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Sabine Maasen, Mario Kaiser u.a. (Hrsg.): Handbuch Wissenschaftssoziologie

Cover Sabine Maasen, Mario Kaiser, Martin Reinhart, Barbara Sutter (Hrsg.): Handbuch Wissenschaftssoziologie. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. 496 Seiten. ISBN 978-3-531-17443-3. 49,95 EUR.
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Thema

Wissen und die Reflexion auf dessen Entstehung, Verteilung und Wirkung werden in heutigen Gesellschaften immer bedeutsamer. Kurzum: Wir leben in einer Wissenschaftsgesellschaft. Zeitgleich, erst seit einigen wenigen Jahrzehnten wirklich, schickt sich die Wissenschaftssoziologie an, sich in der deutschsprachigen Soziologie zu etablieren. Auch wissenschaftliches Wissen unterliegt, so die neue Erkenntnis, sozialen Einflüssen. Neuerdings wird der Wissenschaftssoziologie auch gesellschaftsdiagnostisches Potenzial zugebilligt.

Herausgeber und Herausgeberinnen

Sabine Maasen ist Professorin für Wissenschaftsforschung/Wissenschaftssoziologie an der Universität Basel.

Mario Kaiser ist wissenschaftlicher Assistent am Programm Wissenschaftsforschung der Universität Basel.

Martin Reinhart ist Juniorprofessor für Wissenschaftssoziologie an der Humboldt-Universität und am Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung in Berlin.

Barbara Sutter ist wissenschaftliche Assistentin am Programm Wissenschaftsforschung der Universität Basel.

Aufbau

Auf das Vorwort der Herausgeberschaft folgen fünf Kapitel zu folgenden Themen:

  1. Dynamiken und Differenzierungen
  2. Theorien und Programme
  3. Konjunktionen und Distinktionen
  4. Themen und Trends
  5. Diagnosen und Desiderata

Ein kurzer Epilog rundet diese Kapitel ab. Am Schluss platziert sind Verzeichnisse zu Literatur, Personen und Stichworten sowie ein Boxen-, Abbildungs- und Tabellenverzeichnis.

Inhalt

Im Vorwort nennt die Herausgeberschaft gleich die beiden möglichen Gruppen von Interessierten: die Novizen einerseits, die Virtuosen andererseits. Ersteren soll eine Kartierung, letzteren Dekonstruktion geboten werden. Dass die Wissenssoziologie Wissen wissenschaftlicher Herkunft lange Zeit nicht zu ihrem Gegenstand machte, liegt daran, dass sie dieses für wenig sozial beeinflusst hielt. Spätestens seit Robert K. Merton untersucht die Soziologie jedoch das Verhältnis von epistemischer und sozialer Ordnung und fragt sich, wie Erzeugung, Verbreitung und Geltung gesicherten Wissens möglich seien. Die frühe, sogenannte institutionalistische Wissenschaftssoziologie beobachtet zunächst nur Genese und Struktur der Wissenschaft. In den 1970er Jahren wird sie ergänzt um eine Perspektive, die wissenschaftliches Wissen selber durch soziale Faktoren erklärt. Gleichzeitig verschiebt sich das Interesse von der Makroebene, zum Beispiel der Demokratie-Abhängigkeit, auf die Mikroebene lokaler Arbeits- und Kommunikationsprozesse etwa im Labor. Ab Mitte der 1980er Jahre wird nicht mehr nur diese Mikro-Makro-Unterscheidung thematisiert, sondern auch jene zwischen sozial und technisch: Inwiefern sind auch technische Artefakte handlungsfähig? Gegenwärtig kooperiert die Wissenschaftssoziologie mit der Wissenschaftsgeschichte und der Wissenschaftsphilosophie und erfahren die Technowissenschaften besondere Beachtung, da die Grenzen zwischen Physischem und Nicht-Physischem wie zum Beispiel in der Biotechnologie immer mehr verwischen: „Technowissenschaften reorganisieren Epistemisches (primäre Orientierung auf engineering statt auf ‚Wahrheit‘) ebenso wie Ontologisches (primäre Orientierung auf Hybriditäten statt auf strikte Separierung von Technischem und Organischem), aber auch die Gesellschaft, die vermehrt als von Cyborgs bevölkerte Technowissenschaftskultur beschrieben wird“ (S. 10f.). Laut der Herausgeberschaft leben wir denn in einer „Technowissenschaftsgesellschaft“. Die Dekonstruktion im vorliegenden Handbuch setzt nun da ein, wo sie verweigert, Erwartungen an ein „lineares, gar homogenisierbares Narrativ“ zu erfüllen. Das heisst, dass in den Beiträgen abhängig vom thematischen oder theoretischen Kontext „ganz verschiedene Genealogien wissenschaftssoziologischer Problematisierungen rekonstruiert, ganz verschiedene disziplinäre Kooperationen für relevant erachtet, ganz verschiedene Analyseebenen (soziale, epistemische, institutionelle) angewählt oder kombiniert werden“ (S. 11).

