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Manuel Castells: Kampf in den Städten

Cover Manuel Castells: Kampf in den Städten. Gesellschaftliche Widersprüche und politische Macht. VSA-Verlag (Hamburg) 2012. 125 Seiten. ISBN 978-3-89965-509-4. 12,80 EUR.

Reihe: VSA-Reprint - 40 Jahre Links.
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Thema

Es sind die Städte, in denen sich heute gesellschaftliche Probleme verdichten, Konflikte und Widersprüche virulent werden, die eigentlich für die gesamte Gesellschaftsformation kapitalistisch verfasster Gesellschaften typisch sind. Die Spaltung der Städte macht nicht nur sozialräumlich auf Privilegierung und Benachteiligung aufmerksam; vielmehr werden die Konflikte in den Städten von Widersprüchen und Machtkonstellationen gespeist, die sich auf Interessendurchsetzung, Aushandlung von Machtpositionen im politischen Raum beziehen.

Der „Kampf in den Städten“ hat andere Formen angenommen, er wird getragen von gesellschaftlichen Gruppierungen, die bislang nie sich bedroht sahen in ihrer gesellschaftlichen Positionen und jetzt diese Bedrohung ihrer Lebensumstände deutlicher spüren.

Autor

Manuel Castells war einer der zentralen Protagonisten einer historisch-materialistischen Betrachtung der Stadt und spielte eine zentrale Rolle in der Entwicklung einer marxistischen Stadtsoziologie.

Autor des Vorworts

Andrej Holm forscht und lehrt am Arbeitsbereich Stadt- und Regionalsoziologie des Instituts für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist im französischen Original 1973 mit dem Titel „Lutte urbaine et pouvoir politique“ in Paris erschienen. Es bezieht sich auf vier Fallstudien zu Kämpfen in den Städten Paris und Montreal und in den USA und Chile. In deutscher Sprache erschien es zuerst 1975 im VSA Verlag. Diese Ausgabe ist die Grundlage für die jetzt vorliegende Reprint-Ausgabe.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einem Vorwort von A. Holm in sechs große Kapitel:

  1. Klassenkampf und Widersprüche in den Städten: Das Auftauchen gesellschaftlicher Bewegungen in den Städten im Monopolkapitalismus.
  2. Die innere Struktur einer gesellschaftlichen Bewegung in der Stadt: Der Kampf gegen die „Renovierungs-Deportation“ in der Stadt Paris.
  3. Reform im Städtischen Bereich und politische Aktion in den Bürgerkomitees von Montreal.
  4. Ideologische Mystifizierung und gesellschaftliche Widersprüche: Die Umweltschutzbewegung in den USA.
  5. Von der Einnahme der Stadt zur Übernahme der Macht: Stadtkampf und revolutionärer Kampf in Chile.
  6. Die Schlussfolgerung heißt Straßenkampf.

Inhalt

In seinem Vorwort umreißt Andrej Holm den theoretischen Bezugsrahmen Castells und verortet ihn historisch in eine Zeit, in der Soziale Bewegungen begannen, die Bürgerliche Gesellschaft zu (re)politisieren. Es ging Castells – so der Autor – um die Frage, „welche Verfahren anwendbar sind, um die neuen sozialen Widersprüche… und die wirtschaftlichen und politische Widersprüche an der Basis eben dieser Sozialstruktur miteinander zu verbinden“. (11; zit. nach Castells 38 f) Holm charakterisiert Castells als Zeitzeugen des Fordismus, als einer Epoche, in der Demokratisierung der Gesellschaft verstanden wird als die Möglichkeit, dass jeder in den Besitz von Massenkonsumgütern gelangen kann oder sollte. Es geht um das, was wir heute „kollektive Daseinsvorsorge“ (Forsthoff) nennen würden, um unabdingbare Bedingungen jedweder gesellschaftlichen Reproduktion. Die kollektive Daseinsvorsorge ist als kollektive Konsumption kapitalistisch geprägt; selbst Städte verlassen das für die europäische Stadt typische sozialstaatliche Prinzip und werden selbst zu Akteuren auf dem Wohnungsmarkt, auf dem Markt der Versorgung mit kollektiven Gütern. „Empörung allein reicht (also) nicht aus„(19). Der Kampf in den Städten – so Holm kann als Praxisanleitung für städtisches Protestverhalten gewertet werden. Am Beispiel der „Reconquête urbaine de Paris“ macht Castells die Rolle sozialer Bewegungen deutlich und schildert ihre Akteurskonstellationen.

