassend in die Soziale Arbeit und ihre wesentlichen Dimensionen einzuführen. Dabei bleiben die Autoren an wichtigen Stellen nicht nur an der Oberfläche, sondern setzen bewusst komplexere und tiefer gehende Akzente, beispielsweise, wenn es um die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit geht.

Der Aufbau der Publikation ist nachvollziehbar strukturiert. Insbesondere das erste Kapitel, welches sich umfassend mit der Begriffsbestimmung befasst, gefällt sehr. Auch das zweite Kapitel zur Professionalisierung wirft einen Blick auf Soziale Arbeit, den andere Einführungen – meines Wissensstands nach – bisher nicht so extensiv aufgreifen. Die Kapitel bauen logisch aufeinander auf, wobei diese einzeln gelesen werden können. Der Index am Ende des Buchs ist dabei hilfreich.

Unter dem Aspekt einer Einführung in die Disziplin und Profession, hätten sich didaktische Mittel, wie Literaturhinweise zur Vertiefung, Verweise auf Internetseiten, Kontrollfragen oder Zusammenfassungen wichtiger Punkte an den Kapitelenden sicher gut gemacht. Ebenso sind die zwar lesbaren, aber leider teilweise nur mit geringer Auflösung in den Text aufgenommenen Grafiken anzumerken, die man mit Hilfe eines standardisierten Überarbeitungsverfahrens auf eine Qualitätsebene hätte bringen können.

Zumindest ein Exkurs in den internationalen Raum Sozialer Arbeit hätte der Einführung darüber hinaus ebenfalls nicht geschadet, wobei dieser Aspekt als Bonus angesehen werden kann.

Unabdingbar wären aber Hinweise zu den Berufsverbänden (z. B. DBSH e.V.) und der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA e.V.) gewesen.

Im Großen und Ganzen werden Deller und Brake dem Überblickscharakter aber gerecht und legen eine Einführung vor, die sich problemlos in die Reihe anderer Standardwerke für Lehre und Selbststudium in den ersten Semestern einsortieren lässt.

Fazit

„Soziale Arbeit – Grundlagen für Theorie und Praxis“ ist an manchen Stellen (noch) anspruchsvoller, als andere Einführungen in die Soziale Arbeit und sticht somit klar heraus. Für Erstsemester mag es vielleicht deshalb auch „anstrengender“ sein, als andere Bücher für Studienanfänger_innen. Dies schadet aber nicht, sondern ist eher förderlich und bei zunehmender Professionalisierung und Komplexität Sozialer Arbeit sogar zuträglich. Allein aus diesem Grund schon ist die Lektüre des Buchs Studierenden nahezulegen und in Lehrveranstaltungen gut einsetzbar.


Rezension von
Jens M. Schneider
Sozialarbeitswissenschaftler, M.A. (Hochschule Fresenius - Standort Frankfurt am Main)
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Zitiervorschlag
Jens M. Schneider. Rezension vom 17.09.2014 zu: Roland Brake, Ulrich Deller: Soziale Arbeit. Grundlagen für Theorie und Praxis. UTB (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-8252-3778-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14511.php, Datum des Zugriffs 04.08.2020.


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ISSN 2190-9245

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