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Brigitte Falkenburg: Mythos Determinismus

Cover Brigitte Falkenburg: Mythos Determinismus. Wieviel erklärt uns die Hirnforschung? Springer (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2012. 458 Seiten. ISBN 978-3-642-25097-2. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 31,50 sFr.

Reihe: Spektrum Sachbuch.
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Thema

Das vorliegende Buch erscheint in der gut eingeführten Reihe „Spektrum Sachbuch“ und wendet sich damit auch und vielleicht sogar gerade an Leser, die mit einem Fachbuch zum Thema überfordert wären. Das Thema: Inwieweit lässt sich der bei (einigen? vielen?) Neurowissenschaftlern vorhandene Optimismus, man könne geistige Phänomene wie Gedanken, Vorstellungen, Emotionen und etwa auch den Willen eines Menschen eindeutig auf bestimmte biophysikalische Prozesse zurückführen? Solche Phänomene seien- so die Behauptung- in diesem Sinne nicht „frei“ sondern „determiniert“ durch materiell nachweisbare Prozesse. Die Autorin läd als Physikerin und Wissenschafts-Philosophin zu einer “ wissenschaftstheoretischen Reise“ ein, um Klarheit über dies Fragen zu ermöglichen- eine ( ihre) Antwort nimmt sie mit dem Titel des Buches vorweg.

Autorin

Brigitte Falkenburg hat Philosophie und Physik studiert, in Philosophie promoviert und ist seit 1997 Professorin für Philosophie der Wissenschaft und Technik an der TU Dortmund.

Entstehungshintergrund

Die Autorin ist zum Schreiben dieses Buches sicherlich motiviert durch die Informationsflut aus dem Bereich der Neurowissenschaften und deren mediale Verarbeitung ( und oft: Verkürzung) und deren gesellschaftspolitisch und unser Menschenbild beeinflussenden Schlussfolgerungen.

Folglich will sie aus ihrer Fachrichtung heraus beitragen zu einer fundierten Auseinandersetzung mit den wissenschaftstheoretischen und methodisch-logischen Voraussetzungen für die Untersuchung des menschlichen Geistes und den Ergebnissen der Neurowissenschaften.

Aufbau

Das Buch ist logisch- stringent in 8 Kapitel gegliedert.

  • Im Kap. 1 stellt die Autorin ihren eigentlichen Auseinandersetzungen ein philosophisch genanntes Kapitel voraus, in dem sie sich mit der philosophischen Geschichte über das Thema „Geist und Gehirn“ auseinandersetzt. Hierbei erörtert sie die Bedingungen zwischen Geist, Gehirn und Natur auch deshalb, weil sie prägend für die heutige Erforschung geistiger Leistungen des Menschen sind.
  • Kap. 2 ist der Autorin besonders wichtig: man muss sich mit den wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen und methodischen Zugängen zu einem Naturverständnis auseinandersetzen, will man verstehen, dass jede Betrachtung und Erklärung von natürlichen Vorgängen an Bedingungen gebunden ist; die Autorin stellt die Frage, inwieweit z.B. analytisch-synthetischen Methoden unsere Naturerkenntnis prägen und auch die Neurowissenschaften ggf. begrenzen.
  • Kap. 3 wendet sich den Ergebnissen der Hirnforschung zu und validiert diese aus wissenschaftstheoretischer Sicht. Lassen sich mit den Methoden, die bisher zur Verfügung stehen, Bewusstseinsinhalte objektivieren? Diese Frage wird im 4. Kap. vertieft- hier findet auch eine Darstellung und Kritik der bekannten Libet- Experimente statt.
  • Das Phänomen „Zeit“ und „Zeitempfinden“ dient im 5. Kap. zu einer Konkretisierung der Erforschung und Objektivierung von Bewusstseinsinhalten – die Studien von Pöppel stehen hier im Mittelpunkt. Was sind Ursachen und was können sie uns überhaupt erklären- fragt die Autorin im 6. Kapitel. Sie konstatiert, dass weder Physik noch Philosophie einen eindeutigen und durchgängig angewandten „Ursachen“-Begriff haben und erläutert, was dies für die Neurowissenschaft bedeutet - dass hier nämlich Kausalität unbestimmt ist und bleibt.
  • So fundiert wird im 7. Kap. das Erarbeitete konkret angewandt auf die Neurowissenschaft: was erklärt sie denn nun verbindlich? Die Antwort zeichnet sich ab: wenn schon in den Naturwissenschaften keine eindeutigen kausalen Beziehungen zu erwarten sind (gerade wegen der Unklarheit des Kausalitäts- Begriffes), kann auch Hirnforschung dies nicht leisten, deterministische Aussagen sind nicht und auch in Zukunft wohl kaum möglich.
  • Was dies für unser Menschbild und unser Naturverständnis bedeutet, führt die Autorin im 8. Kapitel aus. Sie macht deutlich, dass Bewusstseinsinhalte weder Komponenten des Gehirns sind, noch Begleitphänomene solcher Komponenten. „Die Hirnforschung kann die Behauptung, das neu-ronale Geschehen determiniere unsere Bewusstseinsinhalte letztlich nicht begründen“. (S. XI)