Holm eröffnet eine Perspektive für das 21. Jahrhundert, wenn er Castells zwar bescheinigt, phasenweise dogmatisch argumentiert zu haben, aber etwas aufgezeigt hat, was heutige Protestbewegungen in den Städten immer noch charakterisiert: Die zunehmende Bedeutung des unmittelbaren Lebenszusammenhangs von Bürgern auf lokaler Ebene und der Anspruch, eben diese Lebenszusammenhänge mit gestalten zu wollen - als Bürger, als Teil einer res publica.

1. Klassenkampf und Widersprüche in den Städten: Das Auftauchen gesellschaftlicher Bewegungen in den Städten im Monopolkapitalismus

Dieses Kapitel gibt den theoretisch-analytischen Hintergrund ab, vor dem Castells die vier Fallbeispiele diskutiert. Der Monopolkapitalismus erzeugt neue gesellschaftliche Widersprüche, Widersprüche, die sich im Alltäglichen widerspiegeln und die die alltäglichen Bewältigungsstrategien bestimmter gesellschaftlicher Gruppen unterlaufen: der Kampf um bezahlbaren Wohnraum, um Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungen, die den Alltag betreffen. Und es gibt neue Verbündete, wenn Studenten mit Obdachlosen um eben diesen bezahlbaren Wohnraum kämpfen. Die Konzentration von Produktionsmitteln, die Bildung von Trusts und großen Unternehmen, die auch international agieren hat Einfluss auf das Alltagsleben der Menschen.

Der Alltag muss gut reguliert werden, um zu überstehen; wenn z. B. der Arbeiter, der früher fußläufig um die Fabrik wohnte, jetzt zwei Stunden seiner Freizeit aufbringen muss, um seinen Arbeitsplatz zu erreichen und wieder nach Hause zu kommen, dann verändert sich auch die Reproduktionssphäre des Arbeiters. Schließlich hat die Arbeiterbewegung einiges an Rahmenbedingungen gesellschaftlicher Reproduktion der Bourgeoisie abgetrotzt; diese werden aber immer mehr zu bestehenden Standards, die man nicht mehr unterschreiten möchte. Soziale Bewegungen konstituieren sich in dem Maße, wie diese erworbenen Ansprüche bedroht werden – durch wen auch immer.

Castells geht zum Schluss dieses Kapitels auf die Vorgehensweise und die analytische Begründung der folgenden Fallbeispiele ein.

Theoretische Begründungen gibt es gar nicht – so Castells – schließlich geht es um gesellschaftliche Praxis, um Bewegungen, die städtische Probleme aufgreifen und thematisieren. Aber es gibt eine theoretische Absicht, der die Auswahl der Fallbeispiele folgt. In diese Fallbeispiele ist Castells selbst involviert – als kritischer Beobachter oder als Teilnehmer an den Kämpfen, und auf Grund seiner Erfahrungen und genauer Recherchen kann er zu Aussagen kommen, die auf die Qualität einer Theorie hindeuten, verallgemeinerbar sind, etwas prognostizieren oder erklären können.

2. Die innere Struktur einer gesellschaftlichen Bewegung in der Stadt: Der Kampf gegen die „Renovierungs-Deportation“ in der Stadt Paris

Der städtische Kampf in Paris ist ein spezifischer Kampf gegen die Sanierung der Stadt Paris. Zugleich ist der Kampf um Paris ein Beispiel für eine gesellschaftliche Bewegung, deren Möglichkeiten und Grenzen.

Paris ist eine Stadt der Boulevards, die aber nur die Privilegierten aufsuchen können - in kapitalistischen Gesellschaften die, die über ein hohes Einkommen auf Grund einer hohen gesellschaftlichen Position besitzen. Aber es gibt auch die anderen, die „Verstoßenen dieser Stadt“, ausländische Arbeiter. „In den Ritzen dieser verfallenden Welt haben sich die neuen Parias eingenistet“ (43).

