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Wolf Rainer Wendt (Hrsg.): Beratung und Case-Management

Cover Wolf Rainer Wendt (Hrsg.): Beratung und Case-Management. Konzepte und Kompetenzen. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2012. 170 Seiten. ISBN 978-3-86216-102-7. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Case-Management in der Praxis.
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Thema

Der Untertitel des Buches ist aufschlussreich: Es geht in erster Linie um die Konzeption von Beratung, wie sie für den Handlungsansatz des Case Managements gesehen werden kann. Beratung im Case Management unterscheidet sich von der Beratung in der personenzentrierten Hilfe. Die Besonderheiten des Verhältnisses von Case Management und Beratung werden beschrieben und auf verschiedene Anwendungskontexte hin spezifiziert.

Herausgeber

Wolf Rainer Wendt hat mit seinen Publikationen zu Case Management die fachliche Diskussion seit Case Management im deutschen Sprachraum angekommen ist, vorangetrieben und beeinflusst. Seine Publikationen haben die Verbreitung von Case Management im deutschen Sprachraum wesentlich unterstützt. Er ist in den fachlichen Netzwerken, die sich mit Case Management beschäftigen, integriert und verfügt über einen Überblick zu den Entwicklungen des Case Managements in den verschiedensten Arbeitskontexten.

Entstehungshintergrund

Kernaufgaben des Case Managements sind einerseits die Koordination von Diensten für Klientinnen und Klienten bei einen komplexen Unterstützungsbedarf und andererseits die Kooperation mit den Klientinnen und Klienten, ihrem Umfeld und den beteiligten Diensten und Fachleuten. Das Thema Beratung und Case Management wurde in der Fachliteratur eher vernachlässigt. Man ist sich zwar einig, dass Case Management einer guten Kommunikationskompetenz bedarf. Doch Beratung im engeren Sinne wurde eher wenig fokussiert, vielleicht weil Case Management sich von Beratung in der personenzentrierten Hilfe deutlich abgrenzen sollte. Wolf Rainer Wendt verwendet deshalb den Begriff Sorgeberatung, um den Charakter der Beratung im Case Management zu verdeutlichen. Dieses Buch ist nun ein weiterer Beitrag, Beratung und Case Management konzeptuell zu verbinden.

Aufbau

Im ersten Beitrag wird das prinzipielle Verhältnis von Beratung und Case Management geklärt und in den weiteren Beiträgen Beratung in bestimmten Anwendungskontexten des Case Managements beschrieben. Zum Schluss wird noch kurz auf die Qualität der Beratung entscheidenden Faktoren eingegangen, nämlich die Kompetenzen und vor allem die organisationalen Rahmenbedingungen.

Inhalt

1. Wolf Rainer Wendt: Der Horizont von Beratung im Case Management. Der Autor geht der Frage nach, in welchen Situationen und mit welcher Zielsetzung Beratung im Case Management relevant wird. Es wird deutlich, dass Beratung im Dienste des managerialen Handelns im Case Management steht. Die Funktion des Case Managements erfordert eine bestimmte Art der Gestaltung der Zusammenarbeit mit den KlientInnen und Klienten und damit auch ein bestimmtes Beratungsverständnis. Es geht darum, den Beratungsbedarf zu ermitteln und Beratung anzubieten, die den Betroffenen und ihrem Umfeld hilft, die Unterstützung zu erhalten, die sie für die Bewältigung der Situation brauchen. Es wird ausgeführt, was Rat unter dieser Prämisse heißt und bedeutet. Der Autor plädiert für eine transdisziplinäre Verständigung im Beratungsdiskurs. Schließlich wird Beratung als eine Unterstützung in der Bewältigung der in der modernen Welt vielfältigen und sich wandelnden Anforderungen gesehen. Verschiedene für die realen Anforderungen passenden Arten von Beratung werden erwähnt, von der Verbraucherberatung bis zur Migrationsberatung. Auf die Beratung im Feld Bildung, Beruf und Beschäftigung wird etwas detaillierter eingegangen. Über die Sachberatung hinaus gehen verschiedene Formen klientzentrierter, nicht-direktiver Beratung auf psychologischer Grundlage. Im Case Management können entsprechende Techniken zur Anwendung kommen. Nun rückt auch die Beziehungsfrage in den Vordergrund. Es wird nochmals deutlich gemacht, dass Case Manager sich an die Seite der Person stellen und von dieser Position aus den Blick auf fallweise gegebenen Aufgabe richten. Diese wird nach den Phasen des Case Managements angegangen, die jede wiederum ihre eigenen Anforderungen an das Beratungshandeln stellen.
Case Management beinhaltet Rat zur Lebensführung, wobei immer auch die Systembezüge im Blickfeld sind. Die Systembezüge werden vertieft angeschaut hinsichtlich ausgewählter Bereiche, nämlich der Beratungskonzeption zur Grundsicherung und Eingliederung in Arbeit, hinsichtlich der Beratung in Zwangslagen und hinsichtlich des Themas Vernetzung. Schliesslich wird das Konzept der Sorgeberatung ausgeführt. Kurz gesagt ist damit die Beratung darüber gemeint, was beim Sorgen und zur Versorgung an Rat gebraucht wird und was sich machen lässt. Aus der ganzen Vielfältigkeit des Beratungshandels im Case Management wird ein Kompetenzenprofil entworfen.

