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Susanne Popp, Michael Wobring (Hrsg.): Der europäische Bildersaal

Cover Susanne Popp, Michael Wobring (Hrsg.): Der europäische Bildersaal. Europa und seine Bilder. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2013. 240 Seiten. ISBN 978-3-89974-123-0. 39,80 EUR.
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Denk‘ ich an Europa …

In dem Entwurf der bisher nicht verwirklichten Verfassung für Europa (2003) sind die euphorischen Sätze zu lesen: Es ist das „Bewusstsein, dass der Kontinent Europa ein Träger der Zivilisation ist und dass seine Bewohner, die ihn seit den Anfängen der Menschheit in immer neuen Schüben besiedelt haben, im Laufe der Jahrhunderte die Werte entwickelt haben, die den Humanismus begründen: Gleichheit der Menschen, Freiheit, Geltung der Vernunft“. Die Geschichte freilich lehrt uns, dass dieser Kontinent sich als ein janusköpfiges Gebilde darstellt: Gut und Böse sind dort zu Hause, Freiheit und Unterdrückung, Recht und Unrecht, Krieg und Frieden. Die Wege hin zu einem friedlichen, gerechten und demokratisch verfassten Europa sind lang, mühselig, holperig, mit Verbots- und Sperrschildern, Einbahn- und Stoppstraßen ausgestattet; aber auch hoffnungsvolle Lichtzeichen weisen Richtung und Ziele. Als der in der Europäischen Union gebildete Rat der vereinigten Minister für das Bildungswesen 1988 beschlossen hat, „das Bewusstsein der jungen Menschen für die europäische Identität zu stärken und ihnen den Wert der europäischen Kultur und der Grundlagen, auf welche die Völker Europas ihre Entwicklung heute stützen wollen, nämlich insbesondere die Wahrung der Grundsätze der Demokratie, der sozialen Gerechtigkeit und der Achtung der Menschenrechte“, da zeigte sich eine Aufbruchstimmung dafür, ein gemeinsames Europa in den Köpfen und erHHerzen der Europäer zu schaffen. 1992 haben 15 Historiker aus europäischen Ländern sich daran gemacht, wohl erstmals in der Geschichte des Kontinents, ein Geschichtsbuch für die schulische und außerschulische Bildung zu erarbeiten, das nicht mehr die nationalen Geschichten und Ideologien in den Vordergrund der historischen Aufklärung stellt, sondern den Versuch unternimmt, die geschichtliche Entwicklung im Laufe der Jahrhunderte gewissermaßen aus der europäischen Perspektive zu lesen. Immerhin: Der Klett-Cotta-Verlag, der das Geschichtsbuch herausgibt, legt das 464 Seiten umfassende Werk 2012 in zweiter Auflage vor (Frédéric Delouche, Hrsg., Das europäische Geschichtsbuch. Von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert, ISBN 978-3-608-94650-5). Im wissenschaftlichen Diskurs gewinnt die „Europäistik“ an Bedeutung (Michael Gehler, Silvio Vietta, Hrsg., Europa – Europäisierung – Europäistik. Neue wissenschaftliche Ansätze, Methoden und Inhalte, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9268.php). Die Frage nach der institutionalisierten Bedeutung des werdenden Europa wird gestellt ( Michael Gehler, Europa. Ideen - Institutionen – Vereinigung, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/13724.php), und die historischen, ideologischen und aktuellen Vorstellungen, die wir uns von Europa machen, werden analysiert (Benjamin Drechsel, Hrsg., Bilder von Europa. Innen- und Außenansichten von der Antike bis zur Gegenwart, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10660.php). Europa also ist präsent und gleichzeitig so merkwürdig abwesend im Bewusstsein der Europäer. Es überwiegen Zweckbestimmung Eigennutz und Egoismus, und es mangelt an Zielbewusstsein und Empathie!

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Sich ein Bild machen von einer Idee, das hat viel mit dem subjektiven Bewusstsein zu tun. Wenn Bildquellen zu visuellen Zeugnissen von geschichtlichen Ereignissen werden, vollzieht sich Geschichtslernen. Die didaktisch genutzte wie ideologisch missbrauchte Tatsache, dass Bilder Geschichte machen, enthält eine Fülle von Leitlinien und Fallstricken, die in der „Historischen Bildkunde“ oder „Visual History“ bedacht und bearbeitet werden. Damit aus Bildern Wirklichkeiten werden, bedarf es der Anschauung, die in aktives Wollen und Tun übergeht. Wenn wir danach fragen, wie in (nationalen) Schul- und Lehrbüchern Historie dargestellt und vermittelt wird, kommt der wissenschaftlichen Schulbuchanalyse und der Geschichtsdidaktik eine besondere Bedeutung zu.

Der Geschichtsdidaktiker Michael Wobring und die Historikerin Susanne Popp, beide von der Universität Augsburg, unternehmen den durchaus wagemutigen und sicherlich bei den Geschichtsdidaktikern nicht unumstrittenen Versuch, 14 ausgewählte Gemälde, Grafiken und Fotografien aus der Geschichte Europas in einen „Europäischen Bildersaal“ zu hängen. Die Quellenmaterialien stellen „herausragende politische Ereignisse von europäischer, teilweise sogar globaler Bedeutung“ dar. Wie in einer Ausstellung, ob in einem Museum oder einer Dokumentationsstelle, die Präsentationen immer auch subjektiv bewertet und ausgewählt werden, so sind auch die in der vorgestellten Publikation vorgelegten historischen Ereignisse kein objektives Abbild des jeweiligen historischen Geschehens, sondern „gedeutete Geschichte“. Damit daraus keine ideologische Deutung wird, bedarf es einer objektiven Bewertung und eines didaktisch-transkulturellen Dreischritts: „Man fragt zum einen in sozialgeschichtlich-realienkundlichen Absicht nach visuell übermittelten Spuren vergangener Realität, man dekonstruiert zum anderen unter Berücksichtigung der relevanten Kontexte den ‚Standpunkt‘ der Darstellung, der sich … in der Auswahl und bildsprachlichen Inszenierung des Dargestellten niederschlägt, und schließlich konstruiert man übergreifende zeitgenössische mentalitäts- identitäts- und kulturgeschichtliche Zusammenhänge, die im visuellen Zeugnis zum Ausdruck kommen“.

Aufbau und Inhalt

Die der Auswahl und der Deutung der Quellen zugrunde liegende ikonografisch-ikonologische Methode bildet die Grundlage dieses bemerkenswerten ?uvres. Das Herausgeberteam hat für die einzelnen Beiträge gemeinsame strukturelle Merkmale vorgegeben, die es den schulischen und außerschulischen Nutzerinnen und Nutzern ermöglichen, die Darstellungen zu verwenden, zu vergleichen und damit das eigene Geschichtsbild und -bewusstsein zu erweitern. Jede Präsentation beginnt mit einer Kurzzusammenfassung, die die Einordnung des jeweiligen Bildmaterials erleichtert. Die inhaltliche Auseinandersetzung, Analyse und Bewertung konzentriert sich auf das Verhältnis der geschichtlichen Quelle zum dargestellten Ereignis und zur Bildentstehung. Ein tabellarischer Überblick bietet die Einordnung in den historischen Zusammenhang. Die Interpretation des Quellenmaterials will die Bildelemente erklären, Aufbau und Komposition erläutern, durch Zusatzinformationen und -abbildungen ergänzen und mit der Bewertung des Bilddokuments in den historischen Kontext einordnen.

Die Quellenpräsentation beginnt mit dem Gemälde von John Trumbull (1756 – 1843) „Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 1776“, das 1826 in drei verschiedenen Versionen entstanden ist. Das bekannteste Bild hängt in der Rotunde im Washingtoner Kapitol. Der Geschichtslehrer und Didaktiker Herwig Buntz stellt das historische Dokument vor. Die für die Freiheits- und Demokratiegeschichte bedeutsame Darstellung zeigt die Übergabe des vom „Ausschuss der Fünf“ am 28. Juni 1776 an den Kontinentalkongress übergebenen Entwurfs der Declaration of Independence, die nicht nur als Geburtsstunde der US-amerikanischen Nation gilt, sondern darüber hinaus evolutionären und revolutionären Einfluss auf Aufklärung, Demokratie-, Freiheits- und Unabhängigkeitsrechte in der (westlichen) Welt hatte.

Die Historikerin Elisabeth Erdmann, die bis zu ihrer Emeritierung den Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg innehatte und langjährige Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für Geschichtsdidaktik (IGGD) war, stellt die Zeichnung von Jacques-Louis David (1748 – 1825) „Der Ballhausschwur am 20. Juni 1789“ vor. Das als Sepiazeichnung gefertigte Bild, das vom Maler als Vorstudie für ein dann schließlich nicht vollzogenes Monumentalgemälde hergestellt wurde, gilt in globalen Geschichtskultur als „Ikone der Französischen Revolution“. Zahlreiche Abbildungen, Quellentexte, historische Schilderungen und Erzählungen beziehen sich auf die Zeichnung. Der Autorin gelingt es, in ihrer Interpretation nicht nur den revolutionären Geist jener Zeit zu verdeutlichen; sie weist auch mit geschichts- und bildkritischen Anmerkungen auf vom Maler eigenwillig ausgeführte und nicht der damaligen Wirklichkeit entsprechende Ausführungen hin.

Herwig Buntz hat auch das Gemälde des spanischen Malers Francisco Goya (1746 – 1828) „Der 3. Mai 1808 in Madrid. Die Erschießung der Aufständischen“ ausgewählt, um auf geschichtliche Widerstandsbewegungen gegen Fremdherrschaft, Grausamkeit und blutige Unterdrückung hinzuweisen. Das Gemälde, das dramatisch und detailhaft die Szene der Erschießung zeigt, wird sowohl von Goya, als auch von weiteren Künstlern immer wieder variiert und stilisiert: Die blutige Tat der Vergeltung gegen Widerstand sät Hoffnung auf Freiheit! Für die historische Auseinandersetzung sind auch die Quellentext e bedeutsam, etwa die verschiedenen geschichtlichen Interpretationen und Sichtweisen aus spanischer und französischer Sicht.

Der Historiker Markus Bernhardt vom Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte an der Universität Duisburg-Essen, setzt sich mit dem Bild von Jean-Baptiste Isabey (1767 – 1855) „Der Wiener Kongress. Sitzung der Bevollmächtigten der acht an dem Pariser Frieden beteiligten Mächte (1. November 1814 bis 9. Juni 1815)“ auseinander. Die ursprünglich von Isabey 1814/1815 gefertigte Sepiazeichnung liegt seit 1819 als Kupferstich vor und wird seitdem in dieser Form verbreitet. Die im Wiener Kongress vollzogene Neuordnung Europas. Die vom Autor angestrengten verschiedenen Deutungsmöglichkeiten der Bilddarstellung bieten für den Betrachter und Lerner eine Fülle von Interpretationsansätzen und Reflexionen für die Bewertung der europäischen Nationalgeschichten.

Der am Museumspädagogischen Zentrum in München tätige Kunstgeschichtler Alfred Czech interpretiert das Gemälde von Eugène Delacroix (1798 – 1863) „Das Massaker von Chios 1822“. Es zeigt ein Ereignis aus dem Freiheitskampf der Griechen gegen die Türken. Das großformatige Historienbild wurde in einer Ausstellung im Pariser Salon 1924 gezeigt. Es hat in der europäischen Öffentlichkeit eine Welle von Empörung, Mitleid und Solidarität ausgelöst, zum Eingreifen der europäischen Mächte zugunsten der Griechen geführt und schließlich zur Entstehung des neuzeitlichen griechischen Staates beigetragen.

Die Lehrstuhlinhaberin für Didaktik der Geschichte an der Universität Siegen, Bärbel Kuhn, nimmt das Historiengemälde von Eugène Delacroix „Die Freiheit führt das Volk (28. Juli 1830)“ zum Anlass, auf die Ereignisse der Julirevolution aufmerksam zu machen und die Bewegungen für revolutionäre Veränderungen, Freiheit und Demokratie herauszuarbeiten. Delacroix, der die dreitägigen Barrikadenkämpfe in Paris selbst miterlebte, gelingt es mit dem Bild Aktion und Emotion miteinander zu verbinden und gewissermaßen einen Appell darzustellen, der sich im späteren „Wir sind das Volk“ artikuliert und im Menschenrechtsdiskurs zum Ausdruck kommt.