Kapitel I ist dreigeteilt und verfolgt die Geschichte von den in sie Eingegangenen wie den Übergangenen über die disziplinäre Festigung hin zum Aufbruch in neue Richtungen: Unter „Präformierungen“ werden die Wissenssoziologie und die Wissenschaftssoziologie ex ante abgehandelt, unter „Institutionalisierungen“ das materialistische, sodann das institutionalistische und schliesslich das historisch-epistemologische Programm. Unter dem dritten Untertitel, „Diversifizierungen“, folgen drei Wenden: die Kuhn´sche, die konstruktivistische sowie die diskursanalytische.

Kapitel II ergänzt die diachrone Perspektive des ersten Kapitels um eine synchrone. Es geht der Frage nach, wie sich der Zugriff der Wissenschaftssoziologie auf die Wissenschaft genau gestaltet. Es geht um die Besonderheiten wissenschaftlichen Wissens wie wissenschaftlicher Praktiken, Kooperationen, Organisationen und Regeln. Wissenschaft wird als soziale sowie epistemische Ordnung zugleich in den Blick genommen. Allerdings fokussiert die erste Gruppe hiesiger Beiträge auf den sozialen und die zweite Gruppe auf den epistemischen Aspekt. So kommt einerseits Wissenschaft als gesellschaftliches Teilsystem oder Feld zur Sprache, und es werden Organisationen, wissenschaftliche Gemeinschaften und auch der Genderaspekt erläutert. Andererseits werden Kulturen, Netzwerke, Dinge und Rhetoriken der Wissenschaft dargestellt.

Kapitel III geht zweierlei nach: den „Nachbarschaften“ mit der Wissenschaftsphilosophie, Wissenschaftsgeschichte und Techniksoziologie – alle vereint unter dem Dach der angelsächsischen Science & Technology Studies – sowie den „Freundschaften“ mit der Hochschulforschung und der Evaluationsforschung. Allen gemein ist das Interesse an der Reflexion der Wissenschaft. Angesichts dieser Partnerinnen und Konkurrentinnen wird Wissenschaftssoziologie auch zur Arbeit an Grenzen.

In Kapitel IV wird zunächst über die Bedeutung der Technowissenschaften nachgedacht. Sie stehen für Entgrenzungen, beispielsweise zwischen Wissenschaft und Technik, Wissenschaft und Industrie oder Produzierenden und Konsumierenden von Wissen. Und auf die Technowissenschaften werden neue Trends zugerechnet wie: die Abkehr von den Objekten der Wissenschaft und die Hinwendung zu Dingen der Technowissenschaften; nicht mehr nur Repräsentation, sondern auch Koproduktion von Gegenständen in der wissenschaftlichen Darstellung; Risiko und Nichtwissen als neue Wissensarten; Projekte und Vernetzungen als neue Arbeitsweisen. Nochmals vier weitere Beiträge vollziehen Entwicklungen in unterschiedlichen Lebensbereichen nach: von Steuerung über Governance zu Regulierung (Politik), von Popularisierung zu Medialisierung (Massenmedien), von Entdeckung zu Innovation (Wirtschaft) und von Information zu Partizipation (Öffentlichkeit).

