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Harald Tuckermann: Einführung in die systemische Organisationsforschung

Cover Harald Tuckermann: Einführung in die systemische Organisationsforschung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2013. 128 Seiten. ISBN 978-3-89670-871-7. D: 13,95 EUR, A: 14,40 EUR, CH: 20,50 sFr.
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Thema

Diese Einführung richtet sich in erster Linie an qualitativ Forschende, die Organisations- oder Managementfragestellungen empirisch angehen. Im Zentrum steht die Interaktion zwischen Forschenden und Beforschten. In ihrer dynamischen Beziehung entstehen Daten und Interpretationen. Dieses Interaktionssystem ist aufseiten der Forschenden an die Wissenschaft und aufseiten der Praxispartner an die Organisation gekoppelt. Zusammen ergibt sich daraus ein Forschungssystem, das aufgrund der unterschiedlichen Bezugspunkte leicht zu Überraschungen, Missverständnissen und Paradoxien führen kann.

Dieses Interaktionssystem wird anhand der eigenen Forschung des Autors analysiert. Er konkretisiert es in vier Dimensionen von Forschungspraxis: der Gestaltung der Feldbeziehung, der Erhebung und Auswertung von Daten, der beforschten Organisation und der Anschlussfähigkeit an die Wissenschaft. Das Buch trägt damit zu einem reflexiven Umgang mit empirischer Organisationsforschung bei und bietet einen hilfreichen Ansatz für die Entwicklung einer systemischen Methodologie zur Organisationsforschung an.

Autor

Harald Tuckermann, Dr. oec. HSG, studierte Ökonomie an der Universität Witten/Herdecke. Er leitet das Forschungsprogramm HealthCare Excellence und ist Vizedirektor des Instituts für Systemisches Management und Public Governance der Universität St. Gallen.

Aufbau und Inhalt

Auf Basis der soziologischen Systemtheorie werden Überraschungen, die sich in Forschungsprozessen in Organisationen ergeben können, analysiert. Das Buch soll ein Angebot sein, über die eigene Forschungspraxis nachzudenken.

Ausgangspunkt sind folgende Annahmen bzw. Erfahrungen:

  • Der Kern empirischer Forschung liegt in der Interaktion mit den Praxispartnern
  • Forschen ist ein kommunikativer Zusammenhang
  • das Verhältnis zwischen Praxispartnern und Forschenden ist ein dynamisches.

Vorteile der Systemtheorie sind, dass sie nicht davon ausgeht, was ist, sondern davon, wie soziale Realität konstruiert wird. Sie ist daher geeignet, das Thema des Buches adäquat zu erfassen, nämlich die Frage, wie in der Kopplung zwischen Praxispartnern und Forschenden als temporärem Interaktionssystem Daten und Deutungen generiert werden.

Nach einer Einführung befassen sich die einzelnen Kapiteln mit folgenden Themen:

  • Wozu Forschung? – (Re)Konstruktion von Organisationen
  • Methodologie: Beobachtung zweiter Ordnung
  • Forschung als kommunikatives System: Die reflexive systemische Forschungsheuristik (RSF)
  • Forschungspraxix: Vier Dimensionen und eine Geschichte
  • Dimension „Feldbeziehung“: Forschende und Praxispartner
  • Dimension „Forschung“: Daten generieren, deuten und robust machen
  • Dimension „Organisation“:
  • Dimension „Wissenschaft“: Anschlussfähige Publikation
  • Systemische Organisationsforschung: Offene Fragen, Entscheidungsbedarf und Orte

Forschende orientieren sich am Wissenschaftssystem und damit am Code wahr/falsch. Was als wahr gilt, wird von der Wissenschaft nach Regeln der eigenen Kunst festgelegt, insbesondere wird Forschung durch Publikationen legitimiert, sodass Publikationen zum Medium oder Zahlungsmittel moderner wissenschaft geworden sind (Luhmann 1990). Gegenüber der Praxis legitimiert sich Forschung mittels ihrer Rekonstruktion, dadurch also, dass sie alternative, auch unerwartete Deutungen produziert. Für Forschende bedeuten die beiden Perspektiven oft ein Spannungsfeld. Es ist oft etwas anderes, Praxis zu rekonstruieren, als wissenschaftlich als wahr geltende Aussagen zu produzieren.

Ab dem Kapitel 4. wird ein eigener Forschungsrahmen entwickelt, die reflexive systemische Forschungsheuristik (RSF-Heuristik), welche aus den 4 Dimensionen Forschung, Feldbeziehung, Organisation und Wissenschaft besteht.

Vier Aspekte sind dabei wichtig:

  1. Das Element „Beobachtung“: Forschung wird als wechselseitig-zirkuläre Beobachtung der Forschers und der Beforschten beschrieben
  2. Die Sozialdimension: Das Verhältnis von Forschenden und Praxispartnern strukturiert sich entsprechend von deren unterschiedlichen Anliegen, „Eigenlogiken“ und Orientierungen
  3. Latenz im Forschungssystem: Es wird darauf verwiesen, dass in der Suche nach Latenzen der eigentliche Beitrag der Forschung sein kann, also Beobachtungen zweiter Ordnung, welche den Beobachtern des Organisationssystems verschlossen sind.
  4. Die Zeitdimension: Auch der zeitliche Kontext hat Einfluss auf die Erhobenen Daten

Diskussion

Der Autor schreibt, dass als Grundlage der Lektüre ein eigenes Forschungsanliegen sowie eine gewisse Grundkenntnis der Systemtheorie hilfreich ist.Damit ist die Zielgruppe definiert. Auch das Ziel des Buches wird klar beschrieben: „Statt der Erteilung von Ratschlägen enthalten die folgenden Seiten allenfalls Irritationen, mit denen jede und jeder nach Maßgabe der eigenen Vorstellungen umgehen kann.“ 13 Das Buch bietet also eine Systematik zur Reflexion der eigenen Forschungspraxis.

Sehr interessant für Forscher ist die radikale Reduktion der wesentlichen Interaktionsbeziehung auf jene zwischen Autor und Reviewer (35). Das Kapitel zur Dimension Wissenschaft bringt zudem in sehr pointierter Form wesentliche Überlegungen zur Gestaltung und Verwertung von Forschungsarbeiten.

Auch die Analyse der rekursiven Beziehung zwischen der Einspielung von Forschungsergebnissen in das Praxissystem – insbesondere in Bezug auf Latenzen, also von letzterem nicht direkt beobachtbaren Strukturen – und den Reaktionen der Organisation, welche wiederum Informationen und Grundlage weiterer Ergebnisse des Forschungssystems sind, ist realitätsnahe und treffend. Forschung wird damit, soweit sie ihre Ergebnisse zurückspiegelt, zur Intervention. Aufgrund der möglichen Thematisierung von Latenz und der unterschiedlichen Orientierungen der Beteiligten „sind Überraschungen, Erwartungsenttäuschung oder Irritationen eher der Normal- als der Ausnahmefall.“ (43) Forschung wird damit aber auch selbst irritierbar: Der Fokus auf den Interaktionsprozess und die oft ausgeblendete Beziehung der Forschung zur Organisation ermöglicht es „die Deutungen zur Organisation mit den Beobachtungen im Umgang mit den Praxispartnern in Beziehung zu setzen. Das eine kann dann als deutungsgenerierender Resonanzkörper für das andere genutzt werden, wenn man denn beide unterscheidet.“ 78

Um als methodische Anleitung bzw. Anweisung zur Gewinnung neuer Erkenntnisse, wie der Begriff Heuristik im Duden definiert wird, zu dienen, müsste die hier vorgestellte reflexive systemische Forschungsheuristik m.E. auch deutlicher anwendungsbezogen formuliert werden. Zum Verständnis möglicher Irritationen im Forschungsprozess bietet sie eine äußerst gute Grundlage. Sie ist weiters ein sehr guter Rahmen zur Ordnung einer Fülle von methodischen Überlegungen, Deutungen und Anregungen. Für ein systemtheoretisches Buch bietet dieses also ungewöhnlich viele praktische Tipps und Empfehlungen.

Fazit

Das Buch richtet sich v.a. an Forschende, die Organisations- oder Managementfragestellungen empirisch und auf Basis der Systemtheorie angehen. Für diese kann das Buch ohne Einschränkung empfohlen werden. Das Buch erfüllt die selbstgesteckten Ziele.

Literatur:

  • Luhmann, N.: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1990

Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 05.12.2013 zu: Harald Tuckermann: Einführung in die systemische Organisationsforschung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2013. ISBN 978-3-89670-871-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14528.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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