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Sigmund Freud, Eugen Bleuler: „Ich bin zuversichtlich, wir erobern bald die Psychiatrie“

Cover Sigmund Freud, Eugen Bleuler: „Ich bin zuversichtlich, wir erobern bald die Psychiatrie.“ Briefwechsel 1904 - 1937. Schwabe Verlag (Basel) 2012. 287 Seiten. ISBN 978-3-7965-2857-6. D: 40,50 EUR, A: 41,50 EUR, CH: 48,00 sFr.
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Thema

Im Mittelpunkt der Edition steht der Briefwechsel des Zürcher Universitätspsychiaters und Klinikdirektor Eugen Bleuler (1857-1939)) mit dem Wiener Nervenarzt und Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856-1939) in der Zeit von 1904 bis 1937.

Herausgeber

Der Herausgeber des Briefwechsels Michael Schröter hat sich intensiv mit der Geschichte der Psychoanalyse beschäftigt und u.a. bereits mehrere Freud-Korrespondenzen ediert. Die Aufgabe, den lange unter Verschluss gehaltenen Briefwechsel zu veröffentlichen, wurde ihm auf Vermittlung der bekannten Freud-Forscherin, Verantwortlichen der Freud – Edition im S. Fischer Verlag und Psychoanalytikerin Ilse Grubisch-Simitis angetragen. Da sie die Herausgabe nicht selbst besorgen konnte, stellte sie deshalb einen erfolgreich verlaufenden Kontakt zwischen Tina Joos-Bleuler, der Alleinerbin der Briefe und Eugen Bleulers Enkelin, und Michael Schröter her, der diese Aufgabe -und das kann schon jetzt erwähnt werden- vorbildlich bewältigt hat.

Entstehungshintergrund

Die Briefe von Freud an Bleuler standen Manfred Bleuler (1903-1994), dem ältesten Sohn von Eugen Bleuler, zur Verfügung. Manfred Bleuler, der in die Fußstapfen seines Vaters trat, ebenfalls Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli wurde, seinem Vater auf den Zürcher Lehrstuhl folgte und dessen „Lehrbuch der Psychiatrie“ bis in die 80er Jahre in immer wieder neu bearbeiteter Form herausgab, konnte sich nicht dazu entschließen, die Briefe insgesamt zur Veröffentlichung freizugeben, auch weil sie ihm zu persönlich waren. Erst als Tina Joos-Bleuler, die Tochter Manfred Bleulers, über eine Veröffentlichung entscheiden konnte, wurde die Publikationsfrage positiv beantwortet. (Auf die späteren rassenhygienisch problematischen und dunklen Seiten von Vater und Sohn Bleuler wird hier nicht eingegangen.)

Aufbau und Inhalt

Mit einem kurzen Geleitwort von Tina Joos-Bleuler beginnt die Veröffentlichung. In diesem Geleitwort wird auf das Zustandekommen der Edition eingegangen, und es werden u. a. die Gründe benannt, die ihrem Vater zufolge gegen eine Veröffentlichung sprachen.

Es folgt ein fast 50 Seiten umfassender Beitrag von Michael Schröter über „ Eigenständige Nähe. Eugen Bleuler und die Psychoanalyse“. Es werden sein Lebensweg und seine wissenschaftliche Entwicklung beschrieben, und es wird gezeigt, wie die Psychoanalyse in die Breite der wissenschaftlichen - psychiatrischen Diskussion eintrat und welche historische Rolle Bleuler von 1904 bis 1913 für Freud und dessen Rezeption gespielt hat. Bleuler wird zum Initiator der Rezeption der freudschen Theorien an der psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli in Zürich, bereitet den Boden für eine Annäherung der Universitätspsychiatrie an Freud. Seine produktive Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse bringt die Gedanken Freuds den psychiatrischen Lehrstühlen und der Schulmedizin näher, ohne indes den freudschen Ansichten unkritisch zu folgen oder gar ein Parteigänger Freuds zu werden. Auch die organisatorischen Auseinandersetzungen und Querelen in Sachen Internationaler Psychoanalytischer Vereinigung werden in dem Beitrag ausführlich beschrieben. Seine Stellung zu Freud ist ambivalent und bleibt mit der von Schröter gewählten Begrifflichkeit „Eigenständige Nähe“ exakt beschrieben. In den Jahren 1911-1913 werden die Differenzen Bleulers mit Freud größer. Dafür ist beispielhaft: Bleuler sieht in Rede und Gegenrede das Medium der Wissenschaft und dessen Lebenselixier, während Freud doch mehr seinen eigenen Gedanken und Ansichten folgt und primär auf sein eigenes Werk bezogen bleibt. Wenn man so will, kann in der Ablösung Bleulers von Freud ein Vorgriff auf die künftige Isolation der Psychoanalyse von der akademischen Psychiatrie gesehen werden.

In dem Beitrag „Zur Edition“ erläutert Michael Schröter die Vorgeschichte der Edition, geht auf die Textgestaltung ein und bedankt sich bei allen, die zum Gelingen der Edition beigetragen haben.