Die Stadtverwaltung von Paris hat ihren Anteil daran. Das Sanierungsprogramm Reconquête urbaine de Paris sollte für die Entfernung der Bruchbuden sorgen. Das tat es aber nicht. Vielmehr sorgte es sich um die Hochsanierung und Gentrifizierung von Arbeiterquartieren und das im Verbund des Staats mit einer kapitalistisch orientierten Privatwirtschaft. Wird nicht dadurch der Staat auch zu einem kapitalistisch orientierten Akteur?

Aber die Bürger wehren sich, die Mieter verteidigen ihre Cité du peuple“. Es müssen Sozialwohnungen gebaut werden – so eine Forderung. Es wurden welche gebaut, aber viel zu wenig.

Castells geht dann auf einige Aktionen ein, die er für exemplarisch hält. Architekturstudenten verbündeten sich mit den Mietern und versuchten sie vom Verbleib in den Wohnungen zu überzeugen und zu kämpfen. Nur: die Studenten wohnten nicht im Quartier und es waren Studenten, junge Menschen, die der sozialen Lage der Mieter nur theoretisch nahe waren, aber eben nicht praktisch.

Und noch eine Erkenntnis ist wichtig. Die Aktionsbündnisse setzten sich zusammen aus denjenigen, die nicht im Quartier verortet waren – und die meisten Mieter verstanden sich auch nicht als verortet, als Teil einer lokalen res publica. Das waren einige der Gründe des Scheiterns. Schlussfolgernd geht Castells mit den Fragen um, warum man verliert, warum man gewinnt und: Wie man Geschichte macht.

Was machen die innere Struktur und die Dynamik einer Bewegung aus? Der Anlass ist der Konflikt zwischen Kapital und Politik – und das Kapital konnte sich durchsetzen. Und es geht um die Interessen der Mieter: die Wohnung, das Wohnumfeld, um all das, was städtisches Leben ausmacht und was man braucht, um den Alltag und das Leben zu bewältigen. Weiter bleibt die Frage, wer betroffen ist und wer mobilisiert ist. Nicht all die Betroffenen lassen sich mobilisieren. Sind wir da nicht auch schon bei der Analyse heutiger Bewegungen und Proteste?

3. Reform im städtischen Bereich und politische Aktion in den Bürgerkomitees von Montreal

Castells beschreibt zunächst die Wurzeln der Bewegung der Bürgerkomitees in den Stadtteilen Montreals: verfallene Stadtviertel, Sozialarbeiter im Kampf gegen soziale Probleme und mangelnde soziale Einrichtungen. Und diese Probleme haben ihre Ursache in der Verschärfung der ökonomischen Situation, die auch durch den Einfluss nordamerikanischer Konzerne gekennzeichnet ist.

Der Widerstand gegen diese Entwicklung führte in der Krise des Quebecer Kleinbürgertums zu seiner politischen Radikalisierung; die Politisierung der Studenten, ihre Auseinandersetzung mit marxistischen Ansätzen und der Linksruck der Gewerkschaften waren weitere Anzeichen.

Der Autor beschreibt den Skandal und die darauf folgende Politisierung in der Stadt: Das Desinteresse der Stadt an der Entwicklung deprivierter Quartiere, gleichzeitig aber die Investition in privilegierte Viertel, die Vorbereitung auf die Weltausstellung und die Verfolgung anderer Prestigeobjekte machen den Widerspruch deutlich – auch für die Bürger. Man wollte Druck ausüben auf die Stadtverwaltung, dauerhaft etwas erzwingen.

Castells beschreibt dann die politische Krise in Quebec und die Volksbewegung, die Krise der Gewerkschaft F.R.A.P. und ihre Wahlniederlage. Die Gewerkschaft hatte sich mit den Bürgerkomitees verbündet und die Frage war, wie die Bürgerkomitees danach mit dem Problem umgingen. Die auch von der Gewerkschaft gezeigte Zwiespältigkeit in der Argumentation schlug nun auch auf die Bürger- und Aktionskomitees zurück. Der Widerspruch zwischen dem Ziel, die Lebensbedingungen in der Stadtvierteln durch Reformen zu verbessern einerseits und einem revolutionärem Ansatz und der ideologischen Festigung durch Schulung andererseits wird von Castells am Beispiel des Komitees des Stadtteils St.-Jaques aufgezeigt.

