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Roland Schleiffer: Verhaltensstörungen. Sinn und Funktion

Cover Roland Schleiffer: Verhaltensstörungen. Sinn und Funktion. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2013. 350 Seiten. ISBN 978-3-89670-869-4. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Autor

Der Autor, Prof. Dr. med. Roland Schleiffer, ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin mit psychoanalytischer Zusatzausbildung sowie Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er war langjährig in leitender Tätigkeit in der stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig, bevor er von 1992 bis zu seiner Emeritierung 2012 in Köln als Universitätsprofessor für Heilpädagogische Psychiatrie und Psychotherapie wirkte.

Thema

Verhaltensstörungen sowie die Suche nach Erklärungen für deren Sinn und Funktionen stehen im Zentrum von Roland Schleiffers systematischen Überlegungen. Aufbauend auf dem ersten Band „Das System der Abweichungen“, in dem autistische und psychotische Störungsbilder betrachtet wurden, werden in diesem zweiten Band nichtpsychotische Störungen in den Fokus gerückt. Das Spektrum der dabei berücksichtigten Verhaltensproblematiken ist weit gespannt und reicht von Dissozialität über Aufmerksamkeitsprobleme, selbstschädigendes Verhalten, Depression, Süchte, Ängste und Zwänge bis hin zu psychosomatischen Beschwerden. Die Vorgehensweise folgt dabei einer „strikt psychischen Systemreferenz“, wobei die Störungsbilder der funktionalen Analyse in Luhmannscher Tradition unterzogen werden.

Aufbau

Einem kurzen Vorwort folgen insgesamt zehn Kapitel, von welchen das Erste exemplarisch die Methode der funktionalen Analyse anhand eines alltäglichen Problems – der Nichtadressierung eines Gastes auf einer Gartenparty – darstellt.

Die folgenden acht Kapitel nehmen jeweils ein Verhaltensproblem in den engeren Fokus, wobei innerhalb jedes Kapitels eine inhaltlich analoge Vorgehensweise gewählt wird, die jedoch genügend Raum für eine differenzierte Darstellung der Verhaltensproblematiken lässt.

Zu Beginn der einzelnen Kapitel stellt Roland Schleiffer die Nosologie des fokussierten Problemverhaltes dar, um dann mittels der funktionalen Analyse mögliche Problemlösungsversuche aufzudecken, die aus Sicht des Klienten bzw. Patienten sinnstiftend sein können und sein Verhalten verständlich machen. In den meisten Kapiteln verwendet der Autor an passender Stelle kurze Falldarstellungen, um das problematische Verhalten und die jeweils gefundene sinnhafte Lösung zu beschreiben.

Der Autor endet im zehnten Kapitel mit einem Epilog, der die systemische Herangehensweise im Verhältnis von Theorie und Praxis begründet und einen Ausblick auf weitere differenztheoretische systemische Betrachtungen auch von hirnorganischen Störungsbildern anregt.

Inhalt

Roland Schleiffer versteht es, mit großer Leichtigkeit und Effizienz für ein Thema zu interessieren, über das scheinbar doch schon alles Wesentliche gesagt und geschrieben worden ist.

Ohne lange Vorrede beginnt er sein Buch mit der Darstellung der zentralen systemischen Methode, der funktionalen Analyse – wobei er jedoch den Leser nicht mit komplizierten theoretischen Herleitungen in Anspruch nimmt. Stattdessen verwendet er ein alltägliches Problem – nämlich die Nichtbeachtung einer Fremden als Gast geladener Person auf einer Gartenparty – als Modell zur Darstellung der Methode und sichert damit deren leichte und effektive Nachvollziehbarkeit, die nebenbei noch Spaß macht. So kommt das erste Kapitel nicht wie das eines Fachbuches daher, sondern eher wie der Beginn einer Geschichte. Es wird jedoch nicht auf die notwendigen systemtheoretischen Implikationen verzichtet, sondern der Autor versteht es, diese im Anschluss an die Eingangsgeschichte knapp und präzise unter Verwendung einschlägiger Zitate punktgenau auf den Untersuchungsgegenstand anzuwenden. Die Betrachtung problematischer Verhaltensweisen sowie die Identifizierung und Erklärung individueller Problemlösungsversuche stehen im Zentrum des Buches, das sich ausdrücklich an sozialpädagogisch und psychotherapeutisch tätige Professionelle wendet.

In den einzelnen Kapiteln, die sich jeweils einem umrissenen Verhaltensproblem widmen, fasst er schlüssig und gut nachvollziehbar die wesentlichen Verhaltenszüge und Erscheinungsformen zusammen, stellt Bezüge sowohl zu klassischen – meist psychoanalytischen und bindungstheoretischen Erklärungsansätzen – als auch zu aktuellen Studien und Forschungsergebnissen her. Er nimmt dabei sowohl die Perspektive des Klienten als auch die des Therapeuten wechselseitig in den Blick und macht durch diese Perspektivenverschränkung auch auf Schwierigkeiten des medizinischen und pädagogischen Versorgungssystems im Umgang mit den Problemverhaltensweisen aufmerksam.

Eher neu und ungewöhnlich an den Darstellungen Roland Schleiffers ist der Ansatz, Verhaltensprobleme als konstruktive Problemlösungsversuche des Individuums zu verstehen und zu beschreiben. So wird hier durchgängig eine Grundidee verfolgt, die allen dargestellten Verhaltensproblemen gemeinsam ist: das psychische System einer Person setzt seine Ressourcen dazu ein, „seine autopoietische Reproduktion sicherzustellen“. Dieser Idee entsprechend beschreibt der Autor z. B. Dissozialität als „Adressierungskontrolle durch Enttäuschung normativer Erwartungen“, Depression als „Selbstexklusion“, Sucht als „Selbsttrivialisierung“ oder Angst als „Kontrolle negativer Affekte“.

Das im Anfangsszenario entworfene Problem der Deadressierung mit seinen individuellen emotionalen Folgen sowie kognitiven Umgangsformen zieht sich als roter Faden durch alle Kapitel und Verhaltensproblematiken. Gleich zu Beginn des zweiten Kapitels „Die provozierte Adresse: Dissozialität“nimmt Roland Schleiffer einen kurzen, aber sehr präzisen entwicklungspsychologischen Exkurs mit Blick auf das Säuglingsalter vor, in dem die Grundlagen für Adressierung zwischen Individuum und Bindungsperson gelegt werden.

Alle weiteren Kapitel umreißen – im Groben angelehnt an die Klassifikationssysteme DSM-IV bzw. ICD 10 – jeweils spezifische Verhaltensproblematiken und untersuchen sie systematisch auf für das Individuum sinnhaft Lösungsversuche.

Diskussion

Die hier vorgelegte systemtheoretische Psychologie abweichenden Verhaltens kann aufgefasst werden als umfassende und kompakte Darstellung häufig in Erscheinung tretender Verhaltensproblematiken. Die unter konsequent systemischen Fokus stattfindende Neu- und Wiederbetrachtung dieser bekannten und oft in pädagogischen Kontexten deutlich werdender Verhaltensweisen ermöglicht auch fachlich versierten Fachkräften einen neuen Blick auf die Problemlösungen der Betroffenen.

Mittels der Anwendung der für die Systemtheorie zentralen Methode der funktionalen Analyse gelingt es Roland Schleiffer die Perspektive der Betroffenen in großer Komplexität mit all ihren Widersprüchlichkeiten nachzuzeichnen. Ausgewählte Fallbeispiele unterstreichen die Praxisrelevanz.

Es bietet sich für den fachlich orientierten Nutzer an, diese Kapitel je nach Interessenslage einzeln zu lesen und sich so kompakt aber gleichzeitig differenziert über das jeweilige Verhaltensproblem zu informieren. Interessant sind jedoch auch die Querverweise innerhalb der Kapitel bzw. zwischen den einzelnen Problemverhaltensweisen. So werden Komorbiditäten deutlich, gemeinsame bzw. sich überlappende Erklärungsansätze und Ursachen für die Verhaltensweisen werden aufgezeigt und machen so das einschlägige Expertenwissen des Autors deutlich.

So lässt es sich Roland Schleiffer auch nicht nehmen, seine ganz individuellen fachlichen und konsequent systemisch ausgerichteten Überlegungen und Erfahrungen darzustellen, die nicht selten beim ersten Lesen irritieren und durchaus die Fähigkeit zu komplexen (Nach-)Denken einfordern.

Ein großer Wert dieses Buches liegt denn auch darin, dass es dem Autor überzeugend und mit Leichtigkeit gelingt, eine Brücke zu schlagen zwischen traditionellen psychotherapeutischen Modellen und ressourcenorientierten systemischen Überlegungen.

Fazit

Dieses Fachbuch richtet sich an Angehörige von Berufsgruppen, die störendes Verhalten verstehen und mit Betroffenen nach alternativen Problemlösungen suchen wollen. Es impliziert das Bemühen um Verständnis des individuellen Sinns des Problemverhaltens für den Klienten bzw. Patienten.

Auch, oder gerade weil die Thematik des Fachbuches keine Neue ist, sind die Betrachtungen vor dem systemischen Hintergrund spannend und – speziell im Fachvokabular – durchaus überraschend und anregend. Es ist von daher ein modernes, kompaktes Fachbuch, das man möglichst genau dann hilfreich zur Hand haben sollte, wenn man der Gefahr gewahr wird, an die Grenzen der eigenen fachlichen Ressourcen zu geraten.


Rezensentin
Prof. Dr. Ines Herrmann
Dipl. Psych., Dipl. Päd., Systemische Familienberaterin und -therapeutin (DFS), Professorin für Methoden der Sozialen Arbeit / Schwerpunkt Beratung an der FH Erfurt
Homepage www.fh-erfurt.de/soz/so/lehrende/prof-dr-ines-herrmann


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Zitiervorschlag
Ines Herrmann. Rezension vom 26.04.2013 zu: Roland Schleiffer: Verhaltensstörungen. Sinn und Funktion. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2013. ISBN 978-3-89670-869-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14531.php, Datum des Zugriffs 16.01.2019.


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