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Dieter Korczak (Hrsg.): Ambivalenzerfahrungen

Cover Dieter Korczak (Hrsg.): Ambivalenzerfahrungen. Asanger Verlag (Kröning) 2012. 168 Seiten. ISBN 978-3-89334-576-2. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema

In diesem Sammelwerk geht es um Beschreibungen und Analysen von Ambivalenzerfahrungen aus unterschiedlichen Zugängen und aus Sicht verschiedener fachdisziplinärer Perspektiven, in denen Konzepte von Ambivalenz dargestellt werden.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist ein Tagungsband, dessen Beiträge auf der Tagung „Das Leben in der Ambivalenz“ basieren, die im September 2011 von der Interdisziplinären Studiengesellschaft (ISG) in Nürnberg durchgeführt wurde. Diese Gesellschaft wurde 1947 (damals noch Praktische Psychologie genannt) vom Psychiater Gustav Störring gegründet. Seit 1997 ist der Soziologe Dieter Korczak der Vorsitzende. Die ISG versteht sich als Ort, in dem übergreifender Wissenstransfer gepflegt wird, und als „Transmissionsriemen zwischen der akademischen Welt und der praktischen Lebenswelt. (.) Das Engagement für Toleranz, Pluralität und Humanität soll gestärkt und die öffentliche Meinungsbildung angeregt werden.“ (165). Insgesamt wurden von der ISG bereits 33 solcher interdisziplinär angelegten Themen-Bände mit Beiträgen aus der Psychologie, Soziologie, Medizin, Pädagogik, Philosophie, Natur-, Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften, Recht, Technik und Kunst veröffentlicht.

Herausgeber

Dieter Korczak verantwortet seit 2001 die Edition der Interdisziplinären Schriftenreihe und ist der Herausgeber von 13 Bänden der ISG. Er leitet darüber hinaus ein sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut in München.

Aufbau

Auf ein im Sinne der ISG verbindendes Vorwort des Herausgebers folgen die neun, sehr unterschiedlich angelegten Beiträge von AutorInnen verschiedener disziplinärer Herkunft. Jeder Beitrag entwickelt somit einen eigenen Zugang zum Thema Ambivalenz. Vertreten sind vor allem die Sichtweisen der Psychologie, der Literatur, sowie der Politik.

Inhalte

Im Folgenden werden die inhaltlich sehr unterschiedlich gelagerten Texte und ihre Aussagen im Hinblick auf den verbindenden Begriff der Ambivalenz kurz inhaltlich vorgestellt, um die Bandbreite der Zugänge und Themen sichtbar zu machen.

Dieter Korczak leitet mit einer kurzen alltagssprachlichen und historischen Konzeptualisierung in das Thema Ambivalenz ein: Ambivalenz passiert demnach dann, wenn Menschen in Entscheidungsprozessen im Fühlen, Denken, Wollen und Beurteilen „hin und her pendeln, schwanken, oszillieren“ (7). In der psychologischen Theorie wird das Thema Ambivalenz 1911 erstmal von Bleuler thematisiert und von Jung aufgegriffen. Zusammenfassend beschreibt er sein Verständnis von Ambivalenz als „Einheit von Gegensätzen ohne Synthese“ (7).

Damit leitet er über zu den Texten.

Kurt Lüscher ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Konstanz, der sich seit langem intensiv mit wissenssoziologischen Aspekten des Konzeptes der Ambivalenz auseinandersetzt. Sein Fokus im Artikel mit dem Titel Menschen als „homines ambivalentes“ liegt auf der Frage, welche Bedeutung der Begriff der Ambivalenz in der Psychoanalyse, der Soziologie und in der Literatur hat. Nach einem Abriss einer gut hundertjährigen Begriffsgeschichte in Psychiatrie, Psychoanalyse, Sozial- und Kulturwissenschaften, wie auch in der Literatur am Beispiel von Musil, dessen Werke Lehrstücke über Ambivalenzen sind, entwickelt Lüscher eine Definition aus wissenssoziologischer Sicht, das er in einem Schaubild zusammenfasst, in dessen Mittelpunkt ein dynamisches Verständnis von Identität als zentralem Ort von Ambivalenz steht. Diesen eher theoretischen Aussagen lässt er eine Diskussion zum Thema Ambivalenz – verstanden als Prozess des Entscheidens und Entscheiden müssens - das praktische Beispiel der Generationenambivalenz folgen. Lüscher betont die Notwendigkeit der Ambivalenz als komplementäres Gegenstück zur Rationalität der „Nutzenmaximierung“ (28). Verschiedene Dimensionen bedingen die menschliche Existenz, sie ist geprägt von Abhängigkeit, wie auch Freiheit. So schließt er auch: „Leben in der Ambivalenz verweist auf Leben in der Freiheit und umgekehrt: Leben mit Ambivalenzen ist eine notwendige Bedingung von Freiheit!“ (30).