Das Historienbild des Malers Anton von Werner (1843 – 1915) „Die Proklamierung des Deutschen Kaiserreichs im Spiegelsaal des Schlosses Versailles (18. Januar 1871)“ wird von der Lehrstuhlinhaberin für Didaktik der Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg, Charlotte Bühl-Gramer, ausgewählt, um die Gründung des Deutschen Reiches als einheitlichen Nationalstaat zu dokumentieren. Das Ereignis, das in verschiedenen Versionen dargestellt wurde, erhält mit der Komposition der so genannten „Friedrichsruher Fassung“ („Schlossfassung“) eine besondere geschichtliche Bedeutung, auch wenn das Original durch Kriegseinwirkungen verloren gegangen ist: „Anton von Werners ‚Kaiserproklamation‘ wurde zu einer ‚Ikone‘, die das implizierte Geschichtsbild in einer symbolkräftigen personen- und ereignisgeschichtlichen Inszenierung nicht nur bündelte, sondern zementierte“.

Der Hamburger Geschichtslehrer Thorsten Wolff greift ebenfalls das von Anton von Werner gefertigte Ölgemälde „Der europäische Kongress zu Berlin 1878“ auf, um die Entwicklungen zu verdeutlichen, die beim Berliner Kongress vom 13. Juni bis 13. Juli 1878 nicht nur die europäische Kongressdiplomatie im 19. Jahrhundert herausstellt, sondern auch die neue deutsche Machtstellung in Europa aufzeigt. Die (diplomatische) Beilegung des Orient-Okzident-Konflikts. Die didaktische Interpretation, die Thorsten Wolff vornimmt, verweist auf ein wichtiges Detail, dass nämlich „Augenzeugenschaft (in diesem Fall der von Werners, JS) nicht mit Authentizität gleichzusetzen ist“.

Michael Wobring zeigt am Ölgemälde von Wladimir Alexandrowitsch Serow (1910 – 1968) „Lenin proklamiert die Sowjetmacht 1917“ die Bedeutung von Macht und Gestik auf. Das von Serow 1947, also 30 Jahre nach dem Ereignis hergestellte großformatige Bild, das heute im Chinesischen Nationalmuseum hängt (wobei nicht eindeutig ist, ob es sich dabei um das Original oder um eine Kopie handelt), kann als Beispiel dafür gelten, dass die verschiedenen Darstellungen „aus der Perspektive einer späteren Zeit…das historische Ereignis im Sinne der Parteiführung verankert werden sollte“.

Susanne Popp greift das Historiengemälde des irisch-britischen Künstlers William N. M. Orpen (1878 – 1931) „Die Unterzeichnung des Friedensvertrages von Versailles am 28. Juni 1919“ auf und verweist darauf, dass die im Versailler Vertrag formulierten „14 Punkte“ der Siegermächte des Ersten Weltkriegs „nicht nur zahlreiche alte Konflikte ungelöst, sondern ( ) auch neue, akute Spannungsfelder (erzeugte), was vielerorts in ideologischen Widerstreit, revanchistische ?estrebungen und auch militärische Auseinandersetzungen mündete“. Die Originaltitelung „Signing of Peace“ verweist auf den dokumentarischen Akt der Bilddarstellung, die, so die Autorin, das vergangene Geschehen nicht abbilde, sondern deute.

Die Bombardierung der Stadt Guernica am 26. April 1937 durch die deutsche „Legion Condor“, die als Kombattanten am Spanischen Bürgerkrieg beteiligt waren, wurde vor allem durch das Gemälde des spanischen Künstlers Pablo Picasso (1881 – 1973) in das kollektive Gedächtnis der Europäer gerückt. Charlotte Bühl-Gramer stellt das Bild in die Reihe der 14 ausgewählten repräsentativen Bilder zur neuzeitlichen europäischen Geschichte. Die großformatige, in Schwarz-Weiß, mit dem gesamten Spektrum von Grautonabstufungen gestaltete Bildgestaltung, wirkt nicht nur als Zeichen für die Zerstörung der Stadt, sondern als „Superikone“ darüber hinaus als Ausrufezeichen für antifaschistischen Protest gegen Krieg, Macht und Gewalt.

Michael Wobring benutzt die Fotografie des US-Army Signal Corps „Die Konferenz von Jalta: Churchill, Roosevelt und Stalin im Foto vom 9. Februar 1945“, um auf die Ereignisse und Entscheidungen der Siegermächte zum Zweiten Weltkrieg hinzuweisen. Die in zahlreichen Varianten und Arrangements vorliegenden Schwarz-Weiß-Fotos, die während der Konferenz auf der Insel Krim entstanden sind, werden als Zeugnisse der „Großen Drei“ in das öffentliche Bewusstsein der Welt gerückt, vielfältig variiert, zu verschiedenen, auch zweckentfremdeten Situationen benutzt, als farbige Briefmarken herausgegeben und sogar für Werbezwecke eingesetzt.

