socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Monika Kirloskar-Steinbach (Hrsg.): Die Interkulturalitätsdebatte - Leit- und Streitbegriffe

Cover Monika Kirloskar-Steinbach (Hrsg.): Die Interkulturalitätsdebatte - Leit- und Streitbegriffe = Intercultural discourse - key and contested concepts. Verlag Karl Alber (Freiburg /München) 2012. 363 Seiten. ISBN 978-3-495-48541-5. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Entstehungshintergrund und Thema

Die Publikation ist aus dem Bedürfnis und dem Interesse der drei Herausgeberinnen heraus entstanden, die Interkulturalitätsdebatte aus philosophischer Sicht zu analysieren mit dem Fokus der Klärung der Begrifflichkeiten und Erörterung der inhaltlichen Kontroversen. Auf diese Weise machen sie über die Philosophie einen interdisziplinaren Brückenschlag und versuchen so Verständnisschwierigkeiten in den wissenschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Debatten um Interkulturalität entgegenzuwirken.

Aufbau

Mit den 38 deutsch- und englischsprachigen Beitragen von Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Disziplinen und Nationen haben sie einen weiten Kreis um die Thematik gezogen und eine Annäherung aus unterschiedlichen Richtungen ermöglicht. Die zweisprachige Ausgabe ist mit ein Zeugnis dieses interkulturellen Selbstverständnisses.

Ausgewählte Inhalte

Angesichts der Vielzahl und Vielfalt der Beiträge ist es kein einfaches Unterfangen, deren Inhalte hier in kompakter Form wiedergeben und beurteilen zu wollen, weshalb dem Werfen einzelner Schlaglichter auf ausgewählte Beiträge er Vorzug gegeben wird.

Jürgen Hengelbrock führt in seinem Beitrag zu personaler und kollektiver Identität an, dass beide Zugehörigkeitsprinzipien als weitgehend obsolet zu betrachten sind. Denn bei ihrer Dekonstruktion zeichne sich ab, dass man in Bezug auf die personale Identität besser von "inbetweenity" aufgrund der starken Dynamik und Hybridität solcher Zugehörigkeitskriterien in der heutigen Zeit spreche, und es somit fragwürdig werde, überhaupt noch von Zugehörigkeiten zu einer bestimmten kollektiven Einheit oder Gruppe auszugehen. Vielmehr stehe die Abgrenzung von anderen Gruppen im Vordergrund, was auch in der Prävalenz von Fremdzuschreibungen gegenüber Selbstzuschreibungen zum Ausdruck gebracht werde. Ebenso verhalte es sich mit der kollektiven Identität, wo Zugehörigkeiten meist kulturell definiert werden und ein Versuch einer kulturellen Wesensbestimmung darstelle. Solche Definitionen und Zuordnungen können seiner Meinung nach der Einmaligkeit eines Menschen und seiner Selbstbestimmung nicht gerecht werden und sind deshalb a priori abzulehnen. Auf diese Weise gelangt er zur Schlussfolgerung, dass "es keinen Grund gebe, den "Untergang der Kulturen" oder den Verlust kultureller Vielfalt zu bedauern" (Hengelbrock 2012:101). Diese Behauptung mag etwas provokativ klingen, doch begründet er sie mit einem Plädoyer für die Einmaligkeit von Individuen im Gegensatz zu kollektiven Entitäten als Träger alles Menschlichen, was sie nachvollziehbar macht (ebd.:102).

In eine ähnliche Richtung weist der Beitrag von Arnd Pollmann zu "Personale Integrität und kollektive Integration", welcher postuliert, dass soziale Integration in der Regel auf Kosten personaler Integrität geht. Er zeigt dies an kollektiven Forderungen und als pathologische Ausformungen zu bezeichnenden Phänomenen von  Konformismus über Paternalismus bis hin zu Zwangsassimilierung auf.

Im Schlussteil der Publikation finden sich Beiträge zu aktuellen, politischen Debatten, wie etwa zur Kontrolle von Migrationsflüssen, humanitäre Interventionen, Terrorismus, indigenes Wissen und globale Erwärmung. Auch hier zeigt sich folglich eine grosse inhaltliche Breite, welche von migrationspolitischen über kriminologische bis hin zu ökologischen Fragestellungen reicht. Gemeinsam ist diesen Beiträgen, dass sie ihre spezifischen, thematischen Schwerpunkte stets unter dem Gesichtspunkt der Deutungen von Verantwortlichkeit und Schuldzuschreibungen im Rahmen der gesellschaftlichen Diskurse und Debatten betrachten.

Diskussion

Im Schlussteil wären auch weiter thematische Schwerpunktthemen denkbar gewesen, welche die aktuelle Interkulturalitätsdebatte stark prägen, wie etwa die Vereinbarkeit kultureller Werte mit Menschenrechten und insbesondere Frauenrechen sowie die Beschneidungsdebatte. Hier ist die Schwerpunktsetzung der drei Herausgeberinnen nicht ganz nachvollziehbar und transparent, weshalb solche wichtige Debatten ausgeklammert wurden, welche ja auch aus der philosophischen Perspektive heraus betrachtet werden können. Sicher konnten sie mit diesem Vorgehen vermitteln, dass die Interkulturalitätsdebatte mit in Themenbereiche hineinspielt, wo man sie von aussen betrachtet kaum vermuten würde.

Fazit

Rund dreissig Leit- und Streitbegriffe der Interkulturalitätsdebatte werden in wissenschaftlichen Übersichtsbeiträgen in Deutsch und Englisch von Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Disziplinen und Staaten erläutert und diskutiert. Unter einem philosophischen Fokus werden die Begrifflichkeiten und Konzepte geklärt und bilden so eine Grundlage für die transdisziplinäre Verständigung. Die Publikation spiegelt die akademische Debatte und weniger die aktuelle sozialpolitischen Auseinandersetzungen um interkulturelle Themen.


Rezension von
Dr. Miryam Eser Davolio
Dozentin am Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), forscht und lehrt in den Themenbereichen Extremismus und Jugendgewalt, Migration und Integration sowie zu Fragen der Sozialen Arbeit.
Homepage www.sozialearbeit.zhaw.ch
E-Mail Mailformular


Alle 11 Rezensionen von Miryam Eser Davolio anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Miryam Eser Davolio. Rezension vom 02.05.2013 zu: Monika Kirloskar-Steinbach (Hrsg.): Die Interkulturalitätsdebatte - Leit- und Streitbegriffe = Intercultural discourse - key and contested concepts. Verlag Karl Alber (Freiburg /München) 2012. ISBN 978-3-495-48541-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14574.php, Datum des Zugriffs 16.04.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht