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Helmut Remschmidt: Autismus

Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 12.02.2013

Cover Helmut Remschmidt: Autismus ISBN 978-3-406-57680-5

Helmut Remschmidt: Autismus. Erscheinungsformen, Ursachen, Hilfen. Verlag C.H. Beck (München) 2012. 5., überarb. Auflage. 125 Seiten. ISBN 978-3-406-57680-5. 8,95 EUR.
Beck'sche Reihe - 2147 - C. H. Beck Wissen.

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Thema

Das Buch beschreibt die Geschichte des Autismus, Erscheinungsformen autistischen Störungsbilder, ihre Diagnostik, die wichtigsten Behandlungsmethoden sowie Ergebnisse der Autismusforschung.

Autor

Helmut Remschmidt war bis 2006 Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik in Marburg und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der "Bundesvereinigung Hilfe für das autistische Kind".

Entstehungshintergrund

Das Buch erscheint in seiner 5. Auflage. Zum ersten Mal im Jahr 2000 erschienen wurde es 2002, 2005, 2008 und 2012 neu aufgelegt, wodurch das ungebrochene Interesse für das Thema Autismus belegt wird. Es ist in der Reihe Wissen im Beck Verlag erschienen. Diese Reihe vermittelt von anerkannten Wissenschaftlern gesichertes Wissen in konzentrierter verständlicher Form.

Aufbau und Inhalt

Dieses Taschenbuch enthält auf 125 Seiten sieben Kapitel mit 5 Abbildungen und 16 Tabellen.

Kapitel 1. Was ist Autismus? (mit den Unterkapiteln: Begriff und Geschichte, Autismus eine tiefgreifende Entwicklungsstörung)

Kapitel 2. Der frühkindliche Autismus (Kanner-Syndrom) (mit den Unterkapiteln: Charakteristische Merkmale, Häufigkeit, Diagnostik, Ursachen, Erbeinflüsse, Hirnschädigungen und Hirnfunktionsstörungen, biochemische Besonderheiten, Störungen der affektiven Entwicklung, Störungen der kognitiven Prozesse und der Sprachentwicklung, Konsequenzen für die Therapie, Therapie und Rehabilitation, Verlauf und Prognose)

Kapitel 3. Asperger-Syndrom (Autistische Persönlichkeitsstörung)(mit den Unterkapiteln: Charakteristische Merkmale, Häufigkeit, Diagnostik, Abgrenzung von anderen Störungen, "High-functioning"-Autismus (mit hohem Funktionsniveau), schizoide Persönlichkeitsstörung, Zwangsstörung, Gilles-de-la-Tourette-Syndrom, nonverbale Lernstörung, Schizophrenie, andere Störungen, Ursachen. genetische Faktoren, Hirnschädigungen und Hirnfunktionsstörungen, neuropsychologische Defizite, abnorme Gewichtsregulation und damit zusammenhängende psychische Auffälligkeiten, Behandlung, Verlauf)

Kapitel 4. Andere tiefgreifende Entwicklungsstörungen (mit den Unterkapiteln: atypischer Autismus, Rett-Syndrom, andere desintegrative Störungen des Kindesalters)

Kapitel 5. Was hat sich bewährt in der Behandlung autistischer Störungen? (mit den Unterkapiteln Neuere Trends in der Behandlung autistischer Syndrome, allgemeine Prinzipien der Förderung und Behandlung autistischer Störungen, Behandlungs- und Fördermethoden und ihre Wirksamkeit, Frühförderung, Verhaltenstherapie, körperbezogene Verfahren, pädagogische Programme, medikamentöse Therapie, Krisenintervention, Verschiedene Arten von Krisen, Maßnahmen der Krisenintervention)

6. Anhang (mit den Unterkapiteln: sozialrechtliche Zuordnung, Auswahl allgemeinverständlicher Bücher zum Autismus, Literatur, wichtige Anschriften).