Der Chemiker Anton Lerf lehrt als Professor an der TU München und ist im Beirat des ISG tätig. In seinem Beitrag zur Ambivalenz des (technischen) Fortschritts diskutiert er anhand diverser Beispiele, welche Begleiterscheinungen und Ambivalenzen sich aus jeglichem Fortschritt entwickeln können. Nach einer etymologischen Betrachtung des Wortes Fortschritt geht er auf das Konzept des Philosphen Lukrez (97-55 v. Chr.) ein, das ein erstaunlich modernes und kritisches Verständnis des Fortschrittes – vor allem im Hinblick auf Ambivalenz – beinhaltet: „Alle neuen Errungenschaften bringen auch neue Gefahren und Übel mit sich“ (49). Diese Aussage zeigt sich aus Sicht Lerfs bis heute in vielerlei scheinbar innovativen Errungenschaften. Anhand vieler Beispiele stellt er diese Ambivalenzen des Fortschritts dar, z.B. im Hinblick auf Rückwirkungen technischer Errungenschaften auf die Gesellschaft, Unfälle, Kollateralschäden, sowie unerwünschte und unbeabsichtigte Begleiterscheinungen technischer Neuerungen bei bestimmungsgemäßem Gebrauch. Abschließend verweist er auf die Systemtheorie Bertalaffnys, die dazu führte, eine sog. Resilienzdenken für die Ökologie und Systemanalysen zu entwickeln, das hilfreich ist, um kritische Umkipppunkte stabiler Systeme zu erkennen und damit einen Beitrag zur Bewusstseinsbildung hinsichtlich der unauflösbaren Ambivalenz des technischen Fortschritts zu ermöglichen – denn nichts anderes ist möglich.

Ulrich Bartosch, der Professor für Pädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ist, setzt sich in einem ganz anders gelagerten Zugang in seinem Beitrag Wissenschaft als Zierrat. Zur öffentlichen Wahrnehmung wissenschaftlicher Verantwortung nach dem Fall von (Dr.) zu G. mit dem Thema Ambivalenz auseinander. Anhand von Presseberichten und Verlautbarungen zeichnet er den Aufstieg und Fall des Freiherrn zu Guttenberg nach. Dessen Agieren in den Feldern der Wissenschaft und Politik betrachtet er unter dem Aspekt, inwiefern dort jeweils welche Ambivalenzen möglich sind und wie bewertet werden: in der Politik gehört das Leben von und in Ambivalenzen, verstanden als Unschärfe zwischen ‚richtig‘ und ‚falsch‘, quasi zur Normalität. In der Wissenschaft werden in dieser Hinsicht ganz andere Ansprüche gestellt, auf was bereits Max Weber mit seiner Verantwortungsethik hingewiesen hat. In diesem Gestrüpp hat sich der Freiherr zu Guttenberg nicht zuletzt mit seiner wissenschaftlich nicht redlich erarbeiteten Doktorarbeit verstrickt. Auf diese Ambivalenz zielt die Argumentation von Bartosch, wie auch darauf, dass an diesem ‚Fall‘ die zeitgenössische moralische Ambivalenz der Betrachtung von Guttenberg von außen gut erkennbar ist.

Der Beitrag von Prof. Dr. Holger Schulze, der am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin lehrt, und den Titel Phantasmen der Perfektion. Eine Pathologie des Normalismus trägt, setzt sich mit einem wahnhaft übersteigerten Normalitätsverständnis kritisch auseinander, in dessen Mittelpunkt der Begriff der Leistung steht. Ambivalenz entsteht dadurch, dass vor allem Menschen mit hohem Leistungs- und Perfektionsanspruch eine große Angst vor offenen Entwicklungen entwickeln. Dabei ist – so Schulze – Perfektion nichts als ein Phantasma, ein irreales phantastisches Gebilde, das nie wirklich Erfüllung bietet.

An einem ähnlichen Punkt im Hinblick auf die Arbeitswelt und deren Leistungsanforderungen setzt der Text von Stephan Siemens an. Der Kölner Philosoph arbeitet seit Jahren an Fragen der Arbeitsorganisation und ihren Auswirkungen auf den Menschen. Anhand des bekannten Satzes Der Geist ist willig, aber das Fleisch schwach, der auch die Überschrift seines Beitrags ist, zeigt er auf, wie ambivalent Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung – hier vor allem aus dem Feld der Psychologie und der Psychoanalyse – genutzt werden: zum einen, um Ansätze zu Heilung von Belastungen von Arbeitnehmern in einer Leistungsgesellschaft zu entwickeln. Andererseits dienen genau die gleichen Wissensbestände dazu, die Produktivität und Profiabilität von Unternehmen immer mehr zu steigern – was wiederum Burnout fördert.

Einen weiteren, ganz anderen Aspekt von Ambivalenz stellt der Opernsänger und Filmemacher Selcuk Cara in seinem Text Die individuelle Verarbeitung der Wirklichkeit eines Lebens in der Ambivalenz vor. Ausgehend von einem Wagnerianischen Gedicht aus den Meistersingern von Nürnberg stellt Selcuk Cara prägende Erlebnisse seiner kulturellen Ambivalenzerfahrungen als ein in Deutschland aufgewachsener und sozialisierter Sohn einer türkischen Familie in Deutschland vor. Er erzählt sehr authentisch Geschichten über höchst ambivalente Erfahrungen bei der Beantragung eines deutschen Passes, wie auch über eine Begegnung mit einer Gruppe von Nazis. Abschließend wird die lebendige Diskussion Caras mit dem Publikum der Tagung dokumentiert.

