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Jeannette Bischkopf: Emotionsfokussierte Therapie

Cover Jeannette Bischkopf: Emotionsfokussierte Therapie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2012. 186 Seiten. ISBN 978-3-8017-2209-8. 29,95 EUR.
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Thema

Im Jahre 2011 erschien im Ernst Reinhardt Verlag (München) als Übersetzung eines im gleichen Jahre durch die American Psychological Association (APA) publizierten Originals unter dem Titel „Emotionsfokussierte Therapie“ (mit vergleichbarer Kapitelstruktur wie das vorliegende Buch) eine deutschsprachige Darstellung dieses therapeutischen Ansatzes durch Leslie S. Greenberg (2011). Dieser wichtige Titel wird im Literaturverzeichnis des vorliegenden Buch aus unerfindlichen Gründen nicht notierte aufgeführt. Leslie S. Greenberg ist einer der Begründer der Emotionsfokussierten Therapie (EFT) und ihr (auch in Deutschland) prominentester Vertreter. Schon vor zwei Jahren waren er und die EFT hierzulande kein „Geheimtipps“ mehr (vgl. Heekerens, 2012). Das waren sie noch vor zwei Jahrzehnten (vgl. etwa Bretz, Heekerens & Schmitz, 1994; Heekerens, 1995; aktualisiert Heekerens, 2000a, 2000b). Seit (mindestens) einem Jahrzehnt aber hat die EFT durch (auch) deutschsprachige Veröffentlichungen einen zunehmend breiteren Interessentenkreis gefunden, und es gibt seit Jahren ein durch deutsche Greenberg-Schüler, mit denen die Autorin auch veröffentlicht hat (Bischkopf, Auszra & Herrmann, 1998), gegründetes Institut für EFT in München (www.emotions-fokussierte-therapie.de), das in Zusammenarbeit mit Leslie S. Greenberg und in Kooperation mit etablierten Weiterbildungsträgern im deutschen Sprachraum Weiterbildungen (v.a. für Psychologische Psychotherapeutinnen) in Emotionsfokussierter Therapie anbietet. Man durfte von daher gespannt sein, was das Buch an wirklich Neuem zu bieten hat.

An der EFT interessiert sein könnten im Grunde alle mit Beratung, Coaching und Therapie praktisch und/oder theoretisch Befassten. Das unabhängig von ihrer jeweiligen „schulischen Grundorientierung“, denn „Emotion“ ist ein „Querschnittsthema“, dessen Erforschung in der beraterisch-therapeutischen Literatur allerdings noch zu wenig Niederschlag findet. Besonderes Interesse darf man unterstellen bei den Anhängerinnen der „Dritten Kraft“, jener Grundorientierung neben Psychodynamik, Behaviorismus und Systemischem Ansatz, die man als „humanistisch“, „experienziell“ (mein bevorzugter Begriff; Heekerens & Ohling, 2005) oder als „humanistisch-experientiell“ bezeichnet.

Entstehungshintergrund

Ausführungen in der Einleitung zufolge, war die Autorin schon vor 2002 mit verschiedenen anderen Ansätzen und Vorgehensweise aus der experienziellen Tradition vertraut. In jenem Jahr diente ein Demonstrationsvideo von Leslie S. Greenberg als Initialzündung dafür diente, dass sie ein Intensivtraining in EFT in Toronto (Kanada) aufnahm. 2005 schloss sich ein Arbeitsaufenthalt an der York University in Toronto bei Leslie S. Greenberg an und 2006/2007 war sie als eingeladene Gastwissenschaftlerin an der dortigen Psychotherapy Research Clinic. Das zentrale Interesse der Autorin galt dabei der Veränderung von Emotionen bei depressiven Störungen; mit denen hatte sie sich bereits praktisch wie theoretisch in ihrer Dissertation (Bischkopf, 2002) beschäftigt.

Seit 2002 hat sich Jeanette Bischkopf als Coautorin an fünf eher kleineren Publikationen zur EFT beteiligt. Im Mai 2013wurde die Autorin am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der FU Berlin für Erziehungswissenschaft mit einer Habilitationsschrift mit dem Titel „Emotionsfokussierte Therapie. Grundlagen – Praxis – Wirksamkeit“ habilitiert. Eine größere Übereinstimmung dieser Schrift mit dem vorliegenden Buch darf angenommen werden.

Autorin

Jeannette Bischkopf ist seit 2013 Professorin für Psychologie und Gruppendynamik am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Kiel. Davor war sie nach Studien der Psychologie und Anglistik (1991-1998; zuletzt an der FU Berlin) zunächst Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Psychiatrie der Universität Leipzig (1998-2002), danach bis 2013 am Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Psychotherapie am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der FU Berlin Wissenschaftliche Mitarbeiterin bzw. (ab 2004) Wissenschaftliche Assistentin. Am genannten Fachbereich wurde sie 2002 mit der qualitativen Untersuchung „Zur Lebenssituation der Partner depressiver Patienten“ (Bischkopf, 2002) promoviert und 2013 habilitiert (s.o.).

Aufbau und Inhalt

Das Buch, das auf der Titelblattrückseite Angaben zur Autorin bietet, beginnt mit einem eineinhalbseitigen Inhaltsverzeichnis, das drei Stufen tief und damit manchmal bis auf eine Seite genau gliedert, und schließt mit einem Literaturverzeichnis (19 Seiten) sowie einem zweieinhalbseitigen Sachregister ab. Dazwischen liegen fünf Kapitel, deren mittlere drei (Grundlagen, Praxis, Wirksamkeit; mit zwischen vier und sechs Abschnitten) das Kernstück des Buches bilden.

Die Einleitung (1. Kapitel; 3 Seiten) ist eine Mischung aus kurzer Hinführung zum Thema und knapp gehaltener Entstehungsgeschichte des Buches und Dankesworten.

In Grundlagen der Emotionsfokussierten Therapie (Kapitel 2; 32 Seiten) folgen auf zwei kurze Abschnitte zur Entwicklung der EFT (mit einem langen Exkurs zur Geschichte des Personenzentriertes Ansatzes) und zu deren Bezeichnung ein längerer zur Störungs- und Veränderungstheorie der EFT, zu der die Autorin in der abschließenden Zusammenfassung (zu Recht) anmerkt, dass die Verwendung des Begriffs „Theorie“ nicht dahin gehend verstanden werden darf, als gäbe es für die EFT (bereits) ein einheitliches Theoriegebäude.

Kapitel 3 Der therapeutische Prozess (91 Seiten; mehr als die Hälfte des Textteils) behandelt 1. die Therapeutin-Klientin-Beziehung mit breiten Ausführungen über emotionale Kompetenzen, 2. allgemeine Strategien des therapeutischen Umgangs mit Emotionen, wie sie sich als Umsetzung von Emotions-Coaching in der EFT ergeben, 3. spezifische Strategien des therapeutischen Umgangs mit Emotionen (hier wird das Spezifische im therapeutischen Vorgehen der EFT dargestellt; Stichworte „Marker“, „Zwei-Stühle-Dialog“), 4. Indikationen und Kontraindikationen, 5. Fallkonzeption und 6. Zusammenfassung.

4. Kapitel Wirksamkeit der EFT (16 Seiten) schließt mit den Worten: „Zusammenfassend kann man feststellen, dass in den letzten 30 Jahren eine empirische Basis geschaffen wurde, die dafür spricht, die Emotionsfokussierte Therapie anzuwenden, weiter zu entwickeln, (!) und weiter zu erforschen.“ (S. 148) Das ist die in der Kapitelzusammenfassung getroffenen Quintessenz der Autorin nach drei voran stehenden Abschnitten: Effektivität und Evidenzbasierte Psychotherapie, Prozessmerkmale und Therapieergebnis: Prozess-Outcome-Forschung sowie „Aus Sicht der Klienten“.