7. Sachregister

Die Beschreibung der Störungsbilder nimmt den größten Teil (2/3) des Buches ein. Kapitel 5 beschäftigt sich mit bewährten Strategien der Behandlung, wobei Remschmidt bemerkt, dass trotz einer Vielzahl an Literaturstellen für die therapeutische Arbeit lediglich „Tendenzen“ aufgezeigt werden könnten (S.76) „Trotz großer Fortschritte und Anstrengungen ist ein Durchbruch in der Behandlung autistischer Störungen noch nicht gelungen. Das liegt aber in der Natur dieser Störungen, deren ätiologischen Hintergrund wir einfach noch nicht kennen.“ (S. 76)

Nach der Beschreibung der Trends und Tendenzen definiert Remschmidt „allgemeine Prinzipien der Förderung und Behandlung autistischer Störungen“ im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes, der die Gesamtentwicklung der Person im Fokus behält und auch das Umfeld mit einbezieht, was er mit einem Schaubild (S. 79) verdeutlicht. Es werden einige Behandlungs- und Fördermethoden spezifiziert, über die „empirische Untersuchungen“ vorliegen (S. 81-94) wie Frühförderung, Verhaltenstherapie (TEACCH), körperbezogenen Verfahren, pädagogische Programme, medikamentöse Therapie sowie Kriseninterventionen und medikamentöse Behandlungen nach Zielsymptomen.

Diskussion

Die Vorstellung, bei Menschen mit Autismus handle es sich um Personen, die sich absondern und von der Außenwelt verschließen (Klappentext) ist nicht mehr haltbar. Das Buch kann als Einstieg in die Beschreibung der Entwicklungsstörung aus medizinisch psychiatrischer Sicht dienen. Die Störungsbilder Kanner Autismus und Asperger Autismus nehmen einen großen Teil ein und werden sehr ausführlich behandelt. Nur ein kleiner Teil des Buches befasst sich mit Möglichkeiten der Förderung und Begleitung von Kindern und Jugendlichen.

Vorherrschend ist ein defizitorientierter Blick, der eine Störung/Abweichung beschreibt. In den letzten Jahren hat es einen Paradigmenwechsel gegeben, der diese einseitige Sichtweise ablöst und Autismus als eine Normvariante des Menschseins versteht. Menschen aus dem autistischen Spektrum verarbeiten Informationen anders und kommen deshalb zu anderen Schlussfolgerungen als ihre „neurotypischen“ Mitmenschen. Heute spricht man von einem Autismusspektrum. Dieser Begriff trägt dem Umstand Rechnung, dass eine genaue Abgrenzung zwischen einzelnen Syndromen nicht möglich ist, weil Verläufe eher fließend sind.

Bei der Beschreibung der Fördermöglichkeiten wird bei den körperbezogenen Verfahren auf die Festhaltetherapie verwiesen. Diese Methode ist nicht nur ethisch, sondern auch wissenschaftlich mittlerweile stark umstritten. Dabei sollen autistische Kinder, die auf Berührung durch andere aggressiv oder stark verängstigt reagieren, trotz Gegenwehr fest von der Bezugsperson umarmt werden. Ziel ist, das Kind dazu zu bringen, nachzugeben und die Nähe zulassen. Ich finde es befremdlich, dass diese Methode in dieser überarbeiteten Neuauflage nicht entfernt wurde.

Wünschenswert wäre auch die Aktualisierung der Hinweise auf das Sozialrecht im Anhang dieser 5. Auflage gewesen. Es ist noch vom Bundessozialhilfegesetz (BSHG) die Rede. Dieses Gesetz wurde schon im Jahr 2005 von den Bestimmungen im Zwölften Buch Sozialgesetzbuch (SGBXII) abgelöst.

Fazit

Die Reihe Wissen im C. H. Beck Verlag hat zum Ziel, Themen in konzentrierter und verständlicher Form darzustellen. Diesem Anspruch wird das Buch gerecht. Es beschreibt neben der Geschichte verschiedene autistische Störungsbilder und ihre Diagnostik, Behandlungsmethoden sowie Ergebnisse der Autismusforschung. Das Buch ist geeignet für Leser, der sich einen ersten Einblick verschaffen wollen. Vermissen lässt es allerdings die aktuelle Sichtweise, die Autismus nicht nur als eine abnorme Entwicklungsstörung beschreibt, sondern als eine Form menschlichen Daseins. So hält die Ankündigung im Klappentext, dass „neueste Ergebnisse der Autismusforschung“ vorgestellt werden, leider nicht, was sie verspricht.

Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 12.02.2013 zu: Helmut Remschmidt: Autismus. Erscheinungsformen, Ursachen, Hilfen. Verlag C.H. Beck (München) 2012. 5., überarb. Auflage. ISBN 978-3-406-57680-5. Beck'sche Reihe - 2147 - C. H. Beck Wissen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14523.php, Datum des Zugriffs 27.02.2024.


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