Das Bild des russischen Fotografen Jewgeni Chaldej (1917 -. 1997) „Die sowjetische Fahne auf dem Dach des Reichstagsgebäudes in Berlin am 2. Mai 1945“ wird erneut von Michael Wobring interpretiert. Das Foto wurde zum weltweiten Symbol für die Sieg der Sowjetarmee über das nationalsozialistische Deutschland. Es ist ein Schwarz-Weiß-Bild aus einer Serie von Fotos, die der Fotograf am Morgen des 2. Mai 1945 gegen 7.00 Uhr machte. Die Forschungen bestätigen, dass der Fotograf das Bild mit dem Soldaten, der auf dem Dach des Gebäudes (waghalsig) die sowjetische Fahne schwenkt, inszeniert hat. In zahllosen Nachbearbeitungen und Retouchierungen wurde die Szene propagandatauglich gemacht. Stalin persönlich benannte die sowjetischen Soldaten, die mit der auf dem Bild dargestellten Aktion in das Sieges- und Geschichtsbewusstsein seiner Landsleute eingehen sollten.

Christoph Hamann, Referent am Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg und Lehrbeauftragter der TU Berlin, stellt schließlich das Foto von Klaus Lehnartz, „Der Fall der Berliner Mauer 1989“ vor, das die Grenzöffnung am Brandenburger Tor in Berlin zeigt und mit dem die friedliche Revolution und Wiedervereinigung in Deutschland dargestellt wird: „Die DDR hat den Druck der Bevölkerung nachgegeben“ und die bis dahin undurchlässige und mit Minenfeldern, Todesstreifen und betonierten Befestigungen gezogene Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten geöffnet. Die Kanonisierung des Bildmotivs als Zeichen für den Volkswillen – „Wir sind ein / das Volk“ – jedoch enthält einen Widerspruch, der bis heute nicht aufgelöst ist: Die friedliche Revolution ging von den Menschen in Ostdeutschland aus, die Bildgestaltung und Propagierung jedoch wurde von Westdeutschland aus vorgenommen.

Michael Wobring beschließt die Katalogisierung von geschichtsträchtigen, symbolhaften Bildmotiven zur neueren europäischen Geschichte mit einer Betrachtung über die „Reproduktion historischer Bildvorlagen im Schulgeschichtsbuch. Technische Möglichkeiten, Mängel und Chancen“. Dabei zeigt er auf, welche Findungs- und Reproduktionsanlässe sich bei der modernen, drucktechnischen, aber auch Forschungsentwicklung zeigen, und welche Versuchungen und Gefahren sich für eine authentische, didaktische und aufgeklärte Wiedergabe bei der Bildquellenarbeit ergeben.

Fazit

Der gewagte Versuch, mit dem Projekt „Europäischer Bildersaal“ aus der Fülle der sich bietenden historischen Bild- und Quellenmaterialien eine Anzahl von vierzehn Kanonisierungen herauszuarbeiten, ist ohne Zweifel umstritten. Die Frage, warum gerade diese Ereignisse und weshalb andere, bedeutsame historische Situationen nicht, dürfte die Historikerzunft bewegen. Auch wenn diese Nachfragen berechtigt sein dürften, wird man dem Projekt die Anerkennung nicht verweigern können. Die Interpretation der ausgewählten Bildmotive ist ja bewusst und didaktisch gekonnt nicht allein auf die jeweiligen historischen Ereignisse ausgerichtet; sie greift auch auf geschichtliche Entwicklungen im zeitlichen Umfeld aus. Dadurch wird Raum eröffnet und es werden Reflexionen ermöglicht, die ansatzweise eine ganzheitliche Betrachtung zulassen.

„Europa und seine Bilder“, das sind Zugangsansätze, die die Entwicklung einer europäischen Identität fördern. Das Buchprojekt sollte in jeder Lehrer-/Schulbücherei, Hochschulbibliothek zur Verfügung stehen und in jedem Fall auf den Schreibtischen der Geschichts-, Politik- und Sozialkundelehrkräfte liegen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.09.2013 zu: Susanne Popp, Michael Wobring (Hrsg.): Der europäische Bildersaal. Europa und seine Bilder. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2013. ISBN 978-3-89974-123-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14596.php, Datum des Zugriffs 26.04.2019.


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