Mit einem Ausblick (Kapitel 5; 15 Seiten) schließt der Textteil des Buches. Dort werden aber nicht nur Zukunfts-, sondern auch Gegenwartsfragen behandelt. Ganze 2 der insgesamt 15 Kapitelseiten sind im engeren Sinne als „Ausblick“ anzusehen; von den dort angesprochenen Punkten halte ich für besonders bedeutsam die letzten drei: Integration der EFT in andere Ansätze, Klientenperspektive und nicht-klinische Anwendung. Die Seiten zuvor müsste man mit der Überschrift „Diskussion“ versehen, da dort zentrale Kritiken an der FFT aus Psychodynamischer und Klientenzentrierter Perspektive sowie kritische Anfragen der Autorin selbst behandelt werden.

Diskussion

Mit den letzten Ausführungen wurde bereits der Diskussionsteil der vorliegenden Rezension eröffnet. Bevor aber weitere kritische Anmerkungen und Nachfragen zu dem Buch folgen, soll hier zunächst einmal die positive Gesamtbewertung dargestellt sein. Das Buch ist die zweite zusammenfassende Darstellung der EFT in deutscher Sprache; diesmal verfasst durch eine Autorin aus Deutschland. Sie brachte dafür gleich eine doppelte Sachkompetenz mit: als Klinische Psychologin und als Wissenschaftlerin. Zu gute kommt dem Unternehmen, dass die Arbeit eine gelungene Balance von drinnen und draußen aufweist; die Autorin schreibt aus einer Außenperspektive, hat aber zugleich eine vertiefte Innensicht. So weit zur positiven Würdigung des Buches.

Ihr stehen sehr viele kritische Anfragen und Anmerkungen gegenüber. Um mit den Formalia, die ja nicht bloße Äußerlichkeiten sind, zu beginnen. Man vermisst, was man bei der deutschsprachigen Darstellung der EFT durch Leslie S. Greenberg (2011) so positiv empfunden hat: ein zusätzliches Personen- bzw. ein integriertes Personen-/Sachregister sowie ein Glossar, in dem zentrale Begrifflichkeiten der EFT in prägnanter Form dargestellt sind; bei Leslie S. Greenberg (2011) reicht ein solches Glossar von „adaptiv“ bis „Zwei-Stuhl-Dialog“. Gerne gesehen hätte man auch ein Verzeichnis der insgesamt acht Abbildungen und elf Tabellen. Weitere handwerkliche Mängel kommen hinzu. So erbringt eine stichprobenartige Prüfung von Quellenangaben, Quellenverzeichnis und beider Zusammenhang allein auf einer einzigen Seite zwei Fehler: Auf S. 150 werden zwei Quellenangaben (McCullough, Kuhn & Andrews, 2002; Bohart, 1994, S. 105) gemacht, die aber unter Literatur nicht auftauchen. Störend finde ich, dass die Autorin unveröffentlichte und dem Normalleser des Buches faktisch unzugängliche Quellen (drei Konferenz-Papers, ein Vortragsmanuskript und ein Forschungsantrag) nennt; für eine Qualifikationsschrift mag das ja angemessen sein, nicht aber für ein Buch, das eine breite Leserschaft erreichen will.

Kommen wir damit zu Bemerkungen zur inhaltlichen Gestaltung des Buches. Zur Einleitung ist anzumerken, dass sie als Ein-/Hinführung zum Thema zu kurz geraten ist und Angaben zur Entstehungsgeschichte des Buches recht knapp ausfallen; die dort zu findenden Dankesworte wirken störend, sie haben ihren üblichen Platz in einem Vorwort.

