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Frank Dammasch, Martin Teising (Hrsg.): Das modernisierte Kind

Cover Frank Dammasch, Martin Teising (Hrsg.): Das modernisierte Kind. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2013. 200 Seiten. ISBN 978-3-86099-902-8. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Kindheit: Schutz-, Kampf- oder Erprobungsraum für Identität?

Klagen und Warnungen von Erwachsenen über scheinbar aus dem Ruder laufende Entwicklungen und Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen sind bekannt. Dabei steht immer im Mittelpunkt die Überzeugung, dass Kindheit – im übrigen bei der Betrachtung der menschlichen Entwicklung eine ziemlich neue Sichtweise – eine Werdensstufe hin zum Erwachsenensein darstellt; was bedeutet, dass das Kind auf diesem Weg Fürsorge, Leitung, Führung und Erziehung bedarf. Das Bild vom Educandor, dem Erzieher und Verantwortlichen und vom Educandus, dem Zögling, Schützling und Abhängigen, bestimmt den Diskurs, wie er sich in der Pädagogik wie in der Erziehungspraxis darstellt (Alex Aßmann, Erziehung als Zumutung und Emanzipationsvorhaben, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/13846.php). Die Argumente von Erziehungswissenschaftlern, Sozialpädagogen, Psychologen, Psychotherapeuten, Soziologen und sogar Kriminologen fokussieren dabei in der klassischen Frage: „Führen oder Wachsen lassen“ (Theodor Litt). Wohlgemeinte, nicht immer treffende oder falsch zu verstehende Ratschläge (wie etwa: Achim Schad, Kinder brauchen mehr als Liebe. Klarheit, Grenzen, Konsequenzen, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/8966.php) konkurrieren mit durchaus relevanten Vorstellungen (etwa: Herbert Renz-Polster, Menschenkinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11729.php). Dass es in diesem Beziehungsgefüge von Erwachsenen und Heranwachsenden immer darum gehen muss, Traditionen und Entwicklungen zu beachten (Hermann Mückler / Gerald Faschingeder, Hrsg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12770.php), ist selbstverständlich. Denn: Generationenverhältnisse wandeln sich, und die Frage – Wie erziehen wir unsere Kinder heute? – stellt sich immer neu (Rudolf Dreikurs / Vicki Soltz, Kinder fordern uns heraus. Wie erziehen wir sie zeitgemäß? 2008, www.socialnet.de/rezensionen/5966.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Die Feststellung, dass in unserer sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt vermeintliche, liebgewonnene wie belastende „Gewissheiten“ nicht mehr gelten und es notwendig ist, individuell und gesellschaftlich global denken und lokal handeln zu lernen, gilt mittlerweile als eine weitgehend akzeptierte Erkenntnis. Dass sich in diesen Veränderungsprozessen Irritationen wie auch Fehlentwicklungen im menschlichen Zusammenleben ergeben, lässt sich als Folge daraus ableiten. In zahlreichen Analysen und Forschungsergebnissen zeigen sich ganz unterschiedliche Folgen bei der Entwicklung von Heranwachsenden (Sabine Kurtenbach / Rüdiger Blumör / Sebastian Huhn , Hrsg., Jugendliche in gewaltsamen Lebenswelten. Wege aus den Kreisläufen der Gewalt, www.socialnet.de/rezensionen/10408.php; Christin Voß, Kindersoldat(inn)en. Ein Phänomen der Gegenwart und Zukunft?!, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12237.php; Jörg Knobloch, Hrsg., Kinder- und Jugendliteratur in einer globalisierten Welt. Chancen und Risiken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12478.php; Sibylle Picot, Jugend in der Zivilgesellschaft. Freiwilliges Engagement Jugendlicher im Wandel, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14119.php). Eltern, ErzieherInnen in den Kitas, LehrerInnen in den Schulen stellen fest, dass bei Kindern Verhaltensweisen auftreten, die sich in Konzentrationsschwäche, Hyperaktivität und anderen Formen zeigen und eine „normale“ Entwicklung und Identitätsbildung erschweren. Über Ursachen und Folgen wird dabei kontrovers diskutiert.

Es ist nichts Außergewöhnliches, dass die Entwicklung von Kindern in einer Gesellschaft von den dort vorherrschenden Kulturen, Strukturen, Traditionen, Sitten, Gebräuchen und Verfasstheiten abhängt. Gesellschaftliche Wandlungen vollziehen und wirken sich also für alle Mitglieder der jeweiligen Gesellschaft aus, positiv und negativ. Nicht selten sind Kinder und Jugendliche sogar Anzeiger und Signalgeber, wenn Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden. Dass dabei oft Erwachsene Schwierigkeiten haben, dies zu akzeptieren, liegt auf der Hand und bildet die Grundlage (auch) für Generationenkonflikte. Eine wissenschaftliche, interdisziplinäre Auseinandersetzung über die beobachtbaren Entwicklungen und Symptome von Kindern und Jugendlichen auf die Situationen und Veränderungen in der globalen Moderne ist ohne Zweifel notwendig und hilfreich, soll ein friedliches, demokratisches, partizipatives, soziales, gerechtes und emanzipatorisches Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft zustande kommen.