Inhalt

Der Inhalt des Buches weist sich schon im Aufbau wie oben dargestellt aus – er kann hier verkürzt kaum wiedergegeben werden, weil die Zusammenhänge wissenschaftstheoretischer und methodisch-forschungstechnischer Art in der Verkürzung nur eine Banalisierung erfahren würden. Gern sei aber auch auf die Leseveröffentlichung des Verlages verwiesen; der Einblick zeigt die Differenziertheit und Tiefe der Argumentationen, die allerdings dem Leser einige Längen und Wiederholungen zumutet. (vgl. www.springer.com/biomed/neuroscience/book/978-3-642-25097-2 )

Diskussion

In dieser Buchbesprechung kann und soll keine Auseinandersetzung mit der Frage der Erforschung und der Erforschbarkeit menschlichen Bewusstseins erfolgen; dies gelingt der Autorin in durchwegs guter Sprache auch für theoretisch und wissenschaftstheoretisch schwierige Fragestellungen. Ich denke, dass das Buch weniger eine Lektüre für den fachlich unbedarften Leser ist – ob er die Standfestigkeit hat, sich durch die grundlegend zweifelsfrei wichtigen Fragestellungen durchzuarbeiten, darf angezweifelt werden. Das soll nicht heißen, dass diese Fragen für den „Laien“ entbehrlich sind; gerade was emanzipatorische Aspekte des Verhältnisses zur Forschung und zur Kritikfähigkeit Wissenschaft (wie sie im Main-Stream betrieben … und finanziert wird!) gegenüber angeht, ist diese Auseinandersetzung wichtig und hilfreich – schön wäre nur, wenn die Autorin ihre ausführliche Darstellung ggf. später in einer Taschenbuch-Version kondensieren würde … und dabei ggf. schon die Replik aus der Neurowissenschaft (s. z.B. Roth in: www.tagesspiegel.de/wissen/neurobiologie-der…/6907160.html) berücksichtigen könnte. Diese verkürzte Version soll nicht die Notwendigkeit einer ausführlichen Auseinandersetzung zwischen Wissenschaftstheorie, Philosophie und Natur-( auch Neuro-) Wissenschaft in Abrede stellen.

Fazit

Eine ausführliche Grundlage für das Gespräch zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, eine Huldigung an die Komplexität des menschlichen Gehirns, des Bewusstseins und anderer geistiger Prozesse, ein Plädoyer für Bescheidenheit was unsere Erkenntnisfähigkeit und unsere Methoden zur Erklärung der Natur angeht, eine Absage an (einfache) deterministische Zusammenhänge zwischen Gehirn und Geist.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 28.03.2013 zu: Brigitte Falkenburg: Mythos Determinismus. Wieviel erklärt uns die Hirnforschung? Springer (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2012. ISBN 978-3-642-25097-2. Reihe: Spektrum Sachbuch. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14525.php, Datum des Zugriffs 25.07.2017.


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