In Kapitel V wird zuerst das zeitdiagnostische Potenzial der Wissenschaftssoziologie geprüft: Die Regulation der Gegenwart wird immer mehr über die Abschätzung technologischer Zukunft organisiert; kybernetisches Denken durchdringt alle Lebensbereiche, wir leben in einer „Technowissenschaftskultur“; und wissenschafts- und technologiegestützte Optimierungsvorhaben beeinflussen die Gestaltungschancen und Gestaltungszwänge der Menschen. Zum Schluss wird ein Wunsch laut, jener nach einer Wissenschaftssoziologie der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften, mithin der Soziologie.

Der Epilog greift die Forderung nach einer Wissenschaftssoziologie der Wissenschaftssoziologie auf und erörtert abschliessend den „neuen Stil intellektueller Arbeit“. „In diesem Sinne ist Wissenschaftssoziologie Teil einer diskursiven Formation demokratisierter intellektueller Arbeit, die man mit Pierre Bourdieu als think tank von Individuen, Institutionen und Settings betrachten kann, die, wenngleich zumeist in nicht-koordinierter Weise, doch alle damit beschäftigt sind, die Interaktion von (Techno-)Wissenschaft und Gesellschaft sowie deren unvorhersehbare Effekte zu analysieren und für spezifische Zwecke Deutungsangebote zu unterbreiten. Damit beteiligt sie sich zugleich daran, für spezifische Zwecke Interventionsangebote zu unterbreiten“ (S. 445). Im Anschluss an Foucault wird zuletzt Aufklärung als Macht-Wissens-Praktik dargestellt und die Frage aufgeworfen: „Auf welche Weise entfalten deren Machtwirkungen Wahrheitseffekte und deren Wahrheitseffekte Zwangswirkungen?“ (S. 446). Hier werde man auf ambivalente Verhältnisse stossen, meint die Herausgeberschaft und beendet das Handbuch mit folgendem Satz: „Eine Wissenschaftssoziologie der Institutionen, Praktiken und Diskurse gegenwärtiger Reflexion auf Wissenschaft und Technologie müsste sich selbst in diesem Kontext reflektieren und von dort aus die Spezifika ihrer Aktivitäten und Effekte auf Wissenschaft und Gesellschaft bestimmen“ (S. 446).

Diskussion

Viel formaler wie sprachlicher Gestaltungswille ist in diesem Handbuch spürbar und dient der Klarheit in einem doch recht unübersichtlichen Gebiet. So können Lesende sehr gezielt auf Interessierendes zugreifen, aber auch das Bedürfnis nach Überblicksinformation stillen. Eine enorme Fülle wissenschaftssoziologischer Fragen wird thematisiert und sehr zufriedenstellend beantwortet.

Fazit

Tatsächlich eignet sich das Handbuch, wie es die Herausgeberschaft ankündigt, für „Novizen“ wie „Virtuosen“. Die Beiträge sind kenntnisreich verfasst. Getrübt wird der positive Gesamteindruck durch die zuweilen sehr schwerfällige Sprache.


Rezensent
Prof. Dr. Gregor Husi
Professor an der Hochschule Luzern (Schweiz). Ko-Autor von „Der Geist des Demokratismus – Modernisierung als Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit“. Aktuelle Publikation (zusammen mit Simone Villiger): „Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziokulturelle Animation“ (http://interact.hslu.ch)
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Zitiervorschlag
Gregor Husi. Rezension vom 13.11.2013 zu: Sabine Maasen, Mario Kaiser, Martin Reinhart, Barbara Sutter (Hrsg.): Handbuch Wissenschaftssoziologie. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-17443-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14559.php, Datum des Zugriffs 19.07.2019.


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