Deutlich wird dabei, dass Kampf in den Städten mit dem politischen Kampf verbunden werden muss. Dies zeigt Castells am Beispiel des Stadtviertels Hochelaga-Maisoneuve auf. Der Protest gegen den Bau einer Autobahn, der auch den Abriss von mehreren Tausend Wohnungen nach sich ziehen sollte, verebbte letztlich, weil der Kampf um die Verbesserung der Lebensumstände im Viertel nicht zu einer Politisierung der Bewohnerschaft führte.

4. Ideologische Mystifizierung und gesellschaftliche Widersprüche: Die Umweltschutzbewegung in den USA

Umweltschutzvereinigungen haben in den USA eine lange Tradition – allerdings getragen von den führenden – weißen – Schichten. Wenn es darum ging, Nationalparks zu gründen oder Tierarten vor dem Aussterben zu bewahren, war die alte Elite Amerikas immer dabei. Die industrie-kapitalistische Entwicklung und die Gründung großer Weltwirtschaftskonzerne haben das Problem der Ökologie auch überlagert. Castells sieht in den alten Vereinen das „Sprungbrett“ für den Sturm von Aktionen und Diskursen, die jetzt das Land überrollten. Studentische Initiativen verbündeten sich mit den Mittelschichten der Vororte amerikanischer Metropolen. Dies wird von Castells ausführlich beschrieben und kritisch beleuchtet. Gleichzeitig beschreibt und analysiert er die Protestbewegung als ökologische Bewegung, die dramatisch genug die ökologische Krise artikuliert: die Autos wurden genauso verurteilt wie der Vietnamkrieg. Dies wird an Beispielen auch verdeutlicht.

Eines der Hauptmerkmale – und auch einer der Hauptschwierigkeiten – der ökologischen Bewegung sieht der Autor im Verwischen der ideologischen Grenzen: der Faschist kämpft mit dem Linken um die gleichen Ziele. In der Tat fand in der ökologischen Bewegung der Gemeinschaftsgeist wieder einen Platz, der durch die protestierende Jugend in den letzten Jahren verloren gegangen schien.

Von links kam allerdings schon die Kritik des Zusammenhangs von Ökonomie und Ökologie. Die kapitalistische Verwertungslogik wurde auch der Umwelt ideologisch übergestülpt.

Castells kommt dann zu einer differenzierten Typologie der Bewegungen, die die Umwelt verteidigen. Er belegt diese Typologie auch mit Beispielen. Die Formen, die von der Beteiligung bis zum Protest reichen, müssen in Abhängigkeit von der sozialen Gruppe gesehen werden, die in den jeweiligen Formen dominant ist. Es kommt noch etwas hinzu. Die für die amerikanische Gesellschaft typische Basis des Handelns ist die community. Community action ist auf lokale Prozesse bezogen; Beteiligung findet auf dieser Ebene statt. Es geht um den bereits zitierten Gemeinschaftsgeist. Dies ist wichtig für die Programme der Stadterneuerung und Stadtplanung, die es in Amerika auch immer schon gab.

5. Von der Einnahme der Stadt zur Übernahme der Macht: Stadtkampf und Revolutionärer Kampf in Chile

Wir befinden uns in Santiago de Chile im Jahr 1971. Zunächst schätzt der Autor die chilenische Volksbewegung als etwas Besonderes ein, weil ihr die Verbindung von revolutionärem Kampf und dem legalen politischen Kampf gelungen ist. Insofern kann man die Besetzung leer stehender Wohnungen nicht nur unter dem Gesichtspunkt des Wohnungsmangels betrachten, wo eine in Wohnungsnot geratene Bevölkerung diese Wohnungen besetzt. Vielmehr ist es ein politischer Kampf gegen eine Wirtschaft- und Sozialpolitik, die ja auch die legitimatorische Rechtverfertigung einer Wohnungspolitik liefert. Das gleiche gilt für die Besetzung städtischen Bodens und die Entstehung von „Volksvierteln“.

Castells setzt sich mit dem Zusammenbruch der alten Oligarchie zu Beginn der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts auseinander, der die Basis für eine volksnahe Reformbewegung war, in der vor allem die bürgerlichen Schichten und die kapitalistische Entwicklung zusammengeführt wurden. Eine Agrarreform, die Einführung eines Sozialhilfeprogramms und die Entwicklung von lokalen Beteiligungsmodellen auf dem Gebiet der Wohnungsbaus und der städtischen Probleme waren die Essentials dieser Reformbewegung.