Die Herausgeber, der Frankfurter Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut und Hochschullehrer Frank Dammasch und der Bad Hersfelder Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Präsident der Berliner International Psychoanalytic University, Martin Teising legen den Sammelband „Das modernisierte Kind“ vor. Sowohl Dammasch (siehe dazu u. a. Frank Dammasch, Hrsg., Jungen in der Krise. Das schwache Geschlecht, 2007, www.socialnet.de/rezensionen/5576.php), als auch Teising haben sich bereits mehrfach zur Thematik in den wissenschaftlichen Diskurs eingeschaltet. Mit dem Sammelband gelingt es ihnen, neun Expertinnen und Experten zu wichtigen Fragen der Generationenverhältnisse im Bezug zum Kinder- und Jugendlichenleben zu Wort kommen zu lassen. Die theoretischen, therapeutischen, lebenspraktischen Reflexionen, Studien und Forschungsergebnisse tragen ohne Zweifel dazu bei, die vielfältigen, positiven und problematischen Entwicklungen des lokal- und globalgesellschaftlichen sozialen und technischen Wandels in der Moderne bei Kindern und Jugendlichen erkennen und verstehen zu lernen.

Aufbau und Inhalt

Frank Dammasch stellt in seinem Beitrag „Das Kind in der Moderne“ sozialpsychologische und psychoanalytische Fragen zur Diskussion. Er setzt sich mit den Modernisierungstendenzen auseinander, wie sie sich durch die individuellen, familialen und gesellschaftlichen Veränderungsprozesse in der Neuzeit ergeben und verdeutlicht die auftretenden Störungen und Irritationen an einem Fallbeispiel aus seiner Behandlungspraxis: „Die beschleunigte Bildungseuphorie und die Selbständigkeitsbetonung der Moderne, die in ökonomischer Perspektivenverengung tendenziell die Notwendigkeit emotionaler Abhängigkeitsbeziehungen verleugnet, sind mit den Bedürfnissen und dem eigenen Rhythmus gesunder kindlicher Entwicklung auf Dauer nicht in Übereinstimmung zu bringen“.

Die Hamburger Soziologin Vera King weist in ihrem Beitrag „Optimierte Kindheiten“ auf Widersprüche hin, die sich zum einen durch das Bestreben von Eltern ergeben, durch familiale Fürsorge für ihre Kinder höchstmögliche (materielle) Voraussetzungen zu schaffen, die zum anderen durch gesamtgesellschaftliche Erwartungen noch verstärkt werden. Der daraus entstehende Leistungs- und Optimierungsdruck führt zu Symptomen von Überforderung, Erschöpfung, Defizitgefühlen bei den Kindern (und Eltern) und zur Paradoxie, „dass auf der einen Seite ein gesellschaftliches Ideal der Flexibilität und Mobilität eine souveräne Trennungskompetenz, Autonomie und Bildungsfähigkeit erfordert oder auch zu suggerieren vorgibt, dass auf der anderen Seite jedoch …auf der Ebene der sorgenden Generationsbeziehungen … die Bedingungen ihrer Ermöglichung … labilisiert werden“.

Der Heidelberger Erziehungswissenschaftler Rolf Göppel stellt mit seinem Beitrag die Frage: „Haben Kinder und Jugendliche heute größere emotionale Defizite und psychosoziale Störungen als früher?“. Anhand eines psychologischen Risikomodells und im Vergleich mit verschiedenen Entwicklungsvariablen bringt er die Veränderungen elterlicher Erziehungsziele und gesellschaftlicher Prozesse in Beziehung zu vorfindbaren emotionalen Defiziten und psychosozialen Störungen von Kindern und kommt zu einer eher nüchternen, entdramatisierenden und vorsichtig fortschrittsoptimistischen Position, ohne freilich einer unangemessenen, beschwichtigenden und verharmlosenden Betrachtung der durchaus veränderten Problembereiche das Wort zu reden.

Der Tübinger Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Michael Günter greift in seinem Beitrag „Das Spiel in der virtuellen Welt“ in die kontroverse Diskussion um elektronische Spiele und ihre Wirkungen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ein und zeigt an mehreren Fallbeispielen die unterschiedlichen Motive und Assoziationen bei der Bewertung von Aktionen und Reaktionen auf, bis hin zu Aspekten der Verwendung von elektronischen Medien in der Therapie von Kindern und Jugendlichen (vgl. dazu auch: Regine Strätling, Hrsg., Spielformen des Selbst. Das Spiel zwischen Subjektivität, Kunst und Alltagspraxis, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13887.php).