Nun folgen circa 150 Seiten „Briefwechsel Freud-Bleuler“: Es sind insgesamt 79 Briefe, von denen 53 von Bleuler an Freud und 26 von Freud an Bleuler gerichtet sind. Die Briefe sind von Michael Schröter akribisch kommentiert, enthalten wichtige Hinweise und geben zahlreiche Anregungen. Abgesehen von fachlichen Fragen zu psychiatrischen und psychoanalytischen Problemen wie Bleulers Bitte um eine Zusammenfassung der freudschen Forschungsarbeit, wie sein Nachsuchen um Hilfe bei der Traumdeutung, die Diskussion über Fragen der Sexualität sowie die Frage nach den empirischen Grundlagen der freudschen Schlussfolgerungen lassen sich u. a. noch weitere Themen festhalten: Meinungsaustausch über die Internationale Psychoanalytische Vereinigung und Organisationsfragen, Anerkennung der Leistungen der Zürcher für die Psychoanalyse, alkoholische Abstinenz oder keine. Außerdem werden Einblicke in die Anstalt Burghölzli gegeben, in der wohl Alkoholverbot herrscht (!), die offensichtlich eine besondere Verpflichtung für die kantonale Versorgung trägt und - so vermute ich aus einer Textstelle - keine geschlossenen Türen kennt, die Bleuler für falsch hält. Privatpatienten können gegen Bezahlung aufgenommen werden und auch einen Extrawärter auf eigene Kosten erhalten. Der Buchtitel „Ich bin zuversichtlich, wir erobern bald die Psychiatrie“ ist einem Schreiben von Freud entnommen, in dem er sich am 30.12.1906 anerkennend über einen seine Anschauungen referierenden Aufsatz von Bleuler ausspricht. Trotz aller Differenzen und Auseinandersetzungen bleiben bis zum Schluss gegenseitige Anerkennung und Respekt und Bleulers „Bewunderung des großen Wissenschaftlers, der der Welt den dunklen Weg hinab zu den Tiefen der Seele erschlossen hat.“

Bernhard Küchenhoff, der als Chefarzt die Beteiligung der psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli an dieser Publikation repräsentiert, gibt als ausgewiesener Experte der Psychiatriegeschichte und Bleulers in seinem den Band abschließenden Beitrag „Zur Psychologie der Psychosen im Briefwechsel Eugen Bleuler und Sigmund Freud“ eine fachliche insbesondere auf Autismus und Psychosen, aber auch auf Psychologie bezogene Interpretation der Korrespondenz.

Der Anhang komplettiert die Herausgabe des Briefwechsels und macht sie vorbildlich. Er enthält ein exaktes Briefverzeichnis, eine Liste der Freud-Schriften im Nachlass von Eugen Bleuler, einen Auszug aus Bleulers Tagebuch (1909-1913), ein Abkürzungsverzeichnis, eine Bibliographie von Eugen Bleuler und Sigmund Freud sowie sonstiger Literatur und ein Register, das Namen, Ort und Sachen erfasst.

Besonders erwähnenswert ist für mich noch die Bildausstattung des Buches. Die Umschlagseite zeigt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 3. Psychoanalytischen Kongresses in Weimar (1911), es werden daraus gezogene Poträtfotos von Freud und Bleuler geboten, und es werden Briefabdrucke reproduziert, ein Manuskript von Freud und maschinenschriftliche Abdrucke von Bleuler.

Diskussion

Vielleicht hätte der Herausgeber den Briefwechsel doch vom Jahre 1898 ab datieren sollen, dem Jahre des ersten vorliegenden Briefes von Bleuler an Freud, in dem er ihm auf eine Anfrage auf Aufnahme eines Patienten antwortet? Der Brief enthält doch einige Hinweise zum Praxisalltag in Burghölzli , der auf der Grundlage der dann folgenden Briefe weiter erschlossen werden kann. Es gibt also einen sachlichen, eine Datierung ab 1898 rechtfertigenden Zusammenhang. Die sich in diesem Sachverhalt andeutende Unterschätzung der Fragen der Alltagspraxis in der Psychiatrie wird auch sichtbar, wenn die in einem Briefwechsel ausgesprochene eminent wichtige Differenz in der Beurteilung von offenen und geschlossenen Türen in der Psychiatrie zwischen C.G. Jung, der ja auch im Burghölzli als Oberarzt gearbeitet hat, und Bleuler keine Kommentierung findet, wo doch in der Regel minutiöse Erläuterungen gegeben werden. Letztlich steht hier auch zur Diskussion, ob die theoretischen Differenzen zwischen Freud und Bleuler nicht auch in der unterschiedlichen Erfahrungswelt eines Klinikalltages und einer sebstgeführten Praxis zu suchen sind. Für die Person Bleulers hätte ich mir außerdem eine stärkere Interpretation des Briefwechsels im Hinblick auf seine späteren eugenischen Ansichten und seiner biologischen Verankerung der Psychiatrie gewünscht. Doch solche Kritik bleibt randständig, kann leicht beckmesserisch wirken und relativiert sich in Anbetracht der von dem Herausgeber und Bernhard Küchenhoff geleisteten Arbeit.

Fazit

Wer sich für Sigmund Freud und die Theorie und Geschichte der Psychoanalyse – ihre Entstehung, ihre Inhalte, ihre Verbreitung, ihre Akzeptanz, ihre Aufnahme in der Psychiatrie und Schulmedizin, ihre Kontroversen, ihre Organisationsformen und Publikationsforen - und im gleichen Maße für das Leben und Wirken Eugen Bleulers interessiert und sich für jedes dieser Themen anregen und aufklären lassen will, der sollte dieses schön und sorgfältig gemachte Buch lesen, ja studieren.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 19.08.2013 zu: Sigmund Freud, Eugen Bleuler: „Ich bin zuversichtlich, wir erobern bald die Psychiatrie.“ Briefwechsel 1904 - 1937. Schwabe Verlag (Basel) 2012. ISBN 978-3-7965-2857-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14520.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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