Zum Kapitel Grundlagen der Emotionsfokussierten Therapie sind einige kritische Anmerkungen zu machen. Zum Ersten: In den Ausführungen der Autorin zu Emotionen in diesem (und dem nächsten Kapitel) schlagen sich Fragestellungen und Ergebnisse der modernen interdisziplinären Emotionsforschung, wie sie etwa an der Universität Genf im National Center of Competence in Research „Affective Sciences – Emotions in Individual Behaviour and Social Processes“ (www.affective-sciences.org) betrieben wird, zu wenig nieder. Konkret vermisst man die Bezugnahme auf Standardwerke (etwa Niedenthal, Krauth-Gruber & Ric, 2006) wie auf die einschlägige Methodenliteratur (beispielsweise Janke, Schmidt-Daffy & Debus, 2008). Zum Zweiten durfte man von einer Autorin, deren Blick auf die FFT von außen kommt, erwarten, dass sie andere moderne Ansätze mit einem hohen „affektiv-experientiellen“ Anteil mit im Blick hat und diese mit der FFT vergleicht; konkret denke ich da an die Schema-Therapie von Jeffrey E. Young (vgl. etwa Young, Klosko & Weishaar, 2005), mit dem die Autorin am Rande eines Workshops zwar gesprochen hat (S. 9), von dem sich in der Literatur aber keine Spur findet. Ferner werden Sinn und Bedeutung des (über-)langen Exkurses zur Geschichte des Personenzentriertes Ansatzes nicht so recht klar, dann wird, anders als bei Leslie S. Greenberg (2001) selbst, die Bedeutung der Gestalttherapie für die Entwicklung nicht hinreichend gewürdigt und schließlich wird die Entwicklung der EFT zu einer Brand Name Therapy zu kurz dargestellt. Um diese drei letztgenannten Punkte zu verdeutlichen, einige Ausführungen. Auf den Seiten 16f stellt die Autorin in Tabelle vergleichend und kontrastierend bestimmte identifizierbare jüngere Ansätze der experienziellen Tradition dar; man vermisst aber eine systematische Verknüpfung mit und eine Zuspitzung auf das zentrale Thema ihres Buches: die EFT. Was den nächsten Kritikpunkt anbelangt: Ja, die Arbeit mit Stühlen stammt aus der psychodramatischen Tradition. Aber erst die Gestalttherapie hat deren therapeutisches Potential in Form von „hot seat“ und „empty chair“ sichtbar gemacht, wie es aus leibhaftiger Erfahrung auch Leslie S. Greenberg weiß. Was schließlich das Thema „Brand Name Therapy“ anbelangt, so hat uns Leslie S. Greenberg (2011, S. 30) ja schon selbst darüber aufgeklärt, dass er bei der Entwicklung der EFT zu einem „Markendienstleistungsprodukt“ nicht eigenem Antrieb, sondern fremdem Zwang folgte.

In einer Darstellung, die darüber hinaus hätte gehen und vergleichbare Prozesse in Deutschland darstellen wollen, wären folgende Punkte anzusprechen gewesen: der miteinander verschränkte Bedeutungszuwachs der Klinischen Psychologie und der Verhaltenstherapie in den USA wie in Deutschland, der Bedeutungsanstieg der Evidenzbasierung in der Medizin, in dessen Wirkungskreis die hiesige Psychotherapie schon vor der Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes 1999 , seither aber verstärkt geriet, und schließlich das Ringen zwischen behavioralem und nicht-behavioralem Lager um die Deutungshoheit in Sachen Psychotherapie. In diesem Zusammenhang hätte man denn auch das Für und Wider von Brand Name Therapies diskutieren können. Und das auch in der Bedeutung für die Psychotherapie hierzulande. Ganz zu Recht weist die Autorin ja darauf hin, dass die FFT bei der Anerkennung der Wirksamkeit der Gesprächspsychotherapie auf dem Gebiet der Erwachsenenpsychotherapie durch den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBT) eine bedeutsame Rolle spielte (nachzulesen unter: www.wbpsychotherapie.de/page.asp?his=0.1.17.57.59). Noch größer war die Bedeutung zweier US-amerikanischer Brand Name Therapies bei der die Anerkennung der Wirksamkeit der Systemischen Therapie auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie durch den WBP (nachzulesen unter: www.wbpsychotherapie.de/downloads); es handelt sich dabei um Funktionale Familientherapie (FFT; Darstellung: http://cip-medien.com/media/download) und die Multisystemische Therapie (MST; Kurzdarstellung: http://de.exocop.org/index.php).