Man muss sich die Strategie der Bewegung vorstellen. Der Besetzung von städtischen Grundstücken folgte die Gründung eines Obdachlosenkomitees, das auf einen Stadtteil bezogen war. Die strategischen Aktionen waren auch immer politisch begründet, die Polizei sollte gestoppt werden als Vertreterin der Ordnungsmacht und nicht nur als ordnungspolizeiliche Regulierungsanstalt, die aktuell etwas zu verhindern suchte. Die soziale Organisation der Siedlungen war auch Ausdruck der Ablehnung oder gar Negation allgemein gültiger Ordnungsvorstellungen. Dies wird auch in der Einrichtung einer lokalen Gerichtsbarkeit deutlich.

Der Autor setzt sich damit detailliert auseinander und begründet das Vorgehen und mit den Erscheinungsformen der Siedlungen, mit dem Gesundheitswesen, der Kultur und natürlich auch mit der Stadtplanung und dem Wohnungsbau.

Wo lässt sich die reformerische Praxis der Siedler mit den gesellschaftlichen Widersprüchen verbinden? Gibt es eine Beziehung von Produktion und Reproduktion oder konkreter: welchen Einfluss haben die Arbeiter (Produktion) auf die Siedler (Reproduktion)? Castells kommt zu folgenden Schlussfolgerungen:

Auf der Ebene der Produktion:

  • Die Siedlungen sind nicht bestrebt, sich mit den Arbeitern zu verbünden.
  • Für die Arbeiterparteien wird die Siedlerbewegung als Gewerkschaftsbewegung dann real, wenn die Gewerkschaft die Führung innehat.
  • Die revolutionäre Linke, die auf dem Weg über die Siedlungen unter die Arbeiter kommen wollte, versucht eine Verbindung herzustellen in der Organisation der Kämpfe der Arbeiter und der Siedler.

Auf der Ebene der kollektiven Konsumption (Wohnung, Gesundheit, Versorgung) war die Bereitschaft der Siedler groß, außerhalb der Siedlungen an politischen Demonstrationen teilzunehmen, die sich auf die Reformbewegungen beziehen.

Auf der Ebene der persönlichen Konsumption stellt Castells fest, dass es in den Siedlungen z. B. keine Überwachung der Preise gibt, ja die Siedler sich auch nicht mobilisieren lassen.

Nachdem Castells zwischen zwei Dimensionen des politischen Kampfes,

  1. dem politischen Kampf im Rahmen der bestehenden Gesetze und
  2. dem politischen Kampf außerhalb der Gesetze

unterschieden hat, kommt er zu einer Typologie der Siedlungen:

  • Siedlungen mit einer schwachen politischen Beteiligung,
  • Siedlungen mit einer gesetzesmäßigen politischen Beteiligung,
  • Siedlungen mit einem niedrigen Grad an gesetzesmäßigen Beteiligung und einem hohen Grad außergesetzlichem politischem Kampf,
  • Siedlungen mit einem hohen Grad beider Beteiligungsformen (gesetzlich, illegal).

Castells setzt sich dann noch mit den gesellschaftlichen Faktoren auseinander, die den Erfolg der verschiedenen Richtungen in der Siedlerbewegung bestimmen.

Die Art und Weise der gesellschaftlichen Organisation und die Verwobenheit in politische Kämpfe scheint von der politischen Strategie abzuhängen, die die Siedlung verfolgt. Die Frage ist, ob die Siedlung eher vom Willen beseelt ist, den Prozess zu radikalisieren, ob sie eher darauf setzt, Siedler zu mobilisieren, um Forderungen im Wohnungswesen durchzusetzen oder ob die Strategie eher bevormundend und reformerisch ist. Dies begründet der Autor ausführlich und zieht auch entsprechende Schlüsse.

6. Die Schlussfolgerung heißt Straßenkampf

In diesem Schlusskapitel zieht Castells noch einmal Bilanz und kommt zu einigen verallgemeinerbaren Schlussfolgerungen. Gesellschaftliche Widersprüche sind Grundlage für Konflikte. Ob diese Widersprüche kapitalistischer Verwertungsprozesse neu sind, sei dahingestellt, auf alle Fälle finden sie neue Ausdrucksformen, die dann auch die Konfliktstrategien jeweils verändern. Und sicher kann man behaupten, dass die Sozialwissenschaften – bis auf wenige Facetten ihrer auch politischen Ausrichtung – diese Art der Widersprüche damals noch nicht aufgegriffen hat.

