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Ralf W. Westhofen: Zwischen Realismus und Konstruktivismus

Cover Ralf W. Westhofen: Zwischen Realismus und Konstruktivismus. Beiträge zur Auseinandersetzung mit systemischen Theorien sozialer Arbeit. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2012. 516 Seiten. ISBN 978-3-8309-2732-7. D: 44,90 EUR, A: 46,20 EUR.

Reihe: Interaktionistischer Konstruktivismus - Band 11.
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Thema

Der Autor will in seiner Doktorarbeit eine metatheoretische Auseinandersetzung mit drei relevanten systemischen bzw. konstruktivistischen Theorien in der Sozialen Arbeit führen und den Interaktionistischen Konstruktivismus als theoretische Alternative dazu in ersten Ansätzen herausarbeiten. Er bezieht sich dabei auf den systemisch-emergentistischen Theorieansatz von Werner Obrecht und Silvia Staub-Bernasconi, das radikalkonstruktivistische Modell von Björn Kraus sowie den postmodernen Ansatz von Heiko Kleve. Die zitierte Literatur entspricht dem Wissensstand von 2010, was bei der weiteren Besprechung zu berücksichtigen ist, da die Vertreterinnen und Vertreter der genannten Theorien nach 2010 weiterhin zur Thematik publiziert haben.

Autor

Ralf W. Westhofen leitet als Sozialarbeiter in Mönchengladbach eine Niederlassung der „Mühlheimer Kontakte e.V.“ im Fachbereich Betreutes Wohnen. Er hat 2012 an der humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln promoviert.

Entstehungshintergrund

Bei dem vorliegenden großformatigen Werk (516 Seiten) handelt es sich um die in vielfältiger Hinsicht bemerkenswerte Dissertation des Autors. Doktorvater war Professor Dr. Kersten Reich.

Aufbau

Das Buch ist übersichtlich in fünf Kapitel gegliedert und wird durch das Vorwort des Doktorvaters und einer Einleitung des Autors eröffnet.

Die Kapitel 1, 2 und 3 beinhalten die Rekonstruktionen und Auseinandersetzungen/Dekonstruktionen mit den erwähnten Theorien. Hierbei wählt Westhofen ein durchgängiges Analyseraster, das folgende Hauptelemente umfasst: Metatheoretische Ausgangspunkte, sozialarbeitstheoretisches Erklärungsmodell, Handlungs- und Professionsmodell sowie ethisches und anthropologisches Selbstverständnis (vgl. S. 22/23). Erfreulicherweise werden zentrale Begrifflichkeiten und Aussagen einer jeden Theorie am Ende der Hauptkapitel tabellarisch zusammengefasst und ermöglichen der Leserschaft so eine leichtere Orientierung.

Im 4. Kapitel wird der interaktionistische Konstruktivismus in Anlehnung an Kersten Reich skizziert, ohne jedoch das bewährte Analyseraster der Kapitel 1 bis 3 anzuwenden.

Das Buch endet mit zusammenfassenden Schlussbetrachtungen, die gleichwohl auf zukünftige metatheoretische Diskussionen hinweisen.

Inhalt

Im ersten Kapitel geht Westhofen auf das systemtheoretische Paradigma Sozialer Arbeit ein und bezieht sich dabei im Wesentlichen auf die Arbeiten von Silvia Staub-Bernasconi und Werner Obrecht. Nach ausführlicher Darstellung des Paradigmas, die teilweise mit Einwänden aus Sicht des Interaktionistischen Konstruktivismus vermischt werden, formuliert er eine 16 Punkte umfassende kritische Zusammenfassung, deren Kernaussagen hier nur stichwortartig wiedergegeben werden können:

  • Unscharfer Paradigmenbegriff;
  • ontologischer Dualismus;
  • Beobachterabhängigkeit der Realität;
  • fehlendes Kontingenzbewusstsein;
  • Forschung als Teil von Beobachtungswirklichkeit;
  • naturalistisches Wissenschaftsverständnis;
  • pauschale Konstruktivismuskritik;
  • szientistischer transformativer Dreischritt;
  • moralischer Realismus.

Die Darstellung und Auseinandersetzung mit dem Ansatz von Björn Kraus erfolgt im zweiten Kapitel. Auch hier werden zunächst dessen Kernaussagen dargestellt, um anschließend dekonstruiert zu werden. Die Kritik umfasst folgende Aspekte: Ontologischer, epistemischer und methodologischer Naturalismus; ontologischer Dualismus von Wirklichkeit und Realität; kulturtheoretische Leerstelle; fehlende soziale Wirklichkeitskonstruktionen; fehlende symbolische und imaginäre Machtaspekte; naturalistischer Fehlschluss von neurobiologischen Mechanismen im Gehirn hin zu Begründungen von Verständigungsprozessen.