In Der therapeutische Prozess finden sich im Rahmen des Abschnittes über die Therapeutin-Klientin-Beziehung breite Ausführungen über emotionale Kompetenzen, deren Sinn und Zweck sich aber nicht in diesem Abschnitt erschöpfen, weshalb sie besser gesondert in einem eigenen Abschnitt (zumindest aber in einem deklarierten Exkurs innerhalb des Abschnitts) dargestellt worden wären.

Zu Beginn des Kapitels Wirksamkeit der EFT (S. 133) merkt die Autorin in einer Fußnote (Nr. 78) an: „Hier wird der weite Wirksamkeitsbegriff verwendet (obwohl in der aktuellen Psychotherapieliteratur von Wirksamkeit nur gesprochen wird, wenn es sich um die Ergebnisse von RCTs (randomisierten kontrollierten Studien) handelt).“ Wo „Hier“ sein soll, ist nicht ersichtlich. Sollte es sich auf Meinungsäußerungen der Autorin beziehen, so bleibt unklar, was damit gemeint ist. Sollte es sich aber auf die Psychotherapieevaluation im Allgemeinen und/oder Evaluation der EFT im Besonderen beziehen, so ist die Aussage irreführend, wenn nicht falsch. Die EFT hat keinen „weiten“ Wirksamkeitsbegriff, der von einem „engen“ etwa der kognitiv-behavioralen Ansätze zu unterscheiden wäre. Und das gilt für das Gesamtfeld der Psychotherapieevaluation. Im Januar 2011 hat die gemeinsam (!) von den Sektionen „Klinische Psychologie“ (von der behavioralen Richtung dominiert) und „Psychotherapie“ (dort sammelt sich das nicht-behaviorale Lager) der APA gebildete Task Force on Evidence-Based Therapy Relationships als erste zwei ihrer Schlussfolgerungen (www.divisionofpsychotherapy.org/), beruhend auf einem gemeinsamen Begriff von „Wirksamkeit“, erklärt:

„The therapy relationship makes substantial and consistent contributions to psychotherapy outcome independent of the specific type of treatment.“

„The therapy relationship accounts for why clients improve (or fail to improve) at least as much as the particular treatment method.“

Damit ist das Ende der „Technik-Lastigkeit“ bei der Psychotherapieevaluation von Psychotherapie klar markiert, und Leslie Greenberg hat seinen Teil dazu beigetragen.

Vielleicht meint die Autorin mit ihrer Bemerkung hinsichtlich eines „weiten“ Wirksamkeitsbegriff ja aber, dass es Unterschiede darin gibt, wie sicher wir uns einer postulierten und überprüften Wirksamkeit sein können. Diese Frage wird seit Jahrzehnten unter dem Stichwort unterschiedlicher und vom Untersuchungsdesign abhängiger Evidenzgrade behandelt. So wird die EFT von der APA-Sektion Klinische Psychologie“ zum einen nur für Depressionen (im Erwachsenenalter) als wirksames Verfahren aufgeführt und dies auch nur mit der den Evidenzgrad markierenden Bemerkung „Modest Research Support“ (http://www.div12.org/PsychologicalTreatments/treatments/depression_emotion.html; Aufruf vom 24.10.2013).

