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Elke Eyckmanns, Markus Merzenich u.a.: Ein Kind - warum nicht auch für uns?

Rezensiert von Dr. phil. Petra Thorn, 13.05.2013

Cover Elke Eyckmanns, Markus Merzenich u.a.: Ein Kind - warum nicht auch für uns? ISBN 978-3-89670-861-8

Elke Eyckmanns, Markus Merzenich, Frank Nawroth: Ein Kind - warum nicht auch für uns? Gut beraten bei unerfülltem Kinderwunsch. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2013. 236 Seiten. ISBN 978-3-89670-861-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.

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Autorenteam und Thema

Die Psychologin E. Eyckmanns und die Reproduktionsmediziner M. Merzenich und F. Nawroth beschreiben in diesem Ratgeber zum Thema „unerfüllter Kinderwunsch“ psychologische Aspekte dieser Lebenskrise, geben Hintergrundinformation und Denkanstöße und gehen auf medizinische, rechtliche und finanzielle Aspekte ein. Der Ratgeber schließt ab mit persönlichen Gedanken eines Reproduktionsmediziners (M. Merzenich) und drei Erfahrungsberichten von Frauen mit Kinderwunsch.

Aufbau

Das Buch ist in psychologische, medizinische, biologische, rechtliche und ethische sowie versicherungstechnische Kapitel gegliedert. Den Abschluss bilden Erfahrungsberichte, ein Glossar und Hinweise auf Internetseiten.

Inhalte

Der erste und längste Teil des Ratgeberbuches befasst sich mit den psychologischen Aspekten des unerfüllten Kinderwunsches. Im Vorwort beschreibt die Autorin dieses Teils ihre eigene Betroffenheit und Entscheidung, nach vielen Jahren medizinischer Versuche kinderlos zu bleiben; dies regte sie dazu an, Beratung und Therapie hierfür anzubieten.

Als Ziel des Ratgebers wird vor allem beschrieben, die Leserin zu informieren und „fit“ (S. 11) zu machen, damit sie gelassen in die Kinderwunschbehandlung gehen und diese Zeit positiv gestalten kann. Darüber hinaus sollen Anregungen zur Selbstreflexion und Anleitung für Selbsthypnose gegeben werden. Hier bedaure ich zwei Aspekte: Zum einen beschreiben die Autoren explizit, dass sich der Ratgeber primär an Frauen wendet, was vor allem im psychologischen Teil sehr deutlich wird, denn der Sprachgebrauch ist überwiegend weiblich. Männer, so die AutorInnen, sollen einen “vertieften Einblick in das Seelenleben der Partnerin“ (S. 12) bekommen, obgleich betroffene Männer ähnlich stark unter dem Kinderwunsch leiden. Die Aufforderung an die Männer, das Buch mitzulesen und sich mehr einzubinden, wäre sicherlich deutlich einfacher umzusetzen, wenn auch diese an einigen Stellen explizit (z.B. durch den Sprachgebrauch, durch Schilderungen typischer emotionaler Reaktionen von Männern ) angesprochen worden wären. Dies ist leider nur in einem kurzen Kapitel der Fall, das sich zudem überwiegend der Dynamik zwischen Patient und Arzt widmet (S. 24ff). Auch später wird die Rolle des Mannes eher marginalisiert („Ja, meine Damen, wenn Sie Ihr Hochzeitsfoto betrachten: Da war doch noch wer.“, S. 87). Zum anderen betonen die AutorInnen, dass das Buch kein „Versprechen“ (S. 11) auf eine Schwangerschaft sein soll, gleichzeitig wird jedoch auf vielen Seiten, manchmal subtil, andere Male weniger subtil, angedeutet, dass durch Hypnose der Eintritt einer Schwangerschaft erhöht werden könnte (z.B. S. 10, „um durchschnittlich 11%; ). Dies wird mit einer israelischen Studie aus dem Jahr 2006 belegt (Levitas et al. 2006, S. 232), weitere Studien aus diesem Bereich werden nicht angeführt. In den letzten Jahren befassten sich mehrere Metaanalysen mit der Frage, ob die Schwangerschaftsrate durch psychosoziale Interventionen erhöht werden könnte. Zurzeit wird davon ausgegangen, dass dies nicht bzw. nur dann der Fall ist, wenn verhaltensbedingte Faktoren relevant sind und diese durch die Beratung/Therapie verändert werden, z.B. Verbesserung der Paardynamik und dadurch häufiger Geschlechtsverkehr; emotionale Stabilisierung, so dass weitere medizinische Behandlungen unternommen werden etc. (Wischmann 2012).

