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Gabriele Goettle: Der Augenblick

Cover Gabriele Goettle: Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2012. 395 Seiten. ISBN 978-3-88897-781-7. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR.
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Autorin

Wer die Autorin Gabriele Goettle kennt, Jahrgang 1946, ist gefasst auf originelle Fragestellungen, authentische Protokolle und einen nüchternen, manchmal ins Melancholische driftenden Tonfall. Seit sie zu Beginn der 1980er Jahre außergewöhnliche Sozialreportagen in der damals noch jungen Tageszeitung taz zu veröffentlichen begann, steht Gabriele Goettle in dem Ruf, einen besonderen Sinn für das Abseitige und für das Komische im Alltag zu haben. - Am Rande erfahren wir, dass bei allen Gesprächen auch Elisabeth Kmölniger zugegen war, eine Freundin Goettles, die sich einen Namen als Fotografin gemacht hat. Das Buch ist allerdings ohne Bilder.

Entstehungshintergrund und Themen

Das Buch besteht aus 26 Gesprächen, die zwischen 2006 und 2009 in der taz erschienen sind. Die Gesprächspartnerinnen sind durchweg berufstätige Frauen, alle im mittleren oder fortgeschrittenen Alter. Jedes Gespräch erstreckt sich über rund 15 Seiten.

Kombiniert man Ober- und Untertitel miteinander, verspricht das Buch eine Reihe von Momentaufnahmen aus alltäglichen und exotischen, im Allgemeinen jedoch wenig Aufsehen erregenden Berufen. Es handelt sich um Reportagen, bei denen die Reporterin sich kaum zu Wort meldet. Sie führt im Hintergrund eine geschickte Off-Regie und spielt auf diese Weise das ihr nachgesagte „magische Talent“ aus, Menschen zum Sprechen zu bringen. Was wir lesen, ist der O-Ton bereitwillig erzählender Frauen.

Das Personal

Die Fischersfrau aus dem Wendland; die Genossin aus dem Umsonstladen-Kollektiv; die Buchhändlerin und Kleinverlegerin aus Bremen; die Medizinerin mit dem Forschungsschwerpunkt „Tödliche Kindsmisshandlungen“; die Kiosk-Betreiberin aus Berlin-Lichterfelde; die Kulturwissenschaftlerin; die Philologin; die Tätowiererin mit dem Faible für „Arschgeweihe“; die Bodybuilderin, der Kinder nachrufen, ob sie ein Mann oder eine Frau sei… Ein Kuriositätenkabinett? Nein, ein Sammelsurium eigensinnig leidenschaftlicher Frauen.

Unter Lebenden und Toten

Wir werden ins Reich der Pathologen, Bestatter und Präparatoren entführt. Wir erfahren, dass man sich durch den täglichen Umgang rasch an Leichen gewöhnen kann, nicht jedoch an den Geruch, den sie verströmen. Dass „der Tod riecht“ (S. 209), glaubt man als Leser sinnlich zu vernehmen. Der intensive und unprätentiöse Stil des Buches macht es möglich.

Was uns Sozialarbeiterin, Telefonseelsorgerin und Altenpflegerin berichten, könnte auch unter der Überschrift eines Titels von Emil Cioran stehen: „Vom Nachteil, geboren zu sein“. Eine „Stützlehrerin“ (für benachteiligte Jugendliche) beklagt sich über das „unendliche Nichtwissen“ ihrer Schüler: „Wann war der Zweite Weltkrieg? Nichts. Wenn man?s erklärt, das nächste Mal haben sie es wieder vergessen. Oder sie fragen, wann war der Dritte. Weltkrieg?“ (S. 372) Das sind Jugendliche, für die das Wort „Opfer“ ein Schimpfwort ist. Jugendliche, die ein Recht auf „Respekt“ für ihre Respektlosigkeiten zu haben glauben. Kotzbrocken. Aber unschuldig, weil selbst Opfer des kapitalistischen Darwinismus.