Die obigen Ausführungen berühren und beantworten implizit schon zwei übergreifende Fragen, die abschließend eigens thematisiert seien. Da ist zum ersten die Frage, für welche Leserschaft das Buch gedacht ist. Die Wahl des Verlages gibt eine erste, aber noch nicht abschließende Antwort: Hogrefe ist zwar der „Hausverlag“ der deutschen akademischen Psychologie, aber seine Leserschaft umschließt faktisch einen weiteren Kreis. Zur Zielgruppenfrage hat die Autorin in der Einleitung erklärt: „Das Buch soll eine leicht verständliche Einführung in das Thema sein und dennoch die zentralen Aspekte umfassend vermitteln“ (S. 8). Nun hängt die Verständlichkeit eines Buches nicht hauptsächlich oder auch nur vorrangig von seiner Stoffmenge und -komplexität ab, sondern von der Art und Weise der Darstellung. Man tut also gut daran, die von der Autorin nirgendwo näher bestimmte oder eigens benannte Leserzielgruppe aus dem Text heraus zu rekonstruieren. Danach kommen als potentielle Leserinnen im Grunde nur (angehende) Klinische Psychologinnen, seien sie nun als Psychologische Psychotherapeutin approbiert oder nicht, in Frage (in Ausnahmefällen auch Ärztliche Psychotherapeutinnen). Dieser Schluss ergibt sich aus Analyse der im Text voraus gesetzten Denkweisen und Wissensbestände, was an Hand zweier „Marker“ illustriert werden soll. Da wird auf den Seiten 34f eine Studie referiert und in diesem Zusammenhang von Störungen auf „Achse I“ und „Achse II“ gesprochen, ohne dass zuvor oder danach darüber aufgeklärt würde, was es mit solchen „Achsen“ auf sich hat. Wer keine Ahnung vom Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DMS) und den dort verwendeten Begrifflichkeiten hat, bleibt hier verständnislos. Ein zweites Bespiel. Auf Seite 164 spricht die Autorin von „aktuellen methodischen Neuentwicklungen (z.B. HSCED)“; was es mit „HSCED“ auf sich hat wird weder im Kontext noch früher oder später dargestellt. Man (oder frau) muss in klinisch-psychologischer Forschung schon sehr gut informiert sein, um das Kürzel als Kennzeichnung von Hermeneutic Single-Case Efficacy Design (vgl. etwa Elliot, 2002) entziffern.

Mit den obigen Ausführungen zu Lücken des Buches war implizit eine zweite übergreifende Frage angesprochen, die anders zu beantworten wäre, gäbe es diese Lücken nicht. Diese Frage lautet: Was unterscheidet dieses Buch von dem zwei Jahre zuvor unter selbem Titel, vergleichbarem Aufbau und überwiegend gleichem Inhalt (auch) in deutscher Sprache erschienen aus der Feder des EFT-Protagonisten Leslie S. Greenberg (2011)? Die Frage drängt sich jedem auf, der das frühere Buch gelesen hat. Ich lasse die Frage, weshalb die Autorin dieses frühere Buch in ihrem Literaturverzeichnis nicht erwähnt, auf sich beruhen und stelle den Leserinnen anheim, sich hierüber ihre Meinung zu bilden. Was aber die oben aufgeworfene Frage betrifft, so kann ich nur sagen: Das hier zu rezensierende Buch bringt nicht so viel Anderes und Neues, dass man es jemandem, der Leslie S. Greenbergs (2011) Darstellung schon gelesen hat, guten Gewissens zur Lektüre empfehlen kann. Was das „Andere“ betrifft, so verweise ich auf die obigen Ausführungen zu den Lücken des Buches. Was das „Neue“ anbelangt, so bezieht es sich in erster Linie auf neuere Forschungsergebnisse zur EFT. Dies aber ist von Interesse nur für einige wenige Psychotherapieforscherinnen, die sich über den jüngsten Sachstand schon über den einschlägigen Beitrag in der jüngsten Ausgabe des Handbook of Psychotherpy and Behavior Change (Elliott, Watson, Greenberg, Timulak & Freire, 2013; vgl. ergänzend Paivio, 2013) informiert haben dürften.

Fazit

Das vorliegende Buch ist zur Lektüre nur Leserinnen zu empfehlen, die über den Kenntnisstand von Klinischen Psychologinnen verfügen und Leslie S. Greenbergs (2011) deutschsprachige Darstellung oder eine jüngere Gesamtdarstellung der EFT noch nicht gelesen haben. Mit Blick auf die Ausbildung von Sozialarbeiterinnen/-pädagoginnen wäre prüfen, wie die EFT in der Bachelorausbildung in Psychosozialer Beratung bzw. in Masterstudiengängen „Klinische Sozialarbeit“ fruchtbar gemacht werden kann. Anregungen dazu gibt es bereits (vgl. Reicherts & Pauls, 2013).

Ergänzende Literaturnachweise

  • Bischkopf, J. (2002). Zur Lebenssituation der Partner depressiver Patienten. Eine qualitative Untersuchung (http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/diss/2003/fu-berlin/2003/10/).
  • Bischkopf, J., Auszra, L. & Herrmann, I. (2008). Emotionsfokussierte Therapie: Eine Einführung am Beispiel der Depression. Psychodynamische Psychotherapie, 3, 171-176.
  • Bretz, H. J., Heekerens, H.-P. & Schmitz, B. (1994). Eine Metaanalyse zur Wirksamkeit von Gestalttherapie. Zeitschrift für Klinische Psychologie, Psychopathologie und Psychotherapie, 42, 241-260.
  • Elliot, R. (2002). Hermeneutic single-case efficacy design. Psychotherapy Research, 12, 1-21 (http://www.fepto.eu/storage/files/articole/Hermeneutic%20single%20case%20efficasity%20design.pdf).
  • Greenberg, L.S. (2011). Emotionsfokussierte Therapie. München: Reinhardt (US-amerikanisches Original desselben Jahres: Emotion-focused therapy. Washington, D.C.: American Psychological Association).
  • Heekerens, H.-P. (1995). Die Emotions-Fokussierte Paartherapie - Behandlungsansatz, Wirksamkeitsprüfung und Prozeßforschung. Zeitschrift für Klinische Psychologie, Psychopathologie und Psychotherapie, 43, 308-324.
  • Heekerens, H.-P. (2000a). Die Emotions-Fokussierte Paartherapie: Ansatz, Ergebnis- und Prozeßevaluation. In P. Kaiser (Hrsg.), Partnerschaft und Paartherapie (S. 323-337). Göttingen: Hogrefe.
  • Heekerens, H.-P. (2000b). Wirksamkeit therapeutischer Hilfen für Paare. In P. Kaiser (Hrsg.), Partnerschaft und Paartherapie (S. 405-421). Göttingen: Hogrefe.
  • Heekerens, H.-P. (2012). Rezension vom 02.03.2012 zu Greenberg, L.S. (2011). Emotionsfokussierte Therapie. München: Reinhardt. socialnet Rezensionen (http://www.socialnet.de/rezensionen/12908.php).
  • Heekerens, H.-P. & Ohling. M. (2005). Am Anfang war Otto Rank: 80 Jahre Experienzielle Therapie. Integrative Therapie, 31, 276-293.
  • Heekerens, H.-P. & Ohling, M. (2005b). Therapieevaluation – eine Sach- und Beziehungsklärung. Gesprächspsychotherapie und Personenzentrierte Beratung, 36, 5-11.
  • Janke, W., Schmidt-Daffy, M & Debus, G. (2008). Experimentelle Emotionspsychologie. Methodische Ansätze, Probleme, Ergebnisse. Lengerich: PABST SCIENCE PUBLISHERS.
  • Niedenthal, P.M., Krauth-Gruber, S. & Ric, F. (2006). Psychology of emotion: Interpersonal, experiential and cognitive approaches. New York: Psychology Press.
  • Pauls, H., Stockmann, P. & Reicherts,. M. (Hrsg.) (2013). Beratungskompetenzen für die psychosoziale Fallarbeit. Ein sozialtherapeutisches Profil. Freiburg im Breisgau: Lambertus.
  • Young, J.E., Klosko, J S. & Weishaar, M. E. (2005). Schematherapie. Ein praxisorientiertes Handbuch. Paderborn: Junfermann.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 11.11.2013 zu: Jeannette Bischkopf: Emotionsfokussierte Therapie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2012. ISBN 978-3-8017-2209-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14524.php, Datum des Zugriffs 07.12.2019.


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