Die ersten Kapitel widmen sich den Themen „Familie und Kinder als Lebenswunsch“ und der medizinischen Behandlung. Hier werden viele typische emotionale Reaktionen von Frauen beschrieben, die der Leserin bei der Normalisierung helfen, es werden Fallbeispiele beschrieben und die Leserin auf empathische Art zur Reflexion aufgefordert.

Das Kapitel „Auswirkungen von emotionalem Stress auf den Körper“ geht davon aus, dass Stress negative körperliche Veränderungen nach sieht zieht, und es wird eine direkte Verbindung zwischen Stress und mangelnder Durchblutung der Gebärmutter und daraus resultierende schlechtere Schwangerschaftschancen hergestellt (S. 37). Ob und ggf. wie sich Stress, wenn überhaupt, auf die männliche Fortpflanzung auswirkt, bleibt offen. Die nachfolgenden Denkanstöße richten sich daher konsequenterweise nur an die Frau. Im anschließenden Kapitel wird die Wirkung von Hypnose erklärt, wie sie erlernt werden kann, wie die AutorInnen sich die Interaktion zwischen positiven und negativen Gedanken und körperlichen Vorgängen vorstellen (z.B. tiefe Entspannung gepaart mit positiven Suggestionen tragen zur besseren Durchblutung, auch der Gebärmutter, bei, S. 44) und es wird damit suggeriert, dass dies die Schwangerschaftsrate erhöht. Sicherlich ist es sinnvoll, während der hochtechnisierten Eingriffe der Reproduktionsmedizin auf eine gute Körper-Seele Balance zu achten und viele der Ratschläge im Buch sind hierfür bestens geeignet. Doch fühlen sich Betroffene ggf. noch mehr unter Druck, wenn sie den Ratschlägen folgen und dennoch nicht schwanger werden.

Im Kapitel „Samenspende“ wird davon ausgegangen, dass der Entscheidung hierzu vor allem beim Mann eine lange Auseinandersetzung vorausgeht. Dies mag bei einigen Paaren der Fall sein, meine eigene klinische Erfahrung zeigt jedoch auf, dass sich durchaus beide Partner damit auseinandersetzen und es sehr von den persönlichen Vorerfahrungen abhängt, wer sich mit der Entscheidung für eine Samenspende schwerer tut. Für diese Familienbildung werden Parallelen gezogen zur Patchworkfamilie ( „Genau genommen ist es die gleiche Situation, als würde er seine Partnerin schwanger kennen lernen und … mit ihr das Kind großziehen“, S. 56), aus familientherapeutischer Sicht würde ich diese Prämisse jedoch hinterfragen. Sowohl für die Paardynamik als auch für das Kind macht es einen Unterschied, ob das Paar gemeinsam in eine Samenspende eingewilligt hat und der Spender bis zur Volljährigkeit für das Kind anonym bleibt oder ob eine Frau in einer früheren Beziehung schwanger wurde und der Erzeuger für das Kind im Alltag eine mehr oder weniger große (Vater-) Rolle spielt. In diesem Kapitel wird dargestellt, dass dem Kind nach Samenspende die Möglichkeit genommen wird, seine Abstammung zu erfahren. Dies ist nicht korrekt, denn spätestens seit dem Urteil des OLGs Hamm im Februar 2013 wurde dieser Gruppe von Menschen ein Auskunftsrecht zugesprochen. Aber bereits seit 1989 hat das Bundesverfassungsgericht in ähnlichen Konstellationen immer wieder geurteilt, dass Menschen das Recht haben, über ihre Abstammung zu erfahren. Seit 2007 sind Ärzte zudem verpflichtet, die entsprechenden Unterlagen mindestens 30 Jahre lang aufzubewahren.

Die nächsten Kapitel beschreiben die emotionale Achterbahn während der medizinischen Behandlung, die Auswirkungen der hormonellen Stimulation, den Umgang mit dem sozialen Umfeld und fehlgeschlagenen Behandlungsversuchen und Fehlgeburten. Auch hier reihen sich hilfreiche Denkanstöße und Erfahrungsberichte an subtile Aufforderungen, das Körper-Seele-Gleichgewicht in Einklang zu bringen, damit sich die Belastungen in Grenzen halten („… die Verträglichkeit der Hormonbehandlung… (geht) eng mit der Erwartung der Frau einher“, S. 61; „Es gibt einen schönen Fotoband … der Ihnen bei der Entwicklung von positiven Bildern … behilflich sein kann. … schauen Sie sich jeden Tag die Bilder an, sodass Ihr Körper eine Vorstellung … bekommt, was Sie von ihm erwünschen.“, S. 76).

