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Daniel J. Siegel: Mindsight - Die neue Wissenschaft der persönlichen Transformation

Cover Daniel J. Siegel: Mindsight - Die neue Wissenschaft der persönlichen Transformation. Goldmann Verlag / Verlagsgruppe Random House (München) 2012. 448 Seiten. ISBN 978-3-442-22005-2. 21,99 EUR.

Vorwort von Daniel Goleman.
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Thema

Menschen haben die Fähigkeit zum Mindsight. Siegel bezeichnet damit eine konzentrierte Aufmerksamkeit, mit der es gelingen kann, sich des eigenen Geistes bewusst zu werden. Mindsight ermöglicht, Gefühle besser in den Griff zu bekommen anstatt davon mitgerissen zu werden. Siegel entwickelte Mindsight in seiner therapeutischen Arbeit und setzte dieses Vorgehen auf unterschiedliche Problemstellungen ein. Mindsight zu nutzen ist so, als bekäme man eine spezielle Brille, die erlaubt wie er sagt das „innere Meer“ deutlicher wahrzunehmen. Jeder Mensch kann durch Übung diese Brille aktivieren, und damit eingeschliffene Reaktionsmuster erkennen und daraus Handlungsweisen entwickeln.

Autor

Daniel J. Siegel lebt in LA. Er ist Professor für Psychiatrie an der School of Medicine der Universität von Kalifornien in Los Angeles und Direktor des Mindsight Institute. Seit über 25 Jahren erforscht er Möglichkeiten, Erkenntnisse der Hirnforschung therapeutisch nutzbar zu machen. Das Buch Mindsight ist die Quintessenz seiner Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 448 Seiten. Es enthält eine Vielzahl von Zeichnungen zur Erläuterung komplexer Sachverhalte. Siegel stellt seiner Erkenntnisse an Fallbeispielen vor. Das Buch gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil (120 Seiten) beschäftigt sich mit den Grundbegriffen und gibt dem Leser eine Einführung in die Hirnforschung. Im zweiten umfassenderen Teil des Buches wird die Kraft der Veränderungen durch das Mindsight in 8 Fallbeispielen erläutert. Ziel seiner therapeutischen Arbeit ist zur Gesundheit des Geistes und mehr Wohlbefinden beizutragen. Die einzelnen Kapitel enthalten Zwischenüberschriften, was Übersichtlichkeit schafft und das Querlesen erleichtert.

Teil I: Der Weg zum Wohlbefinden: Grundlagen von Mindsight

  • Kapitel 1 „Verletztes Gehirn, verlorene Seele. Neben dem Dreieck des Wohlbefindens lässt Siegel den Leser einen Blick ins Gehirn werfen und erklärt anhand eines vereinfachten Hirnmodells, welches sich in einer Hand abbildet, Teile des Gehirns.
  • Kapitel 2 „Das Pfannkuchendrama“. In diesem Kapitel beschreibt Siegel anhand eines Erlebnisses mit seinen Kindern die verlorene und wieder gefundene Mindsight. Auch dabei nimmt er Bezug auf das Gehirn und dessen Neuroplastizität.
  • Kapitel 3 „Raus aus der Ätherglocke“ befasst sich mit der Frage, wo sich der Geist befindet und wie die Resonanzschaltkreise funktionieren.
  • Kapitel 4 „Ein Singspiel“ entdeckt die Harmonie der Gesundheit und lenkt den Fokus weg von Krankheit.

Teil  II: Die Kraft zur Veränderung: Mindsight in Aktion.  Der zweite Teil ist der umfangreichere. Hier erläutert Siegel an weiteren Fallbeispielen seine Methode. Die Titel der Kapitel sind Spiegel der vorgestellten Fallbeispiele. Sie weisen auf die vorgestellten Problemfelder hin.

  • Kapitel 5 „Ein Geist auf der Achterbahn: die Nabe des Bewusstseins stärken“
  • Kapitel 6 „Ein halbes Gehirn versteckt sich:“ befasst sich mit dem „Ausgleich zwischen links und rechts“ (S.8)
  • Kapitel 7 „Vom Hals an abgetrennt: Geist und Körper wieder verbinden“
  • Kapitel 8 In der Vergangenheit gefangen: Erinnerungen, Trauma und Genesung“
  • Kapitel 9 „Einen Sinn im Leben finden: Bindungen und das Gehirn als Geschichtenerzähler“
  • Kapitel 10 „Unsere vielen Ichs:, Kontakt mit dem Wesenskern aufnehmen“
  • Kaptitel 11 „'Wir'-Neurobiologie“: Einander Fürsprecher sein“
  • Kapitel 12 „die Zeit und die Gezeiten: der Ungewissheit und der Sterblichkeit ins Auge blicken“

Das Buch endet mit dem Epilog: „Den Kreis ausdehnen, das Selbst erweitern“ und dem Anhang, in dem die 12 Grundprinzipien des Mindsight erläutert werden.

Mit dem Begriff Mindsight beschreibt Siegel eine Art mentaler Kompetenz, also der Fähigkeit zur Einsicht und zur Empathie, die sich ungeachtet frühkindlicher Erfahrungen bei jedem Menschen verfeinern lässt. Allein der Mensch kann den eigenen Geist kennen lernen und die Innenwelt anderer erspüren. Der Begriff Mindsight entstand in seiner Arbeit als Psychiater. Siegel suchte nach einem Begriff, um mit seinen Patienten über diese Gabe sprechen zu können und ihnen zu zeigen, dass es ihnen mit dieser Fähigkeit gelingt, nach innen zu sehen, also innere Abläufe des eigenen Geistes wahrzunehmen. Siegel folgt dabei der Annahme: Was man wahrnimmt, kann man auch gestalten. So ermöglicht die Mindsight-Fähigkeit Prozesse, Gedanken, Gefühle und Verhalten zu steuern, diese genau zu untersuchen und ihnen auf den Grund zu gehen. Der Mensch gibt sich dabei quasi eine Erlaubnis, innere Erfahrungen anders zu gestalten, umzulenken und wenn nötig Autor der eigenen Lebensgeschichte zu werden. Statt aus Angst Gedanken zu vermeiden wird der Geist neugierig und achtungsvoll betrachtet. Allein durch diese Erlaubnis, eigenen Gedanken und Gefühle ins Bewusstsein zu lassen, eröffnen sich Möglichkeiten aus denen heraus lernen und Veränderung möglich ist.

Siegel vergleicht die Fähigkeit zum Mindsight mit der Benutzung einer speziellen Brille. Mit dieser Brille erlangt die Person quasi einen siebten Sinn und kann deutlicher und schärfer wahrnehmen. Dank der modernen Neurowissenschaft wissen wir, dass das Gehirn nicht aufhört zu wachsen und auf Erfahrungen zu reagieren. Mindsight birgt damit das Potenzial, sich von geistigen Mustern zu befreien, die oft Hindernisse im Leben sind. Menschen, die traumatisiert sind, die Fähigkeiten durch einen Unfall verloren haben oder von alten Handlungsmustern blockiert werden brauchen Hilfe. Siegel zeigt, wie es gelingen kann selbst aktiv zu werden, statt passiv zu leiden. Durch diese Aktivität kann der Mensch eigene Potentiale erkennen und zielgerichtet nutzen zum Beispiel durch tägliches Tagebuch schreiben.

Allein das Aufschreiben von belastenden Dingen versetzt die Person in eine aktive Rolle, allein das Schreiben wirkt entlastend. Ein weiterer Schlüssel liegt in der Integration. Siegel entwickelte ein Integrationsmodell mit acht Kernfunktionen menschlicher Transformation: Bewusstseinsintegration, horizontale und vertikale Integration, die Integration der Erinnerungen, narrative Integration, Integration von Zuständen, zwischenmenschliche Integration und die zeitliche Integration (S. 121-127).

Diskussion

Für Siegel strebt jeder Mensch nach Gesundheit, kann jedoch von Erfahrungen gehemmt werden. Mindsight ist 1. erlernbar, kann 2. die physische Hirnstruktur verändern, denn das Gehirn wird durch gezieltes Wahrnehmen stimuliert, sodass es neue Verbindungen aufbaut. Es wird durch diese gezielte Aufmerksamkeit geformt. Bei der Förderung von Reflexionsfähigkeit und Mindsight werden die Schaltkreise aktiviert, die zu Elastizität (Resilienz) und Wohlbefinden führen. Diese neuen Strukturen können das ganze Leben geschaffen werden. 3. entsteht Wohlbefinden, wenn wir Verbindungen im Leben knüpfen: wenn wir lernen, Mindsight zur Unterstützung des Gehirns zu nutzen, um Integration zu erreichen und aufrechtzuerhalten, ein Prozess, bei dem sich verschiedene Elemente zu einem funktionierenden Ganzen verbinden. Seine Fallbeispiele haben mich beeindruckt. Jedes Beispiel macht deutlich, dass Menschen aktiv werden können statt passiv von Gefühlen und Erleben überrollt zu werden. Der Mensch wird gestärkt, das was da ist anzunehmen. Er wird animiert seine Aufmerksamkeit nach innen zu lenken, zu beobachten und innere Prozesse, Gedanken, Gefühle und Verhalten wahrzunehmen. Allein diese Beobachtung und Achtsamkeit ist Teil der Lösung, denn diese gerichtete Aufmerksamkeit lässt den Menschen erleben, dass es möglich ist, einen Unterschied zu machen.

Fazit

Das Buch ist äußerst lesenswert. Im ersten Kapitel geht es um Gehirnfunktionen, die nachvollziehbar erklärt werden. Dank der Hirnforschung ist belegt, dass das Gehirn nicht statisch ist, sondern von uns beeinflusst werden kann. Vernetzungen entstehen dort, wo die Aufmerksamkeit hingeht, d.h. indem wir unseren Geist lenken können wir Erfahrungen verändern. Im zweiten Kapitel werden diese Erkenntnisse anhand praktischer Fallbeispiele vertieft. Mindsight ist wie ein Navigationssystem, das hilft sich seiner Emotionen und der andere Menschen klar zu werden. Siegel bezeichnet Mindsight als Weg der persönlichen Transformation. Sie kann helfen einen Umgang mit Traumata zu finden, Blockaden aufzulösen, Depressionen oder Ängste zu überwinden und im Hier und Jetzt glücklicher leben zu können. Mit Mindsight erhält der Mensch aktive Möglichkeiten, Abläufe im eigenen Inneren wahrzunehmen, sie anzunehmen, durch dieses Annehmen auch Dinge loslassen zu können und schließlich zu verändern. Mit Mindsight kann es gelingen, Emotionen und Erfahrungen zu bändigen statt diese zu verdrängen oder davon überflutet zu werden.


Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 21.05.2013 zu: Daniel J. Siegel: Mindsight - Die neue Wissenschaft der persönlichen Transformation. Goldmann Verlag / Verlagsgruppe Random House (München) 2012. ISBN 978-3-442-22005-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14541.php, Datum des Zugriffs 24.01.2022.


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