2. Corinna Ehlers und Maria Huchthausen: Beratung im Alter: Formate, Formen und Kompetenzen. In diesem Beitrag wird für einen mehrdimensionalen, interdisziplinären Beratungsansatz plädiert. Typen und Charakteristika der Beratung im Alter in den Bereichen Soziales, Gesundheit und Pflege werden beschrieben. Daraus werden die dazu notwendigen Kompetenzen abgeleitet. Der Beitrag bezieht Ergebnisse aus der Evaluation eines Projektes zur Beratung von Menschen mit Demenz sowie ihren Angehörigen ein.

3. Fülöp Schreiber: Partizipative Entscheidungsfindung – Shared decision making – in der Medizin: Eine potenzielle Aufgabe für das Case Management? Zuerst wird erklärt, was Partizipative Entscheidungsfindung (PEF) ist und wie sich die konsequente Anwendung des Modells von der üblichen Entscheidfindung unterscheidet. Die Frage wird aufgeworfen, ob Patientinnen und Patienten überhaupt mitentscheiden wollen. Schließlich wird der Frage nachgegangen, welche Rolle Case Manger im Prozess der PEF spielen können. PEF und „Evidenzbasierte Medizin“ werden in ihrem Zusammenhang betrachtet. Es geht darum, die Schnittmengen zwischen der klinischen Situation des Patienten, seinen Präferenzen und der forschungsbasierten Evidenz zu erkennen. Die PEF wird gestützt durch medizinische Entscheidungshilfen.

4. Hermann Steffen: Beratung und Therapie – ihr Verhältnis in der Behandlung psychischer Erkrankungen. Information, Aufklärung, Beratung und Psychotherapie werden als Elemente einer kommunikativen Interventionsstragie beschrieben, die in einem komplexen, komplementären Verhältnis zueinander stehen. Es geht in diesem Beitrag um Abgrenzung und Angrenzung zwischen Beratung und Psychotherapie im gesundheitsbezogenen und psychiatrischen Case Management.

5. Beate Kostka und Andreas Staible: Anforderungen an eine Beratungskonzeption für die Grundsicherung für Arbeitssuchende – Positionen der Bundesagentur für Arbeit. In diesem Beitrag wird der Frage nachgegangen, wie Beratung zu gestalten ist, um im beschäftigungsorientierten Fallmanagement mit Langzeitarbeitslosen wirksam werden zu können. Die Einführung einer Beratungskonzeption wird beschrieben, ebenso wie das dazugehörige Qualifizierungs- und Umsetzungskonzept.