Die letzten Kapitel des psychologischen Teils befassen sich u.a. mit den Fragen, wie viele Behandlungsversuche sinnvoll sind, beschreiben Alternativen wie Adoption und Pflegschaft und regen an, auch einem Leben ohne Kind Positives abzugewinnen. Hilfreich fand ich hier vor allem den Abschnitt, in dem Betroffene angeregt werden, innere Glaubenssätze in Frage zu stellen. Dieser Teil schließt ab mit der Frage, ob eine Psychotherapie nötig ist. In Fachkreisen wird diesbezüglich nicht von einer Psychotherapie (die vor allem Psychopathologien behandelt), sondern von der psychosozialen Kinderwunschberatung (international: infertility counselling) gesprochen. Hierzu liegen nicht nur inhaltliche Konzepte vor, sondern auch Richtlinien, wann diese sinnvoll und empfehlenswert sind (Kleinschmidt et al., 2008, Wischmann, 2012). Wichtig ist vor allem, dass die psychosoziale Fachkraft erfahren in der Kinderwunschberatung ist und auch über reproduktionsmedizinisches Wissen verfügt. Leider gehen diese Kapitel nur auf die übliche Psychotherapie ein, die spezifische Kinderwunschberatung wird nicht erwähnt, auch werden im Anhang dafür keine Anlaufstellen aufgezählt.

Der Sachteil ist übersichtlich und bis auf einige Statistiken gut verständlich dargestellt. Zu begrüßen ist hier vor allem die realistische Darstellung von neuen und nicht mehr ganz so neuen Entwicklungen wie dem „Embryo-Glue“, „IMSI“ oder dem „assisted hatching“. Bei der Präimplantationsdiagnostik wäre es hilfreich gewesen, den aktuellen gesetzlichen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Bei der rechtlichen Darstellung wird – in Widerspruch zum psychologischen Teil – vom Auskunftsrecht des Kindes gesprochen und dass dies auch erbschaftsrechtliche Konsequenzen habe könne. In dieser allgemeinen Form ist Letzteres kaum haltbar, denn das Auskunftsrecht ist nicht mit der Anfechtung der Vaterschaft und der Übertragung der Vaterschaft auf den Erzeuger, also den Spender, verbunden.

Der Anhang ist relativ kurz, es gibt ein Glossar und drei Internetverweise auf eine kommerzielle Homepage zum Thema Kinderwunsch. Hier hätten sicherlich deutlich mehr Internethinweise aufgeführt werden können, z. B. zu Wunschkind e. V., dem überregionalen Verein der Selbsthilfegruppen, zur Deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung und zu weiteren Selbsthilfegruppen in diesem Bereich.

Fazit

Der Ratgeber hinterließ bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Er ist empathisch geschrieben, hilft Betroffenen bei der Normalisierung ihrer emotionalen Reaktionen und gibt zahlreiche sinnvolle Hinweise und Denkanstöße. Er fokussiert jedoch sehr stark auf den Einfluss der Psyche auf körperliche Vorgänge, der so zum Einen zu einfach ist und zum Anderen Betroffene noch mehr unter Druck setzen könnte. Denn diejenigen, die trotz einer positiven Grundhaltung, einer positiven Visualisierung des Embryos, Einübung von Entspannungsübungen etc. nicht schwanger werden, werden möglicherweise das Gefühl bekommen, sich nicht ausreichend angestrengt und nun auch hier versagt zu haben. Letztendlich ist der unerfüllte Kinderwunsch ein Schicksalsschlag, der bewältigt werden muss. Die Medizin kann unterstützen und ist in vielen Fällen erfolgreich, die psychosoziale Kinderwunschberatung kann helfen, Betroffene in dieser Lebenskrise aufzufangen und ihre Handlungsspielräume (wieder) zu vergrößern, aber den Ausgang kann niemand vorhersagen.

Literatur

  • Kleinschmidt D, Thorn P, Wischmann T (2008) Kinderwunsch und professionelle Beratung. Das Handbuch des Beratungsnetzwerkes Kinderwunsch Deutschland (BKiD). Kohlhammer, Stuttgart
  • Wischmann T (2012) Einführung in die Reproduktionsmedizin. Ernst Reinhardt Verlag, München, Basel

Rezension von
Dr. phil. Petra Thorn
Dipl. Sozialarbeiterin,Dipl. Sozialtherapeutin.
Tätig in eigener Praxis für Paar- und Familientherapie; Arbeitsschwerpunkte: Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch, Familienbildung mit Spendersamen
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Es gibt 12 Rezensionen von Petra Thorn.

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Zitiervorschlag
Petra Thorn. Rezension vom 13.05.2013 zu: Elke Eyckmanns, Markus Merzenich, Frank Nawroth: Ein Kind - warum nicht auch für uns? Gut beraten bei unerfülltem Kinderwunsch. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2013. ISBN 978-3-89670-861-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14526.php, Datum des Zugriffs 15.04.2024.


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