Man kann auf alle Fälle nicht von Stadtkämpfen sprechen, auch wenn sie in den Stadtvierteln ausgetragen werden und die Stadt(verwaltung) Anlass und Adressat der Kämpfe ist. Dies begründet der Autor zum Teil auch theoretisch und analytisch, indem er die Stadt als Bezugspunkt heranzieht. Kampf in der Stadt ist noch nicht Stadtkampf. Kampf gegen die Einheit Stadt wäre Stadtkampf. Kämpfe in der Reproduktions- und Produktionssphäre sind gesellschaftliche politische Kämpfe und deuten auf gesellschaftliche Widersprüche hin, die sich auch in der Stadt – oder gerade dort -konkretisieren können. Erst wenn sich der politische Kampf mit dem Stadtkampf verbindet, wird eine städtische Bewegung zum Ausgangspunkt gesellschaftlicher Veränderungen. Auf alle Fälle hängt der Erfolg städtischer Bewegung von der Art der Organisation ab, auch vom Grad der Organisation.

Diskussion

Bereits A. Holm hat in seinem Vorwort kritisch mit der Frage auseinandergesetzt, was nach 40 Jahren gesellschaftlicher Veränderungen noch übertragbar ist auf die sozialen Bewegungen heute, auf Protestverhalten in den Städten, auf Bürgerinitiativen oder auf Aktionsbündnisse im Bereich der Sozialpolitik.

Zwar hat sich die Logik kapitalistischer Verwertungsprozesse nicht verändert, die gesellschaftliche Widersprüche erzeugen, aber diese Verwertungsprozesse haben andere Ausdrucksformen, somit verändert sich auch das Erscheinungsbild von Widersprüchen.

Dementsprechend haben sich auch die Strategien verändert, mit denen heute auf diese Widersprüche reagiert wird. Es geht nämlich längst nicht mehr nur um die Reaktion auf soziale Probleme wie Armut, Wohnungslosigkeit, Brennpunktbildung in den Städten u. ä. Vielmehr geht es um den Anspruch einer bürgerlichen Gesellschaft, mit reden und mit entscheiden zu wollen, wo man seine Interessen bedroht sieht, wo man doch schließlich gleiche Kompetenzen hat, die die anderen auch haben, die eigentlich entscheiden.

Die vier Fallbeispiele, die Castells beschreibt und analysiert, fallen nicht nur in eine Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche in den fortgeschrittenen Gesellschaften. Sie machen auch deutlich, dass die Reproduktionssphäre – das Leben und Wohnen in der Stadt – die Produktionssphäre überlagert, zumindest aber genauso wichtig ist. Was noch wichtiger ist: die kapitalistisch verfasste fortgeschrittene Gesellschaft entfaltet Widersprüche, die ihre Eigenlogik und ihre eigene Dynamik haben – unabhängig von der Produktionsweise. Sie erfordern deshalb auch andere Strategien, als die, die wir aus der Arbeiterbewegung kennen und die für die Produktionssphäre typisch sind.

Das Buch lohnt sich schon allein wegen der historischen Reflexion sozialer Bewegungen in der Zeit nach 1968. Es geht nicht darum, den damaligen Sitz im Leben auf heute zu übertragen, das wäre unhistorisch. Vielmehr geht es um eine kritische Analyse heutiger sozialer Bewegungen und Proteststrategien vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Widersprüche, die kapitalistisch verfasste Gesellschaften ausmachen - damals wie heute. Und dazu regt das Buch an.

Fazit

Kein altes Buch, was von früher erzählt, sondern ein hoch aktuelles Buch, das zur Reflexion heutiger Verhältnisse einlädt.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 04.03.2013 zu: Manuel Castells: Kampf in den Städten. Gesellschaftliche Widersprüche und politische Macht. VSA-Verlag (Hamburg) 2012. ISBN 978-3-89965-509-4. Reihe: VSA-Reprint - 40 Jahre Links. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14579.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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