Auch der Beitrag des Literaturwissenschaftlers Hartwig Frankenbergs mit dem Titel Koketterie – Lust oder Logik? Zu Ambivalenz des Weiblichen in den Märchen der Brüder Grimm bietet einen weiteren, neuen Aspekt in der Betrachtung von Ambivalenz an. Prof. Dr. Frankenberg lehrte an verschiedenen Hochschulen und setzt sich zeichentheoretisch und gesellschaftskritisch mit Ritualen, Märchen und der Alltagskultur auseinander. In diesem Kontext sind auch seine Ausführungen zu verstehen: an der dominant ambivalent besetzten Figur der Hexe wendet er das von Lüscher entwickelte Konzept an und entwickelt die These, dass Ambivalenz als konstruktiver Umgang mit Fremdheit und Befremdlichkeit verstanden werden kann.

Die emeritierte Professorin für Politikwissenschaften der TU München Irma Hanke wendet sich einem literaturwissenschaftlichen Zugang zu: in Robert Musil: Erfahrungen der Ambivalenz und die passive Phantasie unausgefüllter Räume arbeitet sie anhand seines zentralen Werkes Der Mann ohne Eigenschaften Aspekte von Ambivalenzen heraus. So zeigt sich die zentrale Figur des Romans gegenüber allen anderen Figuren abwartend, nur wenig beteiligt. Hanke kommt zum Schluss, dass fast jeder Satz Musils die Möglichkeit seiner Umkehrung enthält und das Buch als literarische Verkörperung der Ambivalenz einer ganzen Generation verstanden werden kann.

Abschließend wird auf das 2011 politisch hochaktuelle Thema des sog. ‚Arabischen Frühlings‘ eingegangen. Die emeritierte Soziologin Ute Kort-Krieger setzt sich in ihrem Beitrag Arabischer Frühling in Ägypten – west-östliche Ambivalenzen mit der durchaus ambivalenten Bild des Westens auf islamische Gesellschaften auseinander. So wurden viele von diesen Aufständen überrascht, da solche gewaltfrei angelegten Graswurzelrevolutionen mit dem Ziel, Demokratie zu ermöglichen, diesen Gesellschaften nicht zugetraut wurden. Kort-Krieger überprüft die Diskurse und skizziert notwendige gesellschaftliche Voraussetzungen für die Entwicklung von demokratischen Strömungen in islamischen Ländern und weist damit nach, dass die westliche Ambivalenz vor allem aus Vorurteilen besteht.

Diskussion

Wie ist dieses Buch zu bewerten? Das lässt sich so einfach nicht sagen, denn das Buch ist ja ein Tagungsband und beinhaltet alle Stärken und Schwächen, die solche Bücher haben: es ist ein Abbild einer interdisziplinären Tagung und die Texte wirken anders als die Tagung selbst. Im Buch stehen die Beiträge fast unverbunden nebeneinander, die nur durch den Ambivalenzbegriff und durch das kurze, einleitende Vorwort zusammengehalten werden.

Es bietet einen breiten und interdisziplinär spannend angelegten Bogen an Texten aus verschiedenen Fachgebieten, die für viele LeserInnen aus unterschiedlichen Gründen interessant sind: der Blick auf das eigene Fachgebiet ist hier genauso möglich wie der Blick in andere, fremdere Fachgebiete. Das ermöglicht einen Blick über den eigenen disziplinären Tellerrand – was auch das Ziel der herausgebenden Interdisziplinären Studiengesellschaft (ISG) ist. Es ist somit für jeden was dabei – auch etwas neues. So wirkt der Band wie ein Spaziergang durch verschiedene Wissenschaftsgebiete unter dem Motto Ambivalenz. Der Anspruch der ISG, Wissenschaft „verständlich, anwendungsbezogen, lösungsorientiert und übergreifend“ (165) sichtbar und verstehbar zu machen, ist somit erfüllt.

Die einzelnen Texte sind allerdings von unterschiedlicher Reichweite und Tiefe. Eine vertiefte und systematische Auseinandersetzung mit dem Ambivalenzbegriff erfolgt nicht.

Fazit

Wer sich anhand verschiedener Wissenschaftskonzepte anwendungsorientiert mit dem Thema Ambivalenz beschäftigen will, ist mit diesem Buch gut beraten.


Rezensentin
Prof. Dr. Sabine Pankofer
Katholische Stiftungsfachhochschule München Studiengangsleitung Weiterbildungsstudium Master ´Soziale Arbeit´ Supervisorin (DGSv, GaG)
Homepage www.ksfh.de


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Zitiervorschlag
Sabine Pankofer. Rezension vom 05.03.2014 zu: Dieter Korczak (Hrsg.): Ambivalenzerfahrungen. Asanger Verlag (Kröning) 2012. ISBN 978-3-89334-576-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14562.php, Datum des Zugriffs 22.03.2019.


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ISSN 2190-9245

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