6. Birgit Wiese: Jugendliche zur Ausbildung und Arbeit führen: Konzept und Beratungspraxis der Leistungsträger in der Grundsicherung. Das hier beschriebene und diskutierte Beratungskonzept richtet sich an Jugendliche, die auch 36 Monate nach ihrem Schulabschluss noch keinen beruflichen Einstieg gefunden haben. Im Beitrag wird Bezug genommen auf Studien, die darauf angelegt sind, die besondere Situation dieser Jugendlichen quantitativ und qualitativ zu erfassen. Die für diese Zielgruppe tätigen Akteure und ihre Strategien sowie die Schnittstellen zwischen den Akteuren werden kurz beschrieben. Der Bedarf nach besserer Qualität der Beratung wurde ebenfalls mit Studien nachgewiesen. Die Autorin plädiert für ein jugendspezifisches Beratungsformat für diese Zielgruppe. Der Beitrag schließt mit einem gelungenen Praxisbeispiel „Kiel-Gaarden“.

7. Peter Löcherbach: Die Varianz des Sorgens und Beratens im Case Management. Nachdem in den vorangegangenen Beiträgen die Vielfalt der Beratung im Case Management aufgefächert worden ist, fokussiert der Autor nun wieder auf das Typische der Beratung im Case Management. Dies gelingt ihm mit dem Ansatz von „Care Counselling“ oder „Sorgeberatung“. „Care Counselling“ wird dabei folgendermaßen definiert: „Die Beratung im Case Management ist der Schlüssel für Kooperationen. Beratung im Case Management soll Personen und Organisationen zum Verstehen einer Aufgabenstellung und zur Entscheidfähigkeit in ihr führen.“ (S. 154). Care Counselling wird zuerst auf der Fallebene und dann auf der Organisationsebene verortet. Auf der Organisation werden die Kriterien genannt, die den Rahmen für die Beratung in der einzelnen Klientsituation chararakterisieren. Dabei wird sichtbar, wo die Spannungsfelder für Case Manger und Case Managerinnen liegen.

Diskussion

Der Untertitel des Buches, nämlich „Konzepte und Kompetenzen“ darf nicht überlesen werden. Den Bedürfnissen der Leserinnen und Leser, die Beratung und Case Management konzeptionell verstehen wollen, kommt das Buch entgegen. Das Spezifische an der Beratung im Kontext von Case Management kommt trotz der Vielfältigkeit zum Ausdruck. Wer klären will, was Beratung in diesem Kontext bedeutet, erhält ein zunehmend gutes Bild mit vielen Facetten.

Wer allerdings damit beschäftigt ist, wie das Beratungshandeln im Detail aussieht, wie eine hohe Beratungsqualität methodisch erreicht werden kann, wie Haltungen und handlungsmethodische Kenntnisse unterschiedlicher Beratungsansätze für das Case Management genutzt und praktisch gelernt werden können, wird in diesem Buch kaum fündig.

Interessant wäre über das Thema Beratung hinaus auch das Thema Verhandlung. Ein großer Teil des kommunikativen Handelns im Case Management kann mit dem Begriff „Verhandlung“ präziser erfasst werden als wenn man es unter den Begriff „Beratung“ stellt. Inwiefern kommen Ziele und Handlungspläne über Beratung und inwiefern über Verhandlung zustande? Auch beim Verknüpfen mit weiteren Akteuren oder in der Netzwerkarbeit ist manches Verhandlung und nicht Beratung.

Fazit

Wer als Case Manager/in einen Überblick über die Positionierung von Beratung gewinnen und sich unterschiedliche Dimensionen der Beratung bewusst machen will, findet in diesem Buch viele Anregungen, sein Beratungshandeln zu Positionieren. Wer Beratung und Case Management konzeptualisieren will, erhält ein Angebot dessen, was dabei alles zu bedenken ist. Wer sein eigenes Beratungshandeln im engeren Sinne verbessern will, braucht mehr als die Positionierung, sondern braucht handlungsmethodisches Wissen und Anregungen. Das entsprechende Buch ist noch zu schreiben.


Rezension von
Prof. Yvonne Hofstetter Rogger
Dozentin BFH Mediatorin SDM Mitherausgeberin und Redaktionskoordinatorin "Perspektive Mediation"
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Zitiervorschlag
Yvonne Hofstetter Rogger. Rezension vom 20.12.2013 zu: Wolf Rainer Wendt (Hrsg.): Beratung und Case-Management. Konzepte und Kompetenzen. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2012. ISBN 978-3-86216-102-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14601.php, Datum des Zugriffs 21.09.2020.


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