Die dritte in dem Werk behandelte Theorie ist der postmoderne Ansatz von Heiko Kleve, die von Westhofen sehr detailliert dekonstruiert wird. Zunächst kritisiert er den fehlenden kulturtheoretischen Bezug der durch den Begriff der Postmoderne notwendig wäre. Weiter bemängelt der Autor den Ausschluss anderer möglicher Differenzkonstruktionen und die dazu notwendigen lebensweltlichen Verständigungsprozesse. Identität ist für Westhofen kein Auslaufmodell, sondern muss in seiner soziokulturellen und politischen Bedeutung erfasst werden. Weitere kritische Anmerkungen zu Heiko Kleve beziehen sich auf die implizite Orientierung am Theoriegebäude Luhmanns, einschließlich der damit verbundenen gesellschaftlichen Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit im Sinne von Inklusion/Exklusion. Der letzte Einwand bezieht sich auf die Widersprüchlichkeit von binären Codierungen und Moral.

Im Anschluss an die Rekonstruktionen und Dekonstruktionen der drei Theorien möchte der Verfasser „Voraussetzungen und Umrisse einer interaktionistisch-konstruktivistischen Theorie Sozialer Arbeit“ (S.341) entfalten. Hierzu wählt er einen kulturwissenschaftlichen Zugang, der seiner Einschätzung nach die aktuelle disziplinäre Diskussion in der Sozialen Arbeit zunehmend prägt. Im Gegensatz zu den Ausführungen seines Doktorvaters im Vorwort hat Westhofen nicht den Anspruch, eine bereits ausgearbeitete Theorie Sozialer Arbeit aus interaktionistisch-konstruktivistischer Sicht zu generieren. Er beschreibt die kulturtheoretischen Voraussetzungen sowie aktuelle Diskurstheorien als Grundlage einer sich entwickelnden Theorie, wobei deren Rezeption in der Sozialen Arbeit- genauer in der Sozialpädagogik- nur kurz bearbeitet wird. Über die analytischen Kategorien „Beobachtungswirklichkeiten“, „Beziehungswirklichkeiten“ und „Lebenswelt“ stellt er den Zusammenhang zu systemischen Modellen her und ergänzt den Diskursbegriff um den des Dispositivs, da sich in ihm Handlungspraxen sozialer Probleme widerspiegeln. Den Abschluss des vierten Kapitels bildet ein umfangreicher Fragenkatalog zur Rekonstruktion von Diskursen und Dispositiven (S. 454). Die Dissertation endet mit einem abschließenden Kapitel, das sozialarbeitswissenschaftliche Perspektiven aus interaktionistisch-konstruktivistischer Sicht andeuten will.

Diskussion

Ralf W. Westhofen hat eine in der Tat ungewöhnliche Dissertation geschrieben … ungewöhnlich in seiner Umfänglichkeit, ungewöhnlich in dem Bestreben, sich gleich mit drei relevanten Theorien Sozialer Arbeit kritisch auseinanderzusetzen und ungewöhnlich auch in dem Versuch, die Kritik an den Theorien mit einem eigenen Theorieentwurf zu verknüpfen, der aber noch nicht als solcher ausgearbeitet ist. Drei anerkannte Theorien Sozialer Arbeit auf der Basis einer noch nicht formulierten Theorie vehement zu kritisieren ist einerseits sicherlich gewagt, andererseits für Konstruktivisten nicht ungewöhnlich. Eine interaktionistisch-konstruktivistische Theorie Sozialer Arbeit fehlt derzeit in der Tat, sodass der Autor einen originären Beitrag zur disziplinären Theoriediskussion leistet. An vielen Stellen rekurriert er allerdings sehr stark auf die pädagogischen Arbeiten von Kersten Reich, dessen ordnender Blick als Doktorvater an einigen Stellen beim Leser fast körperlich spürbar ist; im Rahmen einer derartigen angelegten Dissertation ist dieses Phänomen auch wohl unumgänglich. Auf dem pädagogischen Hintergrund des Doktorvaters darf der Rezensent den Entstehungszusammenhang der Dissertation und mögliche weitergehende Intentionen im Sinne einer stärker pädagogisch orientierten Theorie Sozialer Arbeit zumindest kritisch anfragen.

Die Stärken des Buchs liegen in seiner konsequent metatheoretischen Durchdringung der drei Theorien, die auf größtenteils hohem Niveau Dekonstruktionsarbeit leisten und zu weiteren disziplinären Diskursen geradezu anregen. Die Argumentationsstränge können in dieser Besprechung nicht einmal ansatzweise angemessen gewürdigt werden; für eine herkömmliche Dissertation hätte die Auseinandersetzung mit zwei ausgewählten Theorien in komparativer Form sicherlich ausgereicht: Westhofen jedoch geht weiter undverbindet seine Dekonstruktionen mit eigenen Theoriefragmenten, die doch den Kränkungsbewegungen von Reich sehr ähneln. Für die disziplinär informierte Leserschaft bleibt nach der Lektüre weiterhin unklar, welchen Gewinn eine interaktionistisch-konstruktivistische Sozialarbeitswissenschaft denn nun bieten könnte; der Verweis auf Diskurse und Dispositive überzeugt so nicht, deutet vielmehr auf eine „heimliche Ontologie“ des interaktionistischen Konstruktivismus als dem „wahren Konstruktivsmus“ hin; glücklicherweise hat der Autor bereits einen noch zu bearbeitenden Fragenkatalog für die weitere Theoriebildung entwickelt, der sicherlich Stoff für aufbauende Publikationen bietet, die dann nicht die besonderen Bedingungen und Einschränkungen einer Qualifizierungsarbeit unterliegen. Nachfolgenden Publikationen des Autors wäre eine stärker handlungstheoretische Ausrichtung und forschungsorientierte Verknüpfung (Grounded Theory, Situationsanalyse) zu wünschen. Ärgerlich sind in dem vorliegenden Buch einige nicht zutreffende Aussagen und Kommentierungen, auf die der Rezensent abschließend doch noch eingehen muss. Sie betreffen nicht von ungefähr im engeren Sinne sozialarbeitsnahe Themen: Westhofen bezeichnet Staub-Bernasconi als „Leiterin des Kooperationsstudiengangs „Soziale Arbeit als Menschenwissenschaften“ in Berlin (gemeint ist vermutlich „Menschenrechtsprofession“) sowie als Lehrende an der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften (S. 25). Diese Informationen dürften nicht aktuell sein. Grundsätzliche Schwächen finden sich im genannten Kapitel bei der Professionstheorie. Das Triplemandat wird erst gar nicht bearbeitet, der transformatorische Dreischritt findet zwar Erwähnung, wird allerdings nicht in all seinen Ausprägungen und Konkretisierungen erfasst und der „reflektierende Praktiker“ erfährt bestenfalls semantische Bedeutung, ohne dessen eigentlichen „Erfinder“, Donald A. Schön, überhaupt zu erwähnen. Aus dieser fehlerhaften professionstheoretischen Analyse dann den Schluss zu ziehen, dass die Theorie von Staub-Bernasconi und Obrecht eine „rhetorisch-strategische Kategorie ohne analytischen Mehrwert“ (S. 125) darstelle, ist schon mehr als fragwürdig. Ähnlich abwertende Einschätzungen finden sich im Dekonstruktionsteil zu Kleve, dem attestiert wird, dass er sich „leider in programmatischen Äußerungen verliere, wo seine Theorie an Präzisionskraft und Schärfe hätte gewinnen können“ (S. 317). In seinem Schlusskapitel räumt der Autor zwar die Schärfe seiner Kritik ein, will sie aber nicht als Destruktion der Theorien verstehen (S. 459). Es hätte der Dissertation sicherlich gut getan, schlicht und einfach darauf zu verzichten. Für den außenstehenden Rezensenten bleibt letztendlich der fade Eindruck, dass der Duktus in der Argumentation nicht nur dem Autor geschuldet ist, sondern Ausdruck disziplinärer Kränkungen im Spannungsfeld von Pädagogik und Sozialarbeitswissenschaft sein könnte – aber das wäre wieder ein ganz anderes Thema …

Fazit

Westhofen hat eine Publikation vorgelegt, die sozialarbeitswissenschaftliches Neuland betritt, ohne jedoch bereits als eigenständige Theorie bestehen zu können und an einigen Stellen zur Selbstüberschätzung der eigenen Theoriefragmente neigt. Sozialarbeitswissenschaftler_innen und theoretisch interessierte Praktiker_innen werden das Buch jedoch mit Interesse lesen und den einen oder anderen neuen Argumentationsstrang für sich entdecken können. Angesichts des Umfangs des Buchs und der komplexen Gedankengänge Westhofens dürften sich Studierende der Sozialen Arbeit auf Bachelor-Niveau allerdings weniger angesprochen fühlen.


Rezension von
Prof. Dr. Thomas Harmsen
Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel, Lehrgebiet Sozialarbeitswissenschaft; M.A. Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter, Supervisor, Familienberater, Qualitätsentwickler
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Zitiervorschlag
Thomas Harmsen. Rezension vom 20.03.2013 zu: Ralf W. Westhofen: Zwischen Realismus und Konstruktivismus. Beiträge zur Auseinandersetzung mit systemischen Theorien sozialer Arbeit. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2012. ISBN 978-3-8309-2732-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14607.php, Datum des Zugriffs 20.09.2020.


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