Sozialreportagen – engagiert, nicht dogmatisch

Wer eine geharnischte Philippika auf die Hartz IV-Gesetzgebung aus der Binnenperspektive einer Beamtin der Arbeitsagentur lesen will, wird auf den Seiten 246 bis 260 fündig. Ein Glanzstück des Buches! Durch die neue, 2004 von der Schröder-Regierung eingeführte Sozialgesetzgebung sei eine Umgangsweise in die Arbeitsämter eingezogen – das sagen die beamtete Job-Agentin und die ebenfalls interviewte freiberufliche Sozialanwältin wie aus einem Munde –, die es so vorher nicht gab, nämlich die „Entwürdigung“ der „EHBs“ (= erwerbsfähige Hilfsbedürftige), die sich insbesondere an den gesetzlich auferlegten „Zumutbarkeitskriterien“ ablesen lasse, denen sich diese Personengruppe bedingungslos zu unterwerfen habe.

Fundstücke

Der aufmerksame Leser wird ganz nebenbei – in Halbsätzen und Andeutungen – zu Kollateral-Erkenntnissen geführt, die mitunter verblüffen. Fünf Beispiele:

  • Bei Herztransplantationen sind die Empfänger überwiegend Männer, die Spender überwiegend Frauen. Also laufen in Deutschland viele Männer mit Frauenherzen herum. – Hat man deswegen von Identitätsproblemen gehört? (vgl. S. 54f)
  • Was haben die höchste Pflegegeldstufe der Pflegeversicherung und die höchste Stufe der Bundesausbildungsförderung (BAFÖG) gemeinsam? Sie sind nahezu gleich niedrig. Schwerstkranke und Studierende sind dem Staat also gleich wenig wert. (vgl. S. 76)
  • Wussten Sie, dass Ärzte keinen „Hippokratischen Eid“ ablegen? „Der wurde noch nie in Deutschland geschworen“, sagt die Medizinhistorikerin Ortrun Riha, weder im Studium noch bei der Approbation. Aber es ist gut, wenn die Patienten glauben, die Ärzte hätten sich auf eine moralisch respektable Weise selbstverpflichtet. (vgl. S. 48)
  • Woran erkennt man eine gute Schule? Eine Lehrerin an der Montessori-Schule in Potsdam sagt es erfrischend politically incorrect: „Wir haben keine Schüler, die gepierct, tätowiert oder fett sind. Das Äußerste, was wir haben, sind vier Schüler mit einem Ohrring.“ Und damit nicht genug. Eine Studentin von der Uni, die „voller Ringe“ war und ihr Praktikum an der Montessori-Schule absolvieren wollte, wurde von der Schulleiterin mit folgenden Worten abgelehnt: „Es tut mir leid, ich möchte meine Kinder an dieser Schule nicht mit Ihrem Problem konfrontieren.“ (S. 135).
  • Ein guter semantischer Vorschlag, wie man öffentliche Personen, die in Verruf geraten sind, dennoch würdig verabschieden kann, kommt von kompetenter Seite: „Stiller Abtrag“ heißt im Bestatterjargon eine Beisetzung ohne Feier, ohne Gäste. (vgl. S. 305)

Fazit: Optimismus mit Beigeschmack

Gast des letzten Gesprächs im Buch ist eine habilitierte Bienenforscherin. „Wenn die Bienen verschwinden“, soll Albert Einstein gesagt haben, „hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“ Seit Jahren ist viel vom Bienensterben die Rede. Die Expertin hält das für einen Alarmismus aus Unkenntnis. Seit Jahrtausenden ist die Biene für den Menschen das Nutzinsekt schlechthin. Aber unverzichtbar ist sie für den Menschen nicht, sagt die Wissenschaftlerin. „Überleben können wir auch ohne sie.“ (S. 396) – Das ist der letzte Satz des Buches. Er ist optimistisch wie kein anderer zuvor.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 28.01.2013 zu: Gabriele Goettle: Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2012. ISBN 978-3-88897-781-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14571.php, Datum des Zugriffs 05.04.2020.


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