Die Hamburger Psychoanalytikerin Ann Kathrin Scheerer setzt sich in ihrem Beitrag „ Das modernisierte Krippenkind“ mit den Heilsversprechungen und ihrer Meinung nach falschen Emanzipations- und Entwicklungserwartungen bei der kollektiven Krippenbetreuung auseinander. Sie sieht in der Überbetonung der kognitiven Frühförderung in den Kitas und in der vernachlässigten Empathie Risikofaktoren für eine stabile seelische Entwicklung der Kinder.

Der Bielefelder Kinder- und Jugendarzt Rainer Böhm diskutiert „neurobiologische Aspekte der Kleinkindbetreuung“, indem er sich mit dem Zusammenhang von Bindung und seelischer Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auseinandersetzt. Er plädiert dafür, unsere gesellschaftlichen Leitbilder von Leistung, Effizienz und Wachstum auf die Notwendigkeit zur Schaffung von kindlichem Wohlbefinden hin zu überprüfen: „Schutz, Sicherheit und Geborgenheit sind evolutionäre Grundbedürfnisse des menschlichen Säuglings- und Kleinkinds, die durch eine oder wenige vertraute Bindungspersonen gewährleistet werden“.

Die Frankfurter analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Ellen Lang-Langer weist mit dem Fallbeispiel der Behandlung eines siebenjährigen Jungen mit früher Krippenerfahrung auf Probleme hin, die sich in der Therapie als „böses Objekt“ darstellen. Die dargestellten, vielfältigen Therapie- und Lösungsansätze zeigen Möglichkeiten auf, wie problematische und bedrohliche Entwicklungen aufgehalten und zurechtgerückt werden können.

Iris Nikulka bezieht sich in ihrem Beitrag „Weibliche Sexualität in der Adoleszenz heute“ auf Aspekte, wie sie sich im Spannungsfeld von Hysterie, Chirurgie und Pornografie ergeben. In einer ausführlichen Beschreibung eines Fallbeispiels zeigt sie Therapieversuche auf, thematisiert Scheitern und Erfolgsansätze und verweist auf traumatische, sadomasochistische und sexuelle Probleme, die es der Probandin verwehren, eine positive Entwicklung ihrer Sexualität und Identität zu erringen.

Die Berliner Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Gertrud Hardtmann, thematisiert das Spannungsfeld von Anpassung und Widerstand in der Erziehung, indem sie auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Generationen verweist. Dabei werden Widersprüche, Erwartungshaltungen und „moderne“ Einstellungen von Eltern und der Gesellschaft deutlich, die nicht dem Kindeswohl dienlich sind, sondern sich in nicht kindgemäßen Symptomen zeigen und psychosoziale und entwicklungspsychologische Reaktionen erzeugen.

Der Pädagoge und Psychotherapeut Jochen Raue beschließt den Sammelband, indem er am Beispiel von Handy-Abhängigkeiten und -Benutzung bei Kindern und Jugendlichen Aspekte aufzeigt, welche Rolle Triebwünsche, Versagensängste, Einsamkeits- und Verlustvorstellungen dabei spielen. Die Auswirkungen auf Identitäts- und Persönlichkeitsfindung wirken dabei kontraproduktiv zu den Vorstellungen, dass das Handy (als Exempel) „ein Symbol von Freiheit und Unabhängigkeit“ sei.

Fazit

Die unterschiedlichen, auch kontroversen Aspekte darüber, wie das „modernisierte Kind“ sich individuell, familial und in gesellschaftlichen Einrichtungen in der Moderne darstellt, lassen sich als eine Bestandsaufnahme von Entwicklungen lesen, die nicht einfach als gegeben hingenommen werden sollten. Es sind Herausforderungen, die der Aufmerksamkeit von Eltern, ErzieherInnen und gesellschaftlich Beteiligten bedürfen, damit sich bei Kindern und Jugendlichen erfolgreiche, lebens- und gemeinschaftsfähige Identitätsentwürfe entwickeln können.

Wichtig dazu ist nicht der ökonomische und kapitalistische Verwertbarkeitsaspekt, sondern eine für das Wohl des Kindes verstandene Hinwendung, die nicht mehr und nicht weniger bedarf als: Liebe! (vgl. dazu auch: Richard David Precht, Liebe. Ein unordentliches Gefühl, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9461.php).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.06.2013 zu: Frank Dammasch, Martin Teising (Hrsg.): Das modernisierte Kind. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2013. ISBN 978-